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Von der Exotik zum Alltag "Ich war die erste Frau im Produktionsbereich, Schichtarbeit in der Industrie war für Frauen ja lange Zeit verboten. Es gab in der Anlage keine sanitären Anlagen für Frauen."

Von der Exotik zum Alltag

Schwerpunkt

In Österreich gibt es noch keine männliche Hebamme und auch Kindergärtner sind selten, der Frauenanteil in den meisten Männerdomänen ist aber gestiegen.

In Deutschland hat das Ganze zwar schon einen Namen, aber geschlechtsneutrale Stellenausschreibungen für Hebammen wären auch dort ein reiner Formalakt. Denn derzeit gibt es im gesamten Bundesgebiet nur einen Entbindungspfleger. Die Frauenquoten in traditionellen Männerberufen liegen nicht nur in Österreich deutlich höher. So beträgt etwa der Frauenanteil an der Fachhochschule Technikum Wien fast 15 Prozent. Mehr als zehn Prozent der in der Exekutive Beschäftigten sind weiblich, in der Ausbildung stellen Frauen fast die Hälfte.

Schlechter bezahlte Frauenberufe

Ein wichtiger Grund dafür, dass es (etwas) leichter gelingt, Frauen in typische Männerberufe zu locken als umgekehrt, dürfte wohl die Bezahlung sein. Hebammen, KindergärtnerInnen, Pflegekräfte etc. verdienen in der Regel deutlich weniger als TechnikerInnen oder AutomechanikerInnen. Auf dem Gehaltsrechner der AMS-Website Frauen in Handwerk und Technik (FiT) kann direkt abgelesen werden, wie viel mehr beispielsweise eine Elektroinstallateurin im Vergleich zu einer Rechtsanwaltsgehilfin verdient. Außerdem gelten Mädchen und Frauen, die sich in einer Männerdomäne behaupten können, eher als cool, als Männer, die Kleinkinder wickeln. Denn die typischen Frauenberufe finden sich vor allem im Dienstleistungsbereich - und das soziale Ansehen von KrankenpflegerInnen, KindergärtnerInnen oder FriseurInnen war noch nie besonders hoch. Das wurde und wird es nur in Einzelfällen, wobei prominente Starfriseure und Spitzenköche auch heute noch meist Männer sind.
Laut aktuellem Frauenbericht war auch 2008 der Frauenanteil in Branchen mit niedrigem Einkommen nach wie vor hoch: Im Beherbergungs- und Gaststättenwesen arbeiteten zu 62,3 Prozent Frauen, das Gesundheits-und Sozialwesen ist mit 79,5 Prozent fest in weiblicher Hand. Insgesamt waren bei den Frauen die fünf zahlenmäßig wichtigsten Berufe den Dienstleistungsberufen im weiteren Sinn zuzuordnen, bei den Männern kein  einziger. Die Caritas berichtete im vorigen Jahr, dass 99 Prozent ihrer rund 500 MitarbeiterInnen weiblich sind.
Initiativen zur stärkeren Geschlechter-Durchmischung in den verschiedenen Branchen gibt es seit mehreren Jahren: So fand am 28. April heuer zum zehnten Mal der Wiener Töchtertag statt. In 169 Unternehmen konnten Mädchen zwischen 11 und 16 Jahren Einblick in die berufliche Praxis nehmen, wobei der Schwerpunkt auch heuer auf technischen, handwerklichen und naturwissenschaftlichen Berufen lag. Stadträtin Sandra Frauenberger führt positive Entwicklungen auch auf diese Initiative zurück. Die Zahl jener Mädchen, die die "klassischen" drei Lehrberufe Einzelhandelskauffrau, Friseurin oder Bürokauffrau wählen, sank in Wien zwischen 2002 und 2010 von 57,5 auf 47,7 Prozent. Der Anteil weiblicher Studierender an der TU Wien stieg zwischen 2002 bis 2009 um mehr als zwei Prozentpunkte auf fast 25 Prozent. Sicher ist jedenfalls, dass 91 Prozent der teilnehmenden Mädchen den Wiener Töchtertag mit "sehr gut" und "gut" beurteilen. Drei Viertel sind der Meinung, dass der Wiener Töchtertag "sehr hilfreich bei der Ausbildungs- und Berufsfindung" war (SORA-Studie 2009).

Pionier- und Vorzeigefrauen

Aktiv beteiligt am Töchtertag war auch Manuela Rustler, erste weibliche Anlagenleiterin in der OMV. Als Genderbeauftragte und Girls Coach der Raffinerie Schwechat kann sie heute ihre Erfahrungen weitergeben: "Wenn man etwas gerne möchte, dann kann man sich das auch ruhig trauen. Ich habe meine Berufswahl nie bereut. Ich war die erste Frau im Produktionsbereich, Schichtarbeit in der Industrie war für Frauen ja lange Zeit verboten. Es gab in der Anlage keine sanitären Anlagen für Frauen.* 2005 kamen dann zwei weibliche Lehrlinge, heute sind wir insgesamt zwölf Frauen in der Produktion und überlegen den Ausbau der Frauenumkleideräume."
Der vierte österreichweite Boys‘ Day findet heuer am 10. November statt. 2010 konnten die Burschen unter anderem den Kindergarten der WU besichtigen, Martin G., seit fast neun Jahren Kindergartenpädagoge, war dabei: "Die meisten Burschen gaben sich betont cool und männlich, stellten zwar einige Fragen, aber der Grundtenor war schon "der Job ist nix für mich". Ich finde solche Veranstaltungen wie den Boys‘ Day aber trotzdem sehr wichtig. Vielleicht hebt sich ja der eine oder andere die Broschüren auf und denkt in ein paar Jahren noch einmal darüber nach."

Social Fighters

Martin G. war einer der ersten männlichen Schüler des berufsbegleitenden Kollegs an der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik. "Ein bis zwei Burschen sitzen in jeder Klasse, die meisten davon werden aber eher Hortbetreuer und nicht Kindergärtner." Das Umfeld des 33-Jährigen reagierte durchwegs positiv. "Ich habe bis heute noch keine negativen Bemerkungen dazu gehört. Die Bezahlung ist zwar gering, aber es ist ein Beruf, der glücklich machen kann. Nur im Büro sitzen, das wär furchtbar für mich." Umfragen zufolge wünschen sich Eltern mehr männliche Kindergärtner (in den Wiener Städtischen Kindergärten liegt der Männeranteil derzeit bei 1,9 Prozent). Allgemein sind die Vorbehalte deutlich geringer als der Wunsch nach männlichen Bezugspersonen.
Coole DVDs mit Titeln wie Social Fighters (immerhin derzeit vergriffen!) sollen Burschen in Sozialberufe locken. Spezielle Förderungsprogramme des AMS machen Mädchen technische Berufe schmackhaft. Trotzdem, die Vorreiter- und EinzelkämpferInnenrolle ist nicht immer einfach. Während ein angehender Kindergärtner vielleicht als Weichei, Softie oder gar potenzieller Pädophiler hingestellt wird, haben Frauen in Männerberufen mitunter ganz andere Probleme. Das Institut für Managementwissenschaften der Technischen Universität befragte 443 SoldatInnen zum Thema "Akzeptanz weiblicher Soldaten": Sechs Prozent der männlichen und 20 Prozent der weiblichen Befragten wurden Opfer von Mobbing.
Nicht selten setzen sich junge Frauen aber auch selbst stark unter Druck oder trauen sich einfach zu wenig zu. Das Engineering-Unternehmen IVM veröffentlichte im Februar die Ergebnisse einer Umfrage unter rund 470 TechnikstudentInnen: Zwei Drittel der weiblichen, aber nur 40 Prozent der männlichen Studenten bezeichneten es als wichtig oder sehr wichtig, später im Beruf nicht überfordert zu sein. Bei keinem anderen Punkt der Umfrage unterschieden sich die Geschlechter derart signifikant.
Selbst wenn Frauen mit Werkzeug und Blaumann heute nicht mehr ganz so exotisch anmuten, brauchen sie bei der Eroberung männlicher Domänen doch auch Unterstützung. Die OMV wurde 2010 mit dem AmaZone Award des Vereins Sprungbrett in der Kategorie Großunternehmen ausgezeichnet, weil sie  den Mädchen neben qualitativ hochwertigen Lehrausbildungen auch einen "Girls Coach" und einen "Girls Circle" anbietet. Die Kombination von Selbstvertrauen, Einsatz und Unterstützung durch den Arbeitgeber kann Frauen neue Karrierewege eröffnen.
Manuela Rustler: "Als Schichtleiterin etwa hatte ich große Verantwortung und war die Chefin von 100 Männern. Dass ich eine Frau bin, war nie ein Problem." Im Übrigen hat die 35-Jährige vor ihrem Abschluss in Wirtschaftsingenieurwesen und Technischer Chemie nicht an einer HTL, sondern an einer HBLA für wirtschaftliche Berufe maturiert.
Das passt zu so manchen Forschungsergebnissen, die besagen, dass Mädchen in gemischten Klassen durch die Konkurrenz ihrer männlichen Kollegen eher typisch weibliche Berufe wählen. So ergab etwa eine Linzer Untersuchung an 19 Hauptschul-Jahrgängen zwischen 1988 und 2006, dass in Klassen mit einem höheren Mädchenanteil signifikant mehr Mädchen nach der achten Schulstufe männlich dominierte Schultypen wählten.
 

Internet:
Burschen in Sozialberufen:
www.boysday.at 
Wiener Töchtertag
www.toechtertag.at 
Frauenbericht zum Download und zum Bestellen:
tinyurl.com/3ntcdaxSchreiben Sie Ihre Meinung
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afadler@aon.at 
oder die Redaktion
aw@oegb.at 

* Laut aktueller Arbeitsstättenverordnung sind nach Geschlechtern getrennte Toiletten erst einzurichten, wenn mindestens fünf männliche Bedienstete und mindestens fünf weibliche Bedienstete darauf angewiesen sind.

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