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Wir sind Europa

SOZAK-Teilnehmer Thomas Giner verbrachte sein Europapraktikum bei der britischen Gewerkschaft "Unite the Union".

Im Dachverband TUC sind bis heute noch 53 Fachgewerkschaften vereinigt. Die Zahl der Gewerkschaften ist aber wie in vielen anderen Ländern durch Fusionen stark sinkend. Insgesamt vertritt der TUC rund sechs Mio. Mitglieder.
Ich durfte mein Europapraktikum in der Unite, der größten Fachgewerkschaft – mit 1,4 Mio. Mitgliedern –, machen. Die Unite legt auch sehr viel Wert auf internationale Arbeit und pflegt unter anderem eine sehr gute Zusammenarbeit mit den United Steelworkers in den USA.
Die Unterschiede zwischen Österreich und dem United Kingdom sind enorm. Zwei wesentliche Unterschiede sind:

  • Es gibt für Betriebsrätinnen und -räte keinen fixen Freistellungsanspruch. Dies ist alles innerbetrieblich zu regeln.
  • Es gibt keine Branchenkollektivverträge, sondern fast ausschließlich Betriebskollektivverträge.

Politische Situation

Die Gewerkschaften haben seit der Ära von Margaret Thatcher mit Strukturänderungen und Mitgliederschwund hart zu kämpfen. Die Gesetzesverschlechterungen, die Thatcher in ihrer Zeit durchgeführt hat, sind großteils heute noch vorhanden. Obwohl die Labour Party aus den Gewerkschaften entstanden ist und auch lange den Premierminister stellte, konnten keine wesentlichen Verbesserungen erreicht werden. Die Labour Party wird heute noch mit einigen Millionen Pfund im Jahr von den Gewerkschaften finanziert. Insgesamt ist der Einfluss in der Partei aber seit der Ära Tony Blair gesunken. In den vergangenen Jahren versuchten sie aber wieder mehr Einfluss in der Partei zu bekommen. Es sind alleine in der Unite sechs hauptamtlich Vollzeitbeschäftigte in London und dazu noch in jeder Region eine Halbtagskraft für die politische Arbeit abgestellt.

Mitglieder

Der Mitgliedsbeitrag beträgt, egal wie viel ein Arbeitnehmer verdient, 12,05 Pfund pro Monat (14,35 €). Dazu kommen noch, außer es widerspricht jemand ausdrücklich, 6,06 Pfund pro Monat (7,21 €) Mitgliedsbeitrag bei der Labour Party.
Der Mitgliederschwund seit der Thatcher-Ära konnte nie wieder aufgeholt werden. Seit 2005 wird ein neues Modell der Mitgliederwerbung versucht. Es wurden seit dem genannten Jahr Tausende Betriebsrätinnen und -räte sowie GewerkschafterInnen in der eigens eingerichteten Organizing-Akademie in Oxford ausgebildet. Seit 2011 sind die ersten Erfolge sichtbar. Der Mitgliederstand ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht zurückgegangen, sondern gestiegen.

Die zwei Formen, die sie beim Organizing durchführen, sehen so aus:

1. Sektorales Organizing
Hier wird versucht, mittels branchenspezifischen Organizings neue Mitglieder zu gewinnen. Es werden eine oder mehrere Branchen herausgefiltert und dann wird vor Firmen und mittels Briefen und maßgeschneiderter Kampagnen auf die Gewerkschaft aufmerksam gemacht. Es wird einerseits darauf abgezielt, neue Betriebsrätinnen und Betriebsräte in Firmen zu installieren und andererseits in schon organisierten Betrieben neue Mitglieder zu gewinnen.

2. Leverage Organizing
Hier wird vor Betrieben, bei denen man weiß, dass es arbeitsrechtliche Probleme (z. B. Blacklisting = Firmen stellen keine ArbeitnehmerInnen aufgrund ihrer Gewerkschaftsmitgliedschaft ein oder Firmen kündigen ArbeitnehmerInnen, die Gewerkschaftsmitglieder sind) gibt, mit kleinen konzentrierten Demos darauf aufmerksam gemacht. Bei diesen Demos werden Kundinnen und Kunden, Lieferanten und MitarbeiterInnen des betroffenen Betriebes darauf aufmerksam gemacht. Dies geschieht mit lauter, störender Musik, Transparenten und Plakaten, einer großen aufblasbaren Ratte und Megafonen. Die Demonstration ist erst vorbei, wenn sich die Geschäftsführung gesprächsbereit zeigt oder die Polizei die Demo auflöst.

Fazit

Für mich war die Zeit im United Kingdom sehr wertvoll und interessant. Die Gastfreundschaft und Zuvorkommenheit suchten ihresgleichen. Ich bin überall mit offenen Armen empfangen worden. Ich wünsche meinen Freunden im UK viel Erfolg und Glück bei ihrem harten Kampf für Verbesserungen für alle ArbeitnehmerInnen.

INTERVIEW:
Zur Person
David Bowyer
Alter: 56, Wohnort: Wales, UK
Erlernter Beruf: Staatsdiplom für Gesundheit und Sicherheit, Gewerkschaftsstudien, Humanressourcen
Firmenstandort: Wales
Gewerkschaft und Arbeitsplatz: Unite the Union

Seit wann befasst du dich mit dem Europäischen Betriebsrat?
Seit sechs Jahren.
Einkommen und Ausgaben:
Einkommen: 2.500,00 GBP = 2.972,65 EUR (Kurs: 1 GBP = 1,19 EUR), Fixkosten:  1,600 GBP = 1.902,50 EUR

Wie ist dein Familienstand?
Ich bin mit Bethan, Dozentin für Kinderpsychologie, verheiratet. Sie ist bereits in Pension. Wir haben zwei Töchter. Laura hat einen Hochschulabschluss in Textiles Design. Anna, sie hat ihren Hochschulabschluss in Medizinischer Psychologie und arbeitet derzeit noch an ihrem Doktorat.

Was bedeutet dir Arbeit?
Arbeit ist ein Mittel zum Zweck, wir arbeiten, um zu leben.
 
Was ist deine Meinung über die Konjunktur deines Landes?
Die britische Wirtschaft befindet sich noch immer im freien Fall, ohne Investitionen in Produktion, Bildung und nationales Gesundheitssystem und mit sehr wenigen Richtungsvorgaben durch die aktuelle Regierung.
Hier in Wales entscheidet ein eigenes Parlament, National Assembly for Wales (NAW; walisisch Cynulliad Cenedlaethol Cymru), ohne volle Gesetzgebungskompetenz.
Wir unterstützen und investieren in Produktion, Schulen und Gesundheitssystem. Ein Beispiel war der Flughafen Cardiff, der von der ehemaligen konservativen Regierung privatisiert worden ist.

Was bedeutet dir Gewerkschaft?
Schutz, Unterstützung, Arbeitskampf, die Möglichkeit, Einfluss auf die Regierung zu nehmen.

Was bedeutet dir die EU?
Die EU hat in Großbritannien für Gesetze gesorgt, die die ArbeiterInnen unterstützen; sie erleichtert auch den Export. Wenn ein Volksbegehren hier für einen Rückzug aus der EU ausgehen würde, wäre das eine Katastrophe für die britische Wirtschaft.

Was ist dein Lieblingsland in Europa?
Da gibt es zwei: Deutschland und Frankreich. Beide unterstützen die Industrie und die Infrastruktur mit Autobahnen und Bahnlinien. Beide Länder haben die Möglichkeit, Europa aus der Rezession zu führen.

Was kann der Europäische Betriebsrat (EBR)?
Der EBR von TATA Steel wurde zu einer Art Informationsveranstaltung, bei der die Gesellschaft den Gewerkschaften ihre Absichten mitteilt und Fragen der Delegierten beantwortet werden. Dabei sind die britischen Delegierten agressiver als ihre europäischen Kollegen.
 
Wie viel Urlaub hast du und wie nützt du ihn?
Ich habe 42 Urlaubstage, Feiertage miteingeschlossen. Ich fahre gerne nach Frankreich und mache dreimal im Jahr Urlaub.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Einen Regierungswechsel in Großbritannien, engere Verbindungen zur EU, mehr Industrie und eine Kontrolle und Beschränkung der massiven Managergehälter.

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor thomas.giner@proge.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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