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Symbolbild zum Bericht Für die Gesamtnachfrage spielen die Konsumnachfrage und die Investitionsnachfrage eine wichtige Rolle.
Buchtipp

Mit Keynes aus der Krise

Schwerpunkt

Keynes zog die richtigen Lehren aus der Krise der 1930er-Jahre, auf seine Ideen können wir auch heute aufbauen.

Der Aufstieg der ökonomischen Lehre von John Maynard Keynes war eng mit der Massenarbeitslosigkeit der 1930er-Jahre verknüpft. Diese war die Folge des Platzens der Spekulationsblase im Banken- und Finanzsystem und einer Wirtschaftspolitik, die auf die Senkung von Löhnen und Staatsausgaben setzte und so die wirtschaftliche Abwärtsspirale dramatisch beschleunigte.

In Cambridge geboren

Keynes wurde 1883 in bürgerlichen Verhältnissen in Cambridge, England, geboren und studierte in seiner Heimatstadt zunächst Mathematik und Philosophie, später auch Ökonomie. Die wirtschaftliche Lehre, die die Universitäten und die Wirtschaftspolitik dominierte, war damals (wie heute) die neoklassische Theorie. Diese Lehre sieht die Höhe der Produktion von Gütern und Dienstleistungen als abhängig von der Verfügbarkeit der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit (Saysches Gesetz), die Inflation wird von der Höhe der Geldmenge bestimmt (Quantitätstheorie) und Arbeitslosigkeit ist eine Folge zu hoher Reallöhne. Keynes erkannte angesichts der Beobachtung der wirtschaftlichen Realität, dass diese Theorie zwar vielleicht als relevant für den Spezialfall einer Vollbeschäftigungswirtschaft gelten kann, aber für die Lösung der drängenden Probleme einer stark unterausgelasteten Wirtschaft nicht brauchbar war.

In seinem 1936 erschienenen Hauptwerk „The General Theory of Employment, Interest and Money“ betonte Keynes die Bedeutung der effektiven Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen für die Höhe von Produktion und Beschäftigung. Für die Gesamtnachfrage spielen die Konsumnachfrage, die durch das verfügbare Einkommen der Haushalte und deren Konsumneigung bestimmt ist, und die Investitionsnachfrage, die von den Absatzerwartungen der Unternehmen und dem Kreditzinssatz abhängt, eine wichtige Rolle. Entscheidend für die Konjunktur sind in einer Welt der Unsicherheit die Erwartungen, und zwar nicht nur jene der Unternehmen sowie der Konsumentinnen und Konsumenten, sondern besonders jene der AnlegerInnen auf den Finanzmärkten. Sie bilden Erwartungen über die Erwartungen anderer Spekulantinnen und Spekulanten und dies führt zu dem für Finanzmärkte charakteristischen Herdentrieb. Keynes warnte schon in den 1930er-Jahren eindringlich vor einem zu großen Finanzsystem, das die Realwirtschaft zu einem Spielball der Spekulation verkümmern lässt. Er legte dar, wie leicht eine Marktwirtschaft in eine Unterbeschäftigungssituation gerät, aus der die Marktkräfte nicht von selbst wieder herausfinden. Hier hilft nur ein entschiedener Impuls der Budget- und Geldpolitik.

John Maynard Keynes war aber nicht nur Theoretiker, sondern trat auch beherzt für seine wirtschaftspolitischen Überzeugungen ein. Als Anhänger der Liberalen Partei hielt er Staatseingriffe zur Sicherung der Stabilität der Marktwirtschaft für notwendig. Er trat deshalb in zahllosen Zeitungsartikeln, Radioansprachen und Briefen an wirtschaftspolitische Entscheidungsträger, wie den Präsidenten der USA Franklin D. Roosevelt, vehement für einen Kurswechsel zugunsten einer aktiven Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ein. Seine immer problemorientierten Vorschläge umfassten eine Ausweitung der öffentlichen Investitionen, öffentliche Beschäftigungsprogramme, die Stimulierung der Konsumnachfrage und eine Koordination der internationalen Währungs- und Wirtschaftspolitik.

Überlegungen zur langen Frist

Seine Herzkrankheit hinderte Keynes nicht daran, sich mit den mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstehenden, völlig neuen ökonomischen Problemen auseinanderzusetzen. So entwarf er die wissenschaftlichen Grundlagen der britischen Position für die Nachkriegsordnung und war führend an den Verhandlungen von Bretton Woods für eine Weltwährungsordnung beteiligt. Keynes wird oft als Theoretiker der kurzen Frist verkannt. Er verfasste jedoch nicht nur Überlegungen zur Stimulierung der Konjunktur in der Rezession, sondern auch bedeutende Analysen über die langfristige wirtschaftliche Entwicklung. So sah er nach einer Periode der raschen Expansion der europäischen Wirtschaft in den Nachkriegsjahrzehnten das langfristige wirtschaftliche Problem in Stagnation und Arbeitslosigkeit, weil die Ersparnisse der privaten Haushalte in Relation zu den Investitionsmöglichkeiten der Unternehmen zu hoch sein würden. Der Wirtschaftspolitik empfahl er, dieser Herausforderung unter anderem mit Umverteilung zugunsten der unteren, konsumfreudigen Einkommensgruppen zu begegnen. In einem wegweisenden, Anfang der 1930er-Jahre verfassten Artikel „The Economic Possibilities for our Grandchildren“ legte Keynes dar, wie der technische Fortschritt in den nächsten 100 Jahren zu einer enormen Zunahme des Wohlstandes führen würde. Er sah dann die wirtschaftlichen Probleme der Menschheit gelöst, im Wege einer radikalen Verkürzung der Arbeitszeit sollte allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht werden.

Seine vielfältigen Interessen machten Keynes nicht nur zum einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, sondern auch zum erfolgreichen Investor, zum Berater der Liberalen Partei und zum Förderer der Künste. So gründete er ein eigenes Theater, war Kurator der National Gallery und Vorsitzender des britischen Arts Council.

Die Keynes’sche Theorie prägte die Wirtschaftspolitik in der langen Phase der Stabilität und des steigenden Wohlstandes in den Nachkriegsjahrzehnten. In den 1970er-Jahren gelang es der Wirtschaftspolitik in vielen Ländern jedoch nicht mehr, das Doppelproblem steigender Arbeitslosigkeit und steigender Inflation zu bewältigen. Vor allem aber aufgrund einer Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der KapitaleignerInnen setzte sich die neoliberale Gegenrevolution durch, die die Bekämpfung der Inflation zulasten von Vollbeschäftigung und sozialer Absicherung betrieb. Hingegen konnten in Österreich wichtige Elemente der Überlegungen Keynes’ im Rahmen des Austrokeynesianismus sogar bis Mitte der 1990er-Jahre bewahrt werden, was nicht zuletzt in relativ niedrigen Raten der Arbeitslosigkeit zum Ausdruck kam.

Keynesianerin: Joan Robinson

Zeitgleich mit Keynes arbeiteten zahlreiche Ökonominnen und Ökonomen an einer Überwindung der veralteten neoklassischen Theorie. In Polen war das Michal Kalecki, in Schweden Gunnar Myrdal. Gemeinsam mit Keynes waren in Cambridge Richard Kahn, Pierro Sraffa und Joan Robinson tätig. Besonders Joan Robinson, wie Keynes aus der Upperclass stammend, war eine herausragende Ökonomin und beeindruckende Persönlichkeit. Schon in den 1920er-Jahren begann sie, sich mit den wirtschaftlichen Problemen der Länder mit Entwicklungsrückstand und der Theorie des internationalen Handels auseinanderzusetzen. In den 1930er-Jahren beschäftigte sie sich mit den Problemen einer Oligopolwirtschaft und leistete wesentliche Beiträge zur Entstehung und Erweiterung von Keynes „General Theory“. Sie baute in ihrem 1956 erschienenen Buch „The Accumulation of Capital“ eine Brücke zwischen Keynes und Marx und ging der Frage nach, welche Bedingungen vor allem in der Verteilung der Einkommen für langfristiges wirtschaftliches Wachstum notwendig sind.

Keynesianische Wege aus der Krise

Die vielfältigen keynesianischen Strömungen haben in den letzten Jahrzehnten am ehesten in den USA überlebt. In Europa und vor allem in Deutschland dominierte wieder die alte neoklassische Theorie. Auch deshalb erweist sich die Wirtschaftspolitik in der gegenwärtigen Finanzkrise als so hilflos. Zwischen der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre und der aktuellen Krise seit 2007 gibt es zahllose Parallelen. John Maynard Keynes und Joan Robinson würden wohl die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit als wichtigste Aufgabe für die Wirtschaftspolitik erkennen. Eine strenge Regulierung der Finanzmärkte und die Stärkung der Konsum- und Investitionsnachfrage etwa durch Umverteilung zugunsten der unteren Einkommensgruppen und der Realwirtschaft wären ihre wesentlichen Elemente.

Mehr zum Thema im A&W-Blog.

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