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Landflucht und Urbanität Leere Wohnbauten wurden - wie es nur aus der ehemaligen DDR bekannt ist - abgerissen. Für Christian Pichler ist es wichtig, dass Regionalförderprogramme angeboten werden und auch überlegt wird, welche Stärken es in den Regionen gibt.
Buchtipp

Landflucht und Urbanität

Schwerpunkt

Der ländliche Raum funktioniert vor allem dort, wo die Stadt nahe liegt. Engagierte Projekte und gezielte Aktionen sollen die Abwanderung stoppen.

Das klassische Landleben hat ausgedient, die Prognosen sind dramatisch. Die Zahlen der Statistik Austria zeigen, dass Österreich immer mehr zentralisiert. Bis 2030 wird vor allem das städtische, besonders das nördliche und südliche Wiener Umland wachsen – der Anteil der Bevölkerung wird dort um rund 22 Prozent steigen. Für Wien selbst wird ein stattliches Wachstum von 13 Prozent prognostiziert. Ebenso wird für Graz und seine Umlandbezirke ein Bevölkerungswachstum von 15 Prozent erwartet. Als weitere Regionen mit starken Bevölkerungsgewinnen gelten Rheintal-Bodensee in Vorarlberg, Linz‐Wels in Oberösterreich, Innsbruck und St. Pölten. Bis zum Jahr 2050 wird sich der Trend im Wesentlichen fortsetzen: Während das Wiener Umland bis dahin um über ein Drittel mehr Menschen zählen wird als heute, wird sich in der Obersteiermark, in Ober‐ und Unterkärnten sowie in Osttirol und im Salzburger Lungau der bereits bis 2030 prognostizierte Bevölkerungsrückgang fortsetzen.

Schleichende Abwanderung

„Das Land funktioniert zentrumsnahe und dort, wo der Mensch mit Verkehrsmitteln in einer akzeptablen Zeit hinkommt“, erklärt Christian Pichler, studierter Raumplaner und Mitarbeiter der Abteilung Kommunalpolitik der Arbeiterkammer Wien. Im Einzugsbereich großer Städte ist die Ansiedlung für Unternehmen oft attraktiver, denn allein der Quadratmeterpreis für das Bauland ist um einiges niedriger als in der Stadt. In ländlichen Regionen hingegen sind die Ausbildungsangebote und damit einhergehend auch die Arbeitsmöglichkeiten gering, und die Abwanderung der Menschen ist eine seit Jahren schleichende Entwicklung. Viele verlassen ihre Dörfer und kleinen Orte, um in eine höhere Schule zu gehen, eine Lehre zu absolvieren oder um zu studieren. Zurück kommen sie, wenn überhaupt, erst im höheren Alter. Denn meistens gibt es keinen adäquaten Job in der Region. Wenn doch, ist die Anzahl höchst überschaubar.
Ein weiterer entscheidender Aspekt: Die Stabilität der Arbeitsverhältnisse sinkt. Wer mit zwanzig einen Arbeitsplatz antritt, kann nicht mehr damit rechnen, dass er mit vierzig noch in der gleichen Firma oder am gleichen Ort tätig ist. In den ländlichen Gemeinden ist auch das Angebot an Mietwohnungen sehr begrenzt. Nicht viele sind bereit, für eine berufliche Existenz, die nur für ein paar Jahre gesichert ist, ein neues Haus zu bauen.
Das Breitband schien vor allem in den 1990er-Jahren die Hoffnung für etwas abgelegenere Gegenden zu sein. In Niederösterreich wurden ganze Telehäuser geschaffen. Von „Tele-Mustergemeinden“ oder vom „Entwicklungs- und Innovationszentrum Zwettl“, von der Zukunft der Telearbeit war die Rede. Dienstleistungen wie Schreibarbeiten, das Ausdrucken von Serienbriefen oder der Entwurf und Druck von Etiketten wurden angeboten. In den Telehäusern wurden Menschen geschult, oft waren Bäuerinnen darunter, die noch etwas dazuverdienen wollten. Doch auf Dauer waren diese Tätigkeiten zu einfach, als dass sie nicht in billigeren Regionen verrichtet werden konnten. Die Telehäuser konnten sich nicht als wichtiger Wirtschaftsfaktor für diese Regionen etablieren. Auch die Verpflanzung „qualifizierterer“ Arbeit – etwa Pläne entwerfen, Programmieren oder Software-Support – ist schwierig und gelingt nur in Einzelfällen. Telearbeit funktioniert nur bei regelmäßigen und häufigen Besuchen in der Firma, sie ist eben keine Lösung für eine ganze Region. Experte Christian Pichler: „Bei Telearbeit hat sich herausgestellt, dass soziale Kontakte einfach notwendig sind, wenn man in einem großen Firmenkonstrukt arbeitet.“ Hauptsächlich wurden Versuche in der IT-Branche unternommen. „Aber das wird derzeit zurückgeschraubt“, sagt Pichler. Denn die Firmen haben ihre MitarbeiterInnen gerne näher bei sich, und viele Menschen haben es im eigenen Zuhause schwer, Arbeitsdisziplin aufzubauen.
Pichler: „Du kannst zu Hause am ehesten Sachen abarbeiten, alles andere ist eher schwierig.“ Doch ein Arbeitsleben besteht aus sozialen Kontakten und Netzwerken. Gegenseitiger Gedankenaustausch und Ansprache sind ein wichtiger Bestandteil. Wer nicht vor Ort ist, der versäumt vieles. Die Karriereaussichten bei der Arbeit von zu Hause aus liegen nahezu bei Null. Auch im salzburgischen Oberpinzgau drohen Fachkräftemangel und der Verlust von Infrastruktur. Zur hohen Abwanderungsrate wird es für Betriebe zunehmend schwieriger, passende Fachkräfte zu finden. Lehrstellen bleiben unbesetzt und wichtige Einrichtungen, wie etwa das Bezirksgericht, werden geschlossen.

Die Leute in der Region halten

Der Geograf Andreas Mühlbauer von der Regionalen Koordinationsstelle Oberpinzgau will etwas gegen die Abwanderung unternehmen: „Wir wollen die Leute in der Region halten. Die Idee dabei ist, die Arbeitsstellen, die in Zukunft frei werden, zu erheben.“ So wird derzeit ermittelt, welche Mediziner in der Region in absehbarer Zeit in Pension gehen und wer gezielt auf diese Stelle angesprochen werden kann. Auch anstehende Pensionierungen in Betrieben sollten mit einer bestimmten Vorlaufzeit publik gemacht werden, damit Zeit bleibt, Ersatz zu suchen. „Wir sind derzeit in der Umsetzungsphase“, erklärt Mühlbauer. Noch sind einige Betriebe skeptisch. Einerseits weil sie nicht wissen, ob sie nach dem Ausscheiden einer Mitarbeiterin/eines Mitarbeiters in fünf Jahren die Kapazitäten haben werden, diese Stelle nachzubesetzen, andererseits fällt es manchen UnternehmerInnen schwer, solche Interna an Dritte weiterzugeben.
Geograf Mühlbauer: „Unser Ziel ist es, den Informationsfluss innerhalb der Region zu verbessern.“ Auf der Internetseite www.komm-bleib.at werden Informationen aus der Region zusammengefasst, etwa welche Kinderbetreuungseinrichtungen es hier gibt. Dazu gibt es ein alphabetisches Verzeichnis aller derzeit im Oberpinzgau freien Lehrstellen. Außerdem veranstaltet die Regionale Koordinationsstelle Oberpinzgau regelmäßig wissenschaftliche Fachvorträge. Dabei hat auch eine Studiengruppe der TU Wien die Chancen der Region untersucht.
Mit der Landflucht hat die obersteirische Stadt Eisenerz schon seit Jahren schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Bis in die 1950er-Jahre war hier das montanistische Zentrum Österreichs, der Erzberg lieferte den Rohstoff für die heimische Eisen- und Stahlindustrie. Der europaweite Niedergang dieser Branche stürzte die Stadt mit ihren einst 13.000 EinwohnerInnen in die Krise. Derzeit leben nur noch 4.800 Menschen in Eisenerz – Tendenz weiter sinkend. Für die Gemeinde wurde es zu einer zunehmenden Belastung, die technische und soziale Infrastruktur aufrechtzuerhalten, die auf die doppelte bis dreifache Bevölkerungszahl ausgelegt war. Dazu standen Hunderte Wohnungen leer. Doch seit 2003 arbeitet Eisenerz am Rückbau der Stadt, BewohnerInnen aus entle-genen oder benachteiligten Stadtteilen können in bessere Lagen umsiedeln. Leere Wohnbauten wurden – wie in der ehemaligen DDR – abgerissen. Für Christian Pichler ist es wichtig, dass Regionalförderprogramme angeboten werden und auch überlegt wird, welche Stärken es in den Regionen gibt. Als positives Beispiel für Beschäftigungsimpulse führt er die Thermenlinie im Südburgenland und in der Oststeiermark an. „Früher war das auch eine tote Gegend, und dann hat man sich überlegt, dass das ein Wirtschaftszweig ist, der funktionieren könnte.“

Abhängig vom Auto

Kontraproduktiv ist, wenn die öffentlichen Ausgaben für die Infrastruktur weiter zusammengestrichen werden. 2009 drohte die ÖBB 29 Nebenbahnlinien in ganz Österreich zu streichen, nur ein kleiner Teil davon konnte erhalten bleiben. Die Konsequenz: Die Bevölkerung ist immer mehr vom Auto abhängig, Österreich hält mit 512 Autos auf 1.000 EinwohnerInnen einen Spitzenwert. Denn immer öfter gilt: Will eine Familie mobil sein, dann genügt ein Auto nicht mehr. Um heutzutage adäquat am Land leben zu können, muss viel Geld in Wohnmöglichkeiten und Mobilität investiert werden. Dagegen werden Arbeitsplätze und die Nahversorgung immer unsicherer. So ist es nur logisch, dass immer mehr Menschen in die Städte und ihre Speckgürtel übersiedeln.

Mehr Infos unter:
www.komm-bleib.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die AutorInnen sophia.fielhauer@chello.at resei@gmx.de oder die Redaktion aw@oegb.at

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