topimage
Arbeit&Wirtschaft
Arbeit & Wirtschaft
Blog
Facebook
Twitter
Suche
Abonnement
http://www.arbeiterkammer.at/
http://www.oegb.at/
Verschicken Sie eine E-Card!
Symbolbild zum Bericht "Solidarisch wohnen2 Das Sonnwendviertel ist der neue Teil von Favoriten, der neben dem neuen Hauptbahnhof aufgebaut wird und der sich in unmittelbarer Nähe zur Fußgängerzone und der U1-Station Keplerplatz befindet.

Solidarisch wohnen

Schwerpunkt

In Favoriten entstehen im Sonnwendviertel 5.500 Wohnungen mit Bildungscampus und Infrastruktur - ein Projekt partizipativen und solidarischen Wohnens.

Nicht nur nebeneinander wohnen, sondern miteinander: Eine Herausforderung für eine Großstadt wie Wien, die zweitgrößte deutschsprachige Stadt, die noch dazu derzeit jährlich um 25.000 bis 30.000 EinwohnerInnen wächst. Städte sind faszinierende Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen Tür an Tür wohnen.

Sich in diesem dicht gepackten Raum zu finden und gemeinsam statt einsam zu leben, ist oft schwieriger als in ländlichen Gebieten. Trotzdem zieht es vermehrt Menschen in die Städte, denn sie bieten Chancen und Raum für die Verwirklichung von Lebensträumen, Arbeitsplätze, Bildungs- und Kulturangebote, Gesundheitsversorgung sowie eine gut ausgebaute Infrastruktur. Dieser Bedarf führt in vielen Ballungszentren zu einem wilden und spekulativen Spiel der freien wirtschaftlichen Kräfte, was explodierende Mietpreise, Gettoisierungen und Wohnraummangel zur Folge hat.

Wien wächst stetig

In Wien wird durch die lange Tradition des geförderten Wohnbaus erfolgreich gegengesteuert und reguliert. Rund 60 Prozent der WienerInnen leben in geförderten Wohnungen. Diese Förderungen reduzieren den Druck des Marktes und stabilisieren die Mietpreise, doch damit allein sind attraktives Wohnen und eine funktionierende Smart City noch nicht gesichert. Aktuellen Prognosen zufolge wird Wien – einschließlich Umland („Stadtregion+“) – bis 2075 um rund eine halbe Mio. Menschen wachsen (Statistik Austria). Wien begegnet dieser Herausforderung mit einer Doppelstrategie, mit der in den nächsten Jahrzehnten notwendiger Wohnraum zu sozial verträglichen Konditionen geschaffen wird: Expansion und Verdichtung. Expansion findet zum Beispiel in der Seestadt Aspern statt. Das neue Sonnwendviertel hingegen verdichtet Wien, indem es bislang anderweitig genutzte innerstädtische Flächen nutzt.

So.vie.so

Das Sonnwendviertel ist der neue Teil von Favoriten, der neben dem neuen Hauptbahnhof aufgebaut wird und der sich in unmittelbarer Nähe zur Fußgängerzone und der U1-Station Keplerplatz befindet.

Das neue Favoritner Viertel wird letztendlich aus rund 5.500 Wohnungen für etwa 13.000 BewohnerInnen, einem Bildungscampus, Gastronomie, Einkaufs- und Freizeitangeboten, Büros und Geschäften bestehen. Im Frühjahr 2012 wurde mit dem Bau der ersten Wohnungen im Sonnwendviertel begonnen. „Bei Gesamtbaukosten von rund 171 Mio. Euro unterstützt die Stadt Wien die Errichtung der ersten 1.142 geförderten Wohnungen mit Fördermitteln im Ausmaß von 62 Mio. Euro“, so der Wiener Wohnbaustadtrat Michael Ludwig.

124 dieser geförderten Mietwohnungen erfüllen die vierte des Vier-Säulen-Modells für den Wohnungsbau – jene der sozialen Nachhaltigkeit – ganz besonders beziehungsweise haben sie es sich zum Ziel gemacht. Sie sind unter dem Titel „so.vie.so – Sonnwendviertel solidarisch“ Teil eines einzigartigen Projekts partizipativen und solidarischen Wohnens.

Während die Selbstverwaltung von Siedlungen bereits recht erfolgreich betrieben wird, wie zum Beispiel bei der „autofreien Siedlung“ in Wien-Floridsdorf, wurden beim Projekt so.vie.so die zukünftigen BewohnerInnen bereits vor dem Bau involviert. Sie durften sich das Innenleben ihres Hauses und ihre Wohnungen nach ihren Vorstellungen gestalten.

Bereits seit 2010 konnten sie aus einem vielfältigen Pool an Musterwohnungen auswählen, diese jedoch sowohl in Größe als auch Anordnung der Räume adaptieren und ihren Wunsch für die Lage der Wohnung bekannt geben. „Solidarisch wohnen ist für uns mehr als nur ein Schlagwort – das haben wir mit unserem Mitbestimmungsprojekt so.vie.so unter Beweis gestellt.

Bereits ein Jahr vor Baubeginn haben wir mit den WohnungsinteressentInnen gemeinsam geplant und gestaltet. So konnte die baubehördliche Einreichplanung auf die konkreten Wohnwünsche unserer MieterInnen ausgelegt werden! Damit stellen wir nicht nur eine nachhaltig hohe MieterInnenzufriedenheit sicher – die BewohnerInnen haben auch eine viel stärkere emotionale Bindung zu ihrem ‚Haus‘. Hier im Sonnwendviertel beginnt Nachbarschaft nicht erst mit dem Bezug der Wohnhausanlage“, so Wilhelm Haberzettl, Vorstandsvorsitzender der BWSG, Bauträger von so.vie.so.

Die Organisation der Gemeinschaft

Um die großzügig angelegten Gemeinschaftsräume zu bespielen, wurde ein von der Firma wohnbund:consult moderierter Selbstorganisationsprozess eingeleitet. Manuel Hanke von wohnbund:consult kümmerte sich um die Bildung von Interessengemeinschaften. Mit seiner Hilfe einigten sich die BewohnerInnen auf unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten der ca. 1.000 m² großen Gemeinschaftsfläche. So entstanden unterschiedliche Funktionsräume wie eine Fahrradgarage, eine Holzwerkstatt, eine Bibliothek, ein Kinderzimmer, ein Gemeinschaftsraum mit Küche oder ein Veranstaltungsraum.

Für jeden dieser Räume wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, denn „die BewohnerInnen hatten nicht nur die Möglichkeit, darüber zu bestimmen zu welchem Zweck die Gemeinschaftsräume genutzt und wie sie eingerichtet werden, sondern diese Räume sollen auch von ihnen selber bespielt, genutzt und verwaltet werden. Das funktioniert auch nur, wenn alle, die hier mitmachen, mitspielen. Was auch bisher der Fall war“, so Hanke. Wie die Entscheidungen getroffen werden, welche Statuten gelten, ist ein Teil des Prozesses, jedoch wurde auch schon ein BewohnerInnen-Beirat gewählt. Eine der fünf Beirätinnen und Beiräte ist Irmgard Winkler (56). Sie arbeitet beim Verein Neustart seit 1994 als Sozialarbeiterin und Mediatorin. Außerdem ist sie Betriebsrätin und bringt in ihren Worten „ein bisschen einschlägige Vorerfahrung und Engagement für solidarisches Handeln mit“. Das Projekt so.vie.so ist ihr zufällig „in die Hände gefallen“, als sie vor vier Jahren eine neue Wohnung suchte.

Die „zahlreichen Pluspunkte – viele Gemeinschaftsräume, dadurch die Erwartung auf Gleichgesinnte und auf ein angenehmes wechselseitiges Unterstützen, ein Passivhaus, die Möglichkeit, in einem bestimmten Rahmen die Wohnung mitzuplanen, erschwingliche Wohnkosten, zentrale Lage, Parknähe und noch vieles mehr“ – all das hat sie gleich begeistert.

Das Solidarische überwiegt

Sie steckt gerade mitten in der Hochphase, denn im November ist Schlüsselübergabe. „Derzeit sind die Arbeitsgruppen, die sich für die verschiedenen Gemeinschaftsräume engagieren, sehr gefordert, denn es gibt viel zu verhandeln, zu überlegen, zu planen. Das ist für alle Beteiligten neu. Die Möglichkeiten und Grenzen müssen ausgelotet werden. Gar nicht so einfach. „Als BewohnerInnen-Beirätin – wunderbares Wort, das eh schon vieles sagt – sehe ich meine Aufgabe darin, zu koordinieren, zu informieren, zu vernetzen, zu überprüfen. Im Interesse der BewohnerInnen.“ Klingt nach Konfliktpotenzial – oder doch eher Kooperation? „Beides! Klar, wir leben ja nicht auf einer Insel. Aber wir stehen erst am Anfang. Für mich ist das auch nicht aufwendig, sondern bereichernd. Ich wende zwar Zeit auf, aber ich bekomme ja etwas zurück, weil ich damit meine nächste Umwelt mitgestalte. Und diese Gelegenheit gibt’s ja nicht oft.“

Auch wenn das so.vie.so darauf ausgelegt ist, dass die BewohnerInnen aktiv und solidarisch miteinander leben und sich organisieren – sie müssen nicht. Man darf natürlich auch anonym bleiben – oder wie BewohnerInnen-Beirätin Irmgard Winkler meint: „Wir können unsere Wohnungstür hinter uns zumachen, wenn uns etwas zu viel wird.“ Aber sie ist zuversichtlich, dass die Solidarität untereinander bleibt und eine gute Nachbarschaft erwächst. „Es lässt sich gut an: Ich habe bei den letzten Besprechungen viel konstruktives Miteinander erlebt und bin sehr optimistisch, dass auch in Zukunft das Miteinander, das Solidarische überwiegt.“ Und wenn es nicht funktioniert? „Dann gibt es natürlich ein Worst-Case-Szenario“, so Manuel Hanke. „Dann wohnt man einfach nur nebeneinander, wie in den meisten Teilen der Stadt.“ Das werden die BewohnerInnen aber zu verhindern wissen, denn sie haben sich dafür entschieden und arbeiten hart an einem besseren, einem partizipativen und einem solidarischen Wohnen im Sonnwendviertel.

Mehr Info unter:
www.sovieso.at
www.sonnwendviertel.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor martin.haiden@tele.at oder die Redaktion aw@oegb.at

Artikel weiterempfehlen

Kommentar verfassen

Teilen |

(C) AK und ÖGB

Impressum