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ÖGJ-Vorsitzender Sascha Ernszt ÖGJ-Vorsitzender Sascha Ernszt: "Das ist eines meiner Ziele - den Jugendlichen in den nächsten Jahren zu vermitteln, dass Gewerkschaftsarbeit Spaß macht und wir eine 'Community' sind."

Es geht um die Gemeinsamkeit

Interview

ÖGJ-Vorsitzender Sascha Ernszt über die jungen Leute von heute, Mitgliederwerbung, Schulabbruch und Ausbildungsgarantie.

Zur Person
Sascha Ernszt
Geboren: 7. April 1988 in Wien
Erlernter Beruf: Elektroenergietechniker
Gewerkschaftliche Funktionen:
2007–2011 Jugendvertrauensrat bei Siemens AG,
seit 2011 Betriebsrat Siemens AG
seit 2009 Landesjugendvorsitzender der PRO-GE Wien
seit 2009 stv. Bundesjugendvorsitzender PRO-GE
seit 2013 Bundesvorsitzender der ÖGJ
seit 2013 Mitglied des ÖGB-Vorstands

Arbeit&Wirtschaft: Sascha Ernszt, du wurdest im April dieses Jahres zum neuen Vorsitzenden der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) gewählt. Mit 25 Jahren gehörst du zu den sogenannten „Digital Natives“, den jungen „Eingeborenen“ in der digitalen Welt, groß geworden mit Mobiltelefon und Computer. Wann war heute Früh dein erster Griff zum Handy?

Sascha Ernszt: Ich habe es heute vom Stecker runtergenommen und erst in der Arbeit das erste Mal angeschaut. Wenn wie heute meine Freundin bei mir schläft, ist es mir wichtiger, mit ihr zu reden, der Griff zum Handy kommt früh genug. Mir ist auch wichtig, dass das Handy nicht neben dem Bett liegt. Wenn ich schlafe, schlafe ich und das ist meine Zeit. Untertags schaue ich eh genug drauf. Ich kann aber auch abschalten – wenn ich am Berg bin, bin ich eben nicht erreichbar. Ich versuche mir da Zeiten der Abstinenz einzurichten.

Wie war deine Politisierung?

Ich habe die HTL in der zweiten Klasse abgebrochen und bin dann zur Firma Siemens gekommen. Das war ein einschneidender Moment, an den ich gerne zurückdenke. Am ersten Arbeitstag wurden wir am Eingang abgeholt und in die Lehrwerkstätten gebracht. Ich dachte damals: „Das ist eigentlich genau das, was du nie in deinem Leben machen wolltest, eine Lehrausbildung.“ Dann war es rettender Anker und meine letzte Chance. Weil ich der Älteste in meiner Gruppe war, sind die anderen oft zu mir gekommen: „Sascha, frag du nach, mach du das …“ Ich habe mich einfach getraut zu fragen, ob wir Pause machen können, früher Schluss oder solche Dinge.
Nach den ersten zwei Wochen haben sich Gewerkschaft und Betriebsrat bei uns Lehrlingen vorgestellt. Wir waren damals ca. 40 Lehrlinge und bekamen die Mitgliedsanmeldung. Da habe ich mir schon gedacht: „He, die wollen Geld von mir.“ Es wurde uns zwar viel erklärt, aber irgendwie war nichts greifbar.
Bei der Gewerkschaftsanmeldung haben mich alle gefragt: „Unterschreibst du das? Wenn du nicht unterschreibst, unterschreib ich auch nicht.“ Am Anfang haben wir uns irgendwie gewehrt. Aber dann habe ich mir gedacht, die machen sicher etwas Gutes für uns, aber schauen wir uns das einmal genauer an. Eine Woche später wurde ich zum Gruppensprecher gewählt und dann schließlich Jugendvertrauensrat. PRO-GE-Jugendsekretär Christian Illitz war übrigens mein Vorgänger dort. Ein Kollege wurde Vorsitzender, ich Stellvertreter. Der war auch in seiner Heimat im Burgenland parteipolitisch engagiert. Wir haben viel gelernt und er war in manchem ein Vorbild. Ich war immer Nummer zwei oder drei – also eine Position, in der man viel bewegen kann, aber sich auch noch von den anderen was abschauen.
Interessanterweise hat mein Vater, der verstorben ist, als ich eineinhalb Jahre alt war, denselben Weg eingeschlagen: Er war Betriebsrat bei Siemens. Ich habe mir während der Lehre gedacht, dass ich mich nicht blöd aufführen sollte, weil mein Vater auch in dieser Firma gearbeitet hat. Irgendwann hat dann meine Mutter im Verlauf meines Weges gesagt: „Unglaublich, du bist wie dein Papa, obwohl du ihn kaum kennengelernt hast.“ Das fasziniert sie bis heute.
Ich weiß nicht, ob Hilfsbereitschaft angeboren ist. Ich habe mich nie gescheut, zu einem Ausbilder hinzugehen und zu sagen: „Das passt so nicht.“ Ich habe vielleicht auch die richtige Art gehabt, bin freundlich geblieben. Die Ausbilder haben außerdem gut reagiert: „Passt, mir dir kann man wenigstens reden – wir regeln das gemeinsam.“

Und dann hast du beschlossen, dieses Talent für die ÖGJ einzusetzen?

Zur ÖGJ bin ich eigentlich nicht wegen des Gewerkschaftsgedankens gekommen. Das hat sich bei mir erst später gefestigt. Als ich bei den ersten Gewerkschaftssitzungen war, bin ich vor allem wegen der coolen Leute hingegangen. Da sind Freundschaften entstanden, wir sind nach der Sitzung fortgegangen, haben uns privat getroffen. Ich war auf vielen Veranstaltungen, wo ich mitarbeiten konnte, bin im ÖGJ-Bus durch ganz Österreich gefahren – das wollte ich immer schon gerne machen, auch wenn es in meiner Privatzeit ist und ich kein Geld dafür bekomme. Du triffst dich einfach mit Menschen, mit denen du gerne unterwegs bist. Ich war dann immer dabei, habe viele neue Leute kennengelernt. Dann noch mitreden können, mitbestimmen können war der coole Nebeneffekt.

Auf gemeinsames Erleben setzt auch die Jugendorganisation der finnischen BauarbeiterInnen-Gewerkschaft, wie wir in diesem Heft berichten.

Das ist auch eines meiner Ziele: den Jugendlichen in den nächsten Jahren zu vermitteln, dass Gewerkschaftsarbeit Spaß macht und wir eine „Community“ sind. Es geht um die Gemeinsamkeit. Der politische Nebeneffekt geht Hand in Hand damit. Viele Junge wollen einfach irgendwie jemandem helfen. Und sie wollen mit anderen zusammen sein, zu einer Gruppe gehören. Bei unserer Arbeit in der ÖGJ erleben wir genau das: Wir haben Spaß, wir haben mit Leuten zu tun, wir helfen Leuten.

Glaubst du, dass sich eure Generation stark von den Eltern und Großeltern unterscheidet?

Der Informationsfluss ist sicher größer, die Ablenkung dadurch auch. Als meine Eltern jung waren, waren sie in der Lehre und sind abends fortgegangen. Da hat es nicht jeden Tag ein neues Computerspiel gegeben oder jede Woche ein neues Handy. Das Leben hat sich nicht verschlechtert, sondern verändert. Man muss andere Wege finden, wie man die Leute motiviert, Aktionen zu setzen. Die Frage ist, ob das klassische „Man trifft sich am Nachmittag und spricht über Politik“ noch zeitgemäß ist. Das muss man probieren. Aber es ist auch notwendig, bestehende Kanäle zu nutzen: über Facebook Leute informieren, Kontakt halten, auf YouTube lustige Videos produzieren.
Wir müssen traditionelle Formen und neue Medien kombinieren, um die Leute zu erreichen. Ich glaube nicht, dass „die heutige Jugend“ kein Interesse an Politik und Gewerkschaft hat. Wir können als Organisation über Web 2.0 Menschen erreichen. Dann engagieren sie sich von selbst – und sei es nur, indem sie unsere Idee und Informationen weiterverbreiten oder uns Fragen stellen. Ich habe Facebook den ganzen Tag offen. Wenn wer was will, kann er immer mit uns in Kontakt treten. Meine Vorgänger sind in die Lehrwerkstätten gegangen und haben dort Infos bekommen, heutzutage nehmen Lehrlinge direkt mit mir Kontakt auf. Ich gehe auch in Lehrwerkstätten und weil dort eh alle am Handy Facebook offen haben, vernetzen wir uns. Das ist um nichts schlechter und man trifft sich trotzdem immer wieder persönlich und redet direkt, bleibt auch am Laufenden. Das hat sich verändert.
Ich bin aber immer noch der Freund des persönlichen Gesprächs – am Handy fehlt Emotion. Ich könnte nicht den ganzen Tag nur E-Mails schreiben, nicht mit den Menschen reden. Da bin ich vielleicht altmodischer als andere ...

Du hast 822 Facebook-Friends – kennst du die persönlich?

Das habe ich mir schon oft überlegt. Ich kenne sicher mehr als die Hälfte persönlich, mit drei Viertel der Leute habe ich selbst gesprochen. Durch die neue Funktion finden mich mehr „Fremde“ über Facebook, aber das hält sich in Maßen. Meine Freundin hat mich auch schon gefragt, warum ich jede/n annehme. Da ist mir bewusst geworden, dass ich das auch tue, um Werbung für die ÖGJ zu machen. Das gehört dazu. Die Leute sollen wissen, was meine Arbeit ist. Nicht im Sinn von Rechenschaft ablegen, im Sinn von transparent machen. Sie sollen sehen, dass wir manchmal um Mitternacht für sie unterwegs sind, dass wir bei Verhandlungen sitzen, dass wir gehört werden.
Sie haben mich gewählt, sie wollen, dass ich für sie arbeite und das möchte ich ihnen auch so zeigen. So sehen sie auch ein wenig, wie die Sozialpartnerschaft funktioniert. Und auch die Bilder vom Urlaub mit der Freundin oder der Bergtour können sie ruhig sehen. Damit erkennen sie, dass ich ein normales Leben habe und so bin wie sie.

Was sind deine Ziele als ÖGJ-Vorsitzender, was möchtest du bewegen und verändern?

Ich möchte die Gewerkschaft wieder präsenter machen und ein bisschen entstauben. Da sind wir, glaube ich, momentan auf einem guten Weg. Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr Mitglieder haben, mehr Leute, die für die Organisation arbeiten und vor allem: Raus auf die Straße! Wir haben auch unsere aktuellen Aktivitäten wirtschaftlich evaluiert: Was kostet uns das, was bringt uns das?

Was sind die Schwierigkeiten beim Werben junger Menschen?

Viele wissen überhaupt nicht, was Gewerkschaft ist – das wurde früher vom Elternhaus mitgegeben. Heute ist das anders. Oft sind die Eltern keine Gewerkschaftsmitglieder, haben es vergessen oder sind enttäuscht worden. Man muss jedem zehnmal etwas Gutes tun, damit er eine Enttäuschung verwindet. Wir haben außerdem damit zu kämpfen, dass bei den Erwachsenen Sachen passieren, die sich auf die Jugend auswirken. Ich habe auch schon Eltern erlebt, die gemeint haben, wir hätten ihr Kind gezwungen, Mitglied zu werden. Natürlich hören die meisten Jugendlichen auf ihre Eltern. Die sind ja schon in unserem Sozialsystem aufgewachsen. Wie das erkämpft wurde, weiß ich, weil ich mich damit beschäftige, den meisten ist das nicht bewusst.
Wir wollen wieder in den Berufsschulen präsenter sein. Es gibt auch Lichtblicke, wenn du Jugendlichen mit dem ÖGJ-Bus erklärst, was wir für sie erreicht haben. Die glauben uns, wir sind authentisch, weil es stimmt.
Politisch wichtig ist mir auch die Qualität in der Ausbildung. Ich weiß, dass selbst in großen Firmen oft nur die Hälfte des Lehrplans abgearbeitet wird. Da heißt es dann: „Passt schon, das brauchst eh nicht ...“ Aber wenn die Jugendlichen dann nicht behalten werden, auf der Straße stehen und nur eine firmenspezifische Ausbildung haben, fehlt ihnen was. Da geben die Firmen Verantwortung ab. Die Jugendlichen müssen dann woanders wieder angelernt werden, haben Gehaltseinbußen und sind oft frustriert.

Was könnte man dagegen tun?

Wir verhandeln ja mit der Wirtschaftskammer die Lehrpläne und verlangen Zwischenprüfungen in der Hälfte der Lehrzeit oder bei modularen Ausbildungen nach bestimmten Modulen. Dabei soll überprüft werden, beherrscht der Lehrling den Lehrplan nach aktuellem Stand? Das ist natürlich kompliziert. Kleinere Firmen, die nicht alles ausbilden können, könnten sich gegenseitig unterstützen. Da fehlt halt noch das Bekenntnis von der Wirtschaft. Die will Wunderwuzzis, die alles können, tut aber wenig bis nichts dafür.

Weitere Ziele?

Eine höhere Durchlässigkeit der Lehre, Lehre mit Matura, die Möglichkeit zu studieren.

Auch die Möglichkeit, sich später zu entscheiden – aus eigener Erfahrung?

Als ich mich mit 14 Jahren für die HTL entschieden habe, hatten sie uns am Tag der offenen Tür jede Menge Experimente gezeigt – in drei Jahren HTL haben wir dann ein Magnesiumstangerl angezündet. Super. Damals war mir Computer spielen wichtiger als alles andere, mich hat es einfach nicht mehr interessiert, in die Schule zu gehen. Das hilft mir jetzt: Ich habe Verständnis für junge Menschen, die die Schule abbrechen und etwas anderes machen wollen. Vor zwei Monaten habe ich die Matura nachgeholt mit „Lehre mit Matura“ – das war nicht einfach. Aber so habe ich die Möglichkeit, studieren zu gehen. Während der Lehre ist mir der Knopf wieder aufgegangen und so geht es vielen.
Besonders wichtig ist uns auch der Ausbildungsfonds. Die Wirtschaft fordert uns immer auf, Leistung zu erbringen und verkündet, dass diese Leistung auch belohnt werden muss. Sie selber aber will keine Leistung erbringen für die Ausbildung der Jugendlichen – damit die Jungen nicht auf der Straße stehen wie in vielen Ländern Europas. Wir wollen sogar die Betriebe belohnen, die mehr leisten, und sie sind plötzlich dagegen.
Es gibt zwar immer weniger arbeitslose Jugendliche, es bildet aber auch immer mehr der Staat in überbetrieblichen Lehrwerkstätten aus. Das zahlen die SteuerzahlerInnen. Sicher, die HTL auch, aber es ist erwiesen, dass jeder Lehrling ab dem zweiten Lehrjahr der Firma finanziell etwas bringt. Da sehe ich nicht ein, warum die SteuerzahlerInnen für die Ausbildung aufkommen, wenn die Firmen einen Gewinn machen.
Natürlich gibt es bei all dem unsere Gegner in der Wirtschaftskammer, die von „extremen Forderungen“ sprechen. Aber manchmal treffen wir uns in der Mitte und das ist dann das Spannende an der Arbeit. Kraft und Gegenkraft. Ich habe auch GewerkschaftsgegnerInnen im Freundeskreis, die vieles hinterfragen. Darüber bin ich froh. Ich gebe die Kritik, wenn sie mir einleuchtet, auch weiter. Die wird allerdings nicht immer angenommen.

Wo siehst du dich in zehn Jahren? 

Das fragen mich viele. Habe ich Ziele? Mit 30 nicht mehr in der Jugend? Mein Leben leben. Ich habe eine super Freundin, die Beziehung ist mir wichtig. Sie leidet im Moment am meisten unter meinem Arbeitseinsatz, aber meine Freundin hat Verständnis und unterstützt mich. Ich gebe in der Jugend Gas, damit ich später zugunsten der Familie zurückstecken kann. Einen sicheren Arbeitsplatz, einen guten Job – das will ich auch.

Keine Politkarriere?

Ich möchte gute Arbeit bei der ÖGJ leisten, ich strebe nichts an. Ich bin unabhängig – ich bin nur denen verantwortlich, die mich gewählt haben. Es braucht auch Hardliner, und die gibt es immer. Ich bin eher in der Mitte, nehme beide Seiten mit. Ich ärger mich nicht über Leute. Ich bin immer ein bissl die Schweiz. 
 
Wir danken für das Gespräch.

Mehr Infos zur Gewerkschaftsjugend:
www.oegj.at

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