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Jeder hat das Recht auf Bildung Schon bei Neugeborenen lassen sich in Österreich ziemlich treffsichere Aussagen über die künftigen Bildungs- und Berufschancen formulieren. 77 Prozent der Kinder von Akademikerinnen und Akademikern besuchen einmal die AHS ...
Buchtipp

Jeder hat das Recht auf Bildung1

Schwerpunkt

Das österreichische Bildungssystem ist eines der ungerechtesten der Welt. GewerkschafterInnen fordern ein radikales Umdenken und umfassende Reformen.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung schreibt Österreich beim Thema soziale Gerechtigkeit vergleichsweise positive Werte zu. Bei der Frage eines sozial gerechten Bildungszuganges liegt das Land allerdings gerade einmal auf Platz 24 von 31 Industriestaaten. Bemerkenswert: Auch Länder mit sehr schwierigen ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen (Mexiko oder Polen) bieten mehr Bildungsgerechtigkeit als einige der reichsten Staaten der Erde (Deutschland, Japan oder eben Österreich).

Fakten zur Bildungs(un)gerechtigkeit

Schon bei Neugeborenen lassen sich in Österreich ziemlich treffsichere Aussagen über die künftigen Bildungs- und Berufschancen formulieren. 77 Prozent der Kinder von Akademikerinnen und Akademikern besuchen einmal die AHS, aber nur 12 Prozent von Pflichtschulabsolventinnen und -absolventen. Diese Bildungsbenachteiligung setzt sich – von der „Wiege bis zur Bahre“ – durchgängig weiter fort. Auch bei gleichen Noten haben AkademikerInnen-Kinder eine wesentlich bessere Chance, von der Volksschule ins Gymnasium überzutreten. Ingolf Erler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Erwachsenenbildung, verweist auf Studien des deutschen Soziologen Michael Hartmann. Dieser errechnete, dass letztlich auch eine promovierte Person aus einem ArbeiterInnen-Haushalt siebzehnmal schlechtere Karrierechancen hat, als ein gleichqualifiziertes Kind eines Geschäftsführers.
Bereits vor einigen Jahren bereiste der Rechtsanwalt und Pädagoge Vernor Muñoz (Costa Rica) als UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Bildung die Bundesrepublik Deutschland. Muñoz beschrieb danach vier Grundprobleme des deutschen Bildungssystems: die Uneinheitlichkeit des Systems durch den Föderalismus, die Abhängigkeit des Bildungszugangs von den Vermögensverhältnissen der Eltern, die frühe Selektion in unterschiedliche Schultypen/Bildungswege sowie das Fehlen einer flächendeckenden, kostenfreien Versorgung im Bereich der Kindergärten. Erler ergänzt dazu, dass Muñoz genauso gut nach Österreich oder in die Schweiz hätte fahren können. Ähnlich polarisiert wie in Österreich zu vergleichbaren Anlässen fielen damals freilich auch die Stellungnahmen aus den Interessenvertretungen der Pädagoginnen und Pädagogen aus. Während etwa die „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ den Bericht nachdrücklich lobte, schäumten konservative StandesvertreterInnen. Von einer Verschwörung des „internationalen Gesamtschulkartells“ sprach gar Josef Kraus, der Präsident der größten nichtgewerkschaftlichen Lehrervereinigung Deutschlands, und mahnte zur „patriotischen Widerrede“. Stefan Vater, Bildungsexperte und Betriebsratsvorsitzender beim Verband österreichischer Volkshochschulen, kritisiert solche „Retro“-Haltungen scharf. Er fordert, wie viele GewerkschafterInnen, auch für Österreich ein radikales Umdenken: „Ein erster Schritt wäre die Durchsetzung der Abschaffung der viel zu frühen Entscheidung für Hauptschule oder Gymnasium in der flächendeckenden und alternativenlosen Einführung der ganztägigen Gesamtschule. Auch wenn vielleicht bei dem einen oder der anderen da Wehmut mitklingen mag und beklagt wird, hier ginge Vielfalt verloren. Die Entscheidung, welche Schule zu wählen ist, fällt für die SchülerInnen in Österreich zu früh und ist einer der wesentlichen Faktoren der Bildungsungleichheit in Österreich. Die Ganztagsschule ist eine Notwendigkeit, um die Ungleichheit der Betreuungsmöglichkeiten auszugleichen.“

Reform ja – aber wohin?

Integration, Armut, Arbeitslosigkeit – es gibt kaum einen Bereich, für welchen das Thema Bildung(sreform) nicht von allen Parteien als Schlüssel zur Problemlösung erkannt wurde. Vor allem die PISA-Studie hat die Diskussion mehrfach angeheizt. Parallel dazu verschärfen sich aber bestimmte Entwicklungen in Richtung einer noch stärkeren Selektion. Der private Bildungsmarkt boomt, alles ist hier käuflich: von den elitären Fremdsprachkurs-Angeboten für den erst zwei- bis dreijährigen Sprössling bis zum hochpreisigen Lehrgang mit Masterabschluss an einer Privatuniversität. Ebenso wirken die neuen Hürden der Studienaufnahme- und Eingangsverfahren bereits auf das Schulwesen zurück. Die Interessen der sich hier bewährenden „Eliten“ werden auch in der Reformdebatte gut vertreten. So sieht der Bestsellerautor und Mitgründer der Sir Karl Popper (Elite-)Schule Andreas Salcher die „Kultur der Mittelmäßigkeit“ als das zentrale Problem im Bildungswesen. Und Veit Sorger (Industriellenvereinigung, aber auch Mitproponent des Bildungsvolksbegehrens) stellt(e) immer wieder fest, dass er unter Bildungsreform vor allem Begriffe wie „Leistungsdifferenzierung“, „Begabtenförderung“ oder eine „neue Studieneingangsphase und Wiedereinführung der Studiengebühren“ verstehe.

Die Sache mit der Leistung

Dem Versuch Bildungsreformen auf das Thema Leistung zu reduzieren, begegnet Stefan Vater – gerade auch als aktiver Gewerkschafter – mit großer Skepsis: „Ich bitte, mich hier nicht misszuverstehen, im Sinne einer Forderung, nichts zu tun oder sich nicht anzustrengen. Notengebung und Leistungsdifferenzierung bevorzugen empirisch nachweisbar SchülerInnen aus reichen und gebildeten Familien, nicht weil sie gescheiter oder leistungsfähiger sind, sondern weil sie mit der Art der Leistungsprüfung vertrauter sind, weil sie ihrer Herkunftskultur entspricht und sie vom Kleinkindalter darauf vorbereitet werden sozusagen.“ Ingolf Erlers Studien unterstützen diese Aussage. So haben Kinder aus „Pflichtschul-Haushalten“ bei durchschnittlicher Lesekompetenz eine dreimal geringere Chance ein „Sehr gut“ zu erhalten als Kinder aus „AkademikerInnen-Haushalten“. Stefan Vater will das Bildungswesen daher grundsätzlich anders gestalten und ist sich gleichzeitig der Widerstände diverser Lobbys bewusst: „Hier gilt es zum Beispiel, eine nicht ausschließlich an Werten der Mittel- und Oberschicht orientierte Schule zu fordern. Ich weiß, das ist nicht einfach.“

Bildung geht weiter

Bei der Überwindung von Bildungsbenachteiligung steht letztlich eine Frage im Mittelpunkt: Sind möglichst gleiche Bildungschancen von Kindern, Jugendlichen und (jungen) Erwachsenen eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft oder lediglich (zunächst) der Familie bzw. (später) des Individuums? Der ÖGB gibt darauf eine klare Antwort: „Bildung ist ein soziales Grundrecht für alle, und die Politik hat in ihrer staatlichen Verantwortung sicherzustellen, dass es auch einlösbar ist. (…) Das Recht auf Bildung muss Grundbildung, berufliche Erstausbildung, weiterführende Bildung und lebensbegleitende Weiterbildung gleichermaßen umfassen – ohne soziale Schranken wie Herkunft, Geschlecht, Einkommen, Art der Berufstätigkeit oder Betreuungspflichten. (…) Wenn sich die Politik zu neuen Wegen in der Bildungspolitik bekennt, muss sie dafür auch die notwendigen Budgetmittel zur Verfügung stellen.“ (www.bildunggehtweiter.at) Tatsächlich geht es somit auch ums Geld – aber nicht nur. Steht mehr Geld für Elitenbildung im Vordergrund oder die – sicher auch nicht billige – Öffnung von Bildungsinstitutionen auf wirklich allen Ebenen? Werden Zwangsbildungsmaßnahmen für Arbeitslose finanziert, mit der ausschließlichen Prämisse, deren „Beschäftigungsfähigkeit“ zu erhöhen? Oder baut man zum Beispiel großzügig Stipendiensysteme aus, damit niemand aus sozialen Gründen auf Bildung verzichten muss? Betriebsratsvorsitzender Stefan Vater kommt in diesem Kontext noch einmal auf das Schulwesen zurück: „Eine wesentliche Funktion der Schule war und bleibt leider eine Reproduktion (Wiederherstellung) der Gesellschaft in der Form, in der sie besteht – ihre Funktion ist also auch Ungleichheit zu bewahren und die Arbeiter und weniger in der Schule Gebildeten davon zu überzeugen, dass sie selber schuld sind, weil sie zu dumm oder zu faul sind. Hier ist von den Gewerkschaften eine kritische Position einzufordern, welche u. a. die Schule auch als Erhalter des Systems der Ungerechtigkeit kritisiert.“

1 Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Bertelsmann-Studien zur sozialen Gerechtigkeit in der OECD unter:
tinyurl.com/p4bj6al
„Bildung geht weiter“ - www.bildunggehtweiter.at

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