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Kurzschluss bei der Verteilung | Foto: Paul Sturm
Martin Schenk
Kurzschluss bei der Verteilung

Armut ist der letzte Waggon

Interview

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich, Mitbegründer der Armutskonferenz und Mitglied des Menschenrechtsbeirats des Innenministeriums.

ZUR PERSON
MARTIN SCHENK
Geboren 1970 in Wien
Sozialexperte der Diakonie Österreich mit Schwerpunkten: welfare policy, Gesundheit und Menschenrechte.
Mitbegründer des Anti-Armut Netzwerks »Die Armutskonferenz«
Mitglied des Menschenrechtsbeirat des Innenministeriums
Im Redaktionsteam der Straßenzeitung »Augustin«
Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Studiengang Sozialarbeit Campus Wien
Mitinitiator zahlreicher sozialer Initiativen: Lichtermeer 1993, Wiener Spendenparlament, Hunger auf Kunst und Kultur (Theater, Kino, Konzert für Leute ohne Geld).
Seit den späten 80er Jahren ist er in der Jugendarbeit tätig, in der Begleitung von Menschen mit Behinderungen und in der Flüchtlingsbetreuung.
Für sein Studium der Psychologie hat er das psychotherapeutische Propädeutikum abgeschlossen.
Publikationen und Veröffentlichungen zu den Themen Integration, Armut und Soziale Sicherung.
1997: Menschenrechtspreis für Essays in »Furche«, »Standard« und »Presse«.
2004: Österreicher des Jahres, in der Kategorie »Humanitäres Engagement« der Zeitung »Die Presse«

Arbeit&Wirtschaft: Herr Schenk, als Sozialexperte und Mitbegründer der Armutskonferenz beschäftigen Sie sich mit Armut und Reichtum in Österreich. Wie definieren Sie diese Begriffe?

Martin Schenk: Stellen sie sich einen langen Zug vor. Armut ist der letzte Waggon - derjenige, der den größten Abstand von der Mitte des Zuges hat. Die Mitte des Zuges symbolisiert den Durchschnitt des Reichtums. Für Österreich und in Zahlen bedeutet das: ein Haushaltseinkommen von weniger als 900 Euro monatlich. Unter dieser Grenze spricht man von Armutsgefährdung. Kommen noch missliche Lebenslagen dazu - wie feuchte Wohnungen, chronische Erkrankungen oder Ausschluss aus sozialen Gemeinschaften - handelt es sich um akute bzw. manifeste Armut. In der Akut-Situation befinden sich 420.000 Menschen in Österreich - armutsgefährdet sind weitere 600.000. Reichtum ist nicht so leicht empirisch zu fassen. Man behilft sich mit Häufigkeiten wie »die obersten ein bzw. zehn Prozent«.

Wie ist bei uns das Gesamtvermögen verteilt?

Nach einer Studie des Sozialberichtes von 2004 besitzen zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung fast zwei Drittel des Gesamtvermögens. Es besteht aus Immobilienvermögen, Unternehmensvermögen und Finanzvermögen. Allerdings wurde angenommen, dass Vermögen und Einkommen gleich verteilt sind.
In Wirklichkeit ist die Verteilungsschere krasser.

Wie hat sich das Verhältnis von Arm und Reich in der jüngeren Geschichte Österreichs entwickelt?

Seit Ende der Siebzigerjahre driften Lohnquote und Gewinnquote, also der jeweilige Anteil am Volksvermögen, auseinander, ab Mitte der Neunzigerjahre hat sich diese Tendenz radikal verstärkt. Die Ursachen sind: Anstieg der Arbeitslosigkeit, Zuwachs an Teilzeit-, prekärer Beschäftigung und Scheinselbstständigkeit, Belastung des Faktors Arbeit bei Steuerfreiheit für Vermögen. Dazu sind innerhalb der Lohneinkommen manche Branchen besser entlohnt, weil sie gewerkschaftlich besser vertreten sind und weil dort Männer arbeiten: Ein Hilfsarbeiter in der Erdölbranche verdient ungleich mehr als ein Hilfsarbeiter im Gesundheitswesen - der ist auch meistens weiblich.

Wo steht Österreich bei der Verteilungsfrage im Europa-Vergleich?

Unter den europäischen Ländern mit der geringsten Armut befinden wir uns an fünfter Stelle. Das ist eindeutig: In Ländern mit hoher Sozialquote und universellen Sozialeistungen verringert sich die Armut. Auch öffentliche, unentgeltliche Zugänglichkeit des Gesundheits- und des Bildungssystems spielt eine Rolle.

Wie sieht es bei uns mit der Verteilung des Bildungszugangs aus?

Trotz relativ geringer Kinderarmut und hoher Sozialquote nicht so gut: Je geringer das Familieneinkommen, desto weniger wechseln die Kinder in die AHS-Unterstufe - trotz AHS-Reife im Volksschulzeugnis, das setzt sich bis zum Studium fort. Kinder aus Haushalten bis 1.000 Euro Einkommen besuchen zu 35,9 Prozent eine AHS-Oberstufe, bei Einkommen über 2.500 Euro dagegen sind es 68,3 Prozent. Nur 24,8 Prozent der Kinder von Eltern mit Hilfstätigkeitsjobs finden sich in der AHS-Oberstufe oder BHS, bei Eltern mit hoch qualifizierten Tätigkeiten sind es 74,3 Prozent.

Was führt zu dieser Bildungsschere?

Eltern mit geringerem Bildungshintergrund und geringerem Einkommen haben weniger Möglichkeit zur Unterstützung. Auch gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen einem eigenen Schreibtisch und Bildungserfolg. Armutsgefährdete Familien leben meist in engen Überbelagswohnungen. Fürs Lernen braucht es aber Orte der Konzentration. Ein dritter Schwachpunkt ist die Schule selbst: Kinder mit höherem Einkommens- und Bildungshintergrund werden häufiger für eine höhere Schule empfohlen. Auch die Unterrichtsqualität bedingt, ob schwächere Kinder gefördert werden oder ob das Prinzip herrscht: wer nicht mitkommt wird ausgeschlossen. Eine entsprechende Raumarchitektur ist ebenfalls Voraussetzung für eine andere Pädagogik, vor allem aber die Lehrerausbildung. Für gute schulische Ausbildung sind zwei Dinge notwendig: Konzentration und Neugier. Konzentration muss ermöglicht werden und Neugier geweckt. Dass wir es uns leisten, Kinder in die Zukunftslosigkeit zu entlassen, weil sie nicht richtig lesen können, ist für eine Demokratie, die ja auf Text und Diskurs aufbaut, beschämend.

Wie gestaltet sich der Zugang zu Kunst und Kultur?

Wer unter die Armutsgrenze rutscht, fällt aus zentralen Bereichen unserer Gesellschaft heraus. Kunst und Kultur sind Teil der Freizeit und des Zugang zu sozialen Netzen. Üblicherweise hat ein Mensch im Schnitt 15 gute Kontakte. Menschen, die unter die Armutsgrenze fallen, verlieren innerhalb von vier Monaten fast alle Kontakte. Aktionen wie der Kulturpass sind für Arme, die damit unentgeltlich Zugang zu künstlerischen Institutionen haben, ein Anstoß zur Integration in soziale Netze. Die Rückmeldung ist überraschend positiv. Viele Betroffene empfinden das als Anschluss an das Leben vor der Armut.

Welche Konsequenzen erwarten eine Gesellschaft, deren Verteilungsschere weit auseinanderdriftet?

Der Verlust des sozialen Friedens. Dabei gehört Sicherheit zu den Standortqualitäten für die Ansiedlung eines Unternehmens. Kein Geld für Konsum durch untere Einkommensschichten wirkt sich negativ auf die Konjunktur aus und außerdem macht Armut krank. Als die Titanic sank, waren die Überlebenschancen für die Passagiere - je nachdem, welche Klasse man sich leisten konnte - ungleich verteilt. Das gilt auch für die Verteilung von Gesundheit und Lebensqualität: Die Bevölkerung unter der Armutsgrenze weist einen dreimal schlechteren Gesundheitszustand auf als hohe Einkommen. Reichere leben in Österreich zwischen fünf und sieben Jahren länger als Arme. Ähnlich verhält es sich mit dem Bildungsabschluss: PflichtschulabsolventInnen sind doppelt so oft von chronischer Krankheit betroffen (21 Prozent) wie Personen mit Matura (11 Prozent). Es wäre sinnvoll, die Energien des Gesundheitsministeriums weniger in die Anti-Raucher-Kampagnen und mehr in Maßnahmen gegen die steigende Zahl der working poor, die wachsende Einkommensschere und die hohe »soziale Vererbung« im Bildungssystem zu setzen.

Welches sind krankmachende Faktoren?

Nur zu sagen, das fehlende Geld sei schuld, wäre zu billig. Es hängt nicht vom absoluten Einkommen ab, sondern vom Unterschied von der untersten Einkommensschicht zur nächsten. Das erzeugt hohen Stress. Gesundheit ist eine Frage des sozialen Status. Andere krankmachende Faktoren sind: Einsamkeit statt sozialer Netze, Ohnmacht statt Selbstwirksamkeit und Beschämung statt Anerkennung und Respekt.

Welche Möglichkeiten der Umverteilung im Steuerbereich sehen Sie?

Wir haben ja keine Erbschaftssteuer mehr, keine Schenkungssteuer, keine Börsenumsatzsteuer, keine Ertragssteuern auf Aktien, keine zu »fair-steuernden« Privatstiftungen und so liegt der Anteil an vermögensbezogenen Steuern mit 0,6 Prozent weit unter dem EU-Durchschnitt mit 2,2 Prozent.
Diesen Prozentsatz müsste man nur ein bisschen anheben, die Mittelschicht steuerlich ein wenig entlasten und Steuergutschriften für einkommensschwache Schichten bzw. für working-poor-Haushalte einführen, und wir hätten positive Effekte für den sozialen Ausgleich und gegen Armut.


Wie gestaltet sich die Verteilungsfrage für Österreich in Zukunft?

Österreich ist auf dem Weg vom Industrieland zur Dienstleistungsgesellschaft wie ganz Europa. Und das hat Konsequenzen: den Faktor Arbeit weniger belasten und das Sozialsystem stärker über Steuern finanzieren, in den sozialen Dienstleistungssektor - wie Kinderbetreuung, Pflege - investieren und ein starkes soziales Netz nach unten knüpfen - damit niemand in den Keller fällt.

Wir danken für das Gespräch.

INFO&NEWS
Armut in Österreich.
420.000 Menschen, also fünf Prozent der Wohnbevölkerung, in Österreich sind von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen, Frauen stärker als Männer.
Ein Viertel der Armutsbevölkerung sind Kinder. Ihre Eltern sind zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können.
Ein Drittel der Betroffenen sitzt dauerhaft unter den Bedingungen von Armut und Ausgrenzung fest. Die Hälfte aller akut armen Personen ist nur für ein Jahr dieser Situation ausgesetzt.
Das Risiko, ohne Halt abzustürzen, ist gestiegen - auch für Personen, die sich`s in ihrem Leben nie gedacht hätten.
Knapp eine Million Menschen - 12 Prozent - sind »armutsgefährdet«. Ihr Einkommen liegt unter der Armutsgrenze.
Quelle: www.armutskonferenz.at

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Mehr Infos unter:
Diakonie Österreich
www.diakonie.at
Armutskonferenz
www.armutskonferenz.at
Okto-TV
www.okto.tv/eingschenkt
Straßenzeitung Augustin
www.augustin.or.at

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