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Symbolbild zum Bericht "Wie "abgesandelt" ist der Standort Österreich?" Selbst wenn man den Standortvergleichen eine gewisse Aussagekraft über die Perspektiven der von ihnen unter die Lupe genommenen Volkswirtschaften zubilligen will, stößt man sehr bald auf weitere Fragwürdigkeiten.

Wie "abgesandelt" ist der Standort Österreich?

Wirtschaft&Arbeitsmarkt

Anmerkungen zur Fundiertheit von Standortrankings.

Internationale Standortvergleiche gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Allein in der letzten Oktoberwoche gingen mindestens drei davon durch die Medien, darunter Doing Business (DB), eine Bewertung der regulatorischen Rahmenbedingungen für Unternehmen durch die Weltbank. Die WKÖ erfasst in ihrem Monitoring Report an die 150 solcher Reihungen. Sie reichen vom simplen Vergleich der Pro-Kopf-Einkommen bis hin zu den „Flagschiffen“ Global Competitiveness Index (GCI) des WEF und World Competitiveness Scoreboard (WCS) des IMD. Diese versuchen auf Basis von 121 bzw. 246 Indikatoren quer durch den wirtschaftsrelevanten Gemüsegarten die „Gesamtheit der Institutionen, Politiken und Faktoren, die ein Land langfristig sein Produktivitätsniveau erhalten lassen“ (GCI) – kurz: seine „Wettbewerbsfähigkeit“ – zu erfassen und für 148 bzw. 60 Staaten zu vergleichen.

Vielzahl an methodischen Schwächen

Methodische Schwächen und Ungereimtheiten finden sich in diesen Rankings zuhauf und wurden wiederholt von kritischen ÖkonomInnen aufgezeigt, etwa schon 1997 von Christian Bellak und Richard Winklhofer, und zuletzt von Miriam Rehm auf blog.arbeit-wirtschaft.at. Neben dem grundsätzlichen Vorbehalt, dass die Umlegung des Leitmotivs Wettbewerbsfähigkeit von der einzelbetrieblichen auf die volkswirtschaftliche Ebene neoliberalen Ursprungs ist, also eine ideologische Wurzel hat, betonen sie auch die Schwierigkeiten bei der Bestimmung der wirklich relevanten Indikatoren für diese Wettbewerbsfähigkeit und ihrer empirischen Abbildung, die auch durch theoretisch unterfütterte Berechnungsmethoden, wie sie in den Berichten zweifellos angewendet werden, nicht gelöst werden können.

Selbst wenn man diese und andere Bedenken beiseite wischt und den Standortvergleichen eine gewisse Aussagekraft über die Perspektiven der von ihnen unter die Lupe genommenen Volkswirtschaften zubilligen will, stößt man sehr bald auf weitere Fragwürdigkeiten. Zuallererst springt kritischen BetrachterInnen die Diskrepanz zwischen dem Anspruch, Aussagen über langfristige Entwicklungspotentiale zu treffen und der Wirklichkeit der medialen Präsentation, die auf Momentaufnahmen beschränkt bleibt, ins Auge. Dass dabei die öffentliche Wahrnehmung der Berichte nicht über Irrelevantes wie „Österreich gegenüber dem Vorjahr um zwei Plätze zurückgefallen“ hinausgeht und daraus bereits ein „Absandeln“ des Wirtschaftsstandortes konstruiert wird, liegt sicherlich auch an den Gesetzmäßigkeiten des modernen Medien- und Politikbetriebes. Diese Reduktion auf leicht verdauliche und verkaufbare Häppchen ist aber bereits in Struktur und Aufmachung der Berichte, die zwar jährlich einen Wust von Querschnittsdaten anbieten, im zeitlichen Längsschnitt aber bestenfalls zwei bis drei Jahre zurückblicken, angelegt. Allein durch einen längerfristigen Rückblick werden die meisten der vermeintlichen Triumphe und Tragödien, die diese Rankings dem Wirtschaftsstandort Österreich in den letzten Jahren beschert zu haben scheinen, auf den Rang eines Strohfeuers zurechtgerückt. Im GCI etwa hatte Österreich im Jahr 2005 ein dramatisches Abrutschen um vier Plätze hinzunehmen und kletterte dafür in den folgenden drei Jahren um insgesamt sieben Ränge hinauf. Der aktuelle Rang (16) liegt knapp am Zehnjahresdurchschnitt von 17. Gleiches gilt für die Platzierungen in einer EU-internen Wertung (aktuell 7.). Auch die hier von Österreich erreichte Benotung hat schon ihre Höhen und Tiefen erlebt und ist im Moment wieder historisches Mittelmaß. Der Eindruck, dass oft viel Lärm um nichts gemacht wird, wird auch vom jüngsten DB-Bericht, in dem Österreichs Platzierungen sowohl global (30. Platz) wie auch innerhalb der EU (11.) im langjährigen Durchschnitt liegen, bestätigt.

Verloren trotz Verbesserungen?

Mehr zum Nachdenken gibt auf den ersten Blick die Botschaft des WCS. Hier hat Österreich seit 2007 kontinuierlich an Boden verloren und ist von Rang 11 auf 23 zurückgefallen. Zurückzuführen ist dies zum größten Teil auf einen von vier „Competitiveness Factors“ der zweiten Ebene, der „Government Efficiency“, wo der heimische Wirtschaftsstandort um ganze 27 Plätze auf den 37. abgerutscht ist. Wer dieses Ergebnis nicht als Abbild eines allerorten beklagten politischen Stillstandes für plausibel hinnimmt, stößt allerdings auf einige Eigentümlichkeiten. Nicht nur haben sich in diesem Bereich gegenüber 2007 die „harten“ Indikatoren für Österreich im Durchschnitt verbessert und sich gleichzeitig die über Umfragen unter Managerinnen und Managern ermittelten „weichen“ Werte verschlechtert, was allein schon Stoff zum Nachdenken gibt. Die Regeln der Arithmetik ließen es auch erwarten, dass – wenn, wie in diesem Fall, beide Gruppen etwa gleich gewichtet sind – der Durchschnitt aus einer Verbesserung der einen Indikatoren um etwa 20 Prozent und einer Verschlechterung der anderen um ebenfalls etwa 20 Prozent einen Wert um Null ergeben sollte. Das IMD bewertet jedoch das Aggregat „Government Efficiency“ für Österreich um 40 Prozent schlechter. Dies deshalb, weil seiner Berechnungsmethode die relative Position gegenüber dem Gesamtdurchschnitt zugrunde liegt. Auf diese Art verliert ein Land selbst dann, wenn es sich absolut gesehen deutlich verbessert, aber gegenüber dem Gesamtdurchschnitt ein wenig verschlechtert, nicht nur Plätze; es wird auch schlechter benotet. Da im Mittefeld, in dem sich auch Österreich befindet, das Gedränge meistens am größten ist, wird man so sehr schnell nach hinten durchgereicht, ohne tatsächlich entscheidend an Boden verloren zu haben.

Wer wird befragt und wie viele?

Damit nicht genug. Wie schon angedeutet, beruhen die Rankings zu einem guten Teil auf Umfragedaten. Das Verhältnis von „weichen“ zu „harten“ (die oft keine sind, weil aus anderen Rankings übernommen) Daten beträgt beim WCS 1 : 2, beim GCI gar 2 : 1. Ausgewählt werden die Befragten mit Hilfe nationaler Partnerinstitutionen – in Österreich für GCI das WIFO, für WCS die Industriellenvereinigung. Die Gesamtzahl der hierzulande Befragten wird vom GCI mit 99 angeben. Das WCS enthält uns diese Zahl vor, jedoch kann aus der Tatsache, dass sie von der Größe des BIP des jeweiligen Landes abhängt, und dem Gesamtwert von 4.200 für 60 Länder geschlossen werden, dass sie nicht größer als 25 ist, eine nicht sehr imposante Stichprobe.

Man muss außerdem kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um es für möglich zu halten, dass die Stellungnahmen einer derart kleinen Zahl an von der IV ausgewählter Befragten eher abgesprochen und taktisch motiviert als um ein objektives Bild der Lage bemüht sein könnten. Jedenfalls fällt bei den unter „Government Efficiency“ abgefragten Indikatoren zum Beispiel auf, dass Österreich seit 2007 bei „Chancengleichheit“ in der EU-internen Wertung eine Talfahrt vom stolzen ersten auf den dürftigen 21. Platz hinter sich hat oder allein von 2012 auf 2013 die Benotung beim Indikator „Sozialer Zusammenhalt“ um ein Drittel schlechter geworden ist, während es bei beiden Indikatoren zwischen 2001 und 2007 wahre Höhenflüge erlebt hat. Man fragt sich auch, warum heuer der Einfluss der Politik der EZB auf die nationale Wirtschaftsentwicklung in Deutschland um 5 Prozent besser, in Österreich dagegen um 17 Prozent schlechter als 2007 eingeschätzt wird.

Der von den Proponenten der Standortrankings durch Tausende von mit komplexen Berechnungsmethoden aggregierten Daten und entsprechender medialer Vermarktung erzeugte Schein einer objektiven, wissenschaftlich fundierten und exakten Messung von Wettbewerbsfähigkeit erleidet also schon beim ersten genauerem Hinsehen tiefe Kratzer. Was bliebe davon erst bei einer breiter angelegten Analyse übrig?

Sieger sehen anders aus

PS: Manche vordergründig schlechte Platzierungen in diesen Rankings können sogar als Auszeichnung gewertet werden. Wenn zum Beispiel das erst vor Kurzem wegen der Sklaverei ähnlichen Behandlung seiner ausländischen Arbeitskräfte am Pranger gestandene Katar im Bereich „Arbeitsmarkteffizienz“ des GCI den 6. Platz einnimmt, dann befindet sich Österreich auf seinem bescheidenen 42. wahrscheinlich in besserer Gesellschaft als ganz oben.

World Economic Forum (WEF):
www.weforum.org

World Competitiveness Scoreboard (WCS) des IMD:
www.imd.org

Miriam Rehm zum Thema im Blog der A&W:
tinyurl.com/q7j4v67

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor robert.stoeger@drei.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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