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Arbeit und Arbeitslosigkeit: ein ungleiches Paar Steht die Arbeit für finanzielle Unabhängigkeit, soziale Kontakte und Sinnstiftung, so wird Arbeitslosigkeit mit Verschuldung, Einsamkeit und Leere assoziiert.

Arbeit und Arbeitslosigkeit: ein ungleiches Paar

Schwerpunkt

Aktive Arbeitsmarktpolitik bietet ganzheitliche Lösungsansätze.

Statistisch gesehen wird jede/r fünfte Beschäftigte im Jahr arbeitslos. Demzufolge passt es, dass der Tag der Arbeitslosen dem Tag der Arbeit vorausgeht. Steht die Arbeit für finanzielle Unabhängigkeit, soziale Kontakte und Sinnstiftung, so wird Arbeitslosigkeit mit Verschuldung, Einsamkeit und Leere assoziiert. Es ist an der Zeit, mit Phasen der Arbeitslosigkeit ebenso selbstverständlich umzugehen wie mit der Schulzeit. Diese Arbeitslosigkeit selbstbewusst und aktiv, mit und für die Betroffenen zu gestalten, ist eine Forderung aktiver Arbeitsmarktpolitik, die heuer ihr 30-jähriges Jubiläum feiert.

Meinungsbildung

„Wer arbeiten will, findet auch Arbeit“: Eine wesentliche Leistung neoliberaler Meinungsmache besteht darin, Arbeitslosigkeit als freiwillige Sache darzustellen, obwohl Massenarbeitslosigkeit Ängste auslöst und staatliche Interventionen bis hin zur Verschuldung rechtfertigt – eine Horrorvorstellung im neoliberalen Denken. Die These, Arbeitslosigkeit sei eine individuelle Entscheidung, gipfelt in der Aussage: „Wer Arbeitslosigkeit bezahlt, erhält sie auch.“ Diese Kritik meint Arbeitslose, gibt aber Aufschluss über Formen des sozialen Missbrauchs durch manche Unternehmen. 41,6 Prozent aller Personen, die sich innerhalb eines Jahres arbeitslos meldeten, wurden vom selben Arbeitgeber wieder angestellt. Außer den saisonalen Schwankungen reflektiert diese Zahl auch die „Hire-Fire“-Personalpolitik bestimmter Branchen (Tourismus) und einiger Unternehmen. Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, führte die Regierung mit Jahresbeginn die Auflösungsabgabe ein, deren Einnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik zugutekommen.
Das Gesetz von Angebot und Nachfrage kann der Arbeitsmarkt nicht zur Zufriedenheit aller regeln, weil er ein abgeleiteter Markt ist. „Die Vorstellung, dass Probleme am Arbeitsmarkt auch ihre Ursache am Arbeitsmarkt haben, ist falsch. Die stark gestiegene Arbeitslosigkeit in Europa und in den USA ist eine Folge der Finanz- und Eurokrise“, so der Volkswirt Herbert Walther. Idealerweise sind Arbeitsmärkte in hoch entwickel-ten Volkswirtschaften in Bewegung, also offen, dynamisch, vielfältig, flexibel, sodass sich der Arbeitskräftepool rasch umwälzt, um die schädlichste Form der Arbeitslosigkeit zu vermeiden – die Langzeitarbeitslosigkeit.
Verzweifelt, resigniert, apathisch oder auch ungebrochen reagieren Menschen auf den Verlust ihrer Arbeit. Diese Erkenntnis ist 80 Jahre alt; sie stammt aus der Marienthal-Studie über die sozialen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit, verfasst von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld. „Nach wie vor aktuell“, betonte der Europaparlamentarier und Volkswirt Josef Weidenholzer beim Marienthal-Symposion im Februar dieses Jahres. „Arbeitslosigkeit ist die chronische Krankheit Europas“, aktuell sind 26 Millionen betroffen. Wer in einer Arbeitsgesellschaft arbeitslos wird, ist kein „glücklicher Arbeitsloser“1. Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie bestimmt sozialen Status, soziale Teilhabe, wirkt identitätsstiftend. Wer in einer Arbeitsgesellschaft arbeitslos wird, wird krank, das ist vielfach untersucht. Schwieriger ist die Beantwortung der Frage nach Ursache und Wirkung. So werden Menschen mit gesundheitlichen Problemen häufiger arbeitslos und umgekehrt erhöht längere Arbeitslosigkeit das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden oder suchtkrank zu werden. Unabhängig von der sozialökonomischen Situation macht Arbeitslosigkeit systematisch und messbar unglücklich.2

Tu felix Austria

Größer als die Zahl der Einwohner von Linz und Graz gemeinsam ist jene der arbeitsuchenden Menschen in Österreich. In Europa ist das Spitze – eine Arbeitslosenquote unter fünf Prozent (oder nach der realitätsnäheren österreichischen Berechnungsmethode sieben Prozent). Zahlen und Bemessungsmethoden bestimmen einen großen Teil der Diskussion um Arbeitslosigkeit. Das ist ein gewisser Kunstgriff, um empirische Einzelfälle in mess- und strukturierbare Statistiken umzuwandeln. Es ermöglicht eine Versachlichung und damit Entschärfung der Debatte, weil es den Eindruck vermittelt, Arbeitslosigkeit sei politisch regelbar. Dieser Punkt wird von der Wissenschaft eher vorsichtiger eingeschätzt. „Arbeitsmarktpolitik darf man sich nicht als Waschmaschine vorstellen. Eine Arbeitslosenrate unter fünf Prozent muss man als zeitweiliges Phänomen akzeptieren. Und Beschäftigungsprojekte schaffen eben keine Arbeitsplätze, es geht darum, neue Vorstellungen zu entwickeln“, so der Grazer Soziologe Christian Fleck.

Lernen fürs Leben

Langzeitarbeitslosigkeit hat viele Ursachen, makroökonomisch (mit welchen Wirtschaftsleistungen positioniert sich eine Volkswirtschaft innerhalb der globalen Arbeitsteilung?) und mikroökonomisch (welche „Humanressourcen“ fragt der Arbeitsmarkt nach?). Denn Arbeitslosigkeit trifft nicht alle in demselben Ausmaß. Derzeit lässt es sich auf eine einfache Formel bringen: Je höher der Bildungsabschluss, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit und Dauer der Arbeitslosigkeit. Das macht Bildungspolitik zum politischen Dauerthema. So verfügt allein in Wien jede/r zweite Arbeitslose nur über einen Pflichtschulabschluss; diese Menschen sind stärker von Drehtürarbeitslosigkeit betroffen und damit armutsgefährdet. Unbestritten lautet das Gebot der Stunde Qualifizierung – die Frage ist nur, wie?
Menschen mit geringem formalen Ausbildungsgrad haben meist negative Lernerfahrungen und bringen wenig Begeisterung für theoretisches Lernen mit, sie bevorzugen Lernen durch Tun. Sozialökonomische Betriebe sind für „Training on the Job“ und praxisorientierte Wissensaneignung konzipiert. Sie sind ein wichtiges Instrument aktiver Arbeitsmarktpolitik, eine Pionierleistung des Sozialministers Rudolf Dallinger. Den Startschuss machte die „Aktion 8000“, aus der heraus so erfolgreiche Betriebe wie die Schuhfabrik GEA gründet wurden. Konfrontiert mit dem Phänomen Sockelarbeitslosigkeit, also Arbeitslosigkeit, die es trotz guter konjunktureller Beschäftigungslage gibt, begann Dallinger einen „Zweiten Arbeitsmarkt“ zu gestalten. Menschen mit sozialen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen werden durch Transitarbeitsplätze und sozialarbeiterische Beratung unterstützt, um qualifikatorische und soziale Hindernisse für den (Wieder-)Einstieg in den Beruf zu beseitigen.

Zweiter Arbeitsmarkt

Der „Zweite Arbeitsmarkt“ besteht heute österreichweit aus über 80 Betrieben und Beratungsstellen und unterstützt knapp 15.000 Menschen auf ihrem Weg in den Regelarbeitsmarkt. Sozialintegrative Unternehmen setzen ökologische und sozial innovative Geschäftsideen um. Ein Beispiel ist der VISITAS Besuchsdienst in Wien. Der sozialökonomische Betrieb des Wiener Roten Kreuzes leistet seit zehn Jahren aktive Integrationsarbeit und bietet vielen Frauen mit Migrationshintergrund eine Einstiegschance in den Gesundheits- und Sozialbereich. Theoretisch und praktisch geschult besuchen sie ältere Menschen, unterstützen diese bei der Alltagsbewältigung, widmen ihnen einfach Zeit. Nach einem halben Jahr endet das befristete Arbeitsverhältnis und die Mitarbeiterin kann gut einschätzen, ob ihr dieser Arbeitsbereich gefällt. Häufig folgt eine Ausbildung zur Heim- oder Pflegehelferin, die, oft schon vor Ende der Fortbildung, zu einem festen Arbeitsplatz führt. Ein dreifacher Erfolg: für die vormalige Arbeitslose, die betreute Person und den Betrieb. Sozialökonomische Betriebe gelten oft als teuer. Es sind keine Massentrainings, sondern maßgeschneiderte Programme, die berufliche Arbeitspraxis mit individueller Beratung, Weiterbildung und sozialarbeiterischer Betreuung kombinieren. Wir sind es gewohnt, Erfolg in Zahlen auszudrücken: 27.700 Euro erspart sich die Allgemeinheit mit jedem Menschen, der wieder feste Arbeit findet. Aber Zahlen sind nur Krümel der Wirklichkeit: eigenes Geld verdienen, sich gebraucht fühlen, eine gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeit machen, im Austausch mit anderen stehen, mit ihnen an einem gemeinsamen Ziel arbeiten – diese wertvollen Erfahrungen kann nur jemand bewerten, der lange Zeit arbeitslos war.

1 Die „Glücklichen Arbeitslosen“ nennt sich die Berliner-Spaß-Guerilla, die mit „Faulheitspapieren“ mediale Aufmerksamkeit erlangte.
2 Vgl. Herbert Walther, Arbeitsbedingungen und Wirtschaftskrise, WISO-Sonderheft 2011 (online verfügbar).

Links:
Wiener Dachverband für
sozialökonomische Einrichtungen:
www.dse-wien.at
AMS-Forschungsnetzwerk:
www.ams-forschungsnetzwerk.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin beatrix@beneder.info oder die Redaktion aw@oegb.at

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