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Erreichbarkeit ist eine strenge Herrin Wer dringende Anrufe erwartete, durfte sich nicht vom Apparat wegbewegen, wer unterwegs war und telefonieren wollte, brauchte eine (intakte) Telefonzelle samt Kleingeld.

Erreichbarkeit ist eine strenge Herrin1

Schwerpunkt

Das Werkzeug Mobiltelefon erfordert aktives Anrufmanagement und Abschalten.

Die Kritik am steigenden Arbeitsdruck trifft immer öfter die digitalen Medien: Handy, E-Mail, Internet beschleunigen unsere Gesellschaft und wir hetzen dem Tempo unserer Alltagshelfer hinterher. „Hilfe – meine Prothese ist schneller als ich!“2, hieße es dazu im Sinne des Philosophen Paul Virilio: „Wer das Tempo seines Werkzeugs einzuholen versucht, wird dessen Teil.“ Was tun gegen die Verdinglichung? Denn die Klage über die Schnelligkeit des Lebens ist ja nicht neu, seit der Einführung der Pferdekutsche zählt sie zum kulturpessimistischen Wertekanon.
Vieles wird schneller, aber vor allem gibt es von allem mehr. Daher predigt die Ratgeberliteratur richtiges Timing: Ziele definieren, Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen, Arbeit abgeben, es brauchen nur noch die Aktivitäten zeitlich abgestimmt zu werden. So schön klingt nur Managementliteratur. Aber wie sieht es für alle anderen Arbeitenden aus? Mobiltelefonieren ist widersprüchlich, kaum jemand mag darauf verzichten und zugleich klagen viele: „Ich fühle mich als Sklave des Handys.“ Alles nur eine Frage der Einteilung? Mobiltelefonieren steht in einer Dreiecksbeziehung zu Freiheit – Erreichbarkeit – Verfügbarkeit, eine Dynamik mit vielen Widersprüchen.

Connecting People

Handys verbinden Personen, Festnetztelefone Orte. An jedem Ort, zu jeder Zeit telefonieren zu können, das ist die neue Freiheit des Handys. Für jüngere LeserInnen wohl eine No-na-Aussage, aber erinnern wir uns: Wer dringende Anrufe erwartete, durfte sich nicht vom Apparat wegbewegen, wer unterwegs war und telefonieren wollte, brauchte eine (intakte) Telefonzelle samt Kleingeld; auf zu spät Kommende musste man einfach warten, kein mobiler Höflichkeitsanruf ermöglichte es auch, selbst zeitlich umzudisponieren. Die Freiheit, jederzeit zu kommunizieren, bringt auch in manchen Arbeitsbranchen mehr Flexibilität: Es ist einfacher geworden, zwischendurch das Büro zu verlassen, einen Weg zu erledigen, immerhin ist man ja jederzeit erreichbar; und selbst der viel belächelte Anruf im Supermarkt spart einem manchen Weg. Freiheit ist aber genauso Selbstbestimmung, und die heißt eben auch, nicht immer erreichbar sein zu müssen. Was ist überhaupt Erreichbarkeit – „natürliches“ Bedürfnis oder Marketingerfolg der Mobilfunkindustrie?3
Für die Kommunikationswissenschaftlerin Barbara Mettler-v. Meibom gestalten Machtbeziehungen den Umgang mit Erreichbarkeit: Instrumentelle Erreichbarkeit wird als Steuerungsinstrument benutzt, um raum- und zeitüberschreitend rasch zu reagieren. Soziale Erreichbarkeit betrifft den emotionalen Kontakt, um Trost und Anerkennung zu vermitteln, und die „Erreichbarkeit für sich selbst“ besteht in der Fähigkeit zum transzendenten, inneren Dialog mit sich selbst.

Arbeitswerkzeug Handy

In vielen Berufen gehört das Mobiltelefon zum unverzichtbaren Arbeitswerkzeug. Längst sind es nicht nur die klassischen mobilen Berufe im Gesundheitsbereich, in Service- und Montagetechnik, Außendienst und Journalismus. Laut einer aktuellen BITKOM-Studie arbeiten bereits 67 Prozent aller Berufstätigen mit einem Handy bzw. Smartphone. Gemäß der Devise „Das Büro ist, wo ich bin“ wird in Kaffeehäusern und in Zügen gearbeitet. Die Einstellung „Wegzeit ist Arbeitszeit“ gehört für immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Diese Haltung lässt sich nicht allein über Arbeitsdruck erklären, es ist auch eine innere Einstellung.
Das Soziologenteam Voß/Pongratz findet dafür den neuen Typus des „Arbeitskraftunternehmers“. Die gesamte Lebensführung wird einer Art betriebswirtschaftlichem Effizienzdenken unterstellt. So gelingt es, mit flexiblen Arbeitszeitanforderungen wie prekären Beschäftigungsverhältnissen umzugehen und projektspezifisch in wechselnden Teams zu arbeiten. Als Partnerschaftsmodell sind meist beide berufstätig und die Aufgabenteilung zwischen Erwerbs- und Familienarbeit wird untereinander ausgehandelt. Für diesen Typus des/der Arbeitenden ist das Mobiltelefon der Referenzgegenstand.

Anrufmanagement

Anrufmanagement steht hier für den strategischen Umgang mit Erreichbarkeit. Wer rund um die Uhr gesprächsbereit ist, braucht Kommunikationsfilter. Das Filtern von Anrufen gehört beim Festnetz zur Tätigkeit des Sekretariats. Beim Mobiltelefon übernimmt jede/r selbst diese Aufgabe. Es sind komplexe Verhaltensmuster, die die untersuchten Berufstätigen in Baugewerbe, Handel, Kreativindustrie und im öffentlichen Dienst beschreiben, um ihre Anrufe zu steuern.4 Anrufe zu managen kann heißen: abheben und Kommunikation auf später verschieben, ablehnen („wegdrücken“), läuten lassen – zur Anrufübermittlung auf die Sprachbox oder um zu lügen („Habe es nicht gehört“). Es ist ein bestimmter Umgang mit Anrufen in Abwesenheit und mit unbekannten Anrufern oder damit, wann schriftliche SMS-Kommunikation bevorzugt wird. Die Praktiken sind hoch individualisiert, kontextabhängig und Ergebnis alters-, kultur- und berufsspezifischer Aushandlungsprozesse.
Doch unabhängig von Beruf und Branche, ein Inhalt zog sich durch die gesamte Befragungsgruppe: „Für den Chef hebe ich immer ab.“ Für diese Aussage gibt es nun auch quantitative Evidenz: Gut die Hälfte aller Unternehmen erwarten in (dringenden) Fällen ihre MitarbeiterInnen auch außerhalb der Arbeitszeit zu erreichen. Diese Normalisierung der Erreichbarkeit macht Druck, nicht die Anzahl der tatsächlichen Anrufe. Es ist ein neuer Verfügbarkeitsgrad über Arbeitende, meistens mit deren Einverständnis, der sich auf die persönliche Arbeitsbelastung auswirkt. Und es geht nicht nur um Notfälle. „Das Handy ist ein Medium der eigenen Organisation und der Desorganisation anderer“, lässt sich in Anlehnung an Paul Bahrdt sagen. Das Mobiltelefon fördert Multioptionalität und Ad-hoc-Organisation: Es kann die Arbeitseffizienz erhöhen, weil „leere Kilometer“ wegfallen, aber auch den Arbeitsdruck, weil Spontan-Aufträge und ständige Unterbrechungen den konzentrierten Arbeitsprozess stören. Miriam Meckel nennt rund 28 Prozent der Arbeitszeit von Wissensarbeiterinnen und -arbeitern, die durch Unterbrechungen verloren gehen. Aber gewerbliche Berufe sind fast noch stärker von der Arbeitsverdichtung betroffen. Dazu ein Interviewpartner aus der Baubranche: „Die das Handy immer eingeschaltet haben, sind echt arme Schweine, [...] wie unser Maler oder Installateur, der wirklich im Staub steht und während er mit der Hilti irgendwo stemmt trotzdem noch mal zum Handy runter laufen muss.“

Handy-Kodex für Unternehmen

In Deutschland stehen Veränderungen im Arbeitsrecht bereits zur Diskussion. Es wird Zeit, sich für das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit stark zu machen. Doch vor gesetzlichen Forderungen geht es um Bewusstseinsbildung. Es mag eigenartig klingen, aber Mobiltelefonieren will gelernt sein. Zunächst ist die eigene Handhabe zu überdenken: Welche Anruf-Vereinbarungen während der Arbeitszeit treffe ich mit dem/der PartnerIn, der Familie? Wann will und wann muss ich für die Firma erreichbar sein? Was für einen Anlass gibt es für den Anruf: Ausnahmesituation oder Organisationsstruktur? Die Art des unternehmerischen Umgangs mit Erreichbarkeit reflektiert auch hierarchische Verhältnisse, Führungsverhalten und betriebliche Mitbestimmungsmöglichkeiten: Werden Entscheidungs- und Problemlösungskompetenz der MitarbeiterInnen gefördert oder eher verhindert?
Unternehmen wie VW oder die deutsche Telekom haben bereits Regelvereinbarungen im Umgang mit digitalen Medien. Ein betrieblicher Handy-Kodex schafft Klarheit, Bewusstheit und Regeln für den Umgang mit Erreichbarkeit. Handyfreie Tage sind nicht als Burn-out-Prävention emp-fehlenswert. Abdrehen heißt, nur für sich selbst erreichbar sein, eine gute Gelegenheit, auch einmal in Ruhe mit sich selbst zu reden.

1 Dieses Sprachbild entstand aus einer Metaphernanalyse der Interviewaussagen meiner Dissertation: „Das Handy als Ich-Erweiterung: Identitäten, Arbeitsverhältnisse, Technikbeziehungen“, Wien 2011.
2 Wolf Lotter, Rasender Stillstand, Brand eins, 3/2008.
3 Die Mobilfunkunternehmen gehören zu den „Big Spenders“ bei den Werbeausgaben und bestritten über Jahre hindurch ein Drittel der gesamten Werbeausgaben in Österreich (Focus Media Research, Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation, WK Wien 2003).
4 Die im Zuge der Dissertation angefertigte qualitative Studie „Selbstmanagement und Mobiltelefonie“ wurde 2007 mit dem Theodor-Körner-Preis gefördert.

BITKOM-Presseinformation (16. April 2013):
www.bitkom.org

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