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Symbolbild zum Bericht Die frühesten, mutigsten und kapitalintensivsten "unternehmerischen" Investitionen - von Eisenbahnen bis zur Nanotechnologie und Pharmaforschung - kamen vom Staat.
Buchtipp

Risikokapital vom Staat

Schwerpunkt

Trotz manch bürokratischer Mängel und Stolperfallen: Viele bedeutende Erfindungen und Innovationen wären ohne öffentliche Gelder nie möglich gewesen.

Entgegen populären Narrativen über risikofreudige Wagniskapitalgeber, smarte Querdenker und Garagenbastler kamen „bei den meisten radikalen, revolutionären Innovationen, die den Kapitalismus vorangetrieben haben – von Eisenbahnen über das Internet bis aktuell zur Nanotechnologie und Pharmaforschung –, die frühesten, mutigsten und kapitalintensivsten ‚unternehmerischen‘ Investitionen vom Staat“, so die Ökonomin Mariana Mazzucato in „Das Kapital des Staates“. Apple zum Beispiel habe von seinen Anfängen in der Computerindustrie bis heute mit Technologien gearbeitet, die ursprünglich vom Staat und vom Militär entwickelt und finanziert worden waren. Die Talente von Steve Jobs lagen vor allem darin, das Potenzial neuer Technologien rasch zu erkennen, diese dann möglichst benutzerfreundlich einzusetzen und entsprechend zu vermarkten. Exakt listet die Ökonomin auf, wer für die zwölf wichtigen Technologien der populärsten Apple-Produkte tatsächlich verantwortlich ist.

Breitband für alle
Die massenhafte Anwendung von Smartphones & Co. wäre ohne die breite Unterstützung des Staates beim Ausbau von Daten-Highways und WLAN nicht möglich. Fast ein Drittel der österreichischen Bevölkerung in ländlichen Gebieten würde ohne Förderung nicht mit High-Speed-Internet versorgt werden. Mit der Breitband-Fördermilliarde des BMVIT soll bis 2020 High-Speed-Internet auch dort errichtet werden, wo es für Privatunternehmen nicht rentabel ist.
2013 lag Österreich mit einer Forschungsquote von 2,81 Prozent des BIP auf Platz fünf in der EU hinter Finnland, Schweden, Dänemark und Deutschland, wobei der Anteil öffentlicher Gelder (inklusive EU-Förderungen) mit 41 Prozent im internationalen Vergleich außergewöhnlich hoch ist.

Global Innovation Index
Doch hohe Forschungsinvestitionen bedeuten nicht zwangsläufig viele Innovationen, denn es gibt keine lineare Beziehung zwischen F&E, Innovationen und Wirtschaftswachstum. Entscheidend sind etwa gute Verbindungen zwischen Forschung und Wirtschaft sowie die breite Streuung auf verschiedene Gebiete. Innovationen abseits von Technik und Forschung können, wie etwa in Großbritannien auf dem Gebiet der Musik, durchschnittliche F&E-Ausgaben durchaus ausgleichen. Laut aktuellem Global Innovation Index liegt Großbritannien in puncto Innovationsleistung deutlich vor Österreich, das hinter einigen Staaten mit niedrigeren F&E-Quoten auf Platz 20 rangiert.
Die EU hat drei Prozent F&E-Quote als Ziel bis 2020 definiert. „Wir wollen bis dahin 3,76 Prozent erreichen, wobei zwei Drittel der Forschungsgelder von privaten Unternehmen und ein Drittel vom Staat kommen sollen“, erklärt Mariana Karepova, FTI-Expertin im Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie. Das Ministerium ist für den Großteil der Förderungen in der angewandten und wirtschaftsnahen Forschung zuständig.
Eine wesentliche Basis für radikale Innovationen bildet die Grundlagenforschung, die praktisch zur Gänze von öffentlichen Institutionen abgedeckt wird und in den Bereich des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft fällt. Mit einem BIP-Anteil von 0,52 Prozent (2011) liegt Österreich bei der Grundlagenforschung hinter vergleichbaren OECD-Ländern.

Kooperation mit der Wirtschaft
Seit 2002 sind die heimischen Universitäten autonom und können daher beispielsweise auch Patente anmelden, aus wissenschaftlichen Projekten Erträge erzielen und Kooperationen mit Unternehmen eingehen. Das erleichtert den Wissenstransfer, birgt aber theoretisch auch die Gefahr, dass mit Steuergeldern finanzierte Forschungsergebnisse von (kooperierenden) Unternehmen billig oder gratis genutzt werden. Dem sollen unter anderem eigene IP-Strategien zum Schutz des geistigen Eigentums (Intellectual Property) der Forschungsinstitutionen vorbeugen. Der internationale Trend jedenfalls ist klar: Unternehmen reduzieren ihre Forschungskosten. Mazzucato liefert dafür jede Menge Beispiele: „Unbestritten ist (jedoch), dass die privaten Pharmafirmen, als sie ihre Forschungsausgaben zurückfuhren, immer mehr Geld für den Rückkauf eigener Aktien aufwendeten. Damit trieben sie die Kurse ihrer Unternehmen in die Höhe, was sich wiederum auf den Wert von Aktienoptionen und damit auf die Bezahlung hochrangiger Manager auswirkte, bei denen Aktienoptionen oft ein Gehaltsbestandteil sind.“ Aus den Finanzberichten von Apple etwa ginge hervor, „dass das Unternehmen mit wachsendem Erfolg ein neues Produkt nach dem anderen auf den Markt brachte, aber das Verhältnis von F&E-Ausgaben zum Umsatz gleichzeitig kontinuierlich zurückging“.
 
Ist Österreich anders?
In Österreich war das erklärte Ziel, trotz Krise mithilfe einer antizyklischen Investitionspolitik die Forschungsabteilungen der Unternehmen im Land zu halten. „Das ist uns auch gelungen“, so Karepova. Von 2002 bis 2011 ist die Zahl der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung von rund 39.000 auf über 61.000 gestiegen. „Wir haben errechnet, dass in diesem Bereich jeder Fördereuro der heimischen Wirtschaft Umsätze im Wert von zehn Euro bringt. Mit 36.000 Fördereuros kann ein Arbeitsplatz neu geschaffen oder ein bestehender nachhaltig gesichert werden.“ Jedes vom BMVIT geförderte Projekt wird drei Jahre nach dem Ende evaluiert.
In Zusammenhang mit dem EU-Forschungs- und Innovationsprogramm 2020 wurden auch in Österreich zahlreiche Ideen, Empfehlungen und Maßnahmen ausgearbeitet, um Österreich bezüglich F&E weiter voranzubringen. 2011 etwa hat die Bundesregierung die FTI-Strategie „Auf dem Weg zum Innovation Leader“ präsentiert. 2013 hat der Rat für Forschung und Technologieentwicklung dazu im „Weißbuch zur Steuerung von Forschung, Technologie und Innovation in Österreich“ konkrete Reformschritte präzisiert, unter anderem für eine schnellere und transparentere Bereitstellung von Fördermitteln für Forschung und Innovation. Einige Vorschläge wurden bereits umgesetzt, zum Beispiel gibt es heute insgesamt vier Wissenstransferzentren an Universitäten, die dazu beitragen sollen, das von Hochschulen erzeugte neue Wissen gesellschaftlich nutzbar zu machen.

Verbesserungsbedarf
Doch bis 2020 gibt es noch einiges zu tun, selbst wenn der föderalistische Förderdschungel schon etwas gelichtet wurde. Die schon länger geforderte Transparenz will sich auch noch nicht so recht einstellen. Es gibt zwar Online-Portale, die etwa Unternehmen einen Überblick über Fördermöglichkeiten bieten. Doch wer von wem und wie gefördert wurde, ist dort nicht nachvollziehbar. Auf transparenzportal.gv.at gibt es ebenfalls einen allgemeinen Überblick und man kann überprüfen, welche Förderungen und staatlichen Leistungen man selbst in Anspruch genommen hat. Die Suche nach dem Stichwort „Bundesforschungsdatenbank“ etwa ergab sogar bei den Ministerien keine Treffer. Der Link zur Förderungsliste als Ausschnitt aus der Bundesforschungsdatenbank war erst auf Anfrage zu bekommen. Vor einigen Monaten kritisierte der Präsident des Österreichischen Patentamts, Friedrich Rödler, im „Format-Extra“ zum Forum Alpbach 2014 die heimische „Fragmentierung der Zuständigkeiten“ und forderte das One-Stop-Shop-Prinzip für den Innovationsbereich. Derzeit würde aus 30 bis 40 Prozent aller Anmeldungen beim Patentamt gar kein Patent, weil die eingereichten Innovationen schon längst erfunden sind. Auch Förderinstitutionen würden nur selten prüfen lassen, ob eine „Innovation“ nicht bereits zum Patent angemeldet ist.
Der Weg zum Innovation Leader ist manchmal steinig und letztendlich darf man sich wie Mariana Mazzucato fragen, ob die Innovations- und Risikofreude des Staates findigen UnternehmerInnen und internationalen Konzernen vielleicht mehr nützt als der Allgemeinheit.

Webtipp:
Link zur Liste der Forschungsförderungen und Forschungsaufträge des Bundes 2013:
tinyurl.com/n6syf6n

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin a.fadler@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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