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"Im Rampenlicht, wenn es nicht funktioniert" Nur ein Drittel der Befragten aus der Hightech-Branche gibt an, nach der Arbeit problemlos abschalten zu können, und lediglich 37 Prozent der IT-Spezialisten meinen gemäß der Erhebung, ihre Tätigkeit auf Dauer durchzuhalten.

"Im Rampenlicht, wenn es nicht funktioniert"

Schwerpunkt

Belastungsfaktor Hightech-Bereich: Techniker geben Einblick in ihre Arbeitswelt.

Immer ist die Technik schuld, wenn etwas nicht funktioniert“, meint der 34-jährige Thomas, und weiter: „Aber solange alles ordnungsgemäß läuft, bekommt niemand mit, dass es da ja wen gibt, der sich darum kümmert.“ Der gut ausgebildete FH-Absolvent kennt die Belastungsfaktoren im technischen Bereich: Er arbeitet als Systemplaner für ein Medienunternehmen und kümmert sich unter anderem darum, dass die Systemressourcen ausreichend vorhanden sind und die Anlagen stabil laufen.

Ruf und Vorurteil

Menschen, die im technischen Bereich arbeiten, haftete lange Zeit der Nimbus an, frei von Dreck und Lärm in einem modernen und dynamischen Arbeitsfeld ihre Kreativität ausleben zu dürfen. Das Ganze natürlich mit einem Top-Gehalt und guten Aufstiegschancen. Dass die Branche auch Schattenseiten hat, wird dabei allzu leicht übersehen. Was seinen Arbeitsplatz anbelangt, so ärgert sich Thomas darüber, dass ihm bei der Einstellung über eine Leasing-Firma eine Fixanstellung in absehbarer Zeit in Aussicht gestellt wurde. Das ist mittlerweile einige Jahre her und sein Chef will davon nun wenig wissen. „Wenn ich ihn darauf anspreche, sagt er mir, dass es jetzt gerade aufgrund von internen Umstrukturierungen oder Sparmaßnahmen ein ungünstiger Zeitpunkt wäre.“ Die Anstellung über die externe Firma verkompliziert für Thomas Gehaltsverhandlungen und seine Karriereplanung im Medienunternehmen. Zudem sind die Sozialleistungen über die Leihfirma nicht so gut, wie die der anderen Angestellten. Und auch wenn Thomas sein Arbeitsverhältnis nicht akut gefährdet sieht, so bleibt doch immer das schale Gefühl im Hinterkopf, im Falle von Kündigungen „sicher schneller draußen zu sein, als die direkt angestellten Kollegen“.

Zu wenig Konzept und System

Auch der 38-jährige Alexander berichtet von diversen Belastungsfaktoren: „Als Programmierer ist die Arbeit oft sehr einseitig: Du sitzt den ganzen Tag vorm Computer und kommst wenig raus. Ich merke in meiner Freizeit, dass ich dadurch viel Bedürfnis nach sozialen Kontakten habe.“ Auf die Frage, was er genau mit „Einseitigkeit“ meint, erklärt der Softwareentwickler, dass es beim Programmieren sehr viele Routinetätigkeiten gibt.
Dies hängt seiner Auffassung nach auch damit zusammen, dass es recht gängig ist, Programme zusammenzustückeln und oft zu wenig in die Konzeptentwicklung zu investierten. „Es kann ziemlich mühsam sein, wenn die Software ohne Konzept und System immer wieder erweitert wird. Häufig gibt es nämlich keine ordentliche Dokumentation zur bestehenden Software, d. h. man muss sich dann eigeninitiativ mit viel Probieren und Testen durchkämpfen und sich in uralte Programmierungen und fremde Gedankengänge einarbeiten und einlesen. Es kann ganz schön nervenaufreibend sein, sich da hineinzufinden.“ Den Teil der Eigeninitiative empfindet er selbst zwar eher als positiv herausfordernd und weniger als belastend, räumt aber ein, dass dies für viele Kolleginnen und Kollegen sehr schwierig sein kann. Wenn das jemand nicht schafft, ist er schnell weg. Gemäß einer Studie der Universität Duisburg-Essen (Institut Arbeit und Qualifikation, IAQ-Report) nennen übrigens 41 Prozent der Befragten aus dem Hightech-Bereich „Aneignungs(Lern)behinderungen“ als häufig vorkommende psychische Belastungsfaktoren.

Zusammengewurstelte Programme

Hinzu kommt, dass im technischen Bereich oft nach außen BeraterInnen ein Softwareprodukt verkaufen und „du im Hintergrund programmierst, wenig positive Resonanz bekommst und nach bestimmten Vorgaben einzelne Umsetzungen machst“, meint Alexander weiter. „Damit ist die Arbeitsaufteilung in der Branche häufig relativ strikt und unausgeglichen.
Ein Projekt von Beginn bis zum Ende betreuen zu können würde die Arbeit sicherlich wesentlich interessanter und abwechslungsreicher machen.“ Alexander glaubt auch, dass sich die Qualität dadurch mitunter steigern könnte, da dann „vielleicht mehr Augenmerk auf die Konzeptentwicklung gelegt werden würde“ und es zu weniger „zusammengewurstelten Programmen kommt, die auch weniger fehleranfällig und eleganter in ihren Lösungen wären“. Außerdem wäre die Budgetierung beispielsweise für den Zeitaufwand einfacher, weil dann weniger unvorhersehbare Probleme auftreten würden, so der 38-Jährige. Zeitdruck ist übrigens auch laut dem IAQ-Report der zweithäufigste psychische Belastungsfaktor in Hightech-Branchen. Ungeplanter Zusatzaufwand und widersprüchliche Arbeitsanforderungen werden in der Studie ebenfalls als häufige Belastungsfaktoren genannt.

Die eierlegende Wollmilchsau

In einem solchen Arbeitskontext verwundert es daher kaum, dass „Arbeitsunterbrechungen durch Personen bzw. Telefonate“ als größte psychische Belastung laut der o. a. Studie empfunden werden. Die beiden interviewten Branchenkenner Alexander und Thomas wissen davon ebenfalls ein Lied zu singen: Thomas berichtet, dass es zwar im Unternehmen einen eigenen Supportdienst gibt, er aber trotzdem oft direkt angerufen und so aus „seiner Arbeit herausgerissen wird“.
Auch der IT-Spezialist Alexander bestätigt, dass er es immer als sehr stressig empfindet, „wenn ich mich gerade in etwas vertieft habe und dann plötzlich mit ganz anderen Fragestellungen konfrontiert werde“. Überhaupt sei manchmal ein IT-Mitarbeiter ein bisschen in der Rolle der „eierlegenden Wollmilchsau; da glauben halt manche Kolleginnen und Kollegen, dass du automatisch auch im Internet-, Hardware- und Telekommunikationsbereich sowie sämtlichen Programmiersprachen versiert bist“, erzählt Alexander. Und das natürlich in der Regel dann, wenn etwas nicht funktioniert. Oder wie es Thomas formuliert: „Wenn es wo hängt, stehst du im Rampenlicht und bist scheinbar für alles zuständig – aber wenn alles läuft, bekommst du nie Lob.“ So kommt es gemäß der Studie auch zu emotionalen Belastungen: Nur ein Drittel der Befragten aus der Hightech-Branche gibt an, nach der Arbeit problemlos abschalten zu können, und lediglich 37 Prozent der IT-Spezialisten meinen gemäß der Erhebung, ihre Tätigkeit auf Dauer durchzuhalten. Hohes Stressaufkommen und Burn-out sind also in der Branche keine Seltenheit.

Bessere Arbeitsgestaltung

Interessant ist, dass sich die in der genannten Studie empfohlenen Gestaltungsmaßnahmen sehr stark mit den Aussagen der beiden interviewten Branchenkenner Thomas und Alexander decken.
Da Zeitdruck und mangelnder Gestaltungsspielraum als besonders belastend empfunden werden, wäre eine entgegenwirkende Maßnahme, die Projektmitarbeit auf maximal zwei Projekte zu begrenzen. Dies wird als „Defragmentierung“ bezeichnet, also die Konzentration auf Arbeitsschwerpunkte. Weiters sollten konzentrationsintensive Aufgaben störungsfrei erfolgen können, um Arbeitsunterbrechungen zu vermeiden und die Kompentenzentwicklung zu fördern. Das kann durch eine Trennung von Support- und Projektaufgaben erfolgen oder auch durch Absprachen im Team, wo beispielsweise bestimmte Zeiten für störungsfreies Arbeiten aufgeteilt werden („Blockarbeitszeiten“). Für die Verbesserung der Erholung werden in der Studie eine aktive Pausengestaltung und beschränkende Regelungen zu Mehrarbeit angeregt. Weiters werden Optimierungen von technischen Berichts- und Dokumentationssystemen empfohlen, um ungeplante Zusatzaufwände zu vermeiden (und in Folge Zeitdruck).
Die Bereitstellung gesonderter Kostenstellen für Einarbeitungs- und Weiterbildungszeiten zur Verminderung von Aneignungsbehinderung und zur Kompetenzförderung werden ebenfalls als positive Gestaltungsmaßnahmen genannt. Zusammengefasst sollen also schnelle Aufgabenwechsel und parallele Aufgabenbearbeitung unter hohem Zeitdruck vermieden werden, während gleichzeitig die Grenzen zwischen Arbeits- und Erholungszeiten eingehalten werden müssen.

IAQ-Report:
tinyurl.com/d333vkm
Homepage der GPA-djp:
www.gpa-djp.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin elke.radhuber@gmx.at
oder die Redaktion aw@oegb.at

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