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Symbolbild zum Bericht Finanzmärkte wie ein verrücktes Casino einfach sich selbst überlassen, das geht aber auch nicht. Sie sind der zentrale Markt im Kapitalismus, von dessen Entscheidungen das Wirken aller anderen Märkte beeinflusst wird bzw. abhängig ist.
Buchtipp

Effizienzmaschine, Casino, schwarzes Loch?

Schwerpunkt

Finanzmärkte, Zins und Inflation: Hitzige Debatten und eine Krise als Lehrstück.

Ich habe einen Fehler gefunden“, bekannte der damalige US-Zentralbankchef Alan Greenspan im Oktober 2008 bei einer Anhörung zur Finanzkrise im Kongress. Greenspans lang gehegter Glaube an die Überlegenheit freier Märkte war von der Krise erschüttert worden.

Neoklassische heile Finanzwelt

Die theoretische Basis, auf die Greenspan und viele andere vor der Krise gebaut hatten, ist die neoklassische Wirtschaftslehre. In dieser Denkschule herrscht ein grundsätzliches Vertrauen in die Gleichgewichtstendenz von Märkten. Finanzmärkte gelten hier als Mechanismus, um Kapital in die aussichtsreichsten Projekte zu lenken, und als Versicherungsvehikel. Gegen alles, was in der Marktwirtschaft schiefgehen kann, könne man auf effizienten Märkten einen Finanzkontrakt zur Absicherung kaufen. Die Explosion der Derivatmärkte vor Ausbruch der Krise erschien als Verwirklichung dieser Vorstellung. Da wurden z. B. Hypothekarkredite gebündelt und Ansprüche auf daraus resultierende Kreditrückzahlungen als Wertpapier weiterverkauft. Gleichzeitig wurden Derivate, die gegen allfällige Kreditausfälle versicherten, zum Kauf angeboten. Durch den Verkauf dieser Papiere in alle Welt schienen die Risiken auf viele Schultern verteilt und somit letztlich neutralisiert.

Diese Finanzkonstruktionen bräuchten keine begleitende Expansion der Regulierung und Aufsicht, glaubte man vor der Krise. Stattdessen könne man über weite Strecken dem Eigeninteresse der Finanzhäuser vertrauen: Wer rational agiere, würde niemals sorglos mit anderer Leute Geld umgehen oder Risiken falsch einschätzen. Die Aussicht, dass solch ein Verhalten unweigerlich vom Markt bestraft werden würde, sollte als Abschreckung ausreichen.

Wirtschaftspolitik sollte sich auf die Sicherung von Preisstabilität konzentrieren. In der Neoklassik herrscht die Überzeugung, dass der Preismechanismus zentral ist, um die Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten. Bei einer unerwarteten Störung verändern sich auf einem idealen Markt Preise und Löhne so, dass die Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht kommt. Eine unerwartete Veränderung des allgemeinen Preisniveaus, also sämtlicher Preise im Zuge einer Inflation, würde diesen Mechanismus stören. Steigen alle Löhne und Preise inflationsbedingt, könnten die Lohnabhängigen kurzfristig verwirrt sein und mit Blick auf ihren Lohnzettel glauben, sie seien reicher und plötzlich ihre Konsumgewohnheiten ändern (z. B. Kaviar statt Extrawurst). Erst nach einiger Zeit würden sie vielleicht herausfinden, dass ihre Kaufkraft in Wahrheit gar nicht gestiegen ist, weil alle Preise sich gleichfalls erhöht haben, und ihre Entscheidungen bereuen, vielleicht in finanzielle Schwierigkeiten geraten etc.

Zur Sicherung der Preisstabilität muss der Staat bzw. die Zentralbank laut Neoklassik für die Bereitstellung der richtigen Geldmenge sorgen. Um Missbrauch zu verhindern – etwa indem eine Regierung im Wahlkampf absichtlich Inflation erzeugt, damit sich die Leute reicher fühlen und erst nach geschlagener Wahl erkennen, dass das nicht stimmt – soll laut Neoklassik die Geldmenge strikt begrenzt sein. Dann bleiben Preise stabil und alle Märkte funktionieren.

Keynes und die Krise

Im Zuge der Finanzkrise verloren die meisten dieser neoklassischen Vorstellungen ihre Plausibilität. Stattdessen kam es zu einer Rückbesinnung auf Ideen von Keynes und Marx. Sie betonen statt der Gleichgewichtstendenz die Krisenanfälligkeit von Märkten.

Finanzmärkte tendieren laut Keynes nicht zu Stabilität, sondern sind sehr anfällig für Stimmungsschwankungen. Wenn alle ein Wertpapier kaufen wollen, steigt es im Preis. Wenn alle es verkaufen wollen, wird es wertlos. Folglich müssen alle, die zum günstigsten Zeitpunkt kaufen oder verkaufen wollen, Erwartungen darüber bilden, was die anderen tun werden. Das kann zu fatalem Herdenverhalten führen, bei dem alle tun, was die anderen tun, selbst gegen bessere Überzeugung. Immer wieder kommt es so zu Kursfeuerwerken und -abstürzen.

Das Problem: Wenn der Finanzmarkt lahmt, stockt die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten, die für Investitionen zentral sind. Um ihre Stimmungsschwankungen im Zaum zu halten, empfiehlt der Keynesianismus eine strikte Beaufsichtigung und Regulierung der Finanzmärkte. In den neoklassischen Modellen ist Geld nur ein Tauschmittel. Die Wirtschaft mit ihrer Gleichgewichtstendenz funktioniert dort eigentlich wie eine Tauschwirtschaft: Jeder, der etwas verkauft, kauft gleichzeitig etwas. Geld ist nur der neutrale Vermittler, der Tauschen vereinfacht.

Wertaufbewahrungsmittel Geld

Der Keynesianismus sieht Geld komplexer. Erstens können in der Privatwirtschaft mithilfe von Banken und Schattenbanken geldähnliche Zahlungsmittel geschaffen werden. Inflation muss nicht auf eine falsche staatliche Geldpolitik zurückzuführen sein.

Zweitens kann Geld nicht nur als Tausch-, sondern auch als Wertaufbewahrungsmittel verwendet werden. Beispiel Finanzkrise: Im Finanzboom vor 2008 wurde eine Vielzahl von Finanzinstrumenten geschaffen, die vielfach als fast so gut wie Geld galten. Im Herbst 2008 war das Vertrauen in deren Werthaltigkeit mit einem Schlag dahin. Plötzlich wollten alle verkaufen und stattdessen „echtes“ Geld haben, und zwar nicht, um dafür wiederum etwas zu kaufen, sondern um es zu horten, aufgelaufene Schulden zu bezahlen oder sich – wie im Fall von Finanzhäusern – gegen Rückforderung von Guthaben der eigenen Kundschaft zu wappnen. Um diesen Bedarf abzudecken, versorgten die Zentralbanken die Märkte mit neuem Geld. Laut Neoklassik birgt das eine hohe Inflationsgefahr, weil man davon ausgeht, dass neues Geld unweigerlich sofort als Tauschmittel eingesetzt wird.

Aber wenn sich die wirtschaftliche Zukunft verdüstert und alle anderen Anlageformen plötzlich unsicher erscheinen, ist Geld als Wertaufbewahrungsmittel gefragt. Wenn die Zentralbank diese Nachfrage nicht befriedigt, brechen ganze Märkte zusammen und reißen durch ihre Verbindung mit anderen Sektoren womöglich die gesamte Wirtschaft in den Abgrund.

Zinskritik?

Der Kaufmann Silvio Gesell, ein Zeitgenosse von Keynes, sah in der Möglichkeit, Geld zu horten, die zentrale Krisengefahr für die Wirtschaft. Dadurch könne Zins beim Geldverleih erpresst werden. Das löse Umverteilung zu Geldbesitzenden aus. Gesell schlug dafür eine ungewöhnliche Gegenmaßnahme vor: Geldhaltung soll bestraft werden. Das von ihm propagierte „Schwundgeld“ soll in gewissen Zeitabständen automatisch an Wert verlieren bzw. zum Werterhalt die Errichtung einer regelmäßigen Gebühr erfordern. Diese Art Negativzins bzw. permanente Inflation würde die ausschließliche Nutzung von Geld als Tauschmittel erzwingen. Zeitgenössische ZinskritikerInnen erhoffen sich dadurch auch eine Bremswirkung gegen einen vermeintlich vom Zins ausgelösten Wachstumszwang. Zinsen können aber kein Wachstum erzwingen, im Gegenteil gelten eher niedrige Zinsen als wachstumsförderlich, weil sie kreditfinanzierte Investitionen billiger machen.

Wenn Leute durch Schwundgeld quasi gezwungen werden, alle Einkünfte sofort wieder auszugeben, wird konsumbasiertes Wachstum auf Kosten von Sparen und Investieren gefördert. Den Menschen wird damit auch ein Mittel genommen, sich gegen die Unsicherheit der Wirtschaft mittels Nutzung von Geld als Wertaufbewahrungsmittel zu wappnen. Das werden sie sich auf längere Sicht kaum gefallen lassen und folglich auf etwas anderes ausweichen, das diese und andere Geldfunktionen erfüllt.

Der Zins ist auch nicht ungerechtfertigter als andere Preise in der Wirtschaft, sondern der Preis für einen Zeitvorteil: Wer einen Kredit aufnimmt, kann dafür schon heute etwas kaufen, das erst später bezahlt werden muss. Gesells Ideen haben deshalb unter Wirtschaftsfachleuten keinen Widerhall gefunden.

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