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Symbolbild zum Bericht "13,5 Meter für die MitbürgerInnen" Im Oktober 2009 wurde in Bad Vöslau eine Moschee eröffnet. Neben Wien und Telfs ist sie der dritte prominente Moscheenneubau in Österreich. Anfangs gab es in der Bevölkerung viel Protest gegen die Errichtung ...

13,5 Meter für die MitbürgerInnen

Schwerpunkt

Niederösterreich ist so international wie der europäische Fußball - Kommunikation zwischen einheimischer und migrantischer Bevölkerung ist alles.

Türkei, Deutschland, Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina. Nein, diese Länder spielen nicht in derselben Gruppe um die Qualifizierung zur Fußball-Weltmeisterschaft. Und ja, viele Fußballspieler aus diesen Ländern kennen einander, weil sie europaweit in denselben Vereinen spielen oder in der Bundesliga, der Champions League und der Europa League Konkurrenten sind.

Die Meisten kommen aus der Türkei

Mesut Özil holte zwar mit dem FC Bayern München nicht den Champions League Titel, dafür aber der österreichische Nationalteamspieler David Alaba. Gemeinsam mit Alaba kämpft der Österreicher mit serbischen Wurzeln, Marko Arnautovic, um den Einzug in die Play Offs der WM 2014. Der Bosnier Edin Dzeko hatte mit Manchester City keine Chance gegen den FC Bayern München, dafür feiert er mit vielen Deutschland-Legionären wie Ibisevic, Salihovic und Spahic einen Sieg nach dem anderen in der bosnischen Nationalmannschaft. Die Liste könnte ewig lang so fortgeführt werden. Aber die Türkei, Deutschland, Serbien, Montenegro und Bosnien haben nicht nur erfolgreiche Fußballspieler, sondern auch noch eine andere Gemeinsamkeit. Die meisten Zuwanderinnen und Zuwanderer in Niederösterreich stammen aus diesen Ländern. Die Türkei führt die Gruppe an – mit 25.400 Personen. Knapp dahinter auf Platz zwei liegen die Deutschen mit 25.300, gefolgt von Migrantinnen und Migranten aus Serbien, Montenegro und dem Kosovo (23.200). Etwa 16.000 Zuwanderinnen und Zuwanderer aus Bosnien-Herzegowina leben in Niederösterreich.

Insgesamt betrug der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich Anfang des Jahres 2013 rund 11,9 Prozent, das sind rund eine Million Menschen. Die meisten zieht es in die Bundeshauptstadt, ein Großteil von ihnen aber – mehr als ein Zehntel – lebt und arbeitet in Niederösterreich. „MigrantInnen sollen sich der Kultur ihrer Wahlheimat anpassen.“ Diese Auffassung ist nicht nur in Österreich weit verbreitet. Oft ist es aber für Menschen mit Migrationshintergrund nicht leicht, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden, sich zu integrieren und an der Gesellschaft teilzuhaben. Der Behördendschungel erschwert die Situation zusätzlich: Von alltäglichen Amtswegen über die Kindergartenpflicht, Schulpflicht der Kinder bis hin zur Anerkennung eigener Bildungsabschlüsse. Oft kommen Sprachbarrieren und Erfahrungen von Flucht, Verfolgung und Krieg hinzu. Laut der Studie „Immigrant Youth In Cultural Transition: Acculturation, Identity and Adaptation Across National contexts“ des Autors und Psychologen John Berry gelingt jedoch jenen jugendlichen Migrantinnen und Migranten die Integration am erfolgreichsten, die offen für die neue Kultur sind, aber die Traditionen ihres Geburtslandes nicht vergessen. Für die Studie wurden in einem Zeitraum von zehn Jahren mehr als 5.000 Interviews mit Kindern der ersten MigrantInnen-Generation geführt. „Im Rahmen der NÖ Dorf- und Stadterneuerung entstand in Bad Vöslau der Arbeitskreis Integration, der durch Veranstaltungen wie Sprachenkarussell, Sprachenreise oder gemeinsames Kochen, Menschen aus allen Kulturkreisen zusammenbringt und versucht Vorurteile abzubauen. Durch gemeinsame Aktivitäten erfahren die Menschen mehr über das Leben der Nachbarn und verstehen so besser, warum es manchmal anders zugeht oder am Freitag mehr Autos zur Moschee fahren“, berichtet Christoph Prinz, Bürgermeister von Bad Vöslau, über Maßnahmen der Stadtgemeinde, die gesetzt werden, um gegenseitiges Verständnis und ein besseres Zusammenleben zu fördern.

Auf Dialog setzen

Im Oktober 2009 wurde in Bad Vöslau eine Moschee eröffnet. Neben Wien und Telfs ist sie der dritte prominente Moscheenneubau in Österreich. Anfangs gab es in der Bevölkerung viel Protest gegen die Errichtung – vor allem wegen der geplanten Höhe der Minarette. „Die größte Herausforderung war mit Sicherheit, den Konflikt um den Bau der Moschee im Einverständnis aller beteiligten Gruppierungen zu lösen. Besonders wichtig war, alle politischen Gruppen einzubinden und die Sorgen und Ängste, aber auch die Rechte, wie etwa die freie Glaubensausübung, der Bevölkerung ernst zu nehmen“, sagt Prinz. Am Ende wurde ein Kompromiss gefunden, mit dem alle Beteiligten einverstanden waren. Auch bei der Höhe der Minarette einigte man sich auf 13,5 Meter statt den geplanten 25. „Es gab unzählige direkte Gespräche mit den BürgerInnen bei verschiedensten Veranstaltungen, in denen ich über den Stand der Mediation informieren und Bedenken zerstreuen konnte. In einer großen Abendveranstaltung wurde auch die endgültige Version des Bauprojekts der Bevölkerung vorgestellt“, erzählt der Bürgermeister.

Seit der Eröffnung sind vier Jahre vergangen. Da die Moschee nicht nur den Gläubigen als Ort des Gebetes dient, sondern auch als Kulturzentrum und vielseitige Begegnungstätte genutzt wird, haben viele Vöslauer BürgerInnen diese besucht und gesehen. „Die Menschen sehen, dass die Moschee eine Bereicherung für die Stadt darstellt und für alle Interessierten immer offen steht. Spezielle Veranstaltungen wie ‚Tag der offenen Tür‘, ‚Lange Nacht der Moscheen‘ oder auch gemeinsame Treffen haben viel dazu beigetragen, Informationen weiterzugeben und Vorurteile abzubauen“, freut sich Prinz, dass heute das Zusammenleben problemlos funktioniert. Selfet Yilmaz, ATIB-Vertreter bei den Verhandlungen um den Bau, lobt die Herangehensweise des Bürgermeisters, während der Gespräche Bevölkerung und Medien immer am Laufenden gehalten zu haben: „Die offene Kommunikation war der Schlüssel zum Erfolg.“

Barrieren abbauen

Um ein gutes Miteinander zu schaffen, müssen Barrieren abgebaut werden und Offenheit für andere Kulturen gezeigt werden. Viele Schwierigkeiten entstehen durch mangelnde Deutschkenntnisse und Kommunikationsschwierigkeiten. Deutschunterricht für Eltern, wie in manchen Schulen Österreichs angeboten, gibt es in Bad Vöslau nicht. Jedoch bietet die Frauengruppe „Frauenvielfalt“ eine Deutschgesprächsrunde für Migrantinnen an, berichtet Prinz. In einer gemütlichen Runde können sie ihre Deutschkenntnisse verbessern, da gezielt auf die sprachlichen Bedürfnisse eingegangen wird.

Auch kulturübergreifende Veranstaltungen werden oft organisiert und von allen Bevölkerungsgruppen besucht. „Das Stadtfest im August ist die größte Veranstaltung in Bad Vöslau und immer ein beliebter Treffpunkt aller Kulturen. Hier kann man österreichische Hausmannskost genauso wie türkische Kebabs ausprobieren“, erzählt Prinz und fügt hinzu, dass sehr viele, egal welcher Herkunft, dem Weihnachtsmarkt einen Besuch abstatten.

Miteinander reden

Im Jahr 1961 lebten nur knapp über 100.000 Menschen mit ausländischen Wurzeln in Österreich, meist ArbeitsmigrantInnen. Heute ist es rund eine Million. Und sie sind in vielen Bereichen vertreten, unter anderem im Gesundheitswesen, in der Politik und besonders im Sport. Die Namen Jukic, Alaba, Arnautovic und Körkmaz sind allen gut bekannt und nicht selten lassen sie die Emotionen vieler BürgerInnen hochgehen. Ob Freude, weil Österreich eine Europameisterin im Schwimmen hat, oder Wut, weil Arnautovic nicht nur schnell auf dem Fußballrasen ist, sondern auch auf Österreichs Autobahnen – Emotionen sind vorprogrammiert. Genauso wie Angstgefühle und Unsicherheit bei den Vöslauer BürgerInnen, als sie sich mit etwas Neuem, teilweise Unbekannten konfrontiert sahen. „Ich habe schlicht versucht, die Wünsche von ATIB und die Ängste der Menschen durch viele offene Gespräche in Einklang zu bringen. Teilweise funktioniert die Integration in Bad Vöslau heute sogar besser als vor der Debatte. Davor haben die unterschiedlichen Gruppen einfach nebeneinander gelebt, es gab keine Probleme, weil es keine Berührungspunkte gab. Durch das Bauprojekt waren wir alle gezwungen uns zu entscheiden, ob wir in Zukunft miteinander oder gegeneinander leben wollen“, erzählt Bürgermeister Prinz. „Bad Vöslau“ scheint ein Beispiel dafür zu sein, dass mit guter und offener Kommunikation viele Probleme gelöst werden können. Und wer weiß, vielleicht treffen sich am Bad Vöslauer Sportplatz bereits die nächsten Klein-Alabas, Klein-Özils und Klein-Dzekos und trainieren fleißig, um später den Einzug zur Fußball-WM zu schaffen.

Mehr Info unter:
www.integrationsfonds.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin amela.muratovic@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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