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Der Preis des Raumes Raum muss man bezahlen. Will man nun eine Suite im Nobelhotel am Ring? Will man einen Logenplatz in der Oper oder reicht einem ein Stehplatz, der schon zum Preis von zwei Leberkäsesemmeln zu haben ist?
Buchtipp

Der Preis des Raumes

Schwerpunkt

Armut heißt auch, sich nicht Raum ver- oder beschaffen und sich schlechter im Raum bewegen zu können. Eine Spirale mit geringen Möglichkeiten zu entkommen.

Sie haben sich halbwegs gemütlich eingerichtet – so weit man bei einem Karton und einem alten Schlafsack oder oft nur Jacken als Deckenersatz von Gemütlichkeit reden kann. Doch ein festes Dach über dem Kopf, eine Schlafunterlage und die Gesellschaft Gleicher sowie die Sicherheit, dass man diese Winternacht überleben wird, bedeuten eine große Steigerung ihrer sonstigen Chancen. In der Passage der U-Bahn-Station Karlsplatz trifft sich, wer sonst nirgendwo einen eigenen Platz hat. Obdachlose liegen hier in Gruppen eingemummt, während das Leben derer, die die U-Bahn nicht als Unterkunft, sondern als Verkehrsmittel verwenden, an ihnen vorbeizieht. Oft werden die Nasen gerümpft, viel zu oft werden sie ignoriert, ab und zu gibt es vielleicht ein Fünkchen Mitleid. Doch wer keinen Ort zum Schlafen hat, der ist am untersten Ende der Gesellschaft angekommen und wird auch so behandelt.

Wohnungsverlust führt in die Armut

Raum zum Schlafen, eine Unterkunft, also Wohnen stellt ein primäres und existenzielles Grundbedürfnis des Menschen dar. Wohnen ist eine Grundvoraussetzung für die Aufrechterhaltung von Sozialbeziehungen, der Gesundheit und auch für Erwerbsmöglichkeiten. Geregelter Wohnraum ist für eine normale Lebensführung und in der Regel auch für einen Arbeitsplatz unabdingbar. Wohnungsverlust führt in die untersten Armutsschichten. Nicht nur, dass ein Dach über dem Kopf Sicherheit, Wärme und Stabilität bietet, verliert man die Wohnung, verliert man auch Nachbarschaftsbeziehungen, wichtige Informations- und Solidaritätssysteme. Die Straße als Heimat hingegen ist ein oft tödliches Pflaster.
Der Großteil der betroffenen Obdachlosen ist in den städtischen Ballungszentren anzutreffen, die Ursachen reichen jedoch häufig in ländliche Regionen zurück. Viele Unterstands- und Obdachlose stammen vom Land, sie flüchten in die Städte. Sowohl die Hoffnung auf bessere Chancen oder einen Neuanfang treiben sie in die Ballungszentren als auch die Flucht vor der Stigmatisierung und sozialen Ausgrenzung: Die Stadt bietet mehr Anonymität.

Im Klub der Ausgeschlossenen

Ausgegrenzt sind die Obdachlosen jedoch überall, auch in urbanen Räumen. Teile der Bevölkerung finden sich aus allen Funktionssystemen so gut wie ausgeschlossen: keine Arbeit, kein Geld, kein Ausweis, keine Berechtigungen, keine Ausbildung, keine ausreichende medizinische Versorgung, und mit all dem kein Zugang zur Arbeit, kein Zugang zur Wirtschaft, keine Aussicht vor der Polizei oder vor Gericht Recht zu bekommen, wie der Soziologe Niklas Luhmann darlegte. Es handelt sich also um mehrere Exklusionen, die die Ausgeschlossenen immer weiter ins Abseits drängen, so lange, bis sie nur noch als Körper vorkommen, einzig und allein damit beschäftigt, den nächsten Tag zu überstehen. Sie besitzen keinen Raum, sie können nur den öffentlichen Raum nutzen. Keine hundert Meter entfernt von den Obdachlosen trifft man diejenigen, die sich Raum leisten können. Raum muss man bezahlen. Will man nun eine Suite im Nobelhotel am Ring? Will man einen Logenplatz in der Oper oder reicht einem ein Stehplatz, der schon zum Preis von zwei Leberkäsesemmeln zu haben ist? Geht man zum Würstelstand hinter der Albertina oder ins Sacher? Will man eine Eigentumswohnung mit Dachterrasse im ersten Bezirk? Diesen Raum kann man nur nutzen, wenn man dafür bezahlen kann. Und zwar viel mehr, als man zum Beispiel für eine Eigentumswohnung mit Dachterrasse in Favoriten oder Simmering hinlegen muss. Im Waldviertel kriegt man um diesen Preis vermutlich schon ein zweistöckiges Haus samt Garten.
Der erste Bezirk ist ein teurer Raum, hier kommt es zu einer Akkumulation wohlhabender Menschen mit teuren Bedürfnissen, während sich die Armut wo anders konzentriert. Diese territorialen Konzentrationen haben eine Verstärkungswirkung: schlechtere schulische Ausbildungsmöglichkeiten, mangelnde Integration und damit einhergehende Ausländerfeindlichkeit, Kriminalität, Drogenhandel und -konsum, Vandalismus, aber auch unzureichende Wohnbedingungen durch schlechte Bausubstanz sind Symptome der Konzentration von Armut in spezifischen städtischen Gebieten und ziehen gleichermaßen wieder Arme an, die sich nur diesen Raum leisten können.

Kulturelles Kapital des guten Lebens

Dem Soziologen Pierre Bourdieu zufolge reproduziert sich soziale Ungleichheit immer wieder vor allem durch die kulturellen und sozialen Praktiken. Die Oberschichten haben zur Reproduktion ihres Führungsanspruches dabei nicht nur ein Mehr an ökonomischem Kapital (verfügbares Einkommen und Vermögen), sondern definieren auch die kulturellen und normativen Standards, das kulturelle Kapital, des guten und richtigen Lebens. Dazu gehört zum Beispiel, die Ausbildungsziele für die eigenen Kinder hoch anzusetzen. Wenn zudem die Zahl der Kinder niedrig ist, sinkt das Risiko der Fehlinvestition in einen positiven Entwicklungsverlauf des Kindes. Das führt dazu, dass der Mittelstand spätestens kurz vor der Einschulung des Kindes die Orte der Armut verlässt und die des sozialen Aufstiegs aufsucht, zum Beispiel die grüne Peripherie der Stadt. Dies nennt Bourdieu „Raumprofit“. Man profitiert durch die unmittelbare Nähe zu erwünschten Einrichtungen und Menschen, durch prestigeträchtige Lagen und das Verfügen über den Raum. Dieses Verfügen über den Raum, der solchen Profit abwirft, hat seinen Preis, gleichzeitig stabilisiert, diversifiziert und reproduziert es aber den Reichtum und verschafft Zugang zu neuen Ressourcen.
Ländliche Armut unterscheidet sich aufgrund spezifischer Faktoren, Ursachen und Wirkungsweisen grundlegend von der städtischen Armut. Charakteristisch für die Armutsgefährdung im ländlichen Raum sind Faktoren wie eine unzureichende individuelle Mobilität, Langzeitarbeitslosigkeit, geringe Erwerbschancen, eine ungünstige Wirtschaftsstruktur mit vielen Niedriglohnbranchen, ein schlechtes Angebot an kommunalem Wohnraum, unzureichende, mangelnde bis fehlende Bildungs-, Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen, fehlende Gleichberechtigung der Frauen, schlechte Infrastruktureinrichtungen und nicht zuletzt die Angst vor Stigmatisierung aufgrund der fehlenden Anonymität.
Im Zeitalter der Globalisierung hat sich die Bedeutung des Dorfes für seine BewohnerInnen gewandelt. Die sozialen Beziehungen erstrecken sich weit über den eigenen Ort hinaus, die lokalen Kontakte spielen nur noch eine begrenzte Rolle innerhalb des persönlichen und sozialen Netzwerkes. Mobilität ist notwendig. Das eigene Auto gewinnt eine zentrale Bedeutung. Über kein Auto zu verfügen, heißt im ländlichen Raum meist von sozialer und wirtschaftlicher Infrastruktur, von Gesundheitsdiensten, Behörden, Arbeitsplatz sowie von Bildungs- und Einkaufmöglichkeiten abgeschnitten zu sein. Oft kann der Lebensstandard nur durch Erwerbsarbeit mehrerer Familienmitglieder erreicht bzw. aufrechterhalten werden. Dies bedingt den Besitz mehrerer privater Fahrzeuge pro Haushalt, wobei ein nicht unwesentlicher Teil des Einkommens wieder für die Kosten der Mobilität aufgewendet werden muss. Das Problem resultiert strukturell aus der örtlichen Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz, aus ineffizienten oder nicht auf die Bedürfnisse der BenutzerInnen abgestimmten öffentlichen Verkehrsmitteln oder aus inadäquaten Arbeitszeitregelungen. Wie soll man sich aus der Armut retten, wenn alles Geld, das man verdient, von dem Auto aufgefressen wird, das man benötigt, um als Teilzeit-KassierIn einer großen Supermarktkette in die Stadt zum Arbeiten zu pendeln? Für die Kinder braucht man außerdem während der Arbeitszeit eine Betreuung, die kostet extra.

Wer mobil ist, hat bessere Chancen

Mobilität ist Potenzial sich im Raum zu bewegen, über Mittel der Fortbewegung zu verfügen, und ist somit ressourcenabhängig. Ein Ticket für den Bus kann man sich bald leisten. Ein Auto ist eine große finanzielle Herausforderung, die Jacht ist ein ganz anderes Kapitel. Wer es sich also leisten kann, ist mobiler, kann sich besser im Raum bewegen und hat bessere Chancen.

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