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Lehren und Irrlehren der Österreichischen Schule der Nationalökonomie

HINTERGRUND

Spät, aber nicht ganz unerwartet, ist die Österreichische Schule der Nationalökonomie am Beginn des 21. Jahrhunderts zu neuen Ehren gelangt. Finanzminister Grasser beruft sich gerne auf diese wirtschaftswissenschaftliche Denkrichtung zur Begründung seiner Budget- und Privatisierungspolitik.

Zuletzt hat der Finanzminister ein »Sachbuch für mehr Durchblick« mit dem Titel »Wie funktioniert die Wirtschaft wirklich« an leitende Beamte seines Ministeriums verschenkt, zur theoretischen Untermauerung des von der seit 2000 regierenden Koalition proklamierten wirtschaftspolitischen Kurswechsels. Die Beschenkten müssen wohl die uneingeforderte Gabe als Zumutung empfunden haben, denn nach der einhellig vernichtenden Kritik1) des Machwerks zeichnet sich dieses Buch durch weitgehende Unkenntnis der Österreichischen Schule aus, darüber hinaus durch inkompetente und falsche Darstellung der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge. Noch stärker zu hinterfragen ist deshalb, wie die Unterrichtsministerin dazu kommt, die österreichischen Schulen mit tausenden Exemplaren dieses Unfugs zu beglücken.

Jenseits solcher Verzerrungen ist festzustellen, dass die verschiedenen Erkenntnisse und Lehren der Österreichischen Schule in ihrer Bedeutung für die Wirtschaftspolitik in Österreich bisher kaum Gegenstand einer Diskussion in einer breiteren Öffentlichkeit geworden sind - sehr im Unterschied zu den USA, wo die »Austrian economics« losgelöst von ihrem geographischen Ursprung zu einer ordnungspolitischen Heilslehre geworden sind, die über eine nicht unbeachtliche, wenn auch begrenzte Anhängerschaft am rechten Rand des politischen Spektrums verfügt. Wenn man sich den Blick nicht durch solche extremen Einseitigkeiten verzerren lassen will, empfiehlt es sich, von den Begründern der Österreichischen Schule im 19. Jahrhundert auszugehen.

Grenznutzenlehre

Kurz nach 1870 erschienen unabhängig von einander die Werke dreier Nationalökonomen, welche die Erklärung der Wert- bzw. Preisbildung auf eine neue Grundlage stellten. Die Verfasser waren der Engländer William St. Jevons, der Schweizer Leon Walras, und der Professor an der Universität Wien Carl Menger (1840-1921). Von dem bekannten Paradoxon ausgehend, dass viele lebenswichtige Güter nur einen geringen Wert bzw. Preis haben, während manche leicht entbehrliche Dinge viel kosten, wurde von Alters her zwischen Gebrauchswert und Tauschwert unterschieden. Der Gebrauchswert war nach dieser traditionellen Auffassung für die Preisbildung nicht relevant, vielmehr wurden die Preise durch die Produktionskosten (Arbeitskosten) erklärt.

Demgegenüber lehrte Menger, dass der Wert »nichts den Gütern Anhaftendes, keine Eigenschaft derselben ist«. Entscheidend für die Wert- bzw. Preisbildung sei, wie groß die Menge der zur Verfügung stehenden Güter im Verhältnis zu den Bedürfnissen ist. Wenn die Vielzahl der menschlichen Bedürfnisse nach Gütern ihrer Intensität nach befriedigt werden, so bestimmt sich der Wert eines Gutes nach dem zuletzt befriedigten, d. h. am wenigsten wichtigen Bedürfnis, mit anderen Worten: nach dessen »Grenznutzen«.

In diesem Sinn spricht man auch vom »Gesetz des abnehmenden Grenznutzens«, denn jedes weitere Stück eines Gutes befriedigt ein weniger wichtiges Bedürfnis. Nach etlichen Jahrzehnten hat sich die Nutzenwertlehre in der Nationalökonomie mehr oder weniger allgemein durchgesetzt.

Überwiegend wirtschaftsliberal

In ihren wirtschaftspolitischen Ansichten waren die Begründer der Österreichischen Schule überwiegend wirtschaftsliberal eingestellt. Sie waren der Gewerkschaftsbewegung und der Sozialdemokratie nicht freundlich gesinnt. Eugen von Böhm-Bawerks Zinstheorie war auch gegen Karl Marx gerichtet, der Zins und Profit ganz aus der Ausbeutung der Produzenten zu erklären trachtete. Immerhin führte Böhm-Bawerk als Finanzminister der Monarchie 1896 erstmals eine persönliche Einkommensteuer mit progressivem Tarif ein2) - die Progression kann mit dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens, das ja auch für das Einkommen gilt, begründet werden. Böhm-Bawerk analysierte auch ungeschminkt die »nachteilige Wirkungen des freien Wettbewerbs«. Friedrich von Wieser, der Dritte im Bunde des Trios der Gründer der Österreichischen Schule, sah ein zentrales sozialpolitisches Problem des Kapitalismus in der übermächtigen Stellung der Großunternehmungen am Arbeitsmarkt und anerkannte ausdrücklich die Berechtigung von Gewerkschaften. Generell rieten die Gründer der Österreichischen Schule eher zur Vorsicht bei sozialpolitischen Maßnahmen, aber sie waren keine fundamentalistischen Gegner von Sozialpolitik.


Die Beschenkten müssen wohl die uneingeforderte Gabe als Zumutung empfunden haben, denn nach der einhellig vernichtenden Kritik1) des Machwerks zeichnet sich dieses Buch durch weitgehende Unkenntnis der Österreichischen Schule aus, darüber hinaus durch inkompetente und falsche Darstellung der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge. Noch stärker zu hinterfragen ist deshalb, wie die Unterrichtsministerin dazu kommt, die österreichischen Schulen mit tausenden Exemplaren dieses Unfugs zu beglücken.

Staats- und Institutionenlehre

Noch auf einem anderen Gebiet hat Carl Menger die theoretischen Grundlagen für eine neue Sichtweise gelegt, an die erst viele Jahrzehnte danach spätere Generationen der Österreichischen Schule anknüpften. Anhand seiner eingehenden historischen Betrachtungen zur Entstehung des Geldes, zur Geschichte des Rechts, der Märkte, der staatlichen Institutionen entwickelte Menger eine eigene Theorie der Evolution gesellschaftlicher Ordnungen. Er argumentierte, dass soziale Ordnungen im Wesentlichen nicht das Resultat bewussten, geplanten Vorgehens seien, sondern das unbeabsichtigte Nebenprodukt menschlicher Willensakte und Handlungen, die auf viel unmittelbarere, persönliche Wirkung abzielten. Menger sprach von »organischen« Ordnungen, wofür Friedrich A. Hayek viel später den Begriff der »spontanen« Ordnungen einführte.

Die Spaltung der Österreichischen Schule nach 1918

Auch in den späteren Generationen brachte die Österreichische Schule bedeutende Nationalökonomen von internationalem Rang in beachtlicher Zahl hervor. Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) ist mit seiner »Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung«, die dem innovativen Unternehmer die entscheidende Rolle im Wachstumsprozess zuschreibt, wohl der neben John Maynard Keynes bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Ludwig Mises (1881-1973) sein Hauptwerk »Die Gemeinwirtschaft« (1922). In diesem Beitrag zu der einige Jahre nach dem Krieg intensiv geführten »Sozialisierungsdebatte«, und kurz nach der erstmaligen prognostizierten Etablierung eines Systems der staatlichen Planwirtschaft in der Sowjetunion, erklärte er, dass ein rationales Wirtschaftssystem ohne Privateigentum und Marktpreisbildung nicht möglich sei und jede staatliche Planwirtschaft daher zum Scheitern und zum Untergang verurteilt sei.

Durch »Implosion« bestätigt

Diese Voraussage war viele Jahrzehnte lang Gegenstand heftiger wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen, bis sich ab 1989 durch die »Implosion« der Systeme im früheren »Ostblock« ihre Richtigkeit im Wesentlichen bestätigte.

In seiner »Gemeinwirtschaft« ging es Mises aber nicht nur um den Nachweis der Unmöglichkeit und Aussichtslosigkeit einer zentralen Planwirtschaft, in der die sachlichen Produktionsmittel dem Staat gehören. Sozusagen in einem Aufwaschen wollte Mises auch den wirtschafts- und sozialpolitischen Interventionismus theoretisch vernichten. Alle staatlichen, d. h. auf gesetzlichem Zwang beruhenden Einrichtungen der sozialen Sicherheit, wie Unfall-, Arbeitslosen-, Kranken- und Pensionsversicherung schmälerten nicht nur die Produktivität und den Wohlstand, sondern seien als Schritte in Richtung Sozialismus im Sinne von totaler Staatswirtschaft anzusehen.

Aus dem selben Grund wetterte Mises gegen Gewerkschaften und Kollektivverträge zur Lohnfestsetzung, gegen staatliche Eisenbahnen, kommunale Versorgungsbetriebe und sonstige öffentliche Unternehmungen, gegen Staatsausgaben zur Beschäftigungssicherung, gegen die progressive Einkommensteuer, etc. Auch wenn es sich dabei meist nur um die Einführung einzelner Maßnahmen handle, wenn dabei das Privateigentum und der Marktwettbewerb weiter bestehen, so führe die Politik des Staatsinterventionismus am Ende in den »Sozialismus« und damit in Chaos und Zusammenbruch von Wirtschaft und Gesellschaft.

Demgegenüber stellte Mises das Idealbild einer weitestgehend von Staatseingriffen freien Marktwirtschaft, in der ein ungestört und daher perfekt funktionierender Markt automatisch für Beschäftigung aller Ressourcen und das damit erzielbare Höchstmaß an Wohlstand sorge, während sich der Staat in ökonomischer Hinsicht auf die Sicherung der Person, ihrer Freiheit des Eigentums sowie auf die Landesverteidigung beschränkt.

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie  
Daten zur Person  Hauptwerke
Gründergeneration   Carl MENGER
1840-1921
 
»Grundsätze der Volkswirtschaftslehre« 1871
»Untersuchungen zur Methode der Sozialwissenschaften« 1883
 
Eugen von BÖHM-BAWERK 1851-1914 »Positive Theorie des Kapitals« 1889
»Macht oder ökonomisches
Gesetz« 1914
Friedrich von WIESER 1851-1926 »Der natürliche Werth« 1889
»Theorie der gesellschaftlichen
Wirtschaft« 1914
Zweite Generation Joseph Alois SCHUMPETER 1883-1950 »Theorie der wirtschaftlichen
Entwicklung« 1912
»Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie« 1942
Ludwig (von) MISES 1881-1973 »Die Gemeinwirtschaft« 1922
»Liberalismus« 1927
Spätere Generationen Friedrich August (von) HAYEK 1899-1992 »Economics and Knowledge« 1937
»Der Weg zur Knechtschaft« 1944
Fritz MACHLUP 1902-1983 »The Political Economy of Monopoly« 1952
Gottfried (von) HABERLER 1900-1995 »Der internationale Handel« 1933
»Prosperität und Depression« 1937 (Original Englisch)

Friedrich August Hayek: »Wettbewerb als Entdeckungsverfahren«

Der Feldzug von Mises gegen staatliche Wirtschaftpolitik wurde fortgesetzt von Friedrich August Hayek (1899-1992), dem 1974 gemeinsam mit dem schwedischen Ökonomen Gunnar Myrdal, der die konträre Richtung vertrat, der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen wurde.

Hayeks Haltung zu verschiedenen Formen der wirtschaftspolitischen Interventionen in das Marktgeschehen hat über die Jahrzehnte seines Lebens geschwankt.

Nachdem Hayek einige Jahre das 1927 gegründete Wiener Institut für Konjunkturforschung (heute: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung) geleitet hatte, wurde er 1931 auf einen Lehrstuhl an die London School of Economics berufen. Dort sollte er der aus der Sicht der englischen Konservativen höchst suspekten neuen Wirtschaftslehre von John Maynard Keynes Paroli bieten, die dem Staat die Hauptverantwortung bei der Überwindung der Wirtschaftskrise zuschrieb.

Hayek konnte den Siegeszug des Keynesianismus nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aufhalten und beschäftigte sich zunehmend mit Fragen der Wirtschaftsordnung, die über die Ökonomie hinaus gingen. Zeitweise war er geneigt, bestimmte Formen der Sozialversicherung zu akzeptieren und nicht bei jeder derartigen Maßnahme die »Einführung des Sozialismus durch die Hintertür« zu wittern. Letztlich blieb Hayek aber ein intransigenter Gegner des Sozialstaates und trat immer vehement gegen die von Keynes inspirierte Globalsteuerung der Wirtschaft durch Budget- und Geldpolitik im Interesse der Vollbeschäftigung ein3).

Gegen Soziale Marktwirtschaft

Hayek stand dem Konzept der »Sozialen Marktwirtschaft«, das nicht von Sozialdemokraten, sondern von den Ordnungspolitikern der deutschen Christdemokraten entwickelt wurde, immer ablehnend gegenüber.

In einem wichtigen Punkt beschritt Hayek allerdings andere Wege als sein geistiger Ahnherr Ludwig Mises. Während Mises das Ergebnis freier, d. h. von keiner Intervention »gestörten« Marktpreisbildung verabsolutierte und gleichsam zur »besten aller möglichen Welten« erklärte, war Hayek ein prinzipieller Kritiker eines solchen neoklassischen Ansatzes. Er sah die Vorzüge der Marktwirtschaft und ihre Überlegenheit im Systemwettbewerb in der Marktkonkurrenz als Prozess.

Nur der permanent stattfindende »Wettbewerb als Entdeckungsverfahren« kann gewährleisten, dass die besten Produkte erzeugt und die besten Produktionsverfahren dabei angewendet werden, daher kann diese Entscheidung keiner zentralen Instanz übertragen werden. Diese könnte niemals über das Wissen verfügen, das in Millionen Marktteilnehmern dezentral vorhanden ist und über die anonyme Marktkommunikation aktiviert wird.

Hayek geht auch von der Idee ab, dass ein einziges Marktgleichgewicht als soziales Optimum das höchste Ziel ist. Eine Vielzahl von gleichgewichtsnahen Zuständen kann man durchaus als gleichwertig betrachten, viel wichtiger ist, dass eine Wirtschaft ihr Potential an Wachstumsdynamik entfaltet, und dazu ist Wettbewerb unabdingbar.

Nicht schlüssig

Damit kann aber die politische Grundaussage Hayeks und seiner Anhänger sowie der heutigen selbsternannten Vertreter der Österreichischen Schule nicht schlüssig aus Hayeks zentralen Erkenntnissen abgeleitet werden. Wirtschaftspolitische Eingriffe in Form von makroökonomischer Globalsteuerung (expansive Geld- und Fiskalpolitik) verändern zwar das »Gleichgewicht« bzw. die Gesamtstrukturen der Wirtschaft, sie führen aber nicht zu einem von einem objektiven Standpunkt aus als »schlechter« zu beurteilenden Zustand, wenn der Wettbewerbs- und Marktprozess dort, wo Hayek seine Hauptfunktion sieht, nicht beeinträchtigt ist. Die Schaffung von Rahmenbedingungen für einen funktionsfähigen Wettbewerb ist eine zentrale Aufgabe der Wirtschaftspolitik, die vereinbar ist mit Globalsteuerung, Anreizen für Wachstum wie Investitions- und Forschungsförderung, auch mit staatlichen Systemen der sozialen Sicherheit.

Wirtschaftspolitisches Sektierertum

Die Position der radikalliberalen Richtung in der Österreichischen Schule zu Eingriffen in die Einkommensverteilung war immer schon wenig überzeugend. Klar ist, dass Einkommensunterschiede als Leistungsanreize notwendig sind. Dass jegliche Maßnahme zur Reduzierung der Ungleichheit - wie z. B. die von Hayek und seinen heutigen Nachfolgern bekämpfte Steuerprogression - von der besten aller möglichen Welten weg führt, ist schon deswegen nicht schlüssig, weil die jeweils gegebene Vermögens- und Einkommensverteilung Resultat historischer Entwicklungen ist, wo sich heute noch Jahrhunderte zurück liegende Einflussfaktoren auswirken. Man kann also keinesfalls argumentieren, dass sie das Ergebnis des Wirkens freier Marktkräfte ist, in das deshalb nicht eingegriffen werden dürfe. Jede Modifikation der Einkommens- und Vermögensverteilung zieht auch ein anderes »Gleichgewicht« bei der Allokation der Produktionsfaktoren nach sich, ein objektives Kriterium für besser und schlechter gibt es da nicht.

Das wirtschaftspolitische Sektierertum der heutigen »Österreichischen Schule« ist eine unzulässige und unglaubwürdige Usurpation eines guten Namens.

Während es in den Fünfzigerjahren so aussah, als ob wesentliche Erkenntnisse der Österreichischen Schule im Sinne der Gründerväter oder auch Joseph Schumpeters zum Kernbestand nationalökonomischen Wissens gehören und damit aber in diesem aufgehen, kam es seit damals auch von den USA ausgehend zu einer eigenartigen »Renaissance«. Eine Gruppe von extrem marktliberalen Ökonomen in den USA schlossen sich den - keineswegs aus den grundlegenden Lehren der Schule abgeleiteten - wirtschaftspolitischen Extrempositionen von Mises und Hayek an und bildeten eine wirtschaftspolitische Sekte, deren Vertreter heute auch gesellschaftspolitische Extrempositionen wie freien Waffenverkauf oder globale Wanderungsfreiheit propagieren.

Gefolgschaft verweigert

Aber auch bei Hayek selbst grenzen einzelne Aussagen an Sektiererei, etwa wenn er angesichts des angeblich unlösbaren Inflationsproblems die freie Wahl der Währung als Zahlungsmittel forderte oder in einem Kommentar zur Lage in Österreich 1975 kundtat, dass zu einer Stabilisierung der Preise in Österreich eine Arbeitslosenrate von 10 bis 12 Prozent notwendig sei4). Ebenso wenig haben sich die seit den Fünfzigerjahren stereotyp wiederholten Prophezeiungen Hayeks bewahrheitet, der Keynesianismus führe am Ende unweigerlich in die zentrale Planwirtschaft.

Diesem Hang zum Sektierertum sind viele Ökonomen, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren zu dem von Ludwig Mises in seinem Büro in der Wiener Handelskammer bzw. im Restaurant »Ancora verde« versammelten Kreis zählten und die nach der nationalsozialistischen Okkupation 1938 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder ihrer politischen Gesinnung aus Österreich vertrieben wurden oder es schon vorher verlassen hatten, später in den USA nicht gefolgt. Gottfried Haberler oder Fritz Machlup etwa, um nur zwei prominente Namen zu nennen, haben den Keynesianismus zumindest zu wichtigen Teilen anerkannt und immer realpolitische Bodenhaftung bewahrt. Oskar Morgenstern, der Nachfolger Hayeks als Leiter des Instituts für Konjunkturforschung, hat sich schon 1934 in seinem Buch »Die Grenzen der Wirtschaftspolitik« vom prinzipiellen Anti-Interventionisus des Ludwig Mises distanziert.

1) Durch die Universitätsprofessoren Peter Rosner in der »Presse« vom 22. 1. 2005 und Hansjörg Klausinger im »Standard« vom 26. 3. 2005.
2) Mit einem Spitzensteuersatz von 5 Prozent hielt sich diese Progression allerdings in engen Grenzen.
3) Hayeks Ausritte gegen die Gewerkschaften sind dokumentiert in dem in Heft 11/2004 dieser Zeitschrift erschienenen Beitrag von Sepp Wall-Strasser, »Gewerkschaften gehören bekämpft und zerschlagen«.
4) In einem Interview mit der Zeitschrift »Profil« vom 2. 1. 1975


Z U S A M M E N F A S S U N G

Die Fiktion des nach objektiven Kriterien gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Optimums der reinen Marktwirtschaft, das durch Staatseingriffe nur gestört wird, lässt sich aus den Lehren der Österreichischen Schule nicht ableiten. Neben der Eigenlogik von Marktprozessen gibt es in jeder Gesellschaft unterschiedliche Interessen verschiedener Gruppierungen, zwischen denen vermittelt werden muss, um zu den notwendigen politischen Entscheidungen und Weichenstellungen zu kommen.

Wenn die Lehren von Mises und Hayek durch die Bestätigung ihrer Vorhersage des Zusammenbruchs der zentral geplanten Staatswirtschaft Auftrieb erhalten hat, so ist dies keineswegs eine Bestätigung für die Behauptung, dass der Keynesianismus unweigerlich in die zentrale Planwirtschaft führt, oder von unschlüssigen, unplausiblen und sektiererischen Extrempositionen in anderen Bereichen der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, wie sie von heutigen Anhängern propagiert werden - als Grundlage für eine seriöse Wirtschaftspolitik sind sie nicht geeignet. Die Markenbezeichnung »Österreichische Schule« sollte dafür nicht missbraucht werden.

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