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Geteilter Dienst ist doppeltes Leid Auf den dunklen Straßen kreuzen sich die Wege von einigen wenigen zu spät Heimkommenden und Menschen auf dem Weg in die Arbeit: unter ihnen viele Reinigungskräfte, SchichtarbeiterInnen und Anja, die einen einstündigen Arbeitsweg mit U-Bahn und Bus...

Geteilter Dienst ist doppeltes Leid

Schwerpunkt

Aus dem harten Arbeitsalltag einer Behindertenbetreuerin.

Ein nasskalter Novembermorgen um 5 Uhr früh im 16. Wiener Gemeindebezirk. Auf den dunklen Straßen kreuzen sich die Wege von einigen wenigen zu spät Heimkommenden und Menschen auf dem Weg in die Arbeit: unter ihnen viele Reinigungskräfte, SchichtarbeiterInnen und Anja, die einen einstündigen Arbeitsweg mit U-Bahn und Bus zu ihrem Arbeitsplatz in einem Wiener Vorort vor sich hat. Um 4 Uhr 30 hat sie der Wecker aus ihren Träumen gerissen. Frühes Aufstehen ist Anja schon immer unangenehm gewesen. Aber seit sie unter Schlafstörungen leidet – bedingt durch ständig wechselnde Arbeitszeiten inklusive Nachtschichten –, wird jedes Aufstehen um diese Uhrzeit zu einem Kraftakt.

120 Stunden für 1.200 Euro netto

Anja ist Behindertenbetreuerin und arbeitet 30 Wochenstunden in einer Wohngruppe für Menschen mit Mehrfachbehinderungen. In einer Wohngruppe arbeiten bedeutet, immer dann Dienst zu haben, wenn die meisten anderen Menschen frei haben. Zu den üblichen Arbeitszeiten von 9 bis 16 Uhr sind die KlientInnen selbst an ihrem Arbeitsplatz in einer Werk- oder Tagesheimstätte. Zu allen anderen Zeiten werden sie in ihrer Wohngruppe betreut. Dementsprechend setzt sich Anjas Arbeitszeit aus Früh- (6–9 Uhr), Spät- (16–21 Uhr), geteilten (6–9 und 16–21 Uhr an einem Tag) und Wochenenddiensten sowie Nachtschichten zusammen. Sie verdient inklusive Zuschläge netto etwas mehr als 1.200 Euro im Monat.
Nun steht Anja in warme Kleidung eingepackt am Bahnsteig und friert. In der U-Bahn nimmt sie die am Nebensitz liegende Gratiszeitung und blättert sie durch. Sie versucht sich mit den Augen an irgendwelchen Überschriften festzuhalten, um nicht einzuschlafen: „Sechs Millionen Euro Honorar für 6-seitiges Gutachten“ steht da zum Beispiel. Sechs Millionen ... wie lange sie wohl dafür arbeiten müsste? Um diese Uhrzeit eine zu schwierige Kopfrechnung (bei ihrem Gehalt sind es etwas mehr als 300 Jahre).

Eine Stunde Fahrzeit

Als Anja nach einer Stunde Fahrzeit um sechs Uhr die Wohngruppe betritt, sind ihre Arbeitskolleginnen und -kollegen schon da. Zu dritt sind sie für die Betreuung der acht geistig, körperlich und mehrfachbehinderten Menschen zuständig. Anja geht zuerst zum Zimmer von Eva. Sie ist eine ihrer „Lieblinge“. Eva kann nicht sprechen, reagiert aber sehr stark auf Musik. Wenn Anja den BewohnerInnen etwas vorsingt, ertastet Eva oftmals Anjas Kehlkopf und strahlt dabei, weil sie die Vibrationen spürt. Als Anja aber heute früh morgens kurz nach sechs Uhr Evas Zimmer betritt, drängt sich ihr ein stechender Geruch nach Stuhlgang in die Nase. Eva steht mitten im Zimmer. Ihr Gesicht ist komplett mit Kot beschmiert. „Kriegsbemalung“ nennt es Anja, wenn sie es nachher ihren Kolleginnen und Kollegen erzählt. Sie versucht mit einer Prise zynischem Humor solche Grenzsituationen zu verarbeiten. Im Moment ist ihr aber gar nicht zum Lachen zumute. Anja nimmt Eva an der Hand und führt sie ins Badezimmer. Dort hilft sie ihr in die Badewanne, wo sie ihr den Pyjama und die Windel ausziehen kann. Die nächsten Schritte erfolgen automatisch, mit dieser Situation ist Anja schon oft konfrontiert gewesen: Windel entsorgen, Eva abduschen, damit der gröbste Schmutz weg ist, frisches Wasser einlassen, dabei Evas Lieblingslied vorsummen, Boden am Weg zum Zimmer aufwaschen, Bettwäsche abziehen und zur Waschmaschine bringen. Jetzt ist alles wieder sauber – doch der Geruch bleibt noch länger in der Nase hängen. Aber Anja hat keine Zeit sich damit aufzuhalten. Jan und Birgit müssen noch geweckt und rechtzeitig zum Frühstück gebracht werden.
Jan ist Epileptiker, geistig stark beeinträchtigt und sitzt die meiste Zeit im Rollstuhl. Wenn man Geduld aufbringt, kann er erstaunlich viel selbst erledigen. Doch wo soll Anja jetzt die Zeit hernehmen? Sie weiß, dass es nicht den fachlichen Richtlinien entspricht, aber bevor sie Jan jetzt eine halbe Stunde bei der Körperwäsche assistiert, erledigt sie das in fünf Minuten selbst. Nachdem sie auch Birgit bei der Körperpflege geholfen und Eva fertig gewaschen und angezogen hat, ist es höchste Zeit, das Frühstück herzurichten.

Mehr als eine Herausforderung

„Wochenende heimfahren“, sagt Bewohnerin Petra, während alle gemeinsam beim Frühstück sitzen. Es ist Petras Lieblingssatz. Täglich wiederholt Petra ihn unzählige Male. „Ja, dieses Wochenende fährst du zu deinen Eltern“, geht Anja auf Petra ein. Gleichzeitig ist es jetzt ihre Aufgabe, Jan zu motivieren, seine Medikamente zu nehmen. Klingt einfach, endet jedoch häufig in einer fast einstündigen Prozedur, da Jan sich oft weigert. Aber ohne Medikamente folgen epileptische Anfälle. Diese Situationen sind für Anja immer eine besondere Herausforderung. Doch während sie nun auf Jan eingeht, sagt Petra mittlerweile schon zum fünften Mal: „Wochenende heimfahren.“ Sie fordert eine Reaktion von Anja. Kommt keine, wird Petra immer lauter und aufdringlicher, bis sie sich vor Anja stellt und ihr den Satz direkt ins Gesicht schreit. Daher lieber zumindest jedes fünfte Mal auf den Satz eingehen. Bei Jan hat sie heute Glück: Sie findet den richtigen Draht zu ihm und die Medikamentenaufnahme klappt zu ihrer Erleichterung gut. Ein Blick auf die Uhr: 8 Uhr 30, in einer halben Stunde müssen die BewohnerInnen in der Werkstatt sein. In dieser Zeit muss Anja bei drei Betreuten dafür sorgen, dass ihre Zähne geputzt sind, sie auf der Toilette waren und in Winterkleidung rechtzeitig in der Werkstatt eintreffen. Dazwischen „Wochenende heimfahren“ beantworten. Neun Uhr: Geschafft. Erstmals Gelegenheit zum Verschnaufen.
Eine Zigarettenlänge ist noch Zeit, um mit den Kolleginnen und Kollegen zu tratschen, dann geht es zurück zur Busstation. Kurz nach 10 Uhr ist Anja daheim. Ihr Kopf pocht, sie ist müde. Sie legt sich hin und döst mehr schlecht als recht bis Mittag. Danach eine Kleinigkeit kochen und essen, einkaufen, Wohnung aufräumen, und dann geht es heute zum zweiten Mal zur Arbeit. Um 16 Uhr beginnt der zweite Teil des geteilten Dienstes. Nach der Jause mit den BewohnerInnen steht heute ein gemeinsamer Spaziergang auf dem Programm. Drei BetreuerInnen und acht BewohnerInnen machen sich auf den Weg. Anja schiebt Jan im Rollstuhl über den engen Gehsteig, während sie auch immer ein Auge auf zwei, drei andere BewohnerInnen hat. „Wochenende heimfahren“, ertönt es hinter ihr. Manchmal empfindet Anja diesen Satz wie eine Folter, wie einen Wassertropfen, der in einem ganz stillen Raum immer wieder ganz laut ins Waschbecken kracht. Plötzlich bekommt Eva einen epileptischen Anfall. Beinahe wäre sie umgefallen, doch gerade noch rechtzeitig kann Anja sie von hinten umklammern und stützen. Sie muss dabei ihre ganze Körperkraft aufbringen, die Handgelenke schmerzen. Der Anfall ist aber zum Glück rasch vorbei. Wieder zurück in der Wohngruppe kommen sich Eva und Petra im wahrsten Sinne des Wortes in die Haare: Eva reißt Petra ein ganzes Haarbüschel aus. Als Anja einschreitet, ist der Streit eigentlich schon wieder vorbei. Petra wimmert. Und Anja könnte mitheulen – warum hat sie verdammt noch mal nicht schneller reagiert? Was werden Petras Angehörige sagen? Doch jetzt ist keine Zeit darüber nachzudenken. Es ist 18 Uhr, Zeit fürs Abendessen. Danach bleibt noch etwas Zeit für gemeinsames Musizieren, begleitet von „Wochenende heimfahren“.

Fünf Stunden Schlaf

Bevor sich Anja um 21 Uhr 15 in den Bus setzt, kommt das abendliche Hygiene-Ritual dran. Um halb elf ist Anja nach insgesamt vier Stunden Fahrzeit an diesem Tag daheim. Endlich im Bett, schmerzen Rücken und Handgelenke. Gedanken kreisen um Evas „Kriegsbemalung“, ihren epileptischen Anfall und den Vorfall mit Petra. „Wochenende heimfahren“, dröhnt es in ihren Ohren. „Wochenende zwei Mal Spätschicht“, denkt sich Anja, schließt die Augen und dreht sich zur Seite. In fünf Stunden läutet der Wecker ...

Info&News
Soziale Arbeit ist mehr wert!
Anja und ihre Kolleginnen und Kollegen brauchen:
mehr Budgetmittel für den Sozial- und Pflegebereich von der öffentlichen Hand,
deutliche Lohnerhöhungen (derzeit liegt das Lohnniveau 18 Prozent unter dem Durchschnittseinkommen),
Maßnahmen gegen Burn-out (z. B. sechs Wochen Urlaub).

Mehr Infos unter:
www.behindertenarbeit.at

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor christian.zickbauer@gmail.com oder die Redaktion aw@oegb.at

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