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Symbolfoto zum Bericht "Leben im Gemeindebau" Der kommunale Wohnbau, eine Ikone des "Roten Wien", erzšhlt bald eine 100-jšhrige Geschichte.
Leben im Gemeindebau

Leben im Gemeindebau

Schwerpunkt

Der kommunale Wohnbau des "Roten Wien" stand lang fŁr ein besseres Leben sozial Schwacher. Heute sind die ehemaligen Arbeiterquartiere oft sozialer Brennpunkt.

Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen“, sagte der Wiener Bürgermeister Karl Seitz 1930 anlässlich der Eröffnung des Karl-Marx-Hofes im 19. Wiener Gemeindebezirk. Der kommunale Wohnbau, eine Ikone des „Roten Wien“, erzählt bald eine 100-jährige Geschichte. Damals mit dem Ziel erbaut, die desaströsen Wohn- und Lebensverhältnisse von ArbeiterInnen zu verbessern, sprechen die Steine der mächtigen Bauten im „Arbeiterbarock“ auch heute noch eine Sprache des sozialen Miteinanders. Wenn auch eine andere.

Neues Lebensgefühl

In einem Wiener Gemeindebau zu wohnen war etwas Besonderes. Bis 1920 war die Wohnsituation in Wien äußerst schlecht. Um 1900 lebten etwa 300.000 Menschen in Wien ohne Wohnung. Mit dem Metzleinstalerhof im 5. Bezirk läuteten die Sozialdemokratinnen und -demokraten eine neue Ära ein, die das Landschaftsbild ebenso prägen sollte wie die Wiener Kultur – die Ära des kommunalen Wohnbaus. Architektonisch selbstbewusst und strotzend vor Ideologie versprachen die „Arbeiterquartiere“ nicht nur komfortables Wohnen. Wiener Gemeindebauten standen für ein neues Lebensgefühl, ein neues Selbstbewusstsein der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung. Jede Wohnung verfügte über Wasser und Strom. Zahlreiche Sozialeinrichtungen wie Wäschereien, Kindergärten, Bibliotheken oder Lehrwerkstätten sowie große, begrünte Innenhöfe ergänzten das Wohnen um soziale und funktionale Facetten, die das Leben der BewohnerInnen deutlich verbesserten. Der kommunale Wohnbau in Wien ist ein Vorzeigeprojekt mit internationaler Anerkennung.

Heute leben knapp 500.000 Menschen, also ein Viertel der Wiener Bevölkerung, in den rund 2.300 Wiener Gemeindebauten. Kathrin F. ist bald eine davon. Die 18-jährige Studentin wird noch heuer in eine Zweizimmerwohnung in den denkmalgeschützten Reumannhof am Margaretengürtel einziehen. Ob allein oder mit einer Freundin steht noch nicht fest. Kathrin kommt aus einer klassischen Bildungsfamilie. Beide Eltern haben studiert, ihre Geschwister ebenso. Dem Bild einer typischen Gemeindebaubewohnerin entspricht Kathrin wenig. Denn trotz zunehmender Verjüngung wohnen im Gemeindebau etwa viermal häufiger ältere Menschen über 65 Jahre als beispielsweise in geförderten Neubauwohnungen. Laut einer Studie von SORA im Jahr 2010 sind MieterInnen von Gemeindewohnungen im Schnitt älter, haben ein geringeres Bildungsniveau und ein geringeres Haushaltseinkommen als BewohnerInnen von geförderten Neubauwohnungen.

30 Prozent der BewohnerInnen von Gemeindewohnungen lebten 2008 unter der Armutsgrenze. Mit der Öffnung des Wohnungszugangs für Drittstaatsangehörige im Jahr 2006 ist der Anteil an Migrantinnen und Migranten im Gemeindebau weiter gestiegen. Den größten Anteil stellen mit elf Prozent Menschen türkischer Herkunft. Den „Alteingesessenen“ gefällt diese Entwicklung zumeist nicht. 2006 befragte das Institut für Soziologie 216 BewohnerInnen von drei Gemeindebauten in Wien Floridsdorf über die Zufriedenheit des Zusammenlebens im Gemeindebau. 57 Prozent bewerteten das Zusammenleben mit Migrantinnen und Migranten als negativ, 34 Prozent bemängelten das Miteinander zwischen Alteingesessenen und neu Zugezogenen und 21 Prozent kritisierten jenes zwischen Jung und Alt. Vincent Wohinz kennt diese Zahlen, so wie er auch all die Wehwehchen der BewohnerInnen kennt, wenn sie ihren Ärger bei ihm entladen. Wohinz ist so etwas wie ein Gemeindebau-Coach. Er und seine rund 100 Kolleginnen und Kollegen von „wohnpartner unterwegs“ stehen den Gemeindebaubewohnerinnen und -bewohnern seit 2010 mehrmals wöchentlich für Beschwerden und Anregungen zur Verfügung.

WohnpartnerInnen

Die meisten davon sind ausgebildete SozialarbeiterInnen. Knapp die Hälfte der WohnpartnerInnen hat selbst Migrationshintergrund, was den Kontakt zu Gemeindebaubewohnerinnen und -bewohnern aus demselben Herkunftsland erleichtert. „Bei Konflikten geht es um Gefühle. Und die kann man in der Muttersprache am besten ausdrücken“, so Josef Cser, Leiter von Wohnpartner Wien.

Die Themen sind fast immer die gleichen: Die Jungen fahren mit dem Rad im Innenhof herum, obwohl das nur bis zum zwölften Lebensjahr erlaubt ist. Außerdem sei in den Anlagen nur noch türkisch zu hören. Migrantinnen und Migranten würden sich überall breit machen, ihre Teppiche und Leintücher in der Waschküche herumliegen lassen und den ganzen Tag Zwiebel anbraten. Vor allem würden sie nicht grüßen, was laut Cser häufig der Stein des Anstoßes ist. Die Öffnung der Gemeindewohnungen für Nicht-EU-BürgerInnen habe zu großer Verunsicherung geführt. Gerade ältere MieterInnen zeigen sich Neuen gegenüber skeptisch. Wenn diese dann Kopftücher tragen und sich nicht erwartungsgemäß verhalten, stößt das schnell auf Ablehnung. Wohinz und seine Kolleginnen und Kollegen haben in diesen Fällen die Aufgabe, zu vermitteln und kulturelle Missverständnisse zu überbrücken. Vor allem aber sollen die Wohnpartner den Mieterinnen und Mietern im Gemeindebau das Gefühl geben, dass sie nicht allein gelassen werden – eine Aufgabe, die einst den Hausbesorgerinnen und -besorgern zukam.

Kathrin F. hat von den Querelen schon einen ersten Vorgeschmack bekommen. Bei der Besichtigung ihres neuen Zuhauses wurde sie bereits von der Nachbarin, einer älteren Frau, auf den Lärm im Innenhof hingewiesen. Außerdem traue sie sich kaum noch die Wohnung zu verlassen, seit so viele Leute mit Kopftuch herumlaufen. Das Image der Wiener Gemeindebauten hat mit Prestige und Stolz der BewohnerInnen nicht mehr viel gemein. Häufig wird der steigende Anteil an Migrantinnen und Migranten im Gemeindebau dafür verantwortlich gemacht. Laut Wohnpartner-Statistik haben jedoch nur zwei Prozent der Konflikte ihre Wurzeln in kulturellen Differenzen. Viel schwieriger gestaltet sich das Zusammenleben zwischen Jung und Alt. Migrantinnen und Migranten als Vorwand zu nehmen ist einfacher, so Wohinz. Für die FPÖ, die gerne in den Gewässern der Gemeindebauten fischt, ist das ein gefundenes Fressen.

Politisch umkämpft

Gemeindebauten sind politisch heiß umkämpfte Reviere. Immer wieder versuchen Parteien, den Roten das Zepter über das kommunale Wohnen aus der Hand zu nehmen, um selbst aus dem Wählerpotenzial zu schöpfen. Die ÖVP kritisierte im Wahlkampf fehlende soziale Gerechtigkeit im Gemeindebau. Auch gut Verdienende würden für wenig Geld im Gemeindebau wohnen und Bedürftigen den Wohnplatz wegnehmen. Sie fordert Einkommens-Checks, also die Evaluierung der Einkommen nach einer bestimmten Zeit. Wer den sozialen Kriterien für eine Gemeindewohnung nicht mehr entspricht, soll zur Kassa gebeten werden. Die Sozialdemokratie versucht, das angekratzte Image der Gemeindebauten anders aufzupolieren. „Soziale Durchmischung“ heißt das Zauberwort, auf das die Roten schwören – eine ausgewogene Mischung von Jung und Alt, von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, von Einkommensschwachen und besser Verdienenden, von gut und weniger gut Gebildeten. Um das zu gewährleisten, wurden 2010 die Einkommensgrenzen für Gemeindewohnungen beachtlich angehoben. Neben der Öffnung für Drittstaatsangehörige 2006 wurde kommunales Wohnen damit um eine weitere soziale Facette reicher. Auch Kathrin leistet einen Beitrag zur sozialen Durchmischung. Sie ist jung und gut gebildet. Ob ihre Nachbarinnen und Nachbarn Mehmet oder Susanne heißen, ist ihr ziemlich egal. Das Leben im Gemeindebau sieht sie wie das Leben im Alltag. Probleme gibt es überall.

2004 wurde der letzte „echte“ Gemeindebau in der Liesinger Rößlergasse gebaut. Seither legt die Stadt ihren Schwerpunkt auf Wohnraumsanierung. Für die Errichtung und Verwaltung von Gemeindewohnungen ist nun das öffentlich-rechtliche Unternehmen Wiener Wohnen zuständig – mit über 220.000 Wohnungen die größte Hausverwaltung Europas. Mit Projekten wie dem Sonnwendviertel beim Hauptbahnhof, der Seestadt Aspern oder dem Nordbahnhofgelände ist der soziale Wohnbau weiterhin äußerst aktiv. Auch deren Steine werden soziale Geschichten erzählen, nur völlig andere als zu Zeiten des „Roten Wien“.

Ausstellung „Waschsalon“:
www.dasrotewien-waschsalon.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin steindlirene@gmail.com oder die Redaktion aw@oegb.at

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