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Symbolbild zum Bericht In einer eigenen Studie untersuchte Maria Szécsi-März das Phänomen des "Grauen Marktes" - gemeint ist damit das in den 1960er-Jahren grassierende Rabattunwesen ...

Maria Szécsi-März (1914-1984)

Schwerpunkt

Die Ökonomin hat einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, die Wirtschaftspolitik in Österreich auf moderne konzeptionelle Grundlagen zu stellen.

Wer in den früheren Jahrgängen dieser Zeitschrift blättert, findet dort eine Vielzahl von Artikeln und Kommentaren von Maria Szécsi, einer der führenden WirtschaftswissenschafterInnen von AK und Gewerkschaftsbewegung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie hat einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, die Wirtschaftspolitik in Österreich auf moderne konzeptionelle Grundlagen zu stellen, vor allem durch ihre zahlreichen Publikationen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaftspolitik und durch ihre Mitwirkung in wirtschaftspolitischen Beratungsgremien.

1919 aus Budapest nach Wien

Ihre Familie war 1919 nach der fehlgeschlagenen ungarischen Revolution aus Budapest nach Wien gekommen. Aufgrund der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland wurde Maria Szécsi 1938 zur neuerlichen Emigration in die USA gezwungen. Dort konnte sie endlich ihre Universitätsstudien in Ökonomie, Geschichte und Politikwissenschaft abschließen, woran sie von der Wiener Universität durch die Repressionsmaßnahmen des Ständestaates gehindert worden war. Nach ihrer Rückkehr nach Österreich war Maria Szécsi zunächst im kommunistisch beherrschten „Weltgewerkschaftsbund“ tätig, ging allerdings zunehmend auf Distanz zur Kommunistischen Partei, aus der sie nach dem Ungarnaufstand 1956 austrat. Seit 1960 arbeitete Marika, wie sie von ihren Kolleginnen und Kollegen genannt wurde, in der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Arbeiterkammer Wien, die damals von Eduard März geleitet wurde, den sie später heiratete.

Lohnanteil am Volkseinkommen

Aus der großen Zahl ihrer Arbeiten ist an erster Stelle die Studie „Der Lohnanteil am österreichischen Volkseinkommen 1913–1967“ (erschienen 1970) zu erwähnen, deren Ergebnisse durch die exemplarische Behandlung des Themas auch heute noch aktuell sind. In der Sichtweise einer keynesianischen Wirtschaftspolitik war eine langfristig konstante bereinigte Lohnquote eine Bedingung für „gleichgewichtiges“ Wirtschaftswachstum: In einer wachsenden Wirtschaft ermöglicht die Beteiligung der ArbeitnehmerInnen am Produktivitätsfortschritt eine entsprechende Zunahme des privaten Konsums, und damit kann die wachsende Menge an Waren und Dienstleistungen abgesetzt werden. Es gibt auch noch zwei weitere wichtige Aspekte: Lohnsteigerungen im Rahmen von Produktivitätswachstum und Zielinflation sind eine Bedingung für die Erhaltung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, darüber hinausgehende Lohnerhöhungen führen zu Wachstums- und Reallohneinbußen.

Die VertreterInnen der keynesianischen Denkrichtung in der Wirtschaftspolitik, zu denen Maria Szécsi gehörte, brachten diesen zentralen makroökonomischen Denkansatz in die Diskussion ein und waren damit im sogenannten Golden Age der österreichischen Nachkriegsgeschichte (1950–1975) sehr erfolgreich, ebenso in den Jahren nach dem ersten schweren Wachstumseinbruch 1975. Aber auch heute noch zeigt sich im Umkehrschluss die Bedeutung der keynesianischen Denkweise: Die oft monierte Schwäche der Binnennachfrage wird immer mehr zur entscheidenden Ursache der europäischen Wachstumsschwäche – diese Schwäche der Binnennachfrage ist aber eine Konsequenz der fallenden Lohnquote. Denn schon seit fast zwei Jahrzehnten stagnieren die Reallöhne und bleiben hinter dem Produktivitätsfortschritt zurück. Maria Szécsis Studie aus 1970 hat uns in dieser Hinsicht auch über 40 Jahre später noch einiges zu sagen.

Erste Frau in paritätischer Komission

Sie gehörte auch zum engeren Kreis jener Verbändeexperten der ersten Stunde, welche ab 1963 im Rahmen des sozialpartnerschaftlichen Beirats für Wirtschafts- und Sozialfragen und seiner Arbeitsgruppen tätig waren, als dort wichtige Grundlagen für die österreichische Wirtschaftspolitik von den Sozialpartnern gemeinsam festgelegt wurden. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang vor allem drei Studien des Beirats für Wirtschafts- und Sozialfragen über den Preis- und Kostenauftrieb aus 1964 bis 1972. Wie kaum jemand anderer hat es Maria Szécsi bei der Arbeit an dieser zwischen den Arbeitsgruppenmitgliedern durchaus kontroversiellen Materie verstanden, Sachlichkeit und Grundsatztreue im wohl ausgewogenen Urteil auf einen Nenner zu bringen. Dadurch hat sie sich die besondere Wertschätzung nicht nur ihrer Kolleginnen und Kollegen in Arbeiterkammer und Gewerkschaften, sondern auch auf der anderen Seite und bei politisch anders Denkenden erworben. Als erste Frau gehörte Maria Szécsi dem Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen der damaligen Paritätischen Kommission für Preis- und Lohnfragen an.

Untersuchte für VKI „Grauen Markt“

Eingehend hat sich Maria Szécsi auch den Problemen der Preis- und Wettbewerbspolitik gewidmet, nachdem sie vor ihrem Eintritt in die Arbeiterkammer einige Jahre in einer Vorläuferorganisation des heutigen Vereins für Konsumenteninformation (VKI) tätig gewesen war. In einer eigenen Studie untersuchte sie das Phänomen des „Grauen Marktes“ – gemeint ist damit das in den 1960er-Jahren grassierende Rabattunwesen, mit dem Wettbewerbsbeschränkungen unterlaufen wurden, was allerdings mit zu einer gravierenden Störung der Preistransparenz führte. Sie arbeitete auch an der Reform des Kartellgesetzes mit und war von der Arbeiterkammer als Mitglied des Paritätischen Ausschusses beim Kartellgericht nominiert.

Ihre wirtschaftspolitischen Funktionen und Tätigkeiten waren im politisch-gesellschaftlichen Gesamtverständnis Maria Szécsis immer eingebettet in ein theoretisch fundiertes Weltbild. In dieser Hinsicht ist ihr intellektuelles Profil exemplarisch für die österreichische Nachkriegszeit. Sie zählte zu jener Gruppe österreichischer Emigrantinnen und Emigranten, die sich als WissenschafterInnen in der politischen Arbeiterbewegung engagiert hatten. In der Emigration hatte sie ihre modernen sozialwissenschaftlichen Kenntnisse erworben, die sie dann beim nachholenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozess im Österreich der Nachkriegszeit für eine pragmatische, keynesianische Wirtschaftspolitik einsetzen konnte, welche gegen die konservativen Kräfte der Beharrung erst durchgesetzt werden musste. Was Maria Szécsi bei allem intensiven Engagement in der Fachpolitik mindestens immer gleich hoch stellte, war die Diskussion der Grundsatzfragen einer arbeitnehmerInnenorientierten Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik auf hohem theoretischen Niveau unter gleichzeitiger Betonung einer soliden empirischen Fundierung. Folgerichtig hat sich Maria Szécsi ein Leben lang mit Problemen des Sozialismus beschäftigt, und dies sozusagen ergebnisoffen. Weil es für sie keine ideologisch vorgegebenen Dogmen gab, zog sie als Ökonomin und auch für sich persönlich die Konsequenzen aus dem Scheitern des sogenannten realen Sozialismus der damaligen Oststaaten. Gerade aus dieser Haltung heraus war sie in besonderem Maß in der Lage, sich mit ordnungspolitischen Fragen einer Mixed Economy, also eines Systems der gemischten Wirtschaft, einer Kombination aus Marktwirtschaft und Staatsintervention, theoretisch zu beschäftigen und dazu wichtige Beiträge zu leisten.

Sie blieb dabei immer auf der Höhe der Zeit, etwa mit ihrem Artikel zum Thema Arbeitszeitverkürzung „Jenseits der Vierzigstundenwoche“, der 1970, also kurz nach Fixierung der Verkürzung der Normalarbeitszeit von 45 auf 40 Stunden, in „Arbeit und Wirtschaft“ (Heft 9/1970) erschienen ist; oder mit dem in der von ihr in den ersten Jahren geleiteten Zeitschrift „Wirtschaft und Gesellschaft“ (Heft 3/1975) erschienenen Artikel „Zur Frage des gedrosselten Wirtschaftswachstums“ – eine Frage, die heute, über 40 Jahre nach dem berühmten Club-of-Rome-Bericht „Grenzen des Wachstums“, mit neu angefachter Intensität diskutiert wird.

Nach wie vor relevantes Vorbild

Mehr als vier Jahre nach der großen Rezession 2008/09 ist der Ausgang der politischen Auseinandersetzung über eine Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik in Europa immer noch offen. Das Beispiel Maria Szécsis für ein Engagement für eine arbeitnehmerInnenorientierte Wirtschaftspolitik ist nach wie vor relevant.

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor guenther.chaloupek@akwien.at  oder die Redaktion aw@oegb.at

Günther Chaloupek war Bereichsleiter für Wirtschaft in der AK und von 1972 an als Kollege von Maria Szecsi in der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung tätig. Er ist in Pernsion.

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