topimage
Arbeit&Wirtschaft
Arbeit & Wirtschaft
Blog
Facebook
Twitter
Suche
Abonnement
http://www.arbeiterkammer.at/
http://www.oegb.at/
Verschicken Sie eine E-Card!
Speziell die rasch wechselnden Modetrends leben davon, dass Jugendliche vor allem über bestimmte Modestile ihre Individualität, Zugehörigkeit und Abgrenzung sowie Lebensphilosophien ausdrücken und sich so an eine Marke binden.

Konsum-Junkies

Schwerpunkt

Der Grundstein für Verschuldung wird oft in jungen Jahren gelegt, auch der für Kaufsucht. Viel zu selten wird über Geld geredet.

Speziell für Jugendliche hat Konsum einen wichtigen Stellenwert. Über das individuelle Konsumverhalten wird soziale Zugehörigkeit demonstriert, das Selbstwertgefühl und die eigene Identität werden gestärkt. Konsum findet in der Freizeit statt, also in jener Zeit, in der Jugendliche sich ohne Fremdbestimmung durch die Erwachsenenwelt selbst verwirklichen können. Gleichzeitig besteht aber ein Druck der jeweiligen Gruppe, der man angehören möchte, denn die Werte des heutigen Gesellschaftsmodells prägen auch Beziehungen und Wertvorstellungen der Jugendlichen, wie u. a. das Institut für Jugendkulturforschung festgestellt hat: Wettbewerb ist wichtig, ebenso perfekte Selbstdarstellung, das neueste Smartphone, das schnellste Auto, immer neue außergewöhnliche Erlebnisse sowie sich niemals zufriedenzugeben mit dem Erreichten.1

Formen der Vergemeinschaftung

Speziell die rasch wechselnden Modetrends leben davon, dass Jugendliche vor allem über bestimmte Modestile ihre Individualität, Zugehörigkeit und Abgrenzung sowie Lebensphilosophien ausdrücken und sich so an eine Marke binden. Aus der Markenbindung entwickeln sich neue posttraditionelle Formen der Vergemeinschaftung: offene Netzwerke, eine „brand community“ mit geringem Verbindlichkeitsgrad, spezifischen Ritualen und Traditionen unter der Kontrolle kommerzieller Marken.2 Neben der Kundinnen- und Kundenbindung profitieren die Unternehmen auch davon, dass sich Kundinnen und Kunden untereinander oder bei Produktverbesserungen und -entwicklungen unentgeltlich helfen.
Grundstein für Verschuldung
Für Konsum braucht man Geld und schnell kann man in die Schuldenfalle tappen. Bei den Schuldenberatungen ist die Gruppe der Jugendlichen vorerst nicht hervorstechend. Es gibt kaum Klientinnen und Klienten unter 20 Jahren, auch weil erst mit 18 die volle Geschäftsfähigkeit erreicht wird und oft noch das soziale Umfeld etwaige Schulden übernimmt. Die Gruppe der 21- bis 30-Jährigen macht allerdings rund 29 Prozent aller Ratsuchenden mit durchschnittlich 32.500 Euro Schulden aus. Der Anteil dieser Altersgruppe an den Privatkonkursanträgen beträgt 17 Prozent.3 Oft beginnt der Einstieg in die Verschuldung in den Jugendjahren. So haben 64 Prozent der jungen Verschuldeten bereits zwischen 16 und 18 Jahren mit Kontoüberziehungen begonnen.4
Die Gründe für Überschuldung liegen vor allem in der Gründung eines eigenen Haushaltes, in den Kosten für Auto und Smartphone sowie in den Ausgaben für das Freizeitverhalten wie Kleidung und Ausgehen. Geringes Einkommen kollidiert dann schnell mit den Konsumwünschen.
Die Arbeiterkammer Wien hat sich in einer Lehrlingsbefragung in Wiener Berufsschulen im Jahr 2011 näher mit der Frage beschäftigt, wie Lehrlinge mit Geld umgehen. Das Durchschnittsalter der 511 Befragten lag bei 18 Jahren. Auffallend war, dass durchaus verantwortungsbewusst mit Geld umgegangen wird und zwei Drittel der Befragten regelmäßig etwas zur Seite legen. Viele haben ein Sparziel wie ein Moped, ein Auto oder eine Wohnung. 44 Prozent gaben an, das Geld sehr genau einzuteilen. Ins Minus rutscht aber immerhin rund ein Fünftel oft und 14 Prozent sogar sehr oft. Einen Kredit hatten sechs Prozent. Bemerkenswert war zudem, dass jeder dritte Lehrling bereits Erfahrungen mit Mahnungen, Inkassobüros und sogar Pfändungen gemacht hat. Ein eigenes Konto besaßen 90 Prozent.

Defizit Finanzbildung

Speziell in Geldangelegenheiten fehlt bei Jugendlichen oft ausreichendes Wissen. In der Schule ist allerdings der Umgang mit Geld und Verschuldung häufig kein Thema. Wissensdefizite zeigt auch die AK-Lehrlingsbefragung: lediglich 14 Prozent kannten die Konditionen ihres Kontos. Nur 12 von 511 Befragten machten Angaben zu Überziehungszinsen, die sie zwischen null Prozent und 50 Prozent bezifferten. Zu den Guthabenzinsen machten zehn Lehrlinge Angaben zwischen 0,3 Prozent und zehn Prozent. Diese Defizite bei Finanzwissen belegen auch andere Studien. Der Erwerb von Finanzkompetenz sollte daher in der Schule verankert werden. Das vorrangige Ziel einer Finanzbildung sollte aber der/die informierte und kritische KonsumentIn sein, der/die auch Finanzprodukte und eigenen Konsum hinterfragen kann.
Überschuldungsprävention in Schulen führen vor allem die Schuldenberatungen durch. Eine Initiative ist dabei der Finanzführerschein in einigen Bundesländern gemeinsam mit den Arbeiterkammern.
Konsumverhalten und Finanzwissen hängen zudem stark vom familiären Umfeld ab. Wenn Jugendliche sich verschulden, erhalten sie oft keine Unterstützung von den Eltern, meist haben diese selbst einen eher sorglosen Umgang mit Geld.

Jugendliche besser aufklären

Auch Banken müssen jugendliche Kundinnen und Kunden besser über die Kontokonditionen aufklären, sowohl in einem Beratungsgespräch als auch schriftlich. Für Kontoüberziehungen sollten strenge Standards gelten. Eine Darstellung der Geschäfte mit Jugendlichen in den Geschäftsberichten würde ein klareres Bild zeichnen, welche Geschäfte Banken mit Jugendlichen tatsächlich machen.
Jedes Unternehmen trägt auch gesellschaftliche Verantwortung und ist aufgerufen, mehr Augenmerk auf die jugendliche Kundengruppe zu werfen – bei Verträgen z. B. durch mehr Kostentransparenz oder geringe Bindungsdauer und weiters in der Werbung. Hier besteht für Unternehmen viel Handlungsbedarf.

Man ist, was man hat

Die Kaufsuchtstudie der Arbeiterkammer aus dem Jahr 20115 beziffert den Anteil der kaufsucht-gefährdeten Bevölkerungsgruppe mit rund 20 Prozent. Dazu kommt der Anteil der stark kaufsuchtgefährdeten Personen, d. h. jene Gruppe, die faktisch kaufsüchtig ist. Dies sind weitere acht Prozent. Der Anteil der jüngsten Altersgruppe ist im Vergleich zu den Vorjahresuntersuchungen gestiegen, während Kaufsuchtgefährdung bei Älteren zurückgeht. Zusammengefasst sind die Kaufsuchtgefährdeten weiblich, unter dreißig, ledig und politisch desinteressiert. Besonders auffällig ist die Gruppe der 14- bis 24-jährigen Mädchen bzw. Frauen, die mit 69 Prozent kaufsuchtgefährdet sind, während 37 Prozent der jungen Männer unter 24 kaufsuchtgefährdet sind.
Ein instabiles Selbstwertgefühl, Angst vor unzureichender sozialer Anerkennung, schlechte Noten oder zu wenig Einkommen für den gewünschten Lebensstil können Kaufsucht – d. h. kompensatorischen Konsum – begünstigen. Für rund 34 Prozent der unter 24-Jährigen der unteren Einkommensgruppe ist Konsum ein Weg, um dem unerfreulichen Alltag zu entkommen. Die Kaufsuchtstudie zeigt auch die Wichtigkeit stabiler, nicht konsumbasierter Beziehungen. Gerade bei Jugendlichen gibt es aber eine Umbruchsituation. Konsum wird oft als einfache Möglichkeit wahrgenommen, Gefühle von sozialer Wärme, Anerkennung und persönlichem Erfolg zu erleben.

Werte der Erwachsenen

Der kompensatorische Charakter des Freizeitlebens als Ausgleich für den steigenden Druck in der Arbeitswelt und in Bildungsinstitutionen wird allerdings weiter an Bedeutung zunehmen. Die Freizeitindustrie wird somit zu einem Wirtschaftszweig, der mit jenen Schäden Profit macht, die Folgen des marktwirtschaftlichen Konkurrenz- und Leistungssystems sind.6 Wer sich also über eine konsumorientierte Jugend beklagt, muss wohl zuerst die Frage nach den von der Erwachsenenwelt vorgelebten Werten beantworten.

1 Heinzelmaier, Bernhard: Freizeit als Zeit der Selbstbestimmung? Institut für Jugendkulturforschung, Wien 2012
2 Hitzler, Ronald; Honer, Anne; Pfandenauer, Michalea: Posttraditionelle Gemeinschaften, Wiesbaden 2008
3 asb Konkurs- und Eckdatenreport 2012
4 Lehner, Markus; Gabanyi, Annamaria; Hemedinger, Fritz: Jugendverschuldung. Analyse und Präventionsansätze, Linz 2007
5 Kollmann, Karl; Kautsch, Irene: Kaufsucht in Österreich, Wien 2011
6 Heinzelmaier, Bernhard: Freizeit als Zeit der Selbstbestimmung? Institut für Jugendkulturforschung, Wien 2012

Institut für Jugendkulturforschung:
jugendkultur.at
Jugend ohne Geld – Schuldnerberatung:
tinyurl.com/ktubeck
Studie Kaufsucht zum Download:
tinyurl.com/le2myrh

Schreiben Sie Ihre Meinung
an die Autorin
gabriele.zgubic@akwien.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at

Artikel weiterempfehlen

Kommentar verfassen

Teilen |

(C) AK und ÖGB

Impressum