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DSA Monika Pinterits Unsere Gesellschaft ist nicht sehr kinderfreundlich. Immer, wenn wir über Kinderrechte reden, kommt der bedingte Reflex: Aber die haben auch Pflichten! Selbstverständlich haben sie Pflichten.

Kinderrechte unterrichten

Interview

Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits über Kindererziehung im Wandel, Ohrfeigen und die freundliche, höfliche Jugend.

Arbeit&Wirtschaft: DSA Monika Pinterits, als Kinder- und Jugendanwältin in Wien kümmern Sie sich um die Anliegen der ganz Jungen. Was ist die Kinder- und Jugendanwaltschaft?

Monika Pinterits: Die Kinder- und Jugendanwaltschaft (KJA) Wien wurde 1989 gegründet. Basis war die „Konvention über die Rechte des Kindes“, die damals im November von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen wurde. Österreich hat sie 1992 ratifiziert. Seit 1994 ist die KJA weisungsfrei, wir müssen also niemanden fragen, wenn wir ein Thema anfassen. Außerhalb Österreichs gibt es nichts Vergleichbares. Unsere deutschen Nachbarn beneiden uns darum, die hätten das auch gerne.

Wer kommt zu euch?

Kinder und Jugendliche selbst und Erwachsene, aber auch Schulen, Kindergärten und andere. Jede, jeder kann sich an uns wenden, wenn sie oder er glaubt, dass Kindern oder Jugendlichen Unrecht geschieht. Im Rahmen unserer Arbeit betreuen wir Einzelfälle und Projekte, begutachten Gesetze. Außerdem können wir selbst Novellierungen anregen und bekommen eigentlich alle Gesetzestexte in Österreich zur Begutachtung, von denen Kinder und Jugendliche betroffen sind.
Wir versuchen auch eine Art Kinderrechte-Monitoring zu machen. Über die vielen Einzelfälle kommen wir immer wieder an mögliche strukturelle Problematiken heran und versuchen dann, da ebenfalls etwas zu verändern.
Bei uns geht es um viele Themen: Gewalt, sexuelle Gewalt, Jugendschutzgesetz, Kindesabnahmen, Scheidung, Trennung. Aber wir kümmern uns auch um scheinbar Banales, wie wenn wieder einmal bei Spielplätzen Verbotstafeln auftauchen, die weg sollen. In Wien haben wir an einer kinder- und jugendfreundlichen Hausordnung für Gemeindebauten gearbeitet, bei der Jugendliche ein Mitspracherecht bekommen. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass alle Gemeindebauten ein Minimum an Kinderspielplätzen haben – das ist jetzt gesetzlich geregelt. Außerdem sitzen wir im Glücksspielbeirat und setzen uns für strengere Kontrollen beim kleinen Glücksspiel ein.
Wir kooperieren mit dem Kindermuseum „Zoom“, wo derzeit eine Ausstellung zum Thema Familie läuft, haben dort mitgeholfen, das Personal auszubilden. Am Kinderbeistand bei Scheidung und Trennung haben wir mitgewirkt, so werden die Kinder bei Gericht begleitet und ermutigt, ihre eigenen Vorstellungen bekannt zu geben. Auch Kindesentführungen, wie sie häufig vorkommen, sind ein Thema.
Dass Kinder und Jugendliche im Fall von sexueller Gewalt eine Prozessbegleitung bekommen, daran haben wir ebenfalls mitgewirkt. Wir waren auch für die ehemaligen Heimkinder, die Gewalt erlebt haben, die erste Anlaufstelle und haben entsprechend darauf reagiert. Als erste in Europa haben wir einen Kinder- und Jugendombudsmann eingeführt, an den sich Kinder aus z. B. sozialen Wohngemeinschaften wenden können, wenn es ihnen dort nicht gut geht. Wir machen auch unangemeldete Besuche.
Wir setzen uns dafür ein, dass das Kinder- und Jugendhilfegesetz endlich beschlossen wird. Das würde gerade in der Jugendwohlfahrt gute Standards garantieren. Es reicht nicht, dass wir immer wieder zusammensitzen und diskutieren, wenn wieder einem Kind Entsetzliches passiert ist.
Bei uns gibt es einen Jugendschutzbeirat, in dem alles von Computerspielen über Filme besprochen wird. Wir sind auch Mitglied des unabhängigen Netzwerks Kinderrechte mit 37 Kinderrechte-Organisationen und -Institutionen zur Förderung der Umsetzung der UNO-Kinderrechtskonvention in Österreich. Gemeinsam haben wir uns stark gemacht, dass Kinderrechte in den Verfassungsrang kommen. Seit Jänner 2011 gibt es ein entsprechendes Bundesverfassungsgesetz.


Also sind Sie zufrieden?

Nein, nicht wirklich, weil sich leider nicht alle Kinderrechte darin finden. Wichtige Bereiche wie Bildung fehlen. Wir hätten gerne eine umfassendere Kinderrechtekonvention in der Verfassung gehabt. Derzeit findet sich ein Paragraf darin, der die Kinderrechte aushebelt ...


Nämlich?

Wenn die öffentliche Ordnung und Sicherheit nicht gewährleistet ist bzw. andere Gesetze existieren. Der Hintergrund ist: Wäre dem nicht so, könnten wir z. B. MigrantInnenfamilien gegen fremdenfeindliche Gesetze unterstützen, also Abschiebungen verhindern.
Eigentlich gibt es kein Thema, von dem Kinder und Jugendliche betroffen sind, bei dem wir nicht versuchen, unterstützend mitzuwirken.


Sie arbeiten seit 1999 für die Kinder- und Jugendanwaltschaft. In diesen 13 Jahren hat sich das Leben der Kinder und Jugendlichen sicher sehr verändert?

Endlich sind Kinderrechte ein Thema und auch die PolitikerInnen sprechen darüber. Bei der Umsetzung ist allerdings noch Handlungsbedarf gegeben.

Haben sich die Kinder verändert – sind sie anders geworden in ihren Wünschen und Bedürfnissen?

Kinder orientieren sich an den Erwachsenen. Unser System ist ein irrsinnig schnelllebiges geworden. Man muss sehr flexibel sein und hat kaum Sicherheiten. Alte Normsysteme haben sich verändert, sind weg, aber es hat sich noch nicht wirklich etwas etabliert, woran man sich auch ein wenig orientieren kann.
Eltern sind teilweise sehr verunsichert – daher kann man mit Erziehungsratgebern viel Geld verdienen. Aber Erziehen verändert sich nicht nur mit dem System. Wenn man sich etwa vorstellt, dass Kinder in Österreich erst seit 1989 offiziell nicht mehr geschlagen werden dürfen – so lang ist das nicht her. Wir waren mit diesem Gesetz sogar früher als Deutschland dran, dort trat es erst 1990 in Kraft. Vor etwa drei Jahren ergab eine Studie: Die Leute haben im Kopf, dass Kinder nicht mehr geschlagen werden dürfen. Die Realität ist aber eine andere, leider. Fast die Hälfte der Eltern hierzulande gibt noch immer Ohrfeigen, bei den anderen kommt es zu sämtlichen Formen von Gewalt. Nur 30 Prozent der Eltern in Österreich erziehen völlig gewaltfrei. In Schweden ist es umgekehrt, dort erziehen nur 14 Prozent mit Ohrfeigen, 76 Prozent ohne körperliche Strafen. Das Gewaltschutzgesetz gibt es dort auch schon seit 1979. Die Schweden haben außerdem einen anderen Zugang zur Erziehung. Bei uns in Österreich ist es nicht üblich, dass man sich für die Kindererziehung Hilfe holt, obwohl das ganz normal wäre. Die Mär, dass man als Mutter bzw. Vater sobald ein Kind auf die Welt kommt genau weiß, was zu tun ist, führt zu totaler Überforderung. In Wirklichkeit sind die meisten Eltern nämlich nicht darauf vorbereitet, dass die Partnerschaft und alles mit Kindern anders wird. Wenn es dann zu Stresssituationen kommt, wissen viele nicht, wie damit umgehen, was tun ... Früher hat es dann Watschen gegeben. Heute muss man sich überlegen, wie man reagiert. Und das ist auch gut so. Darum ist es mir wichtig, den Leuten zu sagen, sie sollen sich Hilfe holen – das ist keine Schande.


Und wo bekommen Eltern Hilfe?

Bei uns oder in den vielen kostenfreien Familienberatungsstellen, im Kinderschutzzentrum. Bevor man sich fünf Ratgeber kauft, ist es doch besser, mit jemandem über das eigene Kind zu reden. Oft herrscht große Verunsicherung und die meisten Eltern wollen ja gute Eltern sein. Auch die, die Gewalt ausüben, sind keine Sadisten, sondern die brauchen Unterstützung.

Viele haben Erziehung selbst nicht anders erfahren ...

Ja, das stimmt. Ich rede viel mit Eltern, die selbst Gewalt erlebt haben. Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich der Umgang damit ist – es gibt alles zwischen „Das hat mir ja auch nicht geschadet“ und „Das möcht ich einem Kind niemals antun“. Die Zughörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsschicht spielt dabei keine Rolle. Aber wer mehr Geld hat, hat mehr Ressourcen und kann sich Hilfe zukaufen. Da ist es verdeckter und in der Therapie wird dann diagnostiziert: Mein Kind hat ADHS – das hat mit mir nichts zu tun. Es ist furchtbar, wie viele Medikamente – Psychopharmaka – Kinder heutzutage bekommen: Pillen, um lustig zu sein.

Wir haben sehr viel über Kinder gesprochen – wie gefällt Ihnen „die Jugend von heute“?

Jugendliche sind ja für viele was ganz Furchtbares. In den Medien sind sie die, die rauchen, sich ins Koma saufen, Drogen nehmen und das Allerletzte sind. Das war schon bei den alten Griechen so. Ich bin immer wieder fasziniert, wie freundlich unsere Jugendlichen sind, und niemandem scheint das aufzufallen. Die stehen auf in der Straßenbahn, die grüßen im Gemeindebau. Wenn man mit ihnen spricht, bemerkt man viel Verständnis und Klugheit und Weisheit. Wir können voneinander viel lernen.

Ihr habt euch auch sehr für das Wahlrecht ab 16 eingesetzt.

Interessanterweise haben auch einige Jugendliche gemeint, das sei zu früh. Aber wie man gesehen hat, war die Beteiligung bei den Jugendlichen sehr gut. Sie wissen genau Bescheid, haben sich umfassend informiert über die Programme der Parteien. Das war wichtig. Die Jugendlichen sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Ich finde, wir haben eine tolle Jugend.

Was fordert ihr als Anwaltschaft der Kinder und Jugendlichen für diese tolle Jugend?

In erster Linie Bildung und eben Mitsprache und Partizipationsmöglichkeiten, außerdem die Chance ihre Kreativität einsetzen zu können, auch in der Schule. Jobs, von denen sie auch leben können, einen respektvollen Umgang, genügend Ressourcen auch finanzieller Art. Zeiten der Finanzmarktkrise sind auch für die Jugendlichen schwierig. Ich musste mir, als ich jung war, keine Sorge um einen Arbeitsplatz machen. Heute schaut das anders aus. Die Jugendlichen haben es nicht leicht in einer Welt, die immer globaler und schwieriger zu durchschauen ist.

Wie stehen Sie zur Ganztags- und Gesamtschuldiskussion?

Die finde ich sehr wichtig. Es sollen ja alle mitgehen können und es darf kein Kind auf der Strecke verloren gehen. Wir in der KJA sind da sehr dafür. Bei uns in Österreich gibt es ein selektives Schulsystem, daher sind Gesamt- und Ganztagsschule sehr wichtig

Auch für die Mütter und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Mit nur einem Einkommen ist es schwer auszukommen. Die jungen Menschen verdienen heute sehr schlecht. Die Mieten sind enorm gestiegen, Wohnen ist kaum leistbar. Das Essen ist sehr teuer geworden. Die Schere klafft immer mehr auseinander: Zehn Prozent Superreiche, die Mittelschicht bricht langsam weg und die Kinderarmut wird immer größer. Wenn man sich überlegt, was Brot kostet. 50 Euro sind weg wie nichts, wenn man einkaufen geht. Wenn ich mir nun vorstelle, dass ich zwei kleine Kinder hätte … Sind Eltern persönlich mit ihrer Lebenssituation zufrieden – auch beruflich –, führt das zu einem ganz anderen Umgang miteinander in der Familie. Wenn es den Eltern gut geht, geht es den Kindern gut.
Kinder sollten auch in der Familie partizipieren. Sie sollten wissen, wie viel Einkommen es gibt, warum sie wie viel Taschengeld bekommen, was die Wohnung und was das Leben so kostet.
Ich finde es eine Schande, dass es in unseren reichen Ländern hungrige Kinder und so etwas wie Sozialmärkte gibt. Es ist gut, dass es sie gibt, sonst wäre es noch schlimmer. Eigentlich ist das ein Armutszeugnis für unsere reiche Gesellschaft.

Was hat sich durch die neuen Technologien und Web 2.0 verändert?

Natürlich berührt uns das auch. Da passieren erschütternde Sachen. Die modernen Medien sind ein Segen und ein Fluch.

Ein Segen?

Selbstverständlich, mit dem Internet können wir uns die Welt nach Hause holen. Aber natürlich muss man den Kindern auch etwas anbieten. Sonst darf man sich nicht wundern, wenn sie vor dem Kasten sitzen und in die Parallelwelten fliehen. Es gibt da immer wieder Pädosexuelle, die das Netz nutzen und sich auf die Suche nach Kindern machen, denen es nicht so gut geht. Oft können die Erwachsenen da nicht mit. Es ist sehr wichtig, sich als Eltern zu informieren, z. B. dass man mit dem Kind redet und Gefahren anspricht. Ich muss mich auch mit dem beschäftigen, womit sich meine Kinder befassen. Faszinierend, wenn man denen zuschaut, wie sie mit den neuen Technologien umgehen. Kinder können ihren Eltern etwas zeigen, erklären, sie unterstützen.

Ihr tretet für die Kinderrechte ein. Haben Kinder auch Pflichten?

Unsere Gesellschaft ist nicht sehr kinderfreundlich. Immer, wenn wir über Kinderrechte reden, kommt der bedingte Reflex: Aber die haben auch Pflichten! Selbstverständlich haben sie Pflichten: In den Kindergarten gehen. In die Schule gehen. Hausaufgaben machen. Mithelfen zu Hause. Sie müssen meistens das tun, was Erwachsene von ihnen verlangen. Sie müssen höflich und freundlich zu allen Erwachsenen sein, das ist noch immer Thema. Die Erwachsenen haben immer Recht, was problematisch ist. Ich denke, man muss Kinder zu starken Menschen erziehen und auch Kindern beibringen, dass sie nicht alles so zur Kenntnis nehmen müssen. Sie sollen viel hinterfragen. Wenn Kinder Nein sagen können und dürfen ist das auch eine gute Intervention gegen sexuelle Übergriffe.

Und es macht sie zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern.

Wir brauchen solche. Es gibt das schöne Lied von Bettina Wegener: Grade klare Menschen wären ein schönes Ziel, Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel.

Haben Sie einen Wunsch ans Christkind?

Kinderrechte sollten verpflichtend im Kindergarten und in der Schule vermittelt werden.

Wir danken für das Gespräch.

Zur Person
DSA Monika Pinterits
Diplomierte Krankenschwester
Diplom-Sozialarbeiterin (DSA)
Fachaufsicht im Amt für Jugend und Familie
Seit 1999 Kinder- und Jugendanwältin der Stadt Wien
Mediatorin und Kinderbeistand
Ein Sohn: David


Kinder- und Jugendanwaltschaft: www.kja.at

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