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Rudolf Kaske: "Ich habe Ecken und Kanten" "Als BAK-Präsident wird Verteilungsgerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit ein großes Thema sein. Ich brauche in diesem Rahmen wohl nicht auszuführen, was da alles dazugehört."

Ich habe Ecken und Kanten

Interview

Der neue Präsident der Bundesarbeitskammer, Rudolf Kaske, im Gespräch mit zwei TeilnehmerInnen der Sozialakademie (SOZAK) über seine künftigen Aufgaben.

Zur Person
Rudolf Kaske
Geboren: 22. Mai 1955 in Wien
Erlernter Beruf: Koch
1970–1974: Kochlehre im Hotel Intercontinental, Jugendvertrauensrat, Jungkoch
1974–1987: Jugendsekretär der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst (HGPD)
1987–1995: Zentralsekretär der Gewerkschaft HGPD
1995–2006: Vorsitzender der Gewerkschaft HGPD
Dez. 2006 bis Dez. 2012: Vorsitzender der Gewerkschaft vida
Seit 11. März 2013 Präsident der AK Wien, seit 12. März Präsident der Bundesarbeitskammer

SOZAK-InterviewpartnerInnen
Helga Gottenhumer, 36 Jahre alt, BR von Miba Sinter Austria, Oberösterreich, Gewerkschaftszugehörigkeit: PRO-GE, Teilnehmerin des 62. SOZAK-Lehrgangs.
Sean Stanton, 44 Jahre alt, BR bei den ÖBB, Wien, Gewerkschaftszugehörigkeit: vida, Teilnehmer des 62. SOZAK-Lehrgangs.

Arbeit&Wirtschaft: Rudolf Kaske, am 12. März 2013 wurdest du als Nachfolger von Herbert Tumpel zum Präsidenten der Bundesarbeitskammer gewählt. Kannst du dazu schon ein Statement abgeben?

Rudolf Kaske: Mit Herbert Tumpel habe ich einen großen Vorgänger. Er hat 16 Jahre lang die Wiener Arbeiterkammer und die Bundesarbeitskammer (BAK) geführt und war in dieser Zeit einer, der die Positionen der Arbeitnehmerseite entscheidend mitgeprägt hat. Kollege Tumpel war der große Stratege, er hat vorausgedacht und dazu beigetragen, dass die AK als Institution vieles auf den Weg gebracht hat. Auch ich habe Ecken und Kanten, kann mitunter scharf formulieren und suche doch den Konsens.
Zu meinen nächsten Aufgaben in der Wiener AK: Wien wird in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich um 142.000 Menschen wachsen. Wichtig ist es deshalb, Arbeitsplätze, Infrastruktur – Kinderbetreuung, Altenpflege etc. – und leistbares Wohnen, also Lebensqualität zu sichern – das sind meine Schwerpunkte.
Als BAK-Präsident wird Verteilungsgerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit ein großes Thema sein. Ich brauche in diesem Rahmen wohl nicht auszuführen, was da alles dazugehört.
Hier möchte ich in den nächsten fünf Jahren das eine oder andere gemeinsam mit dem ÖGB-Präsidenten und den Gewerkschaften auf den Weg bringen.

Du bist seit dem Metaller Adolf Czettel vor 25 Jahren der erste Arbeiter an der Spitze der Arbeiterkammer.

Das ist richtig, wobei man klarerweise dazusagen muss, dass ich neun Zehntel meines beruflichen Lebens als Angestellter beschäftigt war. Aber ich bin von der Grundausbildung Arbeiter und stolz darauf.

Ist das auch ein Zeichen der Zeit? Du kommst aus der Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft vida.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten einen Wandel vollzogen. Österreich galt als typisches Industrieland und einige Bundesländer galten als Industriebundesländer. Wir haben uns aber zur Dienstleistungsgesellschaft entwickelt. Ich sage dazu: Wir brauchen die Industrie genauso wie die Dienstleistung. Sie ist auch in Zukunft notwendig. Wir werden nicht mit der Billigindustrie Südostasiens konkurrieren können. Was wir aber bieten können, sind qualifizierte Arbeitskräfte, höchst erfolgreiche Betriebe – wir sind in manchen Bereichen auch Weltmarktführer. Darauf können wir stolz sein. Aber das hängt damit zusammen, dass wir uns durch Bildung und Weiterbildung qualifizieren, und darauf müssen wir auch in Zukunft Wert legen.

In den letzten Jahren erweisen sich die Gewerkschaften wieder als Kampforganisationen. Deine Zukunftsvision für die Arbeiterkammer?

Du hast es richtig gesagt: Die Gewerkschaftsbewegung ist seit mehr als 100 Jahren eine Kampforganisation. Es ist die ewige Mission, wie Präsident Foglar immer sagt, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der ArbeitnehmerInnen zu verbessern. Unser Job in der AK ist es, mit unserem Know-how, mit den tollen MitarbeiterInnen die Gewerkschaften in diesem Kampf zu unterstützen, z. B. mit Expertisen.
Ich sehe uns als eine Art geistige Speerspitze der ArbeitnehmerInnenbewegung – wenn ich kühn formulieren darf. Die ExpertInnenarbeit, die hier im Haus und in den Länderkammern geleistet wird, ist eine tolle Unterstützung für die Betriebsräte, die Kolleginnen und Kollegen in den Gewerkschaften und letztendlich alle ArbeitnehmerInnen, die ja unsere Services gerne in Anspruch nehmen.
Die AK wurde ja von einem Gewerkschafter, dem Textilarbeitersekretär und späteren Sozialminister Ferdinand Hanusch, gegründet.

Als Teilnehmer der Sozialakademie werden wir des Öfteren auf das Kunstwerk „Regalité“ angesprochen, welches die Front des Bildungszentrums der Arbeiterkammer Wien ziert. Deine Meinung dazu?

Über Kunst und Kultur lässt sich trefflich streiten. Aber gehen wir zurück zu den Wurzeln der Gewerkschaftsbewegung – damals wurden Arbeiterbildungsvereine gegründet. Im ÖGB-Statut steht, dass wir uns auch Kunst und Kultur widmen. Natürlich stehen Sozial- und Wirtschaftspolitik und vieles mehr im Vordergrund, aber Kunst und Kultur ist ein wichtiger Teil unseres Lebens und daher auch ein Auftrag für uns. Über einzelne Werke lässt sich streiten, aber ist nicht genau das reizvoll daran? Insgesamt bekenne ich mich zu Kunst und Kultur und zu den Kunst- und Kulturschaffenden.

Die Betriebsräte der Ordensspitäler Oberösterreich, unterstützt von der vida, stecken soeben in Verhandlungen mit ihren Arbeitgebern. Mit Josef Pühringer mischt sich ein weiteres Mal ein Landeshauptmann außerhalb seiner Kompetenz in Kollektivverhandlungen ein. Ein weiteres, trauriges Kapitel im österreichweiten Kampf um faire Arbeitsbedingungen in Gesundheitsberufen oder ein Warnsignal? Inwiefern kann die AK unter deiner Führung diesen schwierigen Kampf unserer Kolleginnen und Kollegen unterstützen?

Gesundheit geht uns alle an – ob als Betroffene oder InteressenvertreterInnen. Zur konkreten Frage: Das Problem, das wir in Österreich haben, ist, dass die Ordensspitäler, aber auch die Vereine, die für Pflege und Betreuung zuständig sind, in einer Sandwichposition sind. Auf der einen Seite sind sie zwar Dienstgeber, aber auf der anderen natürlich von den Geldmitteln der öffentlichen Hand abhängig. Bei den Verhandlungen wird immer dasselbe Lied gespielt und geklagt: Wir würden gerne mehr zahlen, können aber nicht, weil wir abhängig sind. So wie die Verhandlungslage derzeit ist, würde das „Angebot“ der Arbeitgeber, hinter dem auch der Landeshauptmann steht, zu einem Reallohnminus führen. Es ist nachvollziehbar, dass Betriebsräte und ArbeitnehmerInnen deshalb gemeinsam mit der Gewerkschaft Kampfmaßnahmen setzen.
Ich möchte zu einem Bereich kommen, in dem es eine ähnliche Problematik gibt. Ich meine die Pflege und Betreuung älterer Menschen. 2011 haben die Gewerkschaften vida und GPA-djp ein Modell für einen österreichweiten Pflegefonds vorgelegt. Einen Pflegefonds gibt es mittlerweile, aber er ist bislang nur bis 2016 mit Mitteln ausgestattet.
Uns geht es darum, dass angesichts der demografischen Entwicklung Pflege und Betreuung gesichert sind. Wir wollen eine langfristige Sicherstellung der solidarischen Finanzierung von Pflege und Betreuung. Dazu haben wir ein Modell entwickelt, in dem ein Teil einer zukünftigen Vermögens-steuer für Pflege und Betreuung verwendet wird.
Pflege und Betreuung haben früher sehr stark im Familienkreis stattgefunden. Es haben sich auch die familiären Strukturen verändert. Wir brauchen mehr denn je qualifizierte Pflege- und Betreuungskräfte. Das heißt aber auch, wir müssen – und das sollte uns bewusst sein – als Gesellschaft mehr Geld in die Hand nehmen.
Das Problem muss man grundsätzlich angehen und grundsätzlich lösen. Es gibt gute Beispiele: Die Stadt Wien nimmt über den waff 850.000 Euro in die Hand, unter anderem für die Ausbildung von Arbeitsuchenden im Bereich Pflege und Betreuung. Sie bietet den Menschen nicht nur die Qualifizierung, sondern auch eine Jobgarantie.
Aber ich sehe noch ein Problem. Wir haben im Bereich der Pflege und Betreuung eine hohe Arbeitslosigkeit und Fluktuation. Viele verlassen die Branche bald wieder. Viele Kolleginnen und Kol-legen haben Burn-out. Wir müssen auch an den Arbeitsbedingungen etwas verändern, sonst haben wir das Problem, dass die, die für Gesundheit zuständig sind, am ehesten krank werden.
Unser Job ist, Gesellschaft und Politik darauf einzustellen, dass sich hier in den nächsten Jahrzehnten dramatische Veränderungen ergeben. Es kann nicht so sein, dass man immer nur reagiert, man muss aktiv Lösungen suchen: Wie lösen wir Probleme einer alternden Gesellschaft. Das hat ja nicht nur mit Pflege und Betreuung zu tun.

Du hast einmal vom „unsinnigen Jugendkult“ gesprochen. Wie man aus den Medien entnehmen kann, wollen die Arbeiterkammer und die Gewerkschaft bis zum Sommer ein Modell für ein „Bonus-Malus-System“ zur Verbesserung der Beschäftigungsquote älterer ArbeitnehmerInnen vorlegen. Wie weit ist man damit?

Zum unsinnigen Jugendkult: Ich bin im 58. Lebensjahr. Die demografische Entwicklung ist klar. Es gibt immer weniger Junge und immer mehr Ältere. Was den Arbeitsmarkt betrifft, so will ich, dass über 50-Jährige kein Auslaufmodell sind, sondern ein Erfolgsmodell für die Wirtschaft werden.
Dieser Gedanke ist in Kreisen der Wirtschaft noch nicht angekommen. Deswegen fordern wir ein Bonus-Malus-System. Dafür gibt es bereits mehrere Modelle. Ich möchte nach meinem Amtsantritt die Expertinnen und Experten der Arbeitnehmerseite zusammenrufen. Wir wollen bis Mitte des Jahres ein gemeinsames Modell der Arbeitnehmerseite erarbeiten. Der nächste Schritt ist dann, in Verhandlungen mit der Bundeswirtschaftskammer einzutreten. Mit 1. Jänner 2014 wird die befristete Invaliditätspension für unter 50-Jährige abgeschafft. Dann soll gleichzeitig dieses Bonus-Malus-System in Kraft treten. Das heißt, dass die Betriebe, die mehr ältere ArbeitnehmerInnen beschäftigen, einen Bonus bekommen, jene, die zu wenige beschäftigen, einen Malus. Die Wirtschaft bringt natürlich Gegenargumente: Das sei zu bürokratisch. Wir haben gut funktionierende EDV-Systeme in den Sozialversicherungseinrichtungen und die Daten über die Altersstruktur der Beschäftigten, die wir für die Einführung des Bonus-Malus-Systems brauchen, sind vorhanden. Wir brauchen gesetzliche Regelungen, sonst wird es in vielen Betrieben kein Umdenken geben. Sie huldigen dem Jugendkult und suchen Beschäftigte nach folgenden Kriterien: 20 Jahre jung, 30 Jahre Berufserfahrung und wenn es geht mit Mindestlohn.
Reifere ArbeitnehmerInnen stehen ihre Frau, ihren Mann und bringen Lebenserfahrung ein sowie großes Know-how, auf das die ArbeitgeberInnen verzichten. Ich bin 57 Jahre, ich kann einen Computer bedienen, ein Handy, ein Tablet. Das kann man lernen. Wichtig sind zudem gesundheitsfördernde Maßnahmen. Damit meine ich mehr als den berühmten Apfel an der Rezeption. Es geht auch um die Frage, wie man den Arbeitsplatz, die Arbeitszeit, die Arbeitsbedingungen gestalten kann, um ältere ArbeitnehmerInnen zu halten.

Dieser „unsinnige Jugendkult“ steht selbstverständlich nicht für die Ende Februar von den EU-Sozialministern beschlossene „Beschäftigungsgarantie für Jugendliche“. Siehst du realistische Chancen für den Erfolg dieses Beschlusses?

2008 wurde in Österreich die Jugendausbildungsgarantie beschlossen. Vier Jahre später sieht man klar, dass das ein Erfolgsmodell war. Was mich schmerzt ist, dass sich leider viele Betriebe aus der Ausbildung zurückgezogen haben. Nach dem Motto: Es gibt überbetriebliche Ausbildungsstätten, warum soll ich mich mit Lehrlingen quälen?
Ich bin vor ein paar Wochen in Spanien gewesen. 56 Prozent Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen unter 25, aber auch in Griechenland und Portugal ist die Lage dramatisch. Wenn ich mir das ansehe, war der Schritt der EU mehr als eine richtige Maßnahme, leider ein bisschen spät. Aber lieber spät als nie.
Ich glaube einfach, dass Gewalt und Kriminalität entstehen, wenn die Jugend hoffnungslos ins Leben geht, keine Ausbildung bekommt. Die EU-Initiative ist sinnvoll und es ist notwendig, weitere zu setzen. Unser duales Berufsausbildungssystem hat Vorbildwirkung für viele. Jetzt geht es an die Umsetzung. Zusätzlich braucht es auch wieder ein Wirtschaftswachstum.

Zum Abschluss ein wenig aus deinem Privatleben: Die wenigsten Leute wissen, dass du im renommierten Hotel Intercontinental den Beruf des Kochs erlernt hast. Nach Meinung der Ausbilder der Hans-Mandl-Berufsschule, zu denen du unseren Informationen nach noch einen guten Kontakt pflegst, auch recht erfolgreich. Erzähle doch unseren LeserInnen kurz deinen Werdegang vom Kochlehrling zum Präsidenten der Bundesarbeitskammer.

Koch war immer schon mein Kindheitstraum. Ich konnte mir den erfüllen. Ich habe im Hotel Intercontinental gelernt und war damals Mitinitiator der Aktion „M wie Mitbestimmung“. Wir haben mit der Aktion erreicht, dass das Jugendvertrauensrätegesetz geschaffen wurde. Und der Legende nach war ich der erste Jugendvertrauensrat Österreichs, auf jeden Fall war ich einer der ersten. Dann kam die Heeresausbildung – Korporal in sechseinhalb Monaten – und weiteres gewerkschaftliches Engagement. Ich bin dann gefragt worden, ob ich Jugendarbeit in der Gewerkschaft machen möchte, und habe 13 Jahre die Jugend betreut. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Dann wurde ich Zentralsekretär in der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst, schließlich HGPD-Vorsitzender und dann vida-Vorsitzender. Ich habe das alles als wahn-sinnig spannende Aufgaben empfunden und ich bin voll motiviert für die künftigen Aufgaben. Interessenvertretung ist eine wundervolle Aufgabe.

Ein herzliches „Glück auf!“ und danke für das Gespräch.

Das Interview führte A&W-Chefredakteurin Katharina Klee gemeinsam mit Helga Gottenhumer und Sean Stanton, die gerade den 62. SOZAK-Lehrgang absolvieren.

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