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Symbolbild zum Bericht "Fakten statt politischer Aussagen" Der Strukturwandel führt dazu, dass Routinejobs (z. B. Buchhaltung) weniger werden, die Nachfrage nach "kognitiven Nicht-Routine-Jobs" (z. B. Kreativjobs) aber steigt.

Fakten statt politischer Aussagen

Aus AK und Gewerkschaften

Beim Bad Ischler Dialog sprechen sich Sozialpartner wie Wissenschaft für Kindergartenpflicht und Ganztagsschule und gegen zu frühe Schulentscheidungen aus.

Unsere Jugendorganisationen haben gefordert, dass die Jugendlichen heuer im Mittelpunkt des Sozialpartnerdialogs stehen sollen“, begründete ÖGB-Vizepräsidentin Sabine Oberhauser das Thema der Konferenz von ÖGB, AK, WKÖ und LKÖ, die traditionell jeden Herbst in Bad Ischl abgehalten wird. „In die Jugend investieren“ war also das Motto 2013, und unter anderem ging es um leistbares Wohnen. Zwei von fünf 20- bis 29-Jährigen leben noch immer bei den Eltern, und das aus Kostengründen, merkte AK-Präsident Rudi Kaske an. Um den jungen Erwachsenen leistbaren Wohnraum zu verschaffen, fordern die Sozialpartner neben der Zweckwidmung der Wohnbauförderung auch ein präziseres System bei den Richtwertmieten in Altbauwohnungen.

Bildung beginnt im Kindergarten

Der beste Weg, damit sich Jugendliche eine Wohnung leisten können, sind aber ordentliche Einkommen – und damit gute Jobs und eine gute Ausbildung. Mit letzterer, waren sich alle TeilnehmerInnen in Bad Ischl einig, kann man gar nicht früh genug anfangen. Kaske: „Bildung beginnt im Kindergarten, im Bildungsgarten, wie ich gerne sage.“ Oberhauser: „Es geht nicht mehr nur um warm, satt und sauber. Es geht um Kinderbildung, nicht nur um Kinderbetreuung. Die Sozialpartner verlangen daher ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr.“ Zustimmung kommt aus der Politik – von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner: „Was in diesem Alter an Bildung versäumt wird, kann später kaum noch nachgeholt werden“ – und der Wissenschaft: „Die Wahrscheinlichkeit, später auf ein Gymnasium zu gehen, steigt durch Krippenbesuch um 38 Prozent“, sagte Jörg Dräger von der deutschen Bertelsmann-Stiftung. Gehen Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund in die Krippe, steige die Gymnasialwahrscheinlichkeit um 55 Prozent, bei Kindern von Eltern mit maximal Hauptschulabschluss seien es sogar plus 83 Prozent.

In Österreich jedoch gehen viel zu wenig unter Dreijährige in die Krippe – gerade einmal 20 Prozent. In Deutschland sind es, so Dräger, auch nur 28 Prozent, in Dänemark aber zum Beispiel 72 Prozent. „Wir haben großen Aufholbedarf“, räumt Minister Mitterlehner ein. Sabine Oberhauser, die auch ÖGB-Frauenvorsitzende ist, sieht ein weiteres Argument für mehr Kindergartenjahre: „Wir müssen in ganz Österreich ausreichend Kinderbildungseinrichtungen anbieten, damit Frauen vermehrt Vollzeit arbeiten können.“ Einig ist man sich, dass das viele Geld, das ins Schulsystem investiert wird, künftig bevorzugt dorthin fließen soll, wo es besonders benötigt wird: an Schulen mit besonders vielen gesellschaftlich benachteiligten Kindern. Dass das funktioniert, zeigen Erfolge in den Niederlanden, Belgien und der Schweiz, betonte AK-Präsident Kaske.

Auch bei der gemeinsamen Schule der 10- bis 15-Jährigen herrscht im Wesentlichen Einigkeit – „... ohne beschränkende Festlegung durch eine frühe Bildungsentscheidung ...“, heißt das im Konsenspapier der Sozialpartner. Auch dafür gibt es Unterstützung von Jörg Dräger: „Wir werden das gegliederte Schulsystem nicht länger aufrechterhalten können. Das ist keine politische Aussage, sondern Fakt.“

In der Schule lernen

Argumentatives Unterfutter gibt Dräger den Sozialpartnern auch für ihre Forderung nach mehr ganztägigen Schulen: „Ganztägige Schulen führen zu besserem Sozialverhalten, höherer Schulfreude, zu mehr Lernmotivation und zu weniger Klassenwiederholungen. Österreich und Deutschland sind die letzten beiden Länder, die so entwickelt sind, dass sie kein Ganztagsschulsystem haben.“ Ganztägige Schulformen würden mehr kosten als halbtägige, „aber die Kosten werden abgedeckt von Steuereinnahmen durch höhere Erwerbsbeteiligung der Mütter“. Ein weiteres finanzielles Argument lieferte Rudi Kaske: „Lernen soll in der Schule stattfinden, damit Nachhilfe der Vergangenheit angehören kann.“ Mehr als 100 Mio. Euro geben Österreichs Eltern jedes Jahr für Nachhilfe aus. Derzeit sei das ganztägige Angebot an Österreichs Schulen mit etwa 20 Prozent aber viel zu gering, sagte Soziologe Johann Bacher von der Universität Linz. Nachmittagsbetreuung würde an fast allen AHS angeboten, kaum aber an den Hauptschulen. Und: „Was fehlt, sind die verschränkten Formen. Der Betreuungsaspekt ist halbwegs gelöst, aber der pädagogische Aspekt fehlt nahezu komplett.“

Das Bildungssystem darf keine Einbahnstraße sein – Durchlässigkeit lautet das Zauberwort. Im Detail unterscheiden sich die Sozialpartner dann aber doch, Beispiel Lehre mit Matura. Der Standpunkt ist klar, der Ausbau muss weiter vorangetrieben werden. „Das Modell ist ein Erfolgskonzept“, sagte Sascha Ernszt, Vorsitzender der Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), jedoch: „Die Lehre mit Matura muss allen Lehrlingen offenstehen, und nicht nur denjenigen, bei denen die Vorbereitung zufällig in den Dienstplan passt. Deshalb muss es einen Rechtsanspruch auf Lehre mit Matura in der Arbeitszeit geben.“ Ansonsten schlagen die Sozialpartner in ihrem Ischl-Papier für den Bereich Lehre Schwerpunktberufsschulen für Berufe mit nur wenigen Lehrlingen vor. Das sogenannte Jugendcoaching für schulabbruchgefährdete Jugendliche soll schon in der 8. Schulstufe beginnen, ein Jahr früher als bisher, und bis zum 25. Lebensjahr in Anspruch genommen werden können. „Wir müssen bei den Menschen das Bewusstsein schaffen: Es ist zu wenig, nur einen Pflichtschulabschluss zu haben“, sagte Sozialminister Rudolf Hundstorfer.

Herausforderung NEETs

Eine große Herausforderung stellen die NEETs dar, Jugendliche, die weder in der Schule noch in einer Ausbildung noch in Beschäftigung sind. „Die größte Gruppe der jungen Menschen ohne Ausbildung sind übrigens junge Mütter, die sehr früh ein Kind bekommen haben und nachher den Wiedereinstieg nicht schaffen“, so Hundstorfer. Soziologe Bacher beziffert die NEETs mit acht Prozent der Jugendlichen in Österreich: „Vier Prozent der 16- bis 24-Jährigen sind aktiv arbeitssuchend, nur die sind auch von der offiziellen Arbeitslosenstatistik erfasst. Dazu kommen zwei Prozent mit Arbeitswunsch und weitere zwei, die weder auf der Suche nach Arbeit sind noch den Wunsch dazu haben.“

Bertelsmann-Stiftungs-Chef Dräger zeigt ein Problem auf, das junge Menschen zu NEETs macht: Soziale Ungerechtigkeit bringt „Kellerkinder“ hervor, die weder lesen noch schreiben noch rechnen können. „Diese Jugendlichen haben keine Chance, am Gesellschaftsleben, am politischen Leben oder am Arbeitsmarkt teilzunehmen.“ Was nicht sein müsste, wie andere Länder mit anderen Bildungssystemen zeigen. So haben Kinder mit Migrationshintergrund in Österreich im Gegensatz zu Kanada großen Rückstand im Lesen und im Rechnen. Noch deutlich negativer als Migrationshintergrund wirkt sich soziale Benachteiligung aus: mehr als drei Jahre Lernrückstand.

Jugendliche ohne Chancen – das ist für Dräger nicht nur ein individuelles Problem der Betroffenen, sondern auch für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft: „Innerhalb von 80 Jahren kostet schlechte Bildung Deutschland 2.800 Mrd. Euro.“ Er sieht ein weiteres Problem: Der Strukturwandel führt dazu, dass Routinejobs (z. B. Buchhaltung) weniger werden, die Nachfrage nach „kognitiven Nicht-Routine-Jobs“ (z. B. Kreativjobs) aber steigt. Darauf müsse das Bildungssystem reagieren, sonst drohe auf der einen Seite Fachkräftemangel, auf der anderen Arbeitslosigkeit trotz Ausbildung. Für die ÖGJ ist aber klar, dass die Wirtschaft die Verantwortung für die Ausbildung nicht allein auf das Bildungssystem abschieben darf – vor Fachkräftemangel zu warnen, ist zu wenig, die Unternehmen müssen auch etwas tun. „Derzeit warten 17.000 Jugendliche auf einen Lehrplatz in einem Betrieb. Es müssen wieder mehr Unternehmen Lehrlinge von Anfang an selbst ausbilden. Sonst wird den Jugendlichen ihre Zukunft geraubt“, sagte Vorsitzender Ernszt.

WKÖ-Präsident Christoph Leitl lobte das duale Ausbildungssystem als Weltklasse. „Es liegt im ureigensten Interesse der Betriebe, Lehrlinge auszubilden.“ Was die Umsetzung der Sozialpartnervorschläge aus Bad Ischl betrifft, drängte er zur Eile: „Als Sozialpartner sollten wir uns nicht mehr damit zufriedengeben, dass im nächsten Regierungsprogramm Überschriften zu finden sind, die umgesetzt werden. Diese Zeit haben wir nicht mehr.“

Downloads: Sozialpartner-Positionen „Perspektiven für die Jugend“, Keynote von Jörg Dräger: www.sozialpartner.at

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