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Symbolbild zum Kurzkrimi

"Sie sind für mich zuständig."

Kurzkrimi

Ein Kurzkrimi von Anni Bürkl

Social Care GmbH
Büro Bernhard Stumpf

„Wie kommen Sie hier rein?“
„Durch die Tür …“ Der Besucher lüftete einen imaginären Hut.
„Das geht so nicht an. – Joe?! Wo ist die Security, wenn man sie mal braucht?!“
„Aber Sie sind für mich zuständig.“
„Ich glaube nicht, dass ich persönlich für irgendwen zuständig bin.“
„Ihr Verein verwaltet uns.“
Er blickte in das verwitterte Gesicht. „Und nur weil die Social Care GmbH sich mit Leuten wie Ihnen beschäftigen muss, belästigen Sie mich hier?“
„Ein Notfall, ich brauche einen Platz für die Nacht.“
„Ich könnte andere Saiten aufziehen, aber ich bitte Sie, einfach zu gehen. – Joe!“
„Ich könnte ebenfalls andere Saiten aufziehen.“
„Werden Sie nicht anmaßend!“
„Guten Abend.“
„Ah – guten Abend, gleichfalls – was machen Sie denn hier?“
„Sie haben mich doch …“
„Verlassen Sie das Büro. Sofort! – Joe!“
„Der wurde weggeschickt.“
„Stimmt. Gut, dann kommen wir zur Sache. Schauen wir, wie wir die Sache noch hinbringen.“

Social Care GmbH
Büro Dr. Immervoll, Geschäftsführung

„Morgen, Chef. Ich muss Ihnen was Wichtiges …“ Assistentin Irena Brandt betrat wie jeden Morgen das Büro ihres Vorgesetzten mit zwei Tassen Kaffee in der Hand. Einmal schwarz, einmal mit Milch. Eine für ihn, die zweite für sich selbst.
Morgen, Irena. Wo sind die Zahlen vom Stumpf?“ Immervoll nahm ihr eine Tasse aus der Hand.
„Chef, das ist das, was …“
„Er sollte sie vorgestern abliefern. Wir hatten eine klare Vereinbarung. Er hatsie wieder gebrochen. Also, wo ist Stumpf?“
„Chef, der Stumpf ist …“
„… ein Volltrottel. Das Projekt steht auf des Messers Seite – ähm – Breite.“
„Spitze, Chef.“
„Was?“
„Auf des Messers Spitze. Blödsinn, Messers Schneide natürlich.“
„Das ist doch egal! Bringen Sie mir die Zahlen, aber flott.“
„Geht nicht, Chef. Der Stumpf ist tot.“
„Wie, tot?“ Die Moccatasse in Immervolls fein manikürter schlanker Hand wackelte gefährlich.
„Chef, der Stumpf wird garantiert nie mehr Zahlen abliefern müssen, äh, können. Erst einmal müssen wir die Polizei rufen.“

Chefinspektor Kojakowski traf, an einem Petersilienstengel kauend, als erster am Tatort ein. Eine Frau in blauem Kostüm stellte sich als Irena Brandt vor. „Hier, ich habe alles für Sie bewacht!“ Sie öffnete die Tür zu einem geräumigen Büro. Und da war sie, die Leiche. Im grauen Anzug saß sie da, als würde sie arbeiten, die Arme lagen über der PC-Tastatur. Nur dass das mit einem Plastiksack über dem Kopf schwer ging. Es roch nicht gut, aber das tut es nie in solchen Situationen.
Irena Brandt sah ihn neugierig an. „Sie auch?“
„Wie bitte?“ Irritiert blickte Kojakowski zu ihr.
„Versuchen Sie auch, sich das Rauchen abzugewöhnen?“
„Ach so. Ja. Hilft aber nix, das Grünzeug. Sie haben also den Toten gefunden?“
„Den Magister Stumpf, ja“, sagte sie gedehnt.
„Wann?“
„Heute Morgen. Ich sollte aktuelle Auswertungen von ihm abholen. Wir haben klare Zielvorgaben, wissen Sie.“
„Ich dachte, das hier ist eine Sozialeinrichtung?“

Ein eleganter Mittfünfziger segelte auf Kojakowski zu. „Die Verwaltung sozialer Einrichtungen muss heute nach objektiven wirtschaftlichen Kriterien erfolgen. Nach messbaren Kriterien. Wir sind ein wirtschaftlicher Betrieb wie andere auch. Ich reporte regelmäßig an die maßgeblichen Stellen.“
„Und Sie sind …?“ Kojakowski schluckte den Rest des Petersilienstängels.
„Doktor Immervoll“, kam es hoheitsvoll. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Chefinspektor Kojakowski.“
Ein Handy läutete. Irena Brandt nahm ab, machte ein überraschtes Gesicht.
Nach einem kurzen Gespräch erklärte sie: „Herr Stumpf soll gestern unerwarteten Besuch gehabt haben. Leider war der eingeteilte Security-Mann kurz verhindert.“
Immervoll machte große Augen. „Dabei müssen wir auf der – ähm – Haube sein.“
„Auf der Hut.“ Irena Brandt zwinkerte Kojakowski zu.
Immervoll wischte den Einwurf weg. „Wir sind ein großes Sozialdienstleistungsunternehmen, wir haben 45 Randstellen.“
„Außenstellen“, flocht die Sekretärin ein.
„Außenstellen. Unsere Klientel ist nicht die Vornehmste. Obdachlose, Drogensüchtige und so weiter. Deshalb haben wir Security. Um welchen Mitarbeiter geht es?“
„Joe Horvath. Ein langjähriger Profi, Chef.“
„Wenn das nur nicht dem Betriebsrat zu Ohren kommt.“
„Kann doch denen egal sein.“
„Wann haben Sie Herrn Stumpf zuletzt gesehen?“, übernahm Kojakowski die Führung des Gesprächs.
„Eben vorhin.“ Immervoll schluckte heftig, als würde ihm im Nachhinein übel. „Wenn man sich vorstellt, dass man selbst …“
„Ich meinte, wann haben Sie ihn lebend zuletzt gesehen?“
„Ich weiß nicht …“ Hilfesuchend blickte er seine Assistentin an.
„Ich habe Herrn Stumpf zuletzt gestern Nachmittag gesehen. Er hat im Buffet einen Kaffee getrunken. Wir haben uns nur gegrüßt, er wich uns aus. Herr Stumpf war für die Auswertung des Betreuungsschlüssels zuständig. Also wie viele Beratungen ein Betreuer in welcher Zeit erledigt hat.“
„Verstehe“, sagte Kojakowski. „Sie brauchen das … wofür?“
„In der Theorie“, sagte Irena Brandt leise und drehte ihrem Chef den Rücken zu, „in der Theorie machen wir so Einsparungspotenziale aus. In der Praxis braucht nicht jeder Klient gleich lang. Einer will nur ein Formular, ein anderer hat ein echtes Problem. Das Ziel ist, dass jeder Betreuer immer mehr Klienten in noch kürzerer Zeit erledigt.“
„Erledigt, so.“ Kojakowski zog die Augenbrauen hoch.
„So morbid habe ich das nicht gemeint, Herr Inspektor.“
„Es gibt noch immer keinen Inspektor, Gnädigste.“
„Aber Sie haben doch g‘sagt, Chefinspektor.“
„Ja“, sagte Kojakowski ungeduldig, „es gibt nur keinen einfachen Inspektor.“
„Ach so! Jetzt geht mir ein Licht auf.“
„Ich wünschte, bei mir wäre es ebenso. Was meinen Sie, verschweigt Ihr falsche Phrasen dreschender Vorgesetzter was?“
„Ich glaube nicht – dem gehen nur Zahlenkolonnen im Kopf herum.“
„Okay, danke.“ Er entließ Frau Brandt und schnupperte. Sinnierend betrachtete er den Plastiksack über dem Kopf der Leiche. Auf einmal wusste er, was das für ein Geruch war. Es stank nach ungewaschenen Menschen – und der Plastiksack sah abgewetzt aus, wie einer, den Obdachlose mit sich herumtragen.

Er ließ den Security-Mann namens Joe kommen. Bevor Kojakowski etwas sagen konnte, fing Immervoll zu schimpfen an: „Da schauen Sie, was wegen Ihres Fehlens passiert ist!“
„Ich kann nichts dafür. Herr Stumpf hat mich weggeschickt“, druckste Joe Horvath herum. „Beim Zurückkommen habe ich einen Besucher gesehen.“
„Einen Obdachlosen?“
„Ja, den auch. Stumpf hat mich aufgefordert, ihn raus zu begleiten.“
„Und ist er freiwillig mitgegangen?“
„Nach ein bisserl gut zureden schon.“
„Wer war der andere Besucher?“
„Der Herr Schlemmer, einer unserer Außenstellenleiter.“
„Dann hat er Stumpf zuletzt lebend gesehen.“

Kojakowski entließ Horvath. Es dauerte einiges Hin-und-her-Telefonieren, bis Schlemmer aufgetrieben war. Der dickliche Mann im schwarzen Anzug sah keinem in die Augen.
„Wir haben Hinweise, dass Sie Herrn Stumpf gestern besucht haben. Spätabends.“ Schlemmer nickte, er schwitzte. „Er hat mich einbestellt. Wegen dieser albernen Zahlen. Er wollte sie manipulieren. Er war besessen davon, sein Einsparungsziel zu erreichen.“
Kojakowski sah ihn nur an.
„Er hat verlangt, dass ich meine Papiere wegwerfe. In einem abgewetzten Plastiksack. Sonst würde er für meine Entlassung sorgen. Ich habe gesagt, das ist gegen meine Ehre. Da hat er gelacht. – Was ist denn los?“
„Er wurde ermordet.“
„Ermordet? Das war sicher dieser stinkende Sandler.“
„Den können wir ausschließen.“
„Ach, das können Sie bereits?“
Kojakowski nickte. „Was ist weiter passiert?“
„Ja, dann wissen Sie ja alles … Ich habe mit dem vollen Plastiksack auf ihn eingeschlagen. Er hat noch mehr gelacht. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich musste dieses Lachen zum Verstummen bringen. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mich auslacht. Ich kann nicht.“
„Sie gestehen, Bernhard Stumpf getötet zu haben?“
„Ja“, sagte Schlemmer leise, den Blick auf den Teppichboden gerichtet.
„Sie sind festgenommen, Herr Schlemmer.“ Kojakowski machte Anstalten, den Mann abzuführen.

Plötzlich erschallte hinter ihnen Doktor Immervolls Stimme: „Da sind ja meine Unterlagen!“ Er begann Papiere an sich zu nehmen. „Und die Zahlen schauen gut aus!“

Anni Bürkl ist Journalistin, (Krimi-)Autorin und Lektorin.
Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Göttinnensturz“ und ist der vierte Teil einer Krimireihe rund um Teelady Berenike Roither, alle erschienen im Gmeiner Verlag.
www.annibuerkl.at

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