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Die Schule von morgen? Strebt man eine AHS an, sollte keine schlechtere Note als ein "Gut" in Deutsch, Mathematik und Lesen im Zeugnis aufscheinen. Das heißt, lernen und noch einmal lernen - und als letzten Ausweg eine Aufnahmeprüfung zu bestehen.

Die Schule von morgen?

Schwerpunkt

Gleiche Chancen für alle SchülerInnen - doch die Diskussion über eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen hat in Österreich eine lange Tradition.

Eltern in Österreich haben es im Augenblick nicht leicht, wenn es um die schulische Ausbildung ihrer Sprösslinge geht. Nach den traurigen PISA-Tests in den vergangenen Jahren wurde immer wieder über eine gemeinsame Schule nachgedacht. Bereits im Schuljahr 2008/2009 wurden die ersten Modellversuche zur „Neuen Mittelschule“ gestartet. Viele Elternteile blicken jetzt in eine ungewisse Zukunft: Welche Schule werden ihre Kinder besuchen – Hauptschule, AHS, oder kommt vielleicht doch eine Gesamtschule?

Vorteile für alle

Die Diskussion über eine gemeinsame Schule für alle 10- bis 14-Jährigen in Österreich hat eine sehr lange Tradition. Schon im 17. Jahrhundert wurde das Thema vom Philosophen und Pädagogen Johann Amos Comenius diskutiert. In seinem Werk „Große Didaktik“ sprach er sich – im Unterschied zu zeitgenössischen Forderungen – für ein einheitliches, in Stufen gegliedertes Schulsystem aus. Grob betrachtet besteht das in Österreich nun: Den Anfang machen die Volksschulen, die von allen Kindern zwischen sechs und zehn Jahren absolviert werden. Dann spaltet sich – außer in manchen ländlichen Gegenden – das System in Hauptschule und Gymnasium. Bei der Gesamtschule würden alle Kinder einer bestimmten Altersklasse bzw. für die Dauer der Schulpflicht (neun Jahre) den gleichen Schultyp besuchen und nicht nach Entwicklung, Begabung oder sozialem Hintergrund in verschiedene Schulformen sortiert. Zwischen dem sechsten und dem 15. Lebensjahr gäbe es also eine gemeinsame Schule für alle, danach erst würden sich die Ausbildungswege der Jugendlichen trennen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) kritisiert am aktuellen System vor allem, dass über den weiteren Bildungsweg bereits mit neuneinhalb Jahren entschieden wird, dass die Wahl der Schule eine Frage der sozialen Schicht ist und dass schon die Note Drei in der Volksschule einen besseren Bildungsweg verbaut. Auch Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) hofft auf eine bundesweite Gesamtschule. Der Hintergrund: Südtirol schneidet beim PISA-Test immer besser ab als Tirol, und in Südtirol werden die Kinder von der ersten bis zur achten Schulstufe in einer gemeinsamen Schule unterrichtet. Diese fordert Platter nun auch in Tirol: „Die Gesamtschule ist keine Frage der Ideologie, sondern eine Frage der Vernunft“, sagt er im Interview mit derStandard.at und stellt weiter fest: „So ein Schulsystem trennt erst nach acht Jahren, man muss die Entscheidung, in welche  Schule das Kind geht, nicht schon mit neun oder zehn Jahren treffen. Das Südtiroler System legt mehr Wert auf das Aufholen von Lernrückständen. Jenen, die sich schwer tun, wird individuell geholfen, damit die Lernrückstände aufgeholt werden.“
Viele Wiener Schulen, die sich für das Modell der Wiener Mittelschule entschieden haben, werben damit, dass weniger SchülerInnen in den Klassen mehr Möglichkeiten zu einem besseren Unterricht bieten. Auch der Einsatz mehrerer Lehrpersonen soll eine optimale Individualisierung und Leistungsförderung ermöglichen, etwa durch Gruppenteilung oder gezielte Betreuung im Rahmen offener Lernformen. Durch Trainingskurse im Rahmen des Pflichtunterrichts wird teure private Nachhilfe entbehrlich. „Kinder fördern und nicht trennen, das sind wesentliche Rezepte für gleiche Bildungs- und Berufschancen für alle Kinder“, sagt ÖGB-Vizepräsidentin Sabine Oberhauser. Derzeit hängt die Förderung zu einem Großteil vom Einkommen oder Vermögen der Eltern ab.

Wer kann sich Nachhilfe leisten?

„Wer sich Nachhilfe leisten kann, steht besser da“, so die ÖGB-Vizepräsidentin. „Ganztägige Schulformen nehmen großen Druck von den Eltern, sowohl was den zeitlichen als auch den finanziellen Aufwand betrifft. Nachhilfe muss überflüssig werden“, fordert Oberhauser, „wir brauchen daher deutlich mehr ganz-tägige Schulangebote, das spart teure Nachhilfestunden und verbessert außerdem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“ Um SchülerInnen besser fördern zu können, gibt es in den Neuen Mittelschulen ein sogenanntes Lerncoaching. Im Mittelpunkt dessen stehen die individuellen Lernbedürfnisse und Begabungen der SchülerInnen. Lerncoaching unterstützt Jugendliche dabei, Lernstrategien sowie Lern- und Arbeitstechniken für lebensbegleitendes Lernen zu entwickeln. Die Neue Mittelschule ist seit 1. September 2012 Regelschule. Mit 264 neuen Standorten im Schuljahr 2012/13 gibt es jetzt insgesamt 698 Neue Mittelschulen in Österreich, die bestmögliche Chancen für alle SchülerInnen bieten.

Die Qual der Wahl

Auch wenn die Kinder in der Volksschule gute bis sehr gute Noten haben, spätestens in der vierten Klasse fängt der Stress für SchülerInnen, aber auch für Eltern an. Denn nach der vierten Klasse Volksschule erfolgt die Aufteilung in eine AHS oder Hauptschule. Strebt man eine AHS an, sollte keine schlechtere Note als ein „Gut“ in Deutsch, Mathematik und Lesen im Zeugnis aufscheinen. Das heißt, lernen und noch einmal lernen – und als letzten Ausweg eine Aufnahmeprüfung zu bestehen.
„Wir müssen Defizite ausgleichen, Begabungen fördern statt Fehler abstrafen sowie die Bildungsweg- und Berufsberatung ausbauen“, sagt Oberhauser. „Eine Bildungsreform braucht aber auch bessere Arbeitsbedingungen für die LehrerInnen.“ Eine gemeinsame Schule für alle 10- bis 14-Jährigen würde den – sowohl von der Unterrichtsministerin als auch von Landeshauptmann Platter kritisierten – Druck von den VolksschullehrerInnen, Eltern und Kindern nehmen, sich bereits mit neuneinhalb Jahren entscheiden zu müssen. Viele BildungsforscherInnen sowie Entwicklungspsychologinnen und -psychologen sind der Meinung, dass das Alter von knapp zehn Jahren viel zu früh ist, um nach Begabung und Eignung auseinanderdividiert zu werden. Sie gehen davon aus, dass Jugendliche in einem Alter von 15 Jahren bessere Entscheidungen für ihren weiteren Bildungsweg treffen können. Nach wie vor wiegt der sozialökonomische Status der Eltern schwer für die Zukunft der Kinder: Während Kinder aus Akademiker-Familien überdurchschnittlich oft die AHS besuchen und danach sehr häufig eine universitäre Ausbildung absolvieren, machen sogenannte „Arbeiterkinder“ einen Großteil der Hauptschul-SchülerInnen aus, gehen weniger oft zur Universität und wählen nur selten Bildungskarrieren. Bei einem Vergleich der Bildungschancen von Arbeiterkindern in 13 OECD-Ländern landete Österreich auf dem letzten Platz.

Und anderswo ...

Dass das österreichische Bildungssystem ungerecht ist – vom Kindergarten bis zur Universität wird nach Herkunft, Geschlecht, Status und Bildungsgrad der Eltern selektiert –, ist bekannt. Ebenso eine Lösung dafür: Die gemeinsame Schule wird gerne als Grund dafür genannt, warum die nordischen Länder so erfolgreich sind. Norwegen und Finnland betreiben Gesamtschulen mit großem Erfolg – in ihnen wird nicht differenziert.
Die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) zählt Norwegen zu den Ländern, die für das Wohlbefinden aller Kinder und Jugendlichen einen hohen Standard in den Schulen erreicht haben. Das norwegische System leistet einen hervorragenden Beitrag zur Solidarität, ganz selbstverständlich haben auch SchülerInnen mit den schwersten Behinderungen ihren Platz in der norwegischen Gesamtschule.
Auch ganztägige Schulformen sind in vielen Ländern Europas mittlerweile Normalität. Das zeigt eine Aufstellung der Datenbank Eurypedia. Es gibt kein Land mehr, das nur noch auf Halbtagsschule setzt – entweder sind ganztägige Schulformen flächendeckend vorhanden oder zumindest teilweise. Als bisher letzte Staaten haben Österreich, Deutschland und Griechenland ihre Systeme umgestellt, sie werden nun als teilweise ganztägig geführt. „Ganztägig“ sind laut Eurypedia Schulsysteme, die Unterricht und Betreuung sowohl vormittags als auch nachmittags ausweisen. Darunter fallen unter anderem jene in Belgien, Spanien, Malta, Finnland und Irland. Wenn das alles in diesen Ländern gut funktioniert, warum sollte Österreich nicht von den Besten lernen? „Schritt für Schritt geht es in Sachen Bildung voran. Ob Ganztagsschule oder Sprachförderung, es geht in die richtige Richtung“, erklärt Oberhauser. Der Stillstand sei überwunden. Seit Monaten werden immer wieder kleinere und größere Schritte Richtung Schul- und Bildungsreform gesetzt.

Mehr Infos unter:
tinyurl.com/74yvtme

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin amela.muratovic@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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