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Bad Fiction In einem totalen Überwachungsstaat werden die BürgerInnen ständig durch ein ausgeklügeltes Video-System kontrolliert. "Big Brother is watching you."
Buchtipp

Bad Fiction

Schwerpunkt

Killermaschinen, Gedankenkontrolle, Menschen-Labors. In utopischen Romanen und Filmen ist Technologie oft nicht Freund, sondern erbitterter Feind des Menschen.

1984: In einem totalen Überwachungsstaat werden die BürgerInnen ständig durch ein ausgeklügeltes Video-System kontrolliert. „Big Brother is watching you.“ Der herrschende „große Bruder“ ist aufgrund der alle Lebensbereiche durchdringenden Propaganda omnipräsent, wer sich gegen die Autoritäten auflehnt, wird „vaporisiert“ (hingerichtet) oder mittels Gehirnwäsche „umerzogen“. In George Orwells Horrorvision „1984“ sind nicht einmal mehr die Gedanken frei. Es handelt sich bei diesem 1948 fertiggestellten Roman um eine schwarze Utopie, auch Dystopie genannt. Laut Duden ist die Dystopie (altgriechisch: „dys“ steht für „miss-, un-, übel-“ und „topos“ für „Ort, Gegend“) eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang.

Menschen vom Fließband

„1984“ ist ein äußerst populärer Vertreter dieser literarischen Gattung, aber bei Weitem kein Einzelfall. Ein weiterer Klassiker ist der 1932 erschienene Roman „Brave New World“ von Aldous Huxley. In dieser von einer globalen Zentralregierung gesteuerten „schönen neuen Welt“ werden Menschen nicht mehr natürlich gezeugt, sondern in vitro quasi am Fließband produziert. Gezielte pränatal-technische Manipulation führt zur Konstruktion einer strengen Klassengesellschaft. So wird eine geistig unterlegene Klasse von Menschen „designt“, um niedere Arbeiten zu verrichten. Die BürgerInnen werden durch die synthetische Droge Soma bei Laune gehalten. Hier wird die Technologiekritik schon in der Geschichtsauffassung deutlich: Man schreibt das Jahr 632 „unse-res Herren Ford“. Der Wegbereiter der Automatisierung der Arbeitswelt wird als Gott verehrt, was sich in Aussprüchen wie „Ford sei Dank“ manifestiert. Zudem existiert die ehrerbietende Anrede „Fordschaft“ statt „Lordschaft“. Huxley verleiht seiner Technologieskepsis auch im Vorwort des Romans unumwunden Ausdruck: In einer wirklich schönen neuen Welt würden Naturwissenschaft und Technik so benutzt, als wären sie für den Menschen gemacht und nicht als solle der Mensch ihnen angepasst und unterworfen werden. Weiters meinte der Autor im Jahre 1946, dass „die Äquivalente für (...) das wissenschaftlich ausgearbeitete Kastensystem wahrscheinlich nur noch drei oder vier Generationen von uns entfernt sind“. Kein schöner Zukunftsentwurf. Und das Science-Fiction-Genre hat noch viele weitere Beispiele düsterer Utopien parat: „Blade Runner“, „Terminator“ oder „Matrix“. All diesen Filmen ist gemein, dass technologischer Fortschritt für die Menschheit Unheil birgt. Technologie ist ein Gefahrenherd, vor allem künstliche Intelligenz entwickelt sich zum direkten Konkurrenten des Homo Sapiens, den sie zu versklaven oder gar zu vernichten droht. Warum diese Angst (mehr oder weniger) feinfühliger Autoren und Regisseure vor der Technik? Nun muss man an dieser Stelle klarstellen, dass bei Weitem nicht alle Utopisten „schwarzsehen“.
Hannes Stein, Journalist und Autor des fantastischen Romans „Der Komet“, meint, dass es sich bei Science-Fiction generell nicht um eine zukunftsskeptische Literaturgattung handelt. „Die Science-Fiction der Fünfzigerjahre etwa ist eine herzerfrischend kapitalistische und technologiegläubige Lektüre. Später wurde es dann freilich immer düsterer. Auch populäre Genres sind nicht über den Zeitgeist erhaben“, so Stein. „Der Komet“ stellt wiederum eine „Alternate History Novel“ dar (hier wird ein alternatives Geschichtsbild gezeichnet). Der Hintergrund des Romans ist ein 20. Jahrhundert, in dem es keine Verwüstungen durch zwei Weltkriege und keinen Genozid an den europäischen Juden gegeben hat. Ein Europa ohne Hitler und Mussolini, ohne Lenin und Stalin. Stein: „Diese rosarote Vision hat allerdings eine Kehrseite: Mein rabenschwarzes Entsetzen, wie tief wir im 20. Jahrhundert tatsächlich gefallen sind. Viele Rezensenten sprachen davon, wie lustig mein Buch sei. Ich denke auch, dass es lustig ist, aber hinter dem Lachen verbirgt sich die Untröstlichkeit.“ Zur Gattung der „Alternate History Novel“ gibt der Autor ein weiteres Beispiel: Philip K. Dicks „The Man in the High Castle“. In dieser Schreckensversion sind die Nazis als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen. Der Roman erschien im Jahr der Kubakrise, als die Welt am Rande eines globalen thermonuklearen Krieges stand. Auch Dick beschreibt in seinem Roman ein Szenario, in der ein Atomkrieg bevorsteht, allerdings droht er zwischen Hitlerdeutschland und dem japanischen Kaiserreich auszubrechen. „Was will Dick uns damit sagen? Dies: Die Gegenwart ist zwar zum Fürchten, aber so furchtbar nun auch wieder nicht. Immerhin haben die Nazis nicht den Zweiten Weltkrieg gewonnen“, so Stein.

Auch in Zukunft Gut gegen Böse

Georg Wasner beschäftigt sich im Österreichischen Filmmuseum intensiv mit Science-Fiction. Er glaubt nicht, dass dieses Genre prinzipiell technologiefeindlich ist und verweist auf viele Beispiele positiver Utopien, wie etwa die Mars-Trilogie von Kim Stanley Robinson. Hier wird die Besiedlung des roten Planeten beschrieben, mit allen möglichen Problemen und politischen Ränkespielen. Dennoch handelt es sich um einen grundsätzlich optimistischen Entwurf, der Ideen des „grass-roots movement“ und der Basisdemokratie aufgreift; auch Kapitalismuskritik kommt nicht zu kurz. All das passt wiederum nicht perfekt in das Verwertungsschema des Mainstreamkinos bzw. der Populärkultur. Die Story darf nicht zu komplex erscheinen, stattdessen müssen klare Feindbilder gezeichnet werden. So entsteht ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema, in dem „das Böse“ von einem strahlenden Helden besiegt wird. Und weil mit technologischem Fortschritt immer Veränderung mitschwingt, wohinter etwas Unbekanntes und potenziell Bedrohliches lauert, eignet sich „die Technik“ durchaus als Sündenbock. Personalisiert als Killer-Cyborg „Terminator“ oder anonymisiert in Form der Geburtenmanipulation in Huxleys „neuer Welt“. Auch für Science-Fiction gilt, was für Boulevardmedien bestimmend ist: „Only bad news is good news.“ Man stelle sich einen Planeten vor, auf dem die Technik die schlimmsten Probleme der Menschheit in den Griff bekommen hat: Armut, Kriege und Krankheiten gehören der Vergangenheit an. Sicher eine schöne Vision – aber ist diese Utopie nicht schlichtweg zu langweilig? Viel verkaufsträchtiger ist da schon eine Zukunft, in der es von Gewalt und Bösewichten nur so wimmelt. Gewalt ist dabei ein Schlüsselreiz, der keinen Menschen kalt lässt, wobei bereits Aristoteles die Katharsisthese ins Spiel brachte: Sie besagt, dass durch die mediale Darstellung von Gewalt das Aggressionspotenzial des Publikums abgebaut werden kann. Der römische Dichter Lukrez verwies wiederum darauf, dass Angst und Schrecken dem Publikum durchaus Lust bereiten, solange es nicht selbst in Gefahr ist. Er schrieb: „Angenehm ist es, vom Ufer ein Schiff mit den Wellen kämpfen zu sehen, die es verschlingen wollen, oder an einem anderen sicheren Orte ein Zuschauer einer wichtigen Schlacht zu seyn.“ Heute findet das Schlachten im Fernsehen statt, in den Nachrichten oder im Kino. Science-Fiction macht hier keine Ausnahme, will sie sich gut verkaufen. Da es sich per definitionem um eine „wissenschaftliche Fiktion“ handelt, darf es nicht verwundern, dass Wissenschaft und Technik während des Dramatisierungsprozesses oft übertrieben negativ dargestellt werden.

Böse Technik, gute Technik

In der Realität sollten wir uns über die positiven Auswirkungen der Technologie freuen, etwa in der Medizin oder der Arbeitswelt. „Der technische Fortschritt hat zur ,Humanisierung‘ der Arbeit beigetragen. Er sorgt für mehr Flexibilität, reduziert eintönige manuelle Tätigkeiten und führt in vielen Bereichen zur physischen Entlastung“, so Claudia Kral-Bast, Leiterin der Abteilung Arbeit und Technik in der GPA-djp. Natürlich gibt es laut der Expertin auch Schattenseiten, etwa die Gefahr, dass durch Teleworking, Internet, Smartphones, ständige Erreichbarkeit etc. die Arbeit immer stärker in den privaten Bereich eindringt. Das ist keine Science-Fiction – im Vergleich zu meuchelmordenden Cyborgs aber ein überschaubares Problemfeld.

Mehr Infos unter:
www.jump-cut.de/sciencefiction.html

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor haraldkolerus@yahoo.com
der die Redaktion aw@oegb.at

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