topimage
Arbeit&Wirtschaft
Arbeit & Wirtschaft
Blog
Facebook
Twitter
Suche
Abonnement
http://www.arbeiterkammer.at/
http://www.oegb.at/
Verschicken Sie eine E-Card!
Symbolbild zum Bericht Kurt W. Rothschild (1914-2010): "Im Makrozusammenhang sind Löhne und Beschäftigung durch viele Fäden in einem äußerst komplizierten Geflecht miteinander verbunden, sodass simple, generalisierende Aussagen nicht erbracht werden können."

Wie entsteht Arbeitslosigkeit?

Schwerpunkt

Neoklassik und Postkeynesianismus haben dazu und zu anderen Fragen der Wirtschaftspolitik sehr verschiedene Positionen.

Neoklassik und Postkeynesianismus führen Arbeitslosigkeit auf unterschiedliche Ursachen zurück. Ihre beschäftigungspolitischen Schlussfolgerungen widersprechen einander teils.

Neoklassik

Die Neoklassik geht davon aus, dass freie Märkte zu einem effizienten Ergebnis (Markträumung) führen. Der Staat soll daher in der Regel nicht eingreifen. Voraussetzungen für ein effizientes Marktergebnis sind unter anderem folgende – zum Teil völlig realitätsferne – Annahmen: Alle Märkte sind Wettbewerbsmärkte ohne Eintrittsbarrieren, mit einer großen Anzahl an kleinen Anbietern ohne Marktmacht und einer großen Zahl von Nachfragern. Alle MarktteilnehmerInnen verfügen über vollkommene Information.

Der Arbeitsmarkt wird als Markt wie alle anderen gesehen, tendiert also wie die Gütermärkte und der Kapitalmarkt zu einem Gleichgewicht, in diesem Fall: Vollbeschäftigung.

Das Arbeitsangebot wird durch die freie Wahl der Erwerbspersonen zwischen Arbeit und Freizeit bestimmt. Die Arbeitsnachfrage der Unternehmen ist negativ abhängig vom Reallohn. Durch einen geeigneten Preis (Reallohn) lässt sich somit Vollbeschäftigung herstellen. Im Gleichgewicht entspricht der Reallohn der realen Grenzproduktivität, d. h. dem zusätzlichen Produktionsbeitrag der zusätzlich hinzugefügten Arbeitskraft.

Arbeitslosigkeit entsteht einerseits durch ein zu niedriges Lohnniveau und die daraus resultierende Abneigung der Erwerbspersonen, zum Marktlohn zu arbeiten. Andererseits wird Arbeitslosigkeit als Folge der Aktivität von Gewerkschaften und des Bestehens von Institutionen wie Mindestlohn oder KV gesehen. Wenn diese ein Lohnniveau über dem Gleichgewichtslohn bedingen, führt das zu sinkender Arbeitsnachfrage der Unternehmen. Verantwortlich für Arbeitslosigkeit sind mithin entweder die Arbeitslosen selbst oder die Gewerkschaften bzw. fehlgeleitete staatliche oder sozialpartnerschaftliche Regulierungen des Arbeitsmarktes.

Ein Eingreifen des Staates ist nur im Fall institutionell bedingter Arbeitslosigkeit gerechtfertigt. Neoklassische bzw. neoliberale Beschäftigungspolitik, wie seit den 1980er-Jahren in immer mehr Ländern praktiziert und von Organisationen wie der OECD angepriesen bzw. verordnet, bedeutet somit Deregulierung des Arbeitsmarktes: Zurückdrängen der Gewerkschaften und Beseitigung jener Arbeitsmarktinstitutionen, die Lohnuntergrenzen festlegen.

Postkeynesianismus

Der Postkeynesianismus beurteilt die Stabilität von Marktwirtschaften weit skeptischer. Weil der Kapitalismus zu wiederkehrenden Krisen tendiert, werden dem Staat wesentliche stabilisierende Aufgaben zugewiesen: antizyklische Wirtschaftspolitik, finanzmarktliche und sozialpolitische Regulierung und so fort. Im Gegensatz zur Neoklassik geht der Postkeynesianismus davon aus, dass Beschäftigung und Arbeitslosigkeit auf den Produktmärkten bestimmt werden und nicht auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt unfreiwillige Arbeitslosigkeit aufgrund unzureichender gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Sie ist nicht das Resultat von Arbeitsmarktregulierungen. Lohnflexibilität (nach unten) reicht nicht aus, um Vollbeschäftigung zu erreichen und zu bewahren.

Die Lohnfestsetzung erfolgt durch Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmen bzw. Arbeitgeberverbänden. Das Verhandlungsergebnis hängt von den Machtverhältnissen auf dem Arbeitsmarkt ab. Die Preise werden auf den Gütermärkten bestimmt, beeinflusst zum einen durch die Wettbewerbsverhältnisse und die Marktmacht einzelner Unternehmen, zum anderen durch die Profiterwartungen der Unternehmen, wobei deren Bedarf an Investitionsfinanzierung im Vordergrund steht. Somit wird der reale Lohnsatz nicht allein durch Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt bestimmt, sondern auf Arbeits- und Produktmärkten. Der Arbeitsmarkt selbst führt nicht zu einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung.

Die Nachfrage nach Arbeitskräften wird durch die tatsächliche gesamtwirtschaftliche Nachfrage bestimmt, die sich aus der Konsumnachfrage der privaten Haushalte, den Bruttoinvestitionen der Unternehmen, den Ausgaben des Staates und dem Außenbeitrag (Exporte minus Importe) zusammensetzt. Das Arbeitsangebot der Erwerbspersonen ist – ähnlich wie in der Neoklassik – abhängig vom Lohn.

In der kapitalistischen Marktwirtschaft herrscht unfreiwillige Arbeitslosigkeit vor, weil im Normalfall die Produktionskapazitäten nicht ausgelastet sind: Die effektive Nachfrage ist unzureichend, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten.

Aus mikroökonomischer Sicht eines Unternehmens erscheint es positiv, wenn die Löhne sinken. Es kann dann eventuell Absatz und Gewinn steigern und zusätzliche Arbeitskräfte einstellen. Doch in einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung, so betont die postkeynesianische Theorie, gilt dieser positive Zusammenhang zwischen Reallohnsenkung und Beschäftigungsanstieg in der Regel nicht.

Lassen wir den großen österreichischen Postkeynesianer Kurt W. Rothschild (1914–2010) zu Wort kommen: „Im Makrozusammenhang sind Löhne und Beschäftigung durch viele Fäden in einem äußerst komplizierten Geflecht miteinander verbunden, sodass simple, generalisierende Aussagen nicht erbracht werden können.“

Lohngetriebene Wirtschaft

Die Wirtschaft der EU wird durch die Entwicklung der Binnennachfrage – vor allem durch privaten Konsum – bestimmt. Der Außenbeitrag spielt nur eine geringe Rolle. In einer derartigen „lohngetriebenen“ Wirtschaft wirkt sich eine Reallohnsenkung negativ auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auf die Beschäftigung aus. Der durch die Lohnreduktion ausgelöste Rückgang der Konsumnachfrage der privaten Haushalte überwiegt gegenüber den möglichen positiven Impulsen für Investitionen und Exporte.

Der Staat muss eingreifen

Die wichtigste wirtschaftspolitische Schlussfolgerung lautet, dass der Staat eingreifen muss, um die Arbeitslosigkeit zu verringern.
In Zeiten schwacher gesamtwirtschaftlicher Nachfrage, in Rezessionen, soll der Staat das Defizit des öffentlichen Sektors erhöhen, indem er die automatischen Stabilisatoren (z. B. Arbeitslosenversicherung) wirken lässt und gezielt („diskretionär“) beschäftigungswirksame Staatsausgaben mit hohen Multiplikatoreffekten anhebt.
Besondere Bedeutung kommt dieser gegensteuernden („antizyklischen“) Fiskalpolitik dann zu, wenn – wie gegenwärtig – die belebenden Möglichkeiten der Geldpolitik (Zinssenkungen) weitgehend ausgeschöpft sind. Antizyklische Fiskalpolitik ist, wie die Erfahrungen zeigen, wirksam. Sie unterbindet bzw. dämpft die Entstehung von Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit. Aktive Arbeitsmarktpolitik soll Betroffenen den Übergang von schrumpfenden Branchen bzw. Berufen in wachsende ermöglichen. Maßnahmen zur Arbeitszeitverkürzung (wie z. B. sozialpartnerschaftlich vereinbarte Kurzarbeitsregelungen) zielen auf Verringerung des Arbeitsangebots ab.

Der Postkeynesianismus betont ebenso die Notwendigkeit einer koordinierten europäischen Lohnpolitik, die auch zum Abbau makroökonomischer Ungleichgewichte innerhalb des Euroraums beiträgt. Die einzelnen Länder brauchen eine Lohnpolitik, die sich bezüglich der Nominallohnerhöhungen jeweils an dem von der Europäischen Zentralbank gesetzten Preisstabilitätsziel (zwei Prozent) sowie dem mittelfristigen Trend der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität orientiert. Der ÖGB bekennt sich seit den 1970er-Jahren („Benya-Formel“) zu einer derartigen Lohnpolitik. Diese berücksichtigt sowohl Kosten- als auch Nachfrageeffekte von Lohnänderungen. Sie gewährleistet, dass die realen Lohnstückkosten (Lohnkosten je Produktionseinheit) unverändert bleiben und trägt somit weder zur Entstehung von Inflation noch von Deflation bei. Der Anteil der Arbeitseinkommen am Sozialprodukt wird stabilisiert. Die Einhaltung der Produktivitätsorientierung über einen längeren Zeitraum würde Unsicherheiten reduzieren. Dies wiederum würde Realkapitalinvestitionen, Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum begünstigen.

Die Benya-Formel: de.wikipedia.org/wiki/Benya-Formel

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor michael.mesch@akwien.at  oder die Redaktion aw@oegb.at

Artikel weiterempfehlen

Kommentar verfassen

Teilen |

(C) AK und ÖGB

Impressum