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"Dass Jugendlichen die Familie wichtig ist, wird vielfach als neues Biedermeier missinterpretiert", stellt der Sozialforscher fest.

Politisch desinteressierte Jugend?

Schwerpunkt

Mit dem Thema soziale Gerechtigkeit und niederschwelligen Partizipationsformen lassen sich Jugendliche ansprechen.

Die politisch desinteressierte Jugend ist ein ebenso großes Vorurteil wie jenes, dass sich Jugendliche jedes Wochenende ins Delirium trinken: Mit dieser Einschätzung steht Sascha Ernszt von der Österreichischen Gewerkschaftsjugend nicht allein da. Auch in der Bundesjugendvertretung hält man dagegen: „Jeder zweite Jugendliche engagiert sich ehrenamtlich, und die Wahlbeteiligung der Jugendlichen ist ähnlich hoch wie die allgemeine“, meint deren Vorsitzender Jim Lefebre.

Eine Chimäre

Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung nennt das Bild gar eine Chimäre. Der Sozialforscher ist einer der Autoren der jüngsten Jugendwertestudie, die im Auftrag der Arbeiterkammer durchgeführt wurde. Zwar kommt diese zu dem Schluss, dass Politik „nicht zu den wichtigsten Lebensbereichen der österreichischen Jugend“ zählt. Sehr wohl aber interessieren sich Jugendliche für bestimmte politische Themen, eines davon ist wenig überraschend die Bildungspolitik. „Ausbildung steht im Vordergrund und dabei vor allem die finanzielle Absicherung“, erzählt Jugendvertreter Lefebre. „Da geht es um Fragen wie: Wie kann ich mir meine Ausbildung oder mein Studium finanzieren? Wie kann ich mein Leben neben der Ausbildung finanzieren? Da geht es um Beihilfen oder Studentenjobs.“ Viel diskutiert werde auch die Zentralmatura. „Besonders wichtig ist den Jugendlichen auch die Qualität des Lehrkörpers und des Unterrichts sowie dass Bücher und Ausstattung auf dem aktuellen Stand sind“, geht Lefebre ins Detail.
Darüber hinaus interessiert Jugendliche alles, was mit ihrer Alltagswirklichkeit zu tun hat: Freundschaften, Beziehungen, Familie und Jugendszenen. „Alles, was in unmittelbarer Umgebung ist“, fasst Jugendkulturforscher Ikrath zusammen. „Total falsch“ sei auch die Aussage, wonach Jugendliche heute konservativer würden: „Dass Jugendlichen die Familie wichtig ist, wird vielfach als neues Biedermeier missinterpretiert“, stellt der Sozialforscher fest. Jugendliche würden dabei weniger an die eigenen Familienpläne denken. So ergab die Jugendwertestudie, dass die Jugendlichen sich erst beruflich selbst verwirklichen wollen, bevor sie eine Familie gründen.

Ort echter Solidarität

Die Statistik bestätige, dass dies auch schon Realität ist, so Ikrath: „Das Erstheiratsalter liegt heute bei 30 Jahren.“ Vielmehr gehe es um die „Herkunftsfamilie“. Diese werde von den Jugendlichen als der Ort definiert, „in dem sie noch echte Solidarität finden“ – und somit ein Gegenstück zur unübersichtlichen Welt, in der sie leben. Vor diesem Hintergrund mag es weniger erstaunlich klingen, dass sich die Jugend auch stark mit dem Thema Pensionen beschäftigt, wie die Jugendwertestudie ergab. Es ist wohl Ausdruck der in die Krise geratenen materiellen Welt, dass sie sich gerade mit finanzieller Absicherung in allen Lebenslagen befasst. „Lebensabsicherung“ nennt es Jugendvertreter Lefebre.

Individualität als wichtiger Wert

So komplex wie die Welt geworden ist, so komplex ist auch das Phänomen des politischen Engagements von jungen Menschen. Gerade Institutionen würden Jugendliche kein Vertrauen entgegenbringen: „Sie befürchten, sich einem großen Apparat auszuliefern, der sie ihrer Individualität beraubt.“ Darin unterscheiden sich die Jugendlichen von heute nicht mehr stark von VertreterInnen ihrer Elterngeneration: „Klar hören sie das auch von zu Hause“, bestätigt Ikrath. Auch ÖGJler Ernszt meint, dass nicht die Bereitschaft sich zu engagieren geringer werde: „Die Art hat sich verändert, vieles läuft über Social Media wie Facebook und Twitter“, erzählt er von seiner Arbeit. „Politische Treffen sind eher unattraktiv, da heutzutage jeder so beschäftigt ist, dass wenige sich für so etwas Zeit nehmen.“  Inzwischen versuchen die politischen Parteien auf die veränderten Bedürfnisse der Jugendlichen zu reagieren. Für Jugendkulturforscher Ikrath aber sind diese Bemühungen noch wenig ausgereift: „Verzweifelte Social-Media-Aktivitäten und Hunderttausende Partizipationsangebote, die aber selten an den Bedürfnissen der Jugendlichen ansetzen“, lautet sein Urteil.
Dabei gibt es durchaus ein großes Potenzial, denn eine andere Studie des Instituts für Jugendkulturforschung kommt zu dem Schluss: „Trotz der eher abwartend distanzierten oder resignativen Haltung gegenüber der Politik verbleiben die Zustimmungswerte zur Demokratie auf konstant hohem Niveau, auch wenn der Ruf nach einem starken Mann heute etwas lauter erschallt als früher.“ Allerdings reicht es laut Ikrath nicht, wenn man versucht, Jugendlichen Politik näherzubringen, indem man Jugendparlamente veranstaltet. Damit werde nur „der Anschein von Partizipation erweckt, denn sie haben nicht das Gefühl, etwas bewirken zu können“. Hinter diesen Aktivitäten sieht der Jugendkulturforscher das Bemühen, möglichst systemadäquate Jugendliche hervorzubringen. Jugendliche, die Dinge infrage stellen, könne man so nicht erreichen. „Dem juvenilen Mainstream geht das am Arsch vorbei“, sagt Ikrath zugespitzt.

Informell und spontan

Wenn sich die Jugendlichen politisch engagieren, so verbindet sie laut Jugendwertestudie eines: Es ist niederschwellig. „Die Hälfte von ihnen ist gegenwärtig in der einen oder anderen Form für andere aktiv, allerdings sucht man eher nach nichttraditionellen, informellen oder spontanen Formen des Engagements: in der eigenen Nachbarschaft, in selbstorganisierten Projekten oder in-dem man mit offenen Augen durch den Alltag geht und dort hilft, wo Hilfe gerade benötigt wird.“ Die Herausforderung für die Politik besteht darin, dass es sich um „ein kaum fassbares, individuel-les Engagement, das von allen unterschiedlich definiert wird“, handelt, wie es Jugendkulturforscher Ikrath formuliert.

Keine alten Anzugträger

Auf die Frage, welche Parteien Jugendliche besonders ansprechen, antwortet Ikrath mit Blick auf die bevorstehende Nationalratswahl: „Parteien, die es schaffen, einen bestimmten Lebensstil zu verkörpern, wie die Grünen oder die FPÖ. Grundsätzlich trifft das auch auf die Piraten zu, auch wenn ich nicht sicher bin, ob sich das auch in Stimmen ausdrücken wird.“ Bei der Liste Stronach komme zwar der „rebellische Gestus gut an, auch die Vorurteile, die er gegenüber dem System äußert“. Aber Ikrath hat große Zweifel daran, dass sie Stronach deshalb wählen würden. Auch Ernszt bestätigt: „Die Jugendlichen wollen keinen alten Anzugträger, sondern jemanden, der oder die sich in seinem Denken abhebt oder in der Form, wie er oder sie sich gibt – egal was die Person von sich gibt.“ Dies gelte bei Erwachsenen aber genauso, merkt der Junggewerkschafter an. Auf der inhaltlichen Ebene gibt Jugendkulturforscher Ikrath den Parteien folgenden Tipp mit auf den Weg, wenn sie Jugendliche bei der Nationalratswahl für sich gewinnen wollen: Soziale Gerechtigkeit auf die Agenda setzen. „Die große Mehrheit meint, dass die Gesellschaft immer ungerechter wird, und sie empfinden sich als Leidtragende: Die Schere zwischen Alt und Jung wird immer größer“, so der Jugendkulturforscher.
Besondere Sorgen würden sie sich nicht nur um die Zukunft der Pensionen machen, auch von der Arbeitsmarktsituation sehen sie sich als besonders betroffen: „Das trifft im Übrigen ebenso auf niedrig wie auf hoch Qualifizierte zu“, betont der Jugendkulturforscher. Die niedrig Qualifizierten seien nicht zuletzt durch die Abwertung der Bildungsabschlüsse unter Druck. Die höher Qualifizierten wiederum würden sich Sorgen machen, weil am Arbeitsmarkt immer mehr Erfahrungen verlangt werden, Stichwort Generation Praktikum. „Die Jungen wollen sichere Arbeitsplätze, Spaß am Leben, gescheite Löhne, um sich ihren Lifestyle leisten zu können“, fasst es Junggewerkschafter Ernszt zusammen.

Jugendwertestudie der AK Wien:
tinyurl.com/o48elhg

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin sonja.fercher@chello.at  oder die Redaktion aw@oegb.at

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