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Väter im Wickelvolontariat Haben Väter erstmals in die Kinderbetreuung reingeschnuppert, könnten sie Gefallen daran finden. Das hätte enorme Auswirkungen aufbestehende Arbeitsstrukturen - eine Entwicklung, die der Wirtschaft nicht wohl bekommt.

Väter im Wickelvolontariat

Schwerpunkt

Viele Männer wollen es, nur wenige tun es: Väterkarenz. Mit einem bezahlten Papa-Monat soll die Väterkarenz bis 2015 auf 20 Prozent steigen.

Ich bin am besten ab 21.30 Uhr erreichbar, wenn die Kinder schlafen“, schreibt Bernhard M. Der junge Vater hat alle Hände voll zu tun, bevor er sich seiner Freizeit widmen kann: Abendessen bereiten, Spielzeug wegräumen und die Kinder zu Bett bringen. Mit der Geburt seines ersten Sohnes stand für Bernhard fest, nach der Karenz seiner Frau ein paar Monate bei seinem Kind zu bleiben. Für ihn war die Situation genauso neu wie für seinen Arbeitgeber. In seinem Unternehmen war er der Erste, der Väterkarenz beanspruchte. Zunächst nahm sich der 35-jährige IT-Angestellte drei Wochen Urlaub, um sich gemeinsam mit seiner Frau Romana auf den neuen Alltag einzustellen. 15 Monate später blieb er für drei Monate zu Hause: „Ich wollte nicht von meiner Frau erzählt bekommen, wie sich mein Kind entwickelt, sondern es selbst miterleben.“

Papa-Monat für alle!

Bernhard gehört zu insgesamt fünf Prozent der Väter, die in Österreich Karenz beansprucht haben. Der Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ist das bei Weitem nicht genug. Bis 2015 will sie den Anteil der Väterkarenz auf mindestens 20 Prozent erhöhen – angesichts der schleppenden Entwicklung ein hochgestecktes Ziel. Ein bezahltes und verpflichtendes Papa-Monat soll Lust auf mehr machen. „In den meisten Fällen wollen Väter, die unmittelbar nach der Geburt bei ihrem Kind zu Hause waren, anschließend auch in Karenz gehen“, weiß die Frauenministerin aufgrund von Statistiken. Anders als bei Väterkarenz gibt es in der Privatwirtschaft keinen rechtlichen Anspruch auf das Papa-Monat. Um nach der Geburt bei ihren Neugeborenen und der Partnerin zu sein, verbrauchen viele Väter einen Großteil ihres Jahresurlaubes. Vom eigentlichen Urlaubszweck, der Erholung, ist das weit entfernt. Die Idee eines bezahlten Papa-Monats ist nicht neu. Laut dem Regierungsprogramm von 2008 sollten bis 2013 Modelle zur Väterbeteiligung unmittelbar nach der Geburt entwickelt werden – sozialrechtliche und finanzielle Absicherung inklusive. Umgesetzt wurde das Papa-Monat bisher nur für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. Unbezahlt. 400 Väter haben seither davon Gebrauch gemacht, wirklich zufrieden damit ist aber niemand. Nach dem kleinen Finger sei es nun höchste Zeit für die ganze Hand. Im Klartext meint die Frauenministerin: rechtlicher Anspruch auf bezahltes Papa-Monat für alle.
Die Wirtschaftsseite ist für diesen Schritt noch nicht bereit. Familien- und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) steht der Idee eines bezahlten Papa-Monats in der Privatwirtschaft kritisch gegenüber. Für Klein- und Mittelbetriebe sei diese soziale Leistung in der derzeit schwierigen Wirtschaftslage nicht möglich. Schon jetzt beklagen kleine Betriebe, bei Überschneidungen von Urlauben oder längeren Krankenständen personell unterbesetzt zu sein. Wenn Mitarbeiter ein bis drei Monate bei ihren Kindern zu Hause blieben, müsste ihre Stelle nachbesetzt werden – nur wer findet sich für so einen kurzen Zeitraum? Ob dieses Argument reicht, um den Trend zu mehr Väterbeteiligung in der Kinderbetreuung aufzuhalten, ist fraglich. Statistiken zeigen, dass schon jetzt viele Väter durch Urlaub oder Pflegefreistellung nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben. Zudem sei das Modell für Betriebe kostenneutral und die Finanzierung ist laut SPÖ sichergestellt. Woran spießt es sich dann? Ingrid Moritz, Leiterin der AK-Frauenabteilung, vermutet hinter der Blockadehaltung der Wirtschaft ganz andere Befürchtungen. Durch das Papa-Monat könnten sich Türen öffnen, die anschließend nicht mehr zugehen. Haben Väter erst mal in die Kinderbetreuung reingeschnuppert, könnten sie Gefallen daran finden. Das hätte enorme Auswirkungen auf bestehende Arbeitsstrukturen – eine Entwicklung, die der Wirtschaft nicht wohl bekommt.

Anerkennung statt Blumen

Bernhard war in der Spielgruppe mit seinem Sohn oft der einzige Mann unter Frauen. Gestört hat ihn das nie, im Gegenteil: „Ich habe viel Bewunderung und Anerkennung dafür bekommen.“ Ganz anders in seinem Arbeitsumfeld: „Wenn bei uns Frauen in Karenz gehen, werden sie mit Blumen feierlich verabschiedet. Männer hingegen müssen ihre Entscheidung bis zum Schluss rechtfertigen.“ Überhaupt musste Bernhard viel verhandeln. Ob die Dauer der Karenz wirklich notwendig sei oder ob er sich den Schritt in die Elternteilzeit gut genug überlegt habe. Auf die Blumen kann er verzichten. Mehr Verständnis hätte er sich schon gewünscht. „Die Abwesenheit junger Väter aus Gründen der Kinderbetreuung muss für Unternehmen normal werden“, erklärt die Frauenministerin. Derzeit hätten karenzwillige Väter in vielen Betrieben noch Hürden zu überwinden. Dort, wo Betriebe Anreize schaffen und Bereitschaft zur Väterkarenz zeigen, wird sie vermehrt genutzt. In typischen Männerdomänen wie im Produktionsbereich ist die Vorstellung eines Flascherl wärmenden Vaters, der seinen Vormittag in Spielgruppen verbringt, noch exotisch. Das traditionelle Männerbild abzuschütteln fällt Arbeitern offensichtlich schwerer als Angestellten. Ihr Anteil unter den Väterkarenzlern ist gering. Um hier etwas zu verändern, braucht es neben rechtlichen Ansprüchen vor allem mutige Vorzeigeväter und offene Bereitschaft in den Betrieben.

Flascherlwärmer in Finanznot

Vorzeigeväter vor den Vorhang zu holen ist das Ziel der Kampagne „Echte Männer gehen in Karenz“. Mehr als 30 Männer beschreiben auf der Kampagnen-Webseite, wie die Karenz ihr Leben bereichert hat. War es 2010 noch ein Rocker in Lederkluft, soll nun ein hipper Jüngling mit Kopfhörern und Baby am Schoß dazu animieren, Zeit mit dem eigenen Kind zu verbringen. Wer seinen Vaterstolz nach außen tragen möchte, trägt T-Shirts mit den Aufschriften „Flascherlwärmer“ oder „Windelwechselweltmeister“. Die Reaktionen auf die Kampagne sind durchwegs positiv. Ob sie mehr Männer dazu bringt, den Schritt in die Väterkarenz zu wagen, bleibt abzuwarten. Denn am größten Knackpunkt, den finanziellen Einbußen, ändern auch flotte Sprüche und Studienzahlen wenig. „Mit Kindergeld und dem Gehalt der Frau lässt sich oft keine Familie ernähren“, ärgert sich ein Vater, der gerne bei seinen Kindern zu Hause geblieben wäre. Aus finanziellen Gründen hat er sich dagegen entschieden. „Ich verdiene zweieinhalb Mal so viel wie meine Frau. Ihr Gehalt ist kompensierbar, deswegen wird immer sie in Karenz sein.“ Bernhard kann solche Aussagen nicht nachvollziehen. Auch er und seine Frau Romana mussten zurückstecken. Große Urlaube, ein Zweitauto oder regelmäßiges Essen in Restaurants sind eine Zeit lang Geschichte. Schlussendlich sei es aber immer eine Frage der Priorität, die lautet: „Was will ich mir leisten?“ Auch die jungen Eltern Wolfgang und Daria mussten viel Urlaubsgeld zur Seite legen, um über die Runden zu kommen. Daria ist selbstständige Hebamme und hat kein fixes Einkommen. Außerdem erforderte der familiäre Zuwachs den Umzug in ein größe-res Zuhause. Beim nächsten Kind will Wolfgang dennoch wieder zu Hause bleiben. Diesmal vielleicht sogar länger als drei Monate. Daria und Wolfgang hoffen, dass es bis dahin das Papa-Monat gibt. Den Urlaub, den Wolfgang sonst für die Zeit nach der Geburt verbrauchen müsste, können sie als frische Eltern gut zur Erholung brauchen.
Die Diskussionen über Papa-Monat und Väterkarenz sind oft von einer Entlastung der Frau und von wirtschaftlichen Faktoren geprägt, ein Ansatz, der manchen sauer aufstößt. „Auch Männer wünschen sich, dass die Bedeutung der Väter noch mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft gehoben und die Unternehmenskultur väterfreundlicher wird“, wird auf der Österreichischen Väterplattform verkündet. Den dort vertretenen Männervereinen ist es ein Anliegen, dass Männer auch als Väter und nicht nur über ihre Arbeitsleistung ins Gespräch kommen. Statt eine Zwangsjacke übergestülpt zu bekommen, möchten sie Familie gleichberechtigt mitgestalten und fordern halbe-halbe bei den rechtlichen Ansprüchen zur Karenz.

Kindererziehung: Kein Honiglecken
Mittlerweile ist Bernhards erster Sohn dreieinhalb Jahre alt. Vor 15 Monaten ist sein Bruder zur Welt gekommen. Diesmal ist Bernhard ein ganzes Jahr bei seinen Kindern geblieben. Seit seinen Karenzen hat sich vieles verändert, Wertigkeiten haben sich verschoben. Der neue Alltag hat nicht weniger, sondern andere Herausforderungen mit sich gebracht. „Kinder erziehen ist kein Honiglecken. Das eine Kind ist krank, das andere genervt. Das kann ganz schön an die Substanz gehen“, weiß er. Trotzdem waren die beiden Karenzen die bisher erfahrungsreichsten Zeiten seines Lebens.

Kampagne der Frauenministerin „Echte Männer gehen in Karenz“:
www.maennerinkarenz.at

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