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Junge Menschen setzen sich mit Räumen - vor allem öffentlichen Räumen - auseinander. Sie nutzen diese unabhängig von ihrer "offiziellen" Funktion. Raum ist für sie Ort der Begegnung, des Auslebens ihrer jugendkulturellen Vorlieben ...

Chillen, Tanzen, Tischfußball - ein sozialräumliches Angebot?

Schwerpunkt

Offene Jugendarbeit ist auch 2013 weder veraltet noch überflüssig.

Als klassischer Ort der offenen Jugendarbeit gelten Jugendzentren. Die gibt es schon recht lange. Zum Beispiel wurde das Haus der Jugend in der Wiener Zeltgasse bereits im Jahr 1955 (damals vor allem als Ort der verbandlichen Jugendarbeit) eröffnet. Heute gibt es eine Vielfalt von Formen der offenen Jugendarbeit: Einrichtungen wie Jugendzentren, -treffs, -cafés samt der von dort ausgehenden herausreichenden Jugendarbeit, mobile Jugendarbeit oder Parkbetreuung. Sie alle werden rege genutzt. Aber was bewegt junge Menschen, diese Angebote der offenen Jugendarbeit zu nutzen? Geht es dort vor allem um Tischfußball, günstiges Cola und Rückzugsräume abseits der Aufsicht von Eltern, AusbildnerInnen … oder wird mehr geboten? Und wie geht das mit den Ansprüchen der offenen Jugendarbeit an sich selbst zusammen?

Offenheit und Niederschwelligkeit

Das Selbstverständnis der offenen Jugendarbeit ist vom professionellen Anspruch gekennzeichnet. Sie folgt den Handlungsprinzipien Offenheit und Niederschwelligkeit (keine Mitgliedschaft und/oder andere Hürden für die Teilnahme), Freiwilligkeit (kein Zwang zur Teilnahme an Angeboten), Überparteilichkeit und Überkonfessionalität sowie Orientierung an Ressourcen, Bedürfnissen und der Lebenswelt junger Menschen. Selbstbestimmung und Partizipation sind zentrale Ziele, Genderperspektive und Diversität maßgebliche Punkte. Als wichtigen Auftrag sieht sie die Unterstützung junger Menschen in ihrer Entwicklung, bei der Erweiterung ihrer Handlungskompetenzen und bei der Mitsprache in Bezug auf alle sie betreffenden Entscheidungen. Die Zielgruppe sind junge Menschen, unabhängig von Geschlecht oder Zugehörigkeit zu ethnischen, religiösen, sprachlichen, politischen, gesellschaftlichen, sozialen … Gruppen oder Schichten.
Offene Jugendarbeit ist ein Bildungsort – nicht im Sinne von formaler Schul- oder Ausbildung. Vielmehr geht es darum, ein Experimentierfeld zu sein, das einerseits Bildungsprozesse als Lernen durch Erfahrungen und Begegnungen anregt (informelle Bildung), andererseits intendierte Bildungsprozesse durch Programme und Aktionen in Gang setzt (nonformale Bildung).
Offene Jugendarbeit wirkt präventiv – durch Angebote, die an den Stärken und Fähigkeiten der Jugendlichen ansetzen und damit ihren Selbstwert und ihr Selbstbewusstsein steigern. Sie unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung und damit die Gesundheit in einem ganzheitlichen Sinn durch Aktionen und Aktivitäten, in denen Handlungsalternativen erweitert werden, und indem sie Themen wie Gewalt, Gesundheit, Sucht, Sexualität usw. aufgreift und gemeinsam mit den jungen Menschen bearbeitet.

Raum in Besitz nehmen

Zentral in der offenen Jugendarbeit ist der sozialräumliche Blick bzw. die Unterstützung von sozialräumlicher Aneignung: Junge Menschen setzen sich mit Räumen – vor allem öffentlichen Räumen – auseinander. Sie nutzen diese unabhängig von ihrer „offiziellen“ Funktion. Raum ist für sie Ort der Begegnung, des Auslebens ihrer jugendkulturellen Vorlieben, eine Bühne, ein Treffpunkt, Definition von Zugehörigkeit und Abgrenzung. Sie nehmen Raum in „Besitz“, kennzeichnen Räume, durchstreifen sie und laden sie mit Bedeutung auf. Der soziale Raum ist für junge Menschen Lern- und Erlebnisraum. Das müssen JugendarbeiterInnen im Blick haben – unabhängig davon, ob sie in einem Jugendzentrum (das ja auch eine Form von öffentlichem Raum darstellt) arbeiten oder ob ihr Arbeitsplatz Straßen, Parks, Freiflächen, Treffpunkte sind.

Wahrgenommen und ernst genommen

Junge Menschen wünschen sich vor allem, wahrgenommen und ernst genommen zu werden. Jugendliche erleben, dass sie und ihre Lebenswirklichkeit negativ definiert werden: Sie sind keine Kinder mehr und doch noch keine Erwachsenen. Sie sollen Kindern ihren Platz (z. B. Spielplätze) lassen und Erwachsene nicht stören. Ihr Ziel ist daher in erster Linie das So-Sein-Dürfen. Mit einem Ort, von dem sie nicht vertrieben werden, sind viele zunächst schon einmal zufrieden. Daher suchen sie Orte der offenen Jugendarbeit auf. Auf die Frage, warum ein Jugendzentrum wichtig ist, antworten sie oft „Da kann ich hingehen“ oder „Dort kann ich meine Freunde treffen und chillen“. Tatsächlich geht es aber schnell um mehr: Nach Phasen des Kennenlernens, des Tischfußballspielens und Musikhörens verändert sich das Verhältnis zur Jugendeinrichtung und den dort tätigen JugendarbeiterInnen. Dann wird die eigene Lebensrealität zum Thema – einerseits Wünsche und Interessen, andererseits Anliegen und konkrete Probleme. Das reicht dann von der Forderung nach Unterstützung bei der Verbesserung der Infrastruktur im Grätzel/Ort/Stadtteil über die Mitgestaltung und -entscheidung von Programmen und Aktionen der offenen Jugendarbeit bis zur Suche nach Information und Hilfe bei der Bewältigung unterschiedlicher Lebenslagen.
„Warum fahren wir nicht einmal ein Wochenende gemeinsam weg?“, fragen sie, aber auch: „Hilfst du mir bei meiner Bewerbung?“ oder „Was sagst du zu den Demonstrationen in der Türkei?“. Die Themen decken das ganze Spektrum jugendlichen Lebens ab: Freizeitgestaltung, Familie und Beziehung, Jugendkulturen, Politik, Gestaltung und Zugänge im öffentlichen Raum, Schule/Ausbildung/Beruf … Alles wird und ist Inhalt offener Jugendarbeit – wenn es nur von den Jugendlichen kommt oder aufgenommen wird.
Natürlich ist Macht auch immer ein Thema. Wer bestimmt über Musik, Gestaltung, Stimmung, Programm im Jugendzentrum oder im Park? Wer besetzt die wichtigen Punkte wie Fußballkäfige oder den Tischfußballtisch? Daher muss immer auch vermittelt werden – zwischen unterschiedlichen Jugendkulturen, zwischen den Interessen Einzelner und denen von Cliquen, zwischen zeitweise vordergründig dominanten Männlichkeitskulturen und den oft leiser vorgebrachten Bedürfnissen von Mädchen/jungen Frauen. Offene Jugendarbeit ermöglicht den momentanen NutzerInnen Identifikation mit „ihrem“ Raum und bewahrt trotzdem die Offenheit für andere Gruppen.

Raum für die Jugend

Um gute Jugendarbeit leisten zu können, braucht es entsprechende Räume. Das können Einrichtungen wie Jugendcafés, -treffs, -zentren sein, aber eben auch öffentliche Räume. Sie müssen nur jugendgerecht sein, das heißt vielfältig nutzbar. Klar definierte Räume schränken die vielfältigen Ideen, Vorstellungen und Umdeutungen ein, die unterschiedliche Jugend erst lebbar machen. Ausstattung ist natürlich wichtig – ein Jugendraum ohne Internet ist heute fast ebenso undenkbar wie ein Jugendzentrum ohne Plattenspieler vor 25 Jahren. Der Tischfußballtisch fehlt auch nur selten. Aber viel mehr geht es um Möglichkeiten und Veränderbarkeit.
Übrigens: Das oft gezeichnete Bild des Jugendcafés als dunkler Raum mit schwarzen Wänden, ein paar zerschlissenen Sofas und einer halb zerstörten Einrichtung entsprach und entspricht nicht der Realität – auch weil so ein Raum nur für einen kleinen Teil der jungen Menschen interessant ist.
Um den Ansprüchen – sowohl der offenen Jugendarbeit in ihrem Selbstverständnis als auch vonseiten der Jugendlichen – gerecht zu werden, braucht es professionelle JugendarbeiterInnen. Es reicht nicht, halbwegs gut Tischtennis spielen zu können. JugendarbeiterInnen sind gut ausgebildet und kennen sich aus: Sie können Antworten geben (oder zumindest Hinweise darauf, wo Antworten zu finden sind), sie erkennen Dynamiken zwischen und innerhalb von Gruppen und reagieren darauf. Sie sind offen für die Anregungen und Wünsche der Jugendlichen und organisieren selbst Programme und Aktionen, die neue Erfahrungen bieten. Sie stehen immer auch als Personen im Raum – es wird auf ihre Authentizität geachtet und ihr Handeln wird scharf beobachtet. Gerade für die Zielgruppen im Lebensalter Jugend, in dem vieles ausprobiert, verworfen, neu gestartet wird, sind sie als vielfältige Rollenvorbilder gefragt.
Das alles ist und bietet offene Jugendarbeit 2013. Sie ist weder veraltet noch überflüssig. Sie ist ein Angebot und eine Ressource für alle Jugendlichen und alle Jugendformen – die sie auch ständig nutzen. Und sie macht Spaß – den Jugendlichen und den JugendarbeiterInnen.

Bundesweites Netzwerk Offene Jugendarbeit:
www.boja.at
Verein Wiener Jugendzentren:
www.jugendzentren.at
Offene Jugendarbeit in Österreich – Eine erste Begriffsklärung, Download unter:
tinyurl.com/pkogl7v

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor p.dickinger@jugendzentren.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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