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Zwischen Chance und Rückschlag Bereits 1992 hat der Migrationsforscher Heinz Faßmann ein eigenes "Gastarbeiter-Segment" identifiziert ... Tätigkeiten, die von inländischen Arbeitskräften nicht angenommen wurden ...

Zwischen Chance und Rückschlag

Schwerpunkt

Berufskarrieren von Migrantinnen und Migranten am österreichischen Arbeitsmarkt.

Nachteile bei der beruflichen Positionierung am Arbeitsplatz, tendenziell geringere Erwerbseinkommen trotz guter Qualifikationen und hohe Betroffenheit von Arbeitslosigkeit prägen die berufliche Laufbahn zugewanderter Menschen, wie auch eine Studie der AK belegt.

Nur geringe Durchlässigkeit

Vergleicht man die Beschäftigungssituation der „GastarbeiterInnen“, die Anfang der 1960er-Jahre angeworben wurden, mit der heutigen Situation von beschäftigten Migrantinnen und Migranten in Österreich, so kann gesagt werden, dass die gesetzlich regulierte Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte während mehr als fünf Jahrzehnten zu einer ethnischen Segmentierung des Arbeitsmarktes geführt hat, die wenig Gestaltungsspielräume aufweist.
Bereits 1992 hat der Migrationsforscher Heinz Faßmann in seiner Analyse des Mikrozensus ein eigenes „Gastarbeiter-Segment“ identifiziert. Schon damals haben ausländische ArbeitnehmerInnen Tätigkeiten ausgeübt, die von inländischen Arbeitskräften aus unterschiedlichen Gründen nicht angenommen wurden – meist, weil diese als wenig attraktiv galten, schlecht entlohnt wurden oder prekäre Arbeitsbedingungen aufwiesen.
Daran hat sich bis heute wenig geändert. Selbst nach über fünfzig Jahren Arbeitsmigration sind migrantische Arbeitskräfte vorwiegend in Industrie, Baugewerbe, Tourismus und Dienstleistungsunternehmen beschäftigt. Expandierende und wirtschaftsnahe Sektoren sowie öffentliche Verwaltung bleiben dagegen für sie auch nach langer Aufenthaltsdauer nur äußerst begrenzt zugänglich. Die meisten in Österreich lebenden Migrantinnen und Migranten befinden sich immer noch am unteren Ende der sozialen und beruflichen Hierarchien, auch jene der 2. und 3. Generation.
Rund 50 Prozent der migrantischen Personen sind (mit Unterschieden nach Herkunft) in Dienstleistungs- und Produktionsberufen zu finden. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil mit rund 20 Prozent deutlich niedriger. Hingegen sind Zuwanderinnen und Zuwanderer in sichtbaren Positionen wie Mandatar/Mandatarin, in Rechts-, Verwaltungs- und Büroberufen mit 14 Prozent wesentlich seltener anzutreffen (autochthone ÖsterreicherInnen: 35 Prozent).
Die berufliche Positionierung spiegelt sich im Erwerbseinkommen wider. Knapp 60 Prozent der vollzeitbeschäftigten Migrantinnen und Migranten erzielen ein Nettoerwerbseinkommen unter 1.400 Euro (Vergleich Nicht-Migrantinnen/Nicht-Migranten: 19 Prozent). Frauen sind mit 68 Prozent (Männer: 52 Prozent) besonders stark davon betroffen. Besonders wenig verdienen Menschen aus dem türkischen, arabischen und afrikanischen Raum sowie von den Philippinnen oder aus Afghanistan, Bangladesch, Indien und Pakistan. Neun Prozent der Frauen mit Migrationshintergrund erzielen bei einer Vollzeiterwerbstätigkeit ein monatliches Einkommen von höchstens 900 Euro (Nicht-Migrantinnen/Nicht-Migranten: ein Prozent).
Jene Branchen, wo überwiegend Menschen mit ausländischen Wurzeln beschäftigt sind, zeigen geringe innere berufliche Mobilität und weisen nur wenig personelle Kontinuität auf.
ArbeitnehmerInnen mit Migrationshintergrund sind auch wesentlich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Seit dem Jahr 2000 waren 43 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund zumindest einmal arbeitslos. Bei Personen ohne Migrationshintergrund waren es zwölf Prozent. Die Betroffenheit von Arbeitslosigkeit ist damit etwa dreieinhalb Mal so hoch wie bei Nicht-Migrantinnen/Nicht-Migranten. Von Personen aus der Türkei, dem arabischen Raum und aus Afrika waren sogar rund 60 Prozent einmal arbeitslos.
Rund 60 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund üben eine Hilfs- und Anlerntätigkeit aus, ohne Migrationshintergrund sind es 17 Prozent.

Bildung als Schlüssel?

Die mangelnden beruflichen Chancen von Migrantinnen und Migranten lassen sich nicht einfach durch geringe Bildungsabschlüsse erklären. Viele von ihnen verfügen über gute Abschlüsse. Das Bildungsniveau ist durch zwei Pole geprägt: Auf der einen Seite verfügt jede vierte zugewanderte Person über einen Pflichtschulabschluss, auf der anderen aber auch jede/jeder Fünfte über einen akademischen Abschluss. Insgesamt ist der Anteil der Migrantinnen und Migranten mit Matura oder Hochschulabschluss in etwa gleich hoch wie jener der autochthonen ÖsterreicherInnen.
Menschen mit ausländischen Wurzeln sind seltener entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt und bei beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten benachteiligt. Die schulische Ausbildung kann nur zum Teil genutzt werden: 33 Prozent geben an, dass die berufliche Tätigkeit unterhalb des schulischen Ausbildungsniveaus angesiedelt ist. Bei Beschäftigten ohne Migrationshintergrund sind das mit elf Prozent deutlich weniger.

Problem Nostrifikation

Eine formale Ausbildung ändert nur zum Teil etwas an der Überqualifizierung der Migrantinnen und Migranten. Zwei Drittel von ihnen haben die Ausbildung im Ausland erworben, aber nur ein Fünftel beantragt die Nostrifikation und nur für die Hälfte dieser Personen erfüllt sich tatsächlich der Wunsch, im erlernten Beruf auch Fuß fassen zu können. Eine wichtige Erwartung von Migrantinnen und Migranten an die Nostrifikation ist die Arbeitsplatzsicherheit. Die meisten Nostrifikationen erfolgen in Gesundheits-, Lehr- und Kulturberufen (42 Prozent) sowie im technischen Bereich (31 Prozent).
Nur rund 30 Prozent der Zuwanderinnen und Zuwanderer (rund 60 Prozent der Nicht-Migrantinnen/Nicht-Migranten) haben das Privileg, an beruflicher Aus- und Weiterbildung teilzunehmen. Frauen besuchen häufig außerhalb der Arbeit Kurse. Hier fehlt es jedoch oft an zeitlich passenden Angeboten und ausreichenden Informationen.
Durchschnittlich sprechen Migrantinnen und Migranten drei Sprachen und 40 Prozent besitzen Kenntnisse in einer vierten und fünften Sprache.

Wo liegt die Lösung?

In den Ausführungen wurden Ergebnisse aus der AK-Studie „Beschäftigungssituation von Personen mit Migrationshintergrund in Wien“ (L&R Sozialforschung 07/2011) dargelegt. Die Problemlagen, mit denen Menschen mit ausländischen Wurzeln auf dem österreichischen Arbeitsmarkt konfrontiert sind, bleiben dieselben. In Bezug auf die soziale und ökonomische Lage der „Personen mit Migrationshintergrund“ zeigt die Studie ein höchst heterogenes Bild. Sie offenbart große Unterschiede nach Geschlecht, Herkunft und Bildungsgrad. Sie enthält aber auch klare Hinweise auf strukturelle Diskriminierung im Betrieb und auf dem Arbeitsmarkt, die nicht durch geringe Bildung zu erklären ist.
So sind Personen mit sichtbaren Merkmalen wie einer anderen Hautfarbe oder jene, die im öffentlichen und politischen Diskurs negativ dargestellt werden, auch am Arbeitsmarkt wesentlich schlechter positioniert, kaum auf sichtbaren Posten und nur selten so entlohnt, dass sie von ihrem Gehalt auch gut leben können.
Auf der einen Seite verfügen Personen mit sogenanntem Migrationshintergrund über viel Potenzial, das weitgehend von der Wirtschaft ungenützt bleibt. Auf der anderen Seite entstehen neue Steuerungsprozesse, um dem Arbeitskräftemangel z. B. im Gesundheitsbereich entgegenzuwirken. Mit dem Zuwanderungssystem der Rot-Weiß-Rot-Karte sollen qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittstaaten nach personenbezogenen und arbeitsmarktpolitischen Kriterien auf Dauer nach Österreich geholt werden. Das langfristige Problem von Migrantinnen und Migranten mit dem Anerkennen beruflicher Qualifikationen ist damit nicht gelöst.
Aber es gibt auch Lichtblicke: Mit Unterstützung der AK ist es nun gelungen, in ganz Österreich vier Anlaufstellen zu installieren, die Migrantinnen und Migranten dabei unterstützen sollen, mitgebrachte Berufsabschlüsse und Kenntnisse anerkennen zu lassen. Mit der Devise „Bilde dich weiter, dann hast du bessere Arbeitsmarktchancen“ allein ist es jedoch nicht getan. Vielmehr braucht es auf betrieblicher Ebene Instrumentarien zur Vermeidung und Beseitigung von Diskriminierung.
Migration kann zwar eine gute Chance bedeuten, aber auch einen Rückschlag mit sich bringen.

Webtipp: AK-Studie „Beschäftigungssituation von Personen mit Migrationshintergrund in Wien“:
tinyurl.com/bsbvkyn

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin asiye.sel@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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