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Generationengerechtigkeit In den vergangenen Jahrzehnten war ein massiver Anstieg der Zahl der Menschen im Erwerbsalter und damit ein stetiges Wachstum des Arbeitskräfteangebots zu verzeichnen.

Generationengerechtigkeit

Schwerpunkt

Nur in einem leistungsstarken Sozialstaat finden "Jung" und "Alt" eine faire Absicherung für alle Lebensphasen.

Diskurse zum Thema Generationengerechtigkeit beginnen oft mit apokalyptisch anmutenden Thesen der bevorstehenden „Unfinanzierbarkeit“ der sozialstaatlichen Absicherung (u. a. Alterssicherung, Gesundheit und Pflege). Dies wird in der Regel dem Zusammenspiel von steigender Lebenserwartung, stagnierenden Geburtenraten, einem sinkenden Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter und einem – vermeintlich – zu großzügigen Sozialsystem zugeschrieben.
In jüngster Zeit ist als neueste Hiobsbotschaft die Kennzahl der impliziten Staatsverschuldung aufgetaucht, der Staatsverschuldung zuzüglich künftiger Zahlungsverpflichtungen in Form von Pensionen etc. Es ist das ein weiterer Versuch, gigantische und vermeintlich nicht bewältigbare Ausgaben an die Wand zu malen. Allein schon die Tatsache, dass bei dieser „neuen Betrachtungsweise“ die künftigen Pensionsausgaben ohne Bezug zur künftigen Wirtschaftsleistung bzw. zu künftigen Staatseinnahmen ausgewiesen werden, spricht Bände. Den „Demografie-Apokalyptikern“ ist offenbar jedes Mittel recht, um die Zukunftsperspektiven des Sozialstaats in Verruf zu bringen.

Enorme Herausforderung

Die Alterung der Gesellschaft stellt eine enorme Herausforderung für die sozialen Sicherungssysteme dar. Die Frage ist, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen. Zugespitzt lautet die sozialpolitische Konfliktlinie: „Leistungskürzungen und breiter sozialer Kahlschlag“ oder „möglichst gute Erwerbsintegration der Menschen und gute Arbeitsbedingungen“.
Noch eine Anmerkung: Andere, für die heutige Jugend wahrscheinlich viel bedrohlichere Probleme als der demografische Wandel, wie die Abhängigkeit der Realwirtschaft von den Finanzmärkten, der Klimawandel oder die Auseinanderentwicklung von Arm und Reich, werden in diversen Publikationen in aller Regel nicht thematisiert. Und das obwohl sich die Autorinnen und Autoren vorgeblich sehr große Sorgen um (Generationen-)Gerechtigkeit gegenüber den heute Jüngeren machen.

Das Alter allein sagt wenig aus

Dass die Demografie allein wenig aussagt, wird neuerdings auch in EU-Publikationen bestätigt (siehe z. B. EU-Weißbuch zu den Pensionen). Worauf es letztlich ankommt, ist nicht das zahlenmäßige Verhältnis zwischen verschiedenen Altersgruppen, wie z. B. zwischen der Altersgruppe 65+ und der Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen. Das EU-Weißbuch zu den Pensionen definiert demgegenüber die „ökonomische Abhängigkeitsquote“ mit der Zahl der Arbeits-losen sowie Pensionistinnen und Pensionisten relativ zur Zahl der Erwerbtätigen. Diese Definition wurde vom Abhängigkeitsquoten-Rechner der AK Wien übernommen.
Wie sich diese „ökonomische Abhängigkeitsquote“ in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird, wird ganz wesentlich durch die Entwicklung des Arbeitsmarkts bestimmt (Verteilung der Erwerbsarbeit, Höhe der Beschäftigungsquote, Höhe der Löhne etc.).
Bildungsdefizite bei vielen Jugendlichen, hohe Arbeitslosenzahlen, Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, hohe Invalidisierungsraten wegen unzureichendem Gesundheitsschutz, fehlende Arbeitsplätze für Menschen im höheren Erwerbsalter etc. sind zentrale aktuelle Brennpunkte. Sie zeigen gleichzeitig, wie groß das Potenzial zur besseren Erwerbsintegration und damit zur Eindämmung des Anstiegs der „ökonomischen Abhängigkeitsquote“ sowie im Sinne einer nachhaltigen Staatsfinanzierung insgesamt ist.
Klar ist: Je besser es gelingt, das Ziel „mehr und bessere Arbeitsplätze“ zu erreichen, desto besser sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewältigung des demografischen Wandels. Die Steigerung der Produktivität und nachhaltiges (ressourcenschonendes) Wachstum stellen weitere zentrale Bestimmungsgrößen dar.

Beschäftigungsquote steigt

Die Entwicklung der Beschäftigungsquoten dürfte aber allein schon aus Gründen der Demografie in mittel- bis langfristiger Perspektive tendenziell nach oben gehen. In den vergangenen Jahrzehnten war ein massiver Anstieg der Zahl der Menschen im Erwerbsalter und damit ein stetiges Wachstum des Arbeitskräfteangebots zu verzeichnen. In Zukunft hingegen wird mit einer rückläufigen Zahl der Menschen im Erwerbsalter gerechnet. Auch die Wirtschaft ist vor diesem Hintergrund gut beraten, sich verstärkt um Themen wie Aus- und Weiterbildung, Vereinbarkeit und Gesundheitsschutz zu kümmern.

Langfristprojektionen

Auffällig beim Diskurs zum Thema „Generationengerechtigkeit“ ist auch, mit welcher Sicherheit Aussagen über Entwicklungen in 30, 40 oder sogar noch mehr Jahren getroffen werden, wenn es um die vermeintliche „Unfinanzierbarkeit“ des Sozialstaats geht.
Seriös betrachtet: Welche Zuverlässigkeit und Aussagekraft können Projektionen über derart lange Zeiträume haben, wenn klar ist, dass die meisten der zugrunde gelegten Annahmen höchst unsicher sind.
Selbst wenn die gesellschaftliche Alterung ein unbestreitbares Faktum ist, zeigt ein Blick auf die laufenden Prognoserevisionen in den letzten Jahren, dass das Ausmaß der tatsächlich zu erwartenden Verschiebungen in hohem Grad ungewiss ist.
Dass es im Vergleich zu den unterstellten Annahmen deutlich unterschiedliche Entwicklungen und Entwicklungspfade geben kann und wird, hängt auch damit zusammen, dass etliche wichtige Parameter von der Ausrichtung der künftigen Politikgestaltung und der institutionellen Einbettung abhängen. Nach wie vor gilt, dass die Zukunft in beträchtlichem Maß gestaltbar ist.
Sämtliche Maßnahmen, die zu einer besseren Erwerbsintegration führen – insbesondere von benachteiligten Gruppen am Arbeitsmarkt wie Frauen, Älteren, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderung oder gesundheitlichen Einschränkungen – sind jedenfalls substanzieller Beitrag zur Sicherung der Generationengerechtigkeit und damit auch des sogenannten „Generationenvertrags“. Oberstes Ziel muss sein, jeder Generation möglichst gute Lebensrealitäten in den verschiedenen Lebensphasen (Kindheit und Jugend, Erwerbsphase und Alter) zu ermöglichen.
Wie sehr gezielte Investitionen (z. B. Verbesserung der sozialen Infrastruktur, aktive Arbeitsmarktpolitik, berufliche und medizinische Rehabilitation, Integrationsförderung von Migrantinnen und Migranten, alternsgerechte Arbeitsbedingungen etc.) zu einer positiven Entwicklung beitragen, wird von AK/ÖGB laufend empirisch belegt und als Argumentationskette zunehmend allgemein anerkannt. Zusätzlich zum sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt, der damit erreicht werden kann, kommen derartige Investitionen auch der Beschäftigung zugute und können darüber hinaus einen substanziellen Beitrag zur nachhaltigen Konsolidierung der öffentlichen Haushalte liefern.

„Generationenbalance“

Auf der betrieblichen Ebene wird zunehmend erkannt, dass es auf die „Mischung“ bzw. die „Balance“ zwischen den verschiedenen Altersgruppen ankommt. Altersgemischte Teams haben sich als besonders erfolgreich herausgestellt, da jede Altersgruppe ihre spezifischen Stärken einbringen und dadurch einen wertvollen Beitrag für das „große Ganze“ leisten kann und ein adäquater Interessenausgleich möglich wird.
Analog ist dieser Gedanke für die Gesellschaft anwendbar: Es braucht eine gemeinsame Vision, wie sich möglichst breite Teile der Gesellschaft entsprechend einbringen können. Wichtig ist dabei, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Vielzahl der Talente und Fähigkeiten in der Gesellschaft optimal genutzt wird und die (sozialstaatlichen) Institutionen glaubwürdig und verlässlich funktionieren. Anderenfalls lassen sich weder Solidarität und Motivation noch individuelles Lebensglück bis ins hohe Alter realisieren.
Ein unverzichtbares Element der Generationengerechtigkeit ist ein leistungsstarker und dynamischer Sozialstaat, der sowohl den Älteren als auch den Jüngeren eine Absicherung gegenüber den „Großrisiken“ des Lebens bietet. Am besten erreichbar ist das, wenn möglichst vielen Menschen im Erwerbsalter produktive Erwerbsarbeit ermöglicht und der erarbeitete Wohlstand fair verteilt wird.

DGB – Gute Arbeit:
www.dgb-index-gute-arbeit.de

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