topimage
Arbeit&Wirtschaft
Arbeit & Wirtschaft
Blog
Facebook
Twitter
Suche
Abonnement
http://www.arbeiterkammer.at/
http://www.oegb.at/
Verschicken Sie eine E-Card!
Schuldig Von Schulden sind alle Altersstufen, besonders aber die 40- bis 45-Jährigen betroffen. Maly: "Die meisten Schulden beginnen in frühen Jahren und können mehr oder weniger lang hinausgezogen werden."

Schuldig

Schwerpunkt

Viele Faktoren sind beteiligt, wenn sich Menschen verschulden. Der Beginn ist zumeist völlig unspektakulär - wie etwa ein überzogenes Konto.

Ein bisserl dehnt sich der Überziehungsrahmen noch. Der verführerische Weg in einen Irrgarten, aus dem das Entkommen schwierig und ohne Hilfe oft nicht möglich ist. Karl R. hat mit 31 Jahren bereits 25 Gläubiger und eine Gesamtschuld von 83.000 Euro. Erst haftete der junge Mann für den Kredit eines „Freundes“, dann wuchs der Schuldenberg rasant an. „Irgendwann sind die Wellen über seinem Kopf zusammengeschlagen und er hat auf keine Rechnung mehr reagiert“, weiß Alexander Maly, Geschäftsführer der Wiener Schuldnerberatung (www.schuldnerberatung-wien.at). Mietrückstände, Versicherungen, TV-Gebühren, Strafen fürs Schwarzfahren und vieles mehr türmen sich. Mithilfe der Wiener Schuldnerberatung hat Karl R. sein Leben wieder in den Griff bekommen. Er arbeitet regelmäßig und wartet auf die Bewilligung seines Privatkonkurses – 350 Euro will er monatlich zurückzahlen.

Privatkonkurs dauert sieben Jahre

Ein Privatkonkursverfahren dauert in der Regel sieben Jahre, dabei werden zwei Regulierungsverfahren unterschieden – welches davon in Kraft tritt, bestimmen die Gläubiger. Beim sogenannten Zahlungsplan wird monatlich eine bestimmte Summe bezahlt, mit der letzten getilgten Rate ist der Mensch schuldenfrei. Dieser Zahlungsplan muss aber von den Gläubigern mehrheitlich akzeptiert werden. Geschieht das nicht, tritt das Abschöpfungsverfahren in Kraft. „Hier unterwerfe ich mich als Schuldner freiwillig der Lohnpfändung auf die Dauer von sieben Jahren. Dabei wird auch ein Treuhänder bestellt“, erklärt Alexander Maly. Nach Ablauf der sieben Jahre prüft der Treuhänder, wie viel Prozent der Schulden erstattet wurden. Sind es zehn Prozent oder mehr, erhält der Schuldner die Restschuldbefreiung. Bei weniger als zehn Prozent urteilt ein Richter über den Akt und eine etwaige Befreiung.
Von Schulden sind alle Altersstufen, besonders aber die 40- bis 45-Jährigen betroffen. Maly: „Die meisten Schulden beginnen in frühen Jahren und können mehr oder weniger lang hinausgezogen werden.“ Eine Geldschuld wie Kaugummi zu dehnen war vor der Wirtschaftskrise 2008 leichter möglich. Denn die Banken waren damals schnell bereit, Kredite zu vergeben oder eine Umschuldung durchzuführen.
Inzwischen stagnieren die Zuwachszahlen der Wiener Schuldnerberatung auf hohem Niveau: „Pro Jahr melden sich ungefähr 6.000 bis 7.000 Menschen. Diese Zahl ist seit vier Jahren gleich geblieben, zuvor haben wir immer ein Wachstum gehabt.“ Insgesamt werden um die 9.000 Menschen betreut. Der jeweilige Schuldenberg beträgt im Schnitt 65.000 Euro. Alexander Maly: „Viele dieser Menschen haben außer einem Fernseher und vielleicht einem alten Auto nichts.“ Oft müssen die SchuldnerberaterInnen mühsam herausfinden, wie viele Gläubiger es gibt und wie hoch die Forderungen sind. „Kaum jemand hat eine Übersicht über seine Finanzen“, weiß Maly. Viele Menschen können sich einen Privatkonkurs aber gar nicht leisten: „Wenn Menschen gerade noch Miete, Heizung und Essen zahlen können, dann können wir ihnen, zumindest vorläufig, nicht helfen.“ Diese Menschen müssen vom Existenzminimum leben und bleiben ewig auf ihrem (ständig wachsenden) Schuldenberg sitzen.

Betriebssozialarbeiterin

Teil der Wiener Schuldnerberatung sind auch PartnerInnen wie Gerlinde Blemenschitz, die dort ein Finanzcoaching absolviert hat. Blemenschitz ist eine von wenigen externen BetriebssozialarbeiterInnen in Österreich. Während die betriebliche Sozialberatung in Deutschland, den Niederlanden oder den USA schon weitverbreitet ist, hat Österreich Nachholbedarf.
Mit ihrer Firma Zeiträume (
www.zeitraeume.at) bietet Gerlinde Blemenschitz Coaching, Supervision und eben die externe Sozialberatung in Betrieben an. „Die psychische Gesundheit hat auch mit dem sozialen Umfeld zu tun. Doch so lange jemand in einem Betrieb arbeitet, ist er zumindest integriert“, erklärt die Betriebssozialarbeiterin. Eine Firma leistet sich die Beratung freilich nicht als Geschenk an die ArbeitnehmerInnen, sondern weiß um den ökonomischen Nutzen – das Know-how der MitarbeiterInnen soll nicht verloren gehen. Die jeweiligen PartnerInnen im Unternehmen sind Betriebsrat, Betriebsarzt und Vorgesetzte. „Wenn ein Mitarbeiter der Firma sagt, er hat Schulden, dann reden wir, wie er mit der Belastung umgehen kann, und ich begleite seinen Weg.“ Den fachlichen Teil übernimmt die Schuldnerberatung, doch Blemenschitz klärt im Vorhinein ab, ob ein Privatkonkurs überhaupt möglich oder sinnvoll ist. Zumeist sind die KlientInnen von Multiproblemlagen betroffen – also nicht von einem, sondern mehreren Problemen zeitgleich. Krankheit, Ärger im Job, Scheidung, Schulden. „Ich habe ein finanzielles Problem“ ist der Satz, den die Betriebssozialarbeiterin am öftesten hört. „Doch oft steckt dann auch ein Suchtproblem dahinter, das sich durch das Gespräch enthüllt. Ich mache die Sozialanamnese und frage bestimmte Punkte ab. Über Scheidung und anderes sprechen die Betroffenen freilich erst, wenn ein Vertrauensverhältnis da ist.“

Kooperation ist notwendig

Dass Schulden oft die Begleiterscheinung einer Sucht sind, wissen die BeraterInnen nur allzu gut. „Mit der Sucht geht häufig auch eine psychische Erkrankung einher. Das ist ein Eintauchen in eine Spirale und die Menschen sind nicht mehr in der Lage, die Zahlungen zu überblicken. Letztendlich habe ich einen Menschen vor mir, der in seinem sozialen Umfeld gestört ist.“
Die Kooperation der Betroffenen ist notwendig, denn BeraterInnen können den Prozess nur begleiten. Wer die Schuld an den Schulden trägt, kann nicht einfach beantwortet werden: „Die Banken sind beteiligt, denn es geht nicht um Beratung, sondern darum, Produkte zu verkaufen. Doch es sind nicht die Banken alleine, sondern auch die Handybetreiber, Möbel- und Versandhäuser, Leasing und auch wir als Gesellschaft.“
Geld als Symbol für Freiheit, Selbstständigkeit, Teilhabe an der Gesellschaft: „Geld muss man sich verdienen, es darf nicht als Statussymbol verwendet oder verstanden werden“, erklärt die Expertin. „Die Werbung springt dort auf, wo eine Sehnsucht spürbar ist. Die Teilhabe und Zufriedenheit wird durch Geld gemessen. Deshalb braucht es starke Jugendliche, die wissen, was sie sich nicht leisten können. Wenn Menschen arbeitslos werden, ist es wichtig zu erkennen, dass sie etwas an den Variablen ändern müssen, um ihre Fixkosten zu zahlen.“ Gerlinde Blemenschitz ist überzeugt, dass Österreich viele stabile Jugendliche hat, die mit „einem guten Blick auf finanzielle Dinge und das Leben ausgestattet sind. Es braucht Menschen, die Resilienz haben und einen gesunden Umgang mit dem Konsum pflegen.“
Doch genügend Jugendliche haben den Umgang mit Geld nicht gelernt: „Geld soll nicht als Drohung eingesetzt, sondern positiv verwendet werden. Eltern können etwa mit den Kindern ausrechnen, was ein Ausflug in die Therme oder ins Kino kostet, aber ohne den Kindern dabei Stress zu machen.“ Im Gegensatz vermittelt eine Mobilfunkwerbung, dass „ein Handy nichts kostet und dafür praktisch nicht gearbeitet werden muss“, erklärt Gerlinde Blemenschitz. „In der Gelderziehung oder bei Medienkompetenz sind die Schulen und wahrscheinlich auch schon die Kindergärten gefragt. Es ist wichtig, Kindern zu erklären, was es bedeutet, einen Kredit aufzunehmen oder was ein Ratengeschäft ist. Die meisten Leute sehen das überzogene Konto leider nicht als Schulden an.“ Wer als junger Mensch zu Blemenschitz in die betriebliche Sozialberatung kommt, hat bereits einen Leidensdruck oder wird geschickt. „Es ist wichtig zu erkennen, dass der Lebenswandel so nicht mehr aufrechterhalten werden kann und über die Verhältnisse gelebt wird.“ Doch eines steht fest: Immer mehr Menschen verdienen zu wenig Geld, um ihre Fixkosten zahlen zu können. „Wenn ich die Mindestsicherung bekomme und 430 Euro Miete bezahle oder in einem Dienstleistungsberuf unter 1.000 Euro verdiene und 600 Euro Miete zahle, frage ich mich, was da noch übrig bleibt. In Schulden zu geraten ist meist sehr unspektakulär.“

Was tun bei Zahlungsproblemen?
Infos der AK, PDF-Download unter:
tinyurl.com/aar8l2t

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin sophia.fielhauer@chello.at oder die Redaktion aw@oegb.at

Artikel weiterempfehlen

Kommentar verfassen

Teilen |

(C) AK und ÖGB

Impressum