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Symbolbild zum Bericht "Öffentlicher Raum" Im öffentlichen Raum treffen Menschen, planerische Maßnahmen und bauliche Gegebenheiten tagtäglich aufeinander.

Öffentlicher Raum

Schwerpunkt

Die Stadt ist nicht allein zum Wohnen da: Konflikte und Möglichkeiten auf begrenztem Platz.

Für Wien wird bis zum Jahr 2030 ein Anwachsen der Bevölkerung auf 1,88 Mio. Menschen prognostiziert. Vor diesem Hintergrund ist die Schaffung von Wohnraum von zentraler Bedeutung. Doch ist der Wohnraum nicht der einzige Platz, der zur Verfügung gestellt werden muss. Der öffentliche Raum ist für die BewohnerInnen einer Stadt ebenso Lebensraum. Auch hier gilt es, den zukünftigen Bedarf zu erheben, die Ausstattung zu planen und den derzeitigen Bestand zu sichern. Eine wichtige Rolle spielen Fragen des Zusammenlebens und die Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Die Stadtsoziologie diskutiert und betrachtet öffentlichen Raum oftmals als sozialen Raum. Hier gibt es unterschiedliche NutzerInnengruppen, die verschiedene Bedürfnisse haben. Besonders in dicht verbauten Stadtgebieten ist der Platz knapp und manchmal treffen divergierende Interessen aufeinander.

Unterschiedliche NutzerInnengruppen

Im öffentlichen Raum treffen Menschen, planerische Maßnahmen und bauliche Gegebenheiten tagtäglich aufeinander. Die BewohnerInnen der Stadt prägen mit ihrem Verhalten, ihren Nutzungen, mit Kommunikations- und Interaktionsformen den öffentlichen Raum. In diesem Zusammenhang fällt oft das Schlagwort Diversität. Allgemein wird damit die Tatsache beschrieben, dass der öffentliche Raum von vielen Gruppen genutzt wird. Sie bringen verschiedene soziale und kulturelle Hintergründe und Bedürfnisse mit und haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was im öffentlichen Raum getan werden soll.

Verschiedene Bedürfnisse

Manchmal können schon vermeintliche Kleinigkeiten zu Konflikten führen: Da gibt es die einen, die Hunde haben und diese auch gerne spazieren führen, und andere, die am liebsten ein Hundeverbot in der Stadt hätten. Nicht selten kommt es auch zu Kontroversen zwischen Gruppen, die den öffentlichen Raum hauptsächlich als Verkehrsfläche wahrnehmen. Während die einen mit dem Auto dahinbrausen und damit viel Platz für sich beanspruchen, wollen andere mehr Raum für FahrradfahrerInnen oder FußgängerInnen. Wieder andere möchten den Raum überhaupt zum Verweilen nutzen, wünschen sich mehr Flächen zum Fußballspielen oder um Gemeinschaftsgärten anzulegen.

Es zeigt sich, dass der öffentliche Raum von vielen Menschen genutzt wird, die sehr unterschiedliche Vorstellungen und Bedürfnisse haben. Deutlich wird das, wenn man Dimensionen des Alters betrachtet. Diese sind häufig mit unterschiedlichen Nutzungsansprüchen verbunden. Kinder haben spezielle Bedürfnisse im öffentlichen Raum, diese betreffen einerseits Sicherheitsanforderungen, andererseits aber auch ausreichend kindergerecht gestaltete Frei-, Grün- und Parkflächen. Auch Jugendliche bilden eine Gruppe, die den öffentlichen Raum intensiv nutzt. Park- und Grünflächen sind für sie besonders wichtig, da sie hier die Möglichkeit haben Orte einzunehmen, wo keine Erwachsenen sind. Gleichzeitig handelt es sich auch um konsumfreie Zonen: Da Jugendliche meist nur geringe finanzielle Möglichkeiten haben, sind diese für sie besonders wertvoll. Sie können sich dort aufhalten und ihre Freizeit miteinander gestalten, ohne etwas kaufen zu müssen. Ältere Menschen haben wiederum andere spezielle Ansprüche an den öffentlichen Raum. Die gute infrastrukturelle Ausstattung in der Nähe der Wohnung ist für sie ebenso wichtig wie die Erreichbarkeit entlang möglichst kurzer Wege. Auch sollte er Möglichkeiten zum Verweilen, Beisammensitzen und Schauen sowie zum Ausruhen bieten. Bequeme und ausreichende Sitzgelegenheiten stehen hier an vorderster Stelle.

Beschränkter Platz

Anhand dieses Beispiels wird deutlich, wie schnell es im öffentlichen Raum zu Konflikten kommen kann. Kinder, Jugendliche, aber auch ältere Menschen nutzen oft den Nahraum in ihrer Wohnumgebung – wenn der Platz beschränkt ist, kann das zu Spannungen führen. Kinder beanspruchen dann vielleicht denselben Park wie Jugendliche, wodurch Konflikte entstehen können. Ältere Menschen weisen manchmal ein höheres Ruhebedürfnis auf, sie fühlen sich möglicherweise von spielenden Kindern oder Musik hörenden Jugendlichen gestört.

Besonders deutlich, häufig aber auch schwieriger zu bewältigen, zeigen sich Auseinandersetzungen um Raum, wenn es um Menschen geht, die manchmal als Randgruppen bezeichnet werden. So sind zum Beispiel obdachlose Personen existenziell auf den öffentlichen Raum angewiesen. Bei Verlust der Wohnung bleibt meist kein anderer Ausweg, als sein Leben auf der Straße zu bestreiten. Damit wird oft eine Armutsspirale in Gang gesetzt, der kaum zu entkommen ist. Weder ein geregeltes Erwerbsleben noch die Pflege von Sozialkontakten kann im öffentlichen Raum problemlos aufrechterhalten werden. Das Leben auf der Straße ist ein hartes Los, jeder Tag bedeutet auch ein Stück weit Kampf um die eigene Existenz. Besonders die kalte Jahreszeit stellt eine Bedrohung für wohnungslose Menschen dar. Von anderen Stadtbewohnerinnen und -bewohnern werden Obdachlose jedoch häufig als Ärgernis betrachtet. Sie werden als Störfaktor im makellosen Stadtbild gesehen oder als Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln empfunden.

Ort des sozialen Zusammenhalts?

Es zeigt sich, dass der öffentliche Raum ein komplexer Ort ist, der von vielen Faktoren beeinflusst wird. Dazu gehören Verhaltensweisen, planerische Maßnahmen, die Ausstattung, aber auch Besitzverhältnisse und die Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen.

Das große Potenzial und die Chancen, die der öffentliche Raum bietet, liegen für viele in der Beschaffenheit als Ort der Begegnung, der Kommunikation und des Zusammenlebens. Besonders in Städten teilen sich unterschiedlichste Gruppen den öffentlichen Raum, damit entstehen auch Möglichkeiten des Austauschs, des Kennenlernens von Fremdem, des Erlernens und Übens von Toleranz und Vielfalt. Hier kann Integration, aber auch die kultivierte Austragung von Konflikten geübt werden. Man könnte auch sagen, im öffentlichen Raum finden sich Orte, wo sozialer Zusammenhalt produziert werden kann.

Mit Leben erfüllen

Das Konzept der Nachbarschaft und Begegnung ist jedoch noch kein Garant dafür, dass Gemeinschaft und sozialer Zusammenhalt funktionieren. Um Integration und Kontakt zu fördern oder zu ermöglichen, braucht es mehr als ein räumlich nahes Nebeneinander. Wenn die sozialen Unterschiede in einer Gesellschaft zu groß sind, können diese auch im öffentlichen Raum nicht ausgeglichen werden. Im Gegenteil manifestieren sich auch in realen öffentlichen Räumen die gesellschaftlichen Ungleichheiten. Deutlich wird das am Beispiel Obdachlosigkeit. Menschen, die gezwungen sind auf der Straße zu leben, gehören zu den Schwächsten der Gesellschaft. Eine offene integrative Stadt kann tolerante Wege des Umgangs suchen. Das kann vieles bedeuten, von der Bereitstellung öffentlicher Toilett- und Sanitäranlagen über die ehrenamtliche Organisation von Essen und Schlafmöglichkeiten bis hin zu sozialen Programmen der Stadt, die sich zum Ziel setzen, Obdachlose zu unterstützen und im Winter niemanden auf der Straße erfrieren zu lassen. Umgekehrt kann die Situation aber auch ins Gegenteil kippen, und es kann zur Stigmatisierung und Verdrängung von wohnungslosen Menschen aus dem öffentlichen Raum kommen. Im extremsten Fall können menschenverachtende Gesetze wie in Ungarn beschlossen werden, die Wohnungslosen per Strafe den Aufenthalt im öffentlichen Raum verbieten. Obdachlose selbst haben kaum die Möglichkeit, für ihre Rechte einzutreten. Hier zeigt sich, dass der öffentliche Raum nicht nur bauliche Struktur ist, sondern mit sozialem Leben und Normen erst angefüllt wird. Wie und was also möglich und denkbar ist und was auch gelebt wird, ist ein Aushandlungsprozess, in dem unterschiedliche Interessen berücksichtigt werden müssen. Hier gilt es, sozial Schwächere besonders zu unterstützen und ihre Interessen zu wahren.

Tipps zum Weiterlesen:

Wem gehört die Stadt? AK Stadt, ArbeitnehmerInneninteressen im urbanen Raum: tinyurl.com/p3rlbu3

Gisela Ruland, Qualität im Arbeitsumfeld: tinyurl.com/p2q5dju
Zeitschrift Wirtschaft und Umwelt:
www.ak-umwelt.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin katharina.hammer@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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