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Die EU verwendet die Bezeichnung NEET in der Regel für junge Menschen zwischen 15 und 24. In dieser Phase der Identitätsfindung, auf der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft, spielen Erwerbstätigkeit und Bildung eine wichtige Rolle.

Null Bock auf die Arbeitswelt?

Schwerpunkt

Kein Job, Ausbildung abgebrochen und ohne Weiterbildung: europaweit rund acht Millionen Jugendliche haben jede Menge Zeit.

Ein neues Akronym für ein neues Phänomen? NEET: Not in Employment, Education or Training – weder in Beschäftigung noch in Ausbildung oder in einer Trainingsmaßnahme – das kann theoretisch auf Menschen jeden Alters zutreffen. Die EU verwendet die Bezeichnung in der Regel aber für junge Menschen zwischen 15 und 24. In dieser Phase der Identitätsfindung, auf der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft, spielen Erwerbstätigkeit und Bildung eine wichtige Rolle. Das NEET-Dasein kann psychische Schrammen hinterlassen, die sich im späteren (Arbeits-)Leben bemerkbar machen, sie reichen von lebenslangen Einkommenseinbußen bis hin zu Depressionen. Die Nicht-Teilnahme auf dem Arbeitsmarkt bedeutet nicht nur persönliche Probleme für die Betroffenen, sondern auch Vergeudung wertvoller Ressourcen – und Kosten: Die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) errechnete für 2011 wirtschaftliche Einbußen von 153 Mrd. Euro in der gesamten EU.1

Rund 7,7 Mio. NEETs

Erst seit wenigen Jahren erhebt Eurostat neben den üblichen Arbeitsmarktindikatoren auch den Anteil an erwerbslosen Personen, die aus verschiedensten Gründen keine Arbeit suchen und/oder nicht verfügbar sind. Im Jahr 2012 lag die NEET-Rate bei 13,2 Prozent der EU-BürgerInnen. Damit waren hochgerechnet rund 7,7 Mio. Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren weder im Beschäftigungs- noch im Bildungssystem integriert. Dazu kommt etwa für 2011 ein NEET-Anteil von 20 Prozent bei den 25- bis 29-Jährigen (2008: 17 Prozent). In dieser Altersgruppe ist die Quote durch Kinderbetreuung u. Ä. durchwegs höher als unter Jugendlichen.

Auf Platz vier

Österreich hatte im Jahr 2012 mit 6,5 Prozent hinter Norwegen, Luxemburg und Island die viertniedrigste NEET-Quote unter den 15- bis 24-jährigen EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern. Der bisher höchste Wert seit 2000 wurde 2005 mit 8,3 Prozent erreicht. Am anderen Ende der Skala finden sich Bulgarien (21,5 Prozent), Italien (21,1 Prozent) und Griechenland (20,3 Prozent).
Hauptgründe für das Fernbleiben vom Arbeitsmarkt bzw. Bildungssystem sind Krankheit, familiäre Betreuungspflichten, Resignation nach frühzeitigem Schulabbruch oder nach negativen Erlebnissen auf dem Arbeitsmarkt. Eine relativ kleine, weniger gefährdete Gruppe ist auf der Suche nach dem Traumjob oder der optimalen Ausbildung, es gibt zudem jene, die eine Zeit lang auf Reisen gehen, sich künstlerisch betätigen etc. Den größten und am stärksten schwankenden Anteil machen „herkömmliche“ Arbeitslose aus, wobei der Anstieg an Langzeitarbeitslosen bei jungen Menschen besonders problematisch ist. Österreich liegt derzeit bei 16,4 Prozent. Auch hier gibt es europaweit große Unterschiede, so sind etwa in der Slowakei 59 Prozent und in Finnland 5,4 Prozent der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen schon länger als zwölf Monate ohne Job.
Österreich gilt mit seinem dualen Ausbildungssystem und der Ausbildungsgarantie als Vorbild bei der Vermeidung von Jugendarbeitslosigkeit, hat aber Nachholbedarf bei Maßnahmen gegen frühzeitigen Schulabbruch. Mit 8,3 Prozent Schulabbrecherinnen und -abbrechern liegt Österreich im unteren Drittel, also schlechter als etwa bei den NEET-Jugendlichen insgesamt. Die Soziologin Bernadette Allinger plädiert dafür, die Konsequenzen fürs Schulschwänzen, das oft am Anfang einer Schulabbrecher-Karriere steht, nicht allein den Eltern anzulasten: „In den Niederlanden etwa werden Schulen, deren Drop-out-Rate gesunken ist, mit Prämien belohnt. In Luxemburg gibt es seit 2005 so genannte Mosaikklassen, in denen SchülerInnen, bei denen das Risiko eines Schulabbruchs besteht, individuell betreut, beraten und gefördert werden.“2

Jugendcoaching

In vielen Staaten Europas gibt es Programme zur Berufsorientierung und für einen leichteren Einstieg in den Beruf. In Österreich bietet etwa das Netzwerk berufliche Assistenz (Neba) unter anderem Jugendcoaching für 15- bis 25-Jährige an, bei denen ein Schulabbruch droht oder die Probleme beim Übergang ins Berufsleben haben. In enger Zusammenarbeit mit der Schule und den Eltern erhalten die Jugendlichen individuelle Unterstützung, z. B. durch Lehrstellenrecherche im Internet, Erstellen von Bewerbungsunterlagen, Testtrainings, Üben von Vorstellungsgesprächen etc. In Kooperation mit verschiedenen Organisationen werden von Neba außerdem Berufsausbildungs- und Arbeitsassistenz sowie Jobcoaching angeboten.
Junge Menschen leiden nach einiger Zeit als NEET mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur an Geldmangel. Die Gefahr sozialer Ausgrenzung ist relativ groß. Ähnlich wie bei Langzeitarbeitslosen kommt es häufiger als bei Erwerbstätigen zu Antriebslosigkeit, Depressionen, Alkohol- und Drogenmissbrauch etc. Das Vertrauen in den Staat, in Institutionen und in andere Menschen sinkt. Obwohl sie theoretisch ausreichend Zeit haben, engagieren sich NEET-Jugendliche seltener als ihre Altersgenossinnen und -genossen in politischen, sozialen und zivilen Organisationen. Das Vertrauen in die Zukunft und in die eigenen Fähigkeiten schrumpft. „Der typische NEET ist ein junger Mensch, der angesichts der großen Bedeutung von Individualität und Expertise in unserer Zeit alle Hoffnung auf eine Arbeit verliert und in einen Zustand der Starre fällt. Im Grunde ihres Herzens wollen fast alle NEET arbeiten. Was sie daher am meisten brauchen, ist nicht Wissen und Informationen über Arbeit, sondern reale Erfahrungen in Bezug auf die Freude und die Span-nungen im Umgang mit anderen Menschen“, formulierte der japanische NEET-Experte Yuji Genda schon 2004, noch vor der Krise.

Gegenmaßnahmen

Wie kann die NEET-Quote gesenkt werden? Es gilt, sowohl frühzeitigen Schulabbruch zu verhindern als auch den Übergang in die Arbeitswelt zu erleichtern. Außerdem: Eine gezielte Arbeitsmarktpolitik wirkt sich deutlich günstiger aus als Wirtschaftswachstum an sich. Hohe Mindestlöhne, so Eurofound, erschweren für Jugendliche vermutlich eher den Einstieg ins Arbeitsleben. Dennis Tamesberger von der AK OÖ und Koautor der Studie „Junge Menschen ohne (Berufs-)Ausbildung“: „Einen wichtigen Beitrag für mehr Chancengleichheit und zum Abbau von Bildungsbarrieren können Ganztagsschulen leisten. Außerdem wäre ein flächendeckendes Case Management für Risiko-SchülerInnen nötig.“3

Jobgarantie für junge Menschen

Das alles kostet Geld. Anfang des Jahres haben die EU-Arbeitsminister beschlossen, sechs Mrd. Euro in eine Jobgarantie für junge Menschen zu investieren. Jeder/Jede EuropäerIn unter 25 Jahren soll innerhalb von vier Monaten, nachdem er/sie eine Stelle verloren oder eine Ausbildung beendet hat, ein Angebot für einen Arbeits-, Ausbildungs- oder Praktikumsplatz bekommen. Vorbild dafür war u. a. Österreich.

1 Eurofound (2012), NEETs – Young people not in employment, education or training: Characteristics, costs and policy responses in Europe
2 FORBA-Trendreport 1/2013
3 J. Bacher, D. Tamesberger, Junge Menschen ohne (Berufs-)Ausbildung, 2011

Info&News
NEET-Risikofaktoren
Niedrige Bildung: Risiko dreimal größer als für Menschen mit tertiärem Bildungsabschluss und doppelt so hoch wie bei sekundärer Bildung. Ähnliches gilt für den Bildungsgrad der Eltern: Im Vergleich zu Eltern mit tertiärem Bildungsabschluss ist das NEET-Risiko für Kinder mit Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss doppelt so hoch bzw. 1,5-mal höher als bei sekundärem Bildungsabschluss.
NEET-Quote unter Akademikerinnen und Akademikern: zehn Prozent im EU-Durchschnitt; in Österreich sechs Prozent. Arbeitslosigkeit der Eltern: NEET-Risiko um 17 Prozent erhöht. Migrationshintergrund: plus 70 Prozent; in Österreich liegt der NEET-Anteil bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei 18,5 Prozent gegenüber 6,5 Prozent bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.
Behinderung: plus 40 Prozent.
Wohnort in abgelegenen Gebieten: 1,5-faches Risiko.

 

Netzwerk berufliche Assistenz:
www.neba.at

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