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Wer ist jetzt eigentlich wie reich? Das gleiche Bild von extremer Ungleichheit zeigt sich am oberen Ende der Vermögensverteilung: Die vermögensreichsten fünf Prozent besitzen über alle Länder 37 Prozent des gesamten Nettovermögens, in Österreich besitzen sie über 45 Prozent.

Wer ist jetzt eigentlich wie reich?

Schwerpunkt

Wer ist jetzt eigentlich wie reich? Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die privaten Haushaltseinkommen von 15 EU-Ländern miteinander verglichen.

Als die ersten vergleichbaren Daten über privates Haushaltsvermögen in 15 Ländern der Eurozone von der Europäischen Zentralbank (EZB) präsentiert wurden, lösten sie gleich einen Sturm medialer Entrüstung aus: „die Deutschen“ wären ärmer als „die Zyprioten“; mit dieser Aussage ließ sich kurz nach dem Zypern-Hilfspaket trefflich Schlagzeile machen. Bis auf das Problem, dass diese so nicht nur falsch, sondern auch sinnlos ist. Allerdings lenkt sie vom eigentlich interessanten Ergebnis der Studie ab: In allen untersuchten Staaten haben sehr wenige Reiche sehr viel Vermögen, einen Mittelstand wie beim Einkommen gibt es beim Vermögen nicht.

Wenige haben viel, viele wenig

Die Frage, ob „die Griechen“ oder „die Deutschen“ reicher sind, kann mit den Daten der EZB nicht beantwortet werden. Das Gesamtvermögen von Nationen wurde schlicht nicht untersucht. Untersucht wurde das Vermögen der privaten Haushalte und hier vor allem die Verteilung dieses Vermögens in den Ländern.
Jedoch verdeckt die Debatte über „die Griechen“, „die Deutschen“ oder „die Österreicher“ den entscheidenden Punkt: Es gibt in jedem Land wenige sehr Reiche und viele, die wenig, nichts oder weniger als nichts – nämlich Schulden – haben.
Die EZB-Daten zielen darauf ab, ein korrektes Bild der Vermögenssituation zum Zeitpunkt der Untersuchung zu geben. Daher werden richtigerweise Immobilien mit den Preisen bewertet, die sie zum Zeitpunkt der Erhebung am Markt erzielen können.
Da aber in manchen Ländern eine Immobilienblase herrschte, die Preise der Häuser also weit überzogen waren, sind die EZB-Daten nicht geeignet, die Frage, wer nun gerade reicher ist, zu beantworten. Die Daten selber sind aber – unter den getroffenen, publizierten und international üblichen Annahmen und mit der entsprechenden Vorsicht in der Interpretation – richtig.
Überzogene Preise sind immer erst im Nachhinein als solche erkennbar, Immobilienvermögen auf Basis vermuteter Preisungleichgewichte von vornherein. „Hinauf-“ und „hinunterzurechnen“ würde der Datenmanipulation Tür und Tor öffnen. Falls WissenschafterInnen dennoch das Immobilienvermögen mit anderen Preisen bewerten möchten, stellt ihnen die EZB die Mikrodaten zur Verfügung.
Ein häufiges Missverständnis in dieser Debatte liegt in der Definition von Vermögen. Hier gibt es in der Ökonomie keine völlige Einigkeit, üblich ist aber die Definition, dass Vermögen übertragbar, belehnbar und in weitem Sinne liquide sein muss. Das bedeutet, man soll es verschenken, zur Sicherstellung eines Kredites verwenden und in vernünftiger Zeit in Bargeld umwandeln können. Aus diesem Grund sind etwa Pensionsansprüche an das Umlageverfahren kein Vermögen, denn die können nicht einfach an Kinder verschenkt oder an Dritte verkauft werden, um mit dem Geld auf Urlaub zu fahren.
Ein funktionierender Sozialstaat stellt Pensionen über das Umlagesystem, Mietwohnungen im sozialen Wohnbau und Gesundheitsversorgung durch die Krankenversicherung zur Verfügung. Bei gleichem Lebensstandard und gleicher Sicherheit gegenüber Unfall, Krankheit und Arbeitslosigkeit können Menschen in einem ausgebauten Sozialstaat daher geringeres Vermögen besitzen. Deswegen stellt der funktionierende Sozialstaat durchaus einen Ausdruck gesellschaftlichen Reichtums dar, aber eben kein privates Vermögen im engeren Sinn.

Sozialsystem und Vermögensaufbau

Aus der Tatsache, dass in manchen Ländern diese Vorsorge bei jenen, die es sich leisten können, durch private Sparguthaben erfolgt, kann man aber nicht schließen, dass ein fehlendes Sozialsystem den Vermögensaufbau erleichtert. In den USA können die unteren Einkommens- und Vermögensgruppen trotz der dort im Durchschnitt niedrigeren Abgabenquote keine großen Vermögen anhäufen, um ein löchriges soziales Netz zu ersetzen; sie sind im Gegenteil meist verschuldet. Historisch ist nicht das individuell angesparte Vermögen die Versicherung gegen ein nicht funktionierendes Sozialsystem, sondern die Familie, vor allem in vermögens- und einkommensärmeren Gruppen.
Etliche Kommentatorinnen und Kommentatoren schlossen aus der falschen Interpretation der Daten in den Zeitungen, dass Daten aus Erhebungen grundsätzlich nicht zu trauen ist. Diese pauschale Ablehnung ist eine undifferenzierte und unwissenschaftliche Einschränkung der Möglichkeiten für Erkenntnisgewinn.
Viele Daten, die von Sozial- und WirtschaftswissenschafterInnen verwendet werden, stammen aus Befragungen, darunter etwa EU-SILC, die deutschen Vermögensdaten aus dem SOEP und auch die Konsumerhebung. Die Erhebung der EZB wurde, wie die sorgfältige Dokumentation im Methodenband zeigt, methodisch auf hohem Niveau durchgeführt.
Es wurde großes Augenmerk auf eine Ex-ante-Harmonisierung der Befragung sowie auf die Schulung von Interviewerinnen und Interviewern gelegt, und die Interviews wurden persönlich und computerunterstützt durchgeführt, was eine Überprüfung der Eingaben und Rückfragen noch während der Befragung möglich machte. (Eine Ausnahme bilden die Daten Finnlands und der Niederlande sowie in eingeschränktem Maß auch Zyperns. Genau arbeitende WissenschafterInnen werden diese drei Staaten wohl nicht in vergleichende Studien einbeziehen.)

Erhebungsmethoden verbessern

Selbstverständlich gibt es Verbesserungsmöglichkeiten für die Erhebungsmethode. Bei Befragungsdaten bestehen Schwierigkeiten, den oberen Rand, also die extrem hohen Vermögen, akkurat abzubilden. Eine verpflichtende Teilnahme an der Erhebung sowie eine Überrepräsentierung hoher Vermögens- und Einkommensgruppen in der Stichprobe können dieses Problem verbessern. Vorerst muss man damit leben, dass die publizierten Daten eine Untergrenze für die Ungleichverteilung der Vermögen darstellen.
Die Daten bieten erstmals vergleichbare Informationen für die Verteilung von Vermögen in Eurozonen-Ländern. Auf diesem Feld finden sich eine Menge Fragen, die man mit diesen Daten beantworten kann: Wie sind Vermögen in der Eurozone verteilt? Gibt es zwischen den Ländern Unterschiede in der Verteilung? Wie wird Vermögen von den unterschiedlichen Vermögensgruppen erworben und aufgebaut? Usw.
Bereits die ersten Resultate der EZB selbst liefern die eigentlich brisanten Erkenntnisse. So ist das Vermögen innerhalb der Eurozone über alle Ländergrenzen hinweg extrem ungleich verteilt. Die unteren 20 Prozent haben kein (positives) Nettovermögen, die unteren 50 Prozent besitzen zusammen in den untersuchten Eurozonen-Ländern nur sechs Prozent des gesamten Nettovermögens. Österreich ist noch ungleicher als die gesamte Eurozone: In Österreich haben die unteren 50 Prozent unter vier Prozent des Nettovermögens.
Das gleiche Bild von extremer Ungleichheit zeigt sich am oberen Ende der Vermögensverteilung: Die vermögensreichsten fünf Prozent besitzen über alle Länder 37 Prozent des gesamten Nettovermögens, in Österreich besitzen sie über 45 Prozent. Damit ist die Verteilung von Vermögen in der Eurozone sehr ungleich und Öster-reichs Vermögensverteilung ist besonders ungleich.
Nach einer Auswertung der Daten von der italienischen Zentralbank hat Österreich gemeinsam mit Deutschland einen der höchsten Gini-Koeffizienten der Eurozone. Dieses Maß der Ungleichheit liegt in Österreich bei 0,76 im Vergleich zu 0,68 über alle untersuchten Länder.

Ähnlich in Ungleichverteilung

Verglichen mit der Einkommensverteilung ist somit die Ungleichverteilung bei den Vermögen in allen untersuchten Eurozonen-Ländern sehr hoch. Das ist das Überraschende an diesen neuen Daten: wie ähnlich sich die Länder in ihrer Ungleichverteilung sind. Die vermögensreichen Gruppen waren in allen Ländern in der Lage, den weitaus größten Teil des Vermögens auf sich zu vereinen, während die vermögensarme Hälfte in allen Ländern, in Zypern und Malta wie in Deutschland und Österreich, nur einen sehr geringen Teil des Vermögens besitzt.

EZB-Untersuchung: 
tinyurl.com/oej3mht

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorinnen miriam.rehm@akwien.at und christa.schlager@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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