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Symbolbild zum Beitrag "Es ist so, als wollte man eine verhedderte Kette von Christbaumkerzen entwirren; aus dem Knäuel lassen sich einige Enden herausziehen, aber der Knoten in der Mitte lässt sich nicht entwirren, egal, wie man ihn dreht und wendet." Christakis/Fowler
Philipp Korom Philipp Korom
Buchtipp

"Elite und Macht sind siamesische Zwillinge"

Interview

Der Soziologe Philipp Korom über Proporz und die Österreich AG.

Zur Person
Philipp Korom
Geboren 1983
2002–2007 Soziologie-Studium (Mag. phil.) an der Universität Graz
2003–2010  Psychologie-Studium (Mag. rer. nat.), Universität Graz; Erasmus-Semester an der Université Louis Pasteur (heute Université de Strasbourg), Straßburg
2008–2009 Doktoratsstudien in Politik- und Sozialwissenschaften, European University Institute, Florenz
2011 Promotion in Soziologie, Universität Graz; Dissertation über Unternehmensvernetzungen und Wirtschaftseliten in Österreich, Universitätsassistent (Pre-Doc), Institut für Soziologie
2012 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Spectro gemeinnützige Gesellschaft für Forschung GmbH, Graz
Jän.–Sept. 2013 Universitätsassistent (Post-Doc), Institut für Soziologie, Uni Graz
Seit Oktober 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln

Arbeit&Wirtschaft: Ihre Dissertation „Die Wirtschaftseliten Österreichs“ hat 2012 den Dissertationspreis der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie erhalten. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?   

Philipp Korom: Es gibt verschiedene Wege, um Gesellschaft zu verstehen. Soziologen befassen sich oft mit Themen wie Armut, Wohlfahrtsstaat, Migration, Geschlechterpolitik, Klassen oder Lebensstile, um Einblicke in die Gesellschaft zu bekommen. Selten, im Fall von Österreich so gut wie gar nicht, werden mit demselben Ziel die Spitzen der Gesellschaft analysiert. Bitten Sie irgendjemanden, Ihnen zehn mächtige ManagerInnen zu nennen. Die wenigsten können das – das gilt auch für SozialwissenschafterInnen. Das ist meines Erachtens ein großes Defizit. Wer an den Schalthebeln der Macht sitzt, formt die Gesellschaft. „Elite“ ist daher für mich trotz vieler Konnotationen, die nicht auf Sympathie stoßen, ein zentraler Gesellschaftsbegriff.  

Was waren die größten Schwierigkeiten bei der Recherche, haben die Wirtschaftseliten das Gespräch zugelassen?

Ich habe vor allem Aufsichtsratsvorsitzende und Human Ressources Directors interviewt. Zu diesem Personenkreis findet man leicht Zugang. Generell schätze ich Eliten als auskunftsfreudig ein, wenn auch ihre Zeit begrenzt ist. Das Problem, das ich sehe, ist eher ihr begrenzter Blick. Manager sind derartig stark mit dem Alltagsgeschäft beschäftigt, dass sie Wirtschaftsentwicklungen abseits ihrer Branche gar nicht bemerken. Das gilt auch für Elitenwandel. Ich verlasse mich daher vor allem, wie viele andere Elitenforscher auch, auf Datenmaterial, das in den diversen Firmendatenbanken zu finden ist.

Wer ist die Wirtschaftselite Österreichs?

Der pragmatische Zugang zum Thema „Identifikation von Eliten“ ist: Zur Elite zählen jene, die Macht haben. Wer Macht in einem relevanten Ausmaß hat, der kann gesamtgesellschaftliche Entscheidungen treffen. Damit meine ich etwa die Entscheidung, ob die Krisenbank Hypo Alpe Adria Staatshilfe erhalten soll oder nicht. Jene, die entsprechende Beschlüsse gefasst haben, sind der Elite zuzurechnen. Prominente üben hingegen keine direkte Macht aus. Wenn sie Einfluss im großen Ausmaß ausüben, man denke an SpitzensportlerInnen, die Bezugsnormen der Fairness popularisieren, dann haben wir es eher mit Vorbildern zu tun. Elite und Macht sind hingegen siamesische Zwillinge. Zur Wirtschaftselite Österreichs zählen für mich die Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden, und darunter vor allem jene mit vielen Aufsichtsräten.  

Zentraler Knotenpunkt der Wirtschaftseliten sind die Aufsichtsräte …

Die Institution Aufsichtsrat (AR) ist stark im Umbruch. Die Haftungspflichten nehmen zu und Unternehmen setzen vermehrt auf ein sachkundiges Expertengremium. Es gibt einen Ruf nach Professionalität. In der Vergangenheit stand für den Vorstand eher die Frage im Vordergrund: Welches Netzwerk hat der AR? Man hat sich von Bankern im AR geschäftlich etwas versprochen. Es ging darum, das Lieferanten-, Kunden- oder Finanzierungsnetzwerk zu stabilisieren oder zu erweitern. Dieses Netzwerkpotenzial ist sekundär geworden. Persönliche Bekanntschaften spielen bei der Besetzung dennoch eine Rolle, das haben auch jüngste Erhebungen der WU Wien ergeben. Nicht selten sind Vorstand und Aufsichtsrat per Du.  

Seit 1974 sind auch Betriebsräte im Aufsichtsrat – welche Rolle spielten sie, die Gewerkschaften und Arbeiterkammern bei den Wirtschaftseliten Österreichs?

Das Buch gibt auf diese Frage keine empirisch basierte Antwort. Es gibt jedoch gute Gründe, den tatsächlichen Einfluss der Betriebsräte im AR als zumindest abnehmend einzuschätzen. Das hat in erster Linie mit der Privatisierungsgeschichte Österreichs zu tun, die einen Machtverlust der Gewerkschaften auch innerhalb von Großunternehmen bewirkte. Zuletzt kam diese Entwicklung im Falle des insolventen Baukonzerns Alpine zum Ausdruck: Der Zentralbetriebsrat, Hermann Haneder, gab die Auskunft, dass er die Entwicklung kommen sah, aber dagegen nicht ansteuern konnte. Er war also trotz seiner formalen Stellung machtlos.

Sozialpartnerschaft und Eliten?

Im internationalen Vergleich haben österreichische Spitzenverbände eine ungewöhnlich einflussreiche Rolle. Für die Wirtschaftselite Österreichs, also die Topmanager, ist jedoch der Einflusskanal „Sozialpartnerschaft“ zunehmend irrelevant. Neue Formen der Interessenvertretung und -durchsetzung dominieren das strategische Repertoire. Individualisiertes Lobbying und issue-spezifische Netzwerke sind an die Stelle traditioneller Interessenvermittlungsstrukturen getreten. 

Der Proporz ist im Wandel, was hat sich geändert bei den Managerkarrieren?

Der Proporz ist nicht ausgestorben. Das hat damit zu tun, dass trotz weitgehender Privatisierungen die Republik, ÖIAG oder einzelne Bundesländer an Unternehmen beteiligt sind. Wenn man sich das Big Business anschaut, so sind das: Telekom Austria, Verbund und die Landesenergiegesellschaften, die ÖBB und ihre Tochtergesellschaften, die ASFINAG, die Post und der Flughafen Wien. Besetzungen erfolgen hier oftmals nach derselben Logik wie in eigentümergeführten Unternehmen der Privatwirtschaft: Führungsaufgaben teilt man Personen zu, denen Vertrauen geschenkt wird. Die politische Farbe kann Vertrauensaufbau fördern. Quantitativ hat der Proporz enorm abgenommen, da darf man sich von der medialen Berichterstattung über den Filz nicht täuschen lassen. Man denke etwa nur an die Voest, das ehemalige Flaggschiff der Verstaatlichten. Unter Heribert Apfalter hat das Parteibuch bei Besetzung eine Rolle gespielt. Wolfgang Eder führt ein privatisiertes Unternehnen an, das in 60 Ländern tätig ist. Wen interessiert da noch Parteipolitik? Und: Welche Parteileute wären überhaupt in der Lage, Spitzenunternehmen zu führen?

Neben der quantitativen gibt es eine qualitative Dimension: Oftmals handelt es sich nicht mehr um die Patron-Klient-Beziehungen, wie wir es aus der Zeit der Verstaatlichten kennen. So kann etwa der ehemalige Generaldirektor Erich Hampel (BA), der derzeit dem Aufsichtsrat der staatlichen Post angehört, nicht mehr treffend als abhängiger Klient bezeichnet werden. Hampel ist zwar wie zahlreiche andere Manager, deren Karriere in die Zeit der Verstaatlichten zurückreicht, weiterhin in Parteiennetze eingebunden. Er könnte jedoch diese aufkündigen, ohne großen Schaden zu nehmen. An die Stelle der ursprünglichen Machtasymmetrie ist ein reziproker Nutzen getreten: Parteien können erfahrenen Führungskräften in den Kontrollgremien staatlicher Betriebe vertrauen, Manager erhoffen sich von diesen AR-Mandaten Marktvorteile für das Unternehmen oder eine interessante Beschäftigung (am Ende ihrer Karriere). Ein ähnliches Beispiel ist der derzeitige Präsident der ÖNB, Claus J. Raidl, der sich ja selbst als „Produkt des Proporzes“ bezeichnet.

Sie schreiben von einer Verschiebung der Machtbalance – Parteien spielen eine geringere Rolle?

Es liegt auf der Hand, dass die Parteinähe der ManagerInnen zurückgegangen ist, da die Großparteien in der allgemeinen Bevölkerung massiv an Mitgliedern verloren haben. SPÖ und ÖVP sind im engen Sinn keine Massenparteien mehr. Viele Talente zieht es dorthin, „wo die Musik spielt“ – das sind eben nicht mehr Parteien, sondern Unternehmen oder Großkonzerne. Parteien haben daher auch massive Probleme, loyale Führungspersönlichkeiten für die Wirtschaftspolitik zu rekrutieren. Dazu kommt natürlich der Ansehensverlust der politischen Klasse insgesamt.

Wenn man die „neue“ Vernetzung von Wirtschaft und Politik betrachtet – Extrembeispiel Frank Stronach – wie sieht das mit Blick auf die Wirtschaftseliten aus?

Die Verbalattacken von Stronach gegen „die Funktionäre“ bringen dasselbe zum Ausdruck wie der Ausspruch von Andreas Treichl im Zusammenhang mit staatlich reglementierten Krediten, Politiker seien „blöd und feig“, nämlich eine Verschiebung der Machtbalance. SpitzenmanagerInnen sind der Willkür von Parteien nicht mehr ausgesetzt, ihr Stellenwert ist aufgewertet – nur aus dieser Position ist eine derartige öffentliche Schelte möglich.

Wer regiert die Österreich AG?

Die Eliten sind genauso wie die Österreich AG im steten Wandel. Die letzte Untersuchung habe ich für das Jahr 2008 durchgeführt. Da gab es drei Gruppen: Eine Gruppe politisierter Manager, darunter etwa Ewald Nowotny; eine kleine, aber mächtige Managergruppe rund um Raiffeisen (Christian Konrad, Erwin Hameseder, Ludwig Scharinger) und eine wachsende internationale Fraktion (Karl Weißkopf, Mark Garrett). Kollegen haben mit denselben Untersuchungsmethoden eine viel stärkere Internationalisierung des Schweizer Spitzenmanagements ausmachen können. Auch die Raiffeisenmanager, Führungskräfte mit einer distinkten Milieufärbung, stellen eine Besonderheit dar. Netzwerkanalytisch zeigt sich, dass mit Untergang der Verstaatlichten die Raiffeisenbanken-Gruppe zum am besten vernetzten Akteur aufgestiegen ist. Das trifft wahrscheinlich auch noch nach der Pensionierung bzw. dem Rücktritt von Christian Konrad und Herbert Stepic zu.

Es war nicht Gegenstand Ihrer Untersuchungen, aber welche Rolle spielen Frauen in diesen Wirtschaftseliten?

Wenn man sich rein empirisch der Wirtschaftselite nähert, muss man erst daran erinnert werden, dass Gender ein interessantes Thema wäre. Man stößt einfach auf sehr, sehr wenige an der Spitze. Ulrike Baumgartner-Gabitzer, Elisabeth Bleyleben-Koren oder Regina Prehofer wären da zu nennen. Deren Karrieren unterscheiden sich nicht stark von denen eines Leopold Windtner, Herbert Stepic oder Erich Hampel. Der interessante Befund ist die Abwesenheit von Frauen, die sprichwörtliche gläserne Decke in den Unternehmen. Die existiert ohne Zweifel nach wie vor.

Der Staat als Unternehmer – nach der Verstaatlichung der Creditanstalt 1929 ein österreichisches Phänomen? Mitte der 1980er-Jahre verfügte Österreich über den größten öffentlichen Wirtschaftssektor Westeuropas …?

In gewisser Weise war Österreich eine Ausnahmeerscheinung. Noch Mitte der Achtzigerjahre verfügte Österreich über den proportional größten öffentlichen Wirtschaftssektor Westeuropas. Die Verstaatlichung geht auf eine rechtliche und staatspolitische Zwangslage zurück: Das Potsdamer Abkommen (1945) sah vor, dass deutsches Eigentum als Wiedergutmachung den Alliierten zufallen sollte. In der Verstaatlichung sah man daher die einzige Möglichkeit, wichtige Produktionsstätten in Österreich zu halten. Die Privatisierung in Österreich setzte relativ zeitgleich mit einer allgemein in Europa zu beobachtenden Entstaatlichungspolitik ein.

Kann man die Krise 1929 und die 2007 vergleichen?

Krisen zu vergleichen ist immer – auch wenn es Erkenntnisgewinn bringt – ein wenig heikel. Gewisse Ähnlichkeiten wird man ausmachen können: Am Beginn der derzeitigen Krise standen die Banken, die durch verbriefte Hypothekenanleihen in Schieflage geraten sind. Sieht man von Lehman Brothers ab, so wurden die Verluste vergemeinschaftet. Das ist eine Parallele zur Finanzkrise der Creditanstalt 1929, die ja auch gerettet wurde.

Welche Eliten kamen dadurch an die Macht? Andere als in anderen Staaten?

Parteizugehörigkeit war und ist zumindest teilweise noch ein herausragendes Merkmal der österreichischen Wirtschaftselite. Zu Zeiten des Austrokeynesianismus fanden sich zahlreiche parteiloyale „statesmen of industry“ in der Wirtschaftselite, deren Wirken nicht ausschließlich am Profit, sondern auch am sozialen Ausgleich orientiert und durch Kompromissfähigkeit gekennzeichnet war. Diesen Typ von Spitzenmanager gibt es nicht mehr. In vielen Fällen weist das Führungspersonal auch kein nationales Profil mehr auf.

Trifft den Austrokeynesianismus dann auch Mitschuld am Niedergang?

Ohne mit moralischen Kategorien argumentieren zu wollen: 1985 hat das Führungspersonal ein ökonomisches Erdbeben ausgelöst. Intertrading – ein weiteres Tochterunternehmen des Voestalpine-Konzerns – hat bei Baisse-Spekulationen am Ölmarkt Verluste in Höhe von sechs Mrd. Schilling, also rund 414 Mio. Euro erlitten hatte. Da gab es ein eindeutiges Fehlverhalten des Spitzenmanagements.

Sie sind jetzt am Max-Planck-Institut in Köln – was sind ihre nächsten Forschungsziele?

Ich habe begonnen, mich mit Vermögensfragen zu beschäftigen. Die Vermögensungleichheit hat in vielen OECD-Ländern in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen. Ich versuche, ein umfassendes Erklärungsmodell zu entwickeln, indem ich die relative Bedeutung solch unterschiedlicher Ursachen wie einer veränderten Steuer- und Sozialpolitik, des Aufstiegs der Finanzmärkte, des demografischen Wandels und der Erbschaften untersuche.

Wir danken für das Gespräch.

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