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Protestaktion der ÖGJ beim ÖGB-Bundeskongress 2018

Jugend.Mitbestimmung.Jetzt

Schwerpunkt Klassenkampf von oben

Es liegt in der Natur des Menschen, mitbestimmen zu wollen. Wenn die Regierung der Jugend ihre Stimme nimmt, wird sie laut. Denn das lässt sie sich nicht gefallen.

Die politische Mitbestimmung und das Wahlrecht sind die zwei wichtigsten Merkmale einer Demokratie. Zwei Aspekte, die auch in der Arbeitswelt bedeutsam sind. Denn: „Die erste Form der demokratischen Mitbestimmung im Betrieb ist der Jugendvertrauensrat, der muss unbedingt bleiben. In der Schule gibt es den Klassensprecher, im Betrieb den Jugendvertrauensrat. Das ist ein gutes Training für alle guten BetriebsrätInnen. Und dafür setzen wir uns ein“, kommentierte etwa Bernhard Achitz, Leitender Sekretär des ÖGB, die Pläne der Bundesregierung, den Jugendvertrauensrat abschaffen zu wollen.
Der Jugendvertrauensrat (JVR) vertritt die Interessen der Lehrlinge und jungen Beschäftigten im Betrieb. Er kümmert sich darum, dass gesetzliche Bestimmungen zur Lehrlingsausbildung eingehalten werden, ist Ansprechperson bei schulischen und privaten Problemen und dient auch als Bindeglied zwischen Vorgesetzten und Lehrlingen. Er ist die Stimme der jungen Beschäftigten im Betrieb.

Laute Stimmen für die Lehrlinge
Rund 3.000 Jugendvertrauensräte und Jugendvertrauensrätinnen gibt es derzeit in Österreich. Eine von ihnen ist Victoria Schwarz. Sie ist in der Ausbildung zur Karosseriebautechnikerin bei einem großen Autozulieferer in der Nähe von Graz. Als im August 2017 die Neuwahlen zum Jugendvertrauensrat anstanden, war es für sie klar, dass sie sich der Wahl stellt. „Ich habe mich vorher schon engagiert, mich kannten die meisten Lehrlinge und ich verstehe mich mit ihnen sehr gut.“ Die Vorteile des Jugendvertrauensrats liegen für sie auf der Hand: „Meine Chefs sind froh, dass ich mit den gesammelten Anliegen der Lehrlinge zu ihnen komme. Sie hätten nie die Zeit, mit jeder und jedem Einzelnen lange zu reden.“

Problemvermeidung
Auch Josef Rehberger, Jugendvertrauensrat in der voestalpine Linz, weiß, was es heißt, Jugendvertrauensrat zu sein. Der gelernte Produktionstechniker ist dort Ansprechpartner für mehr als 460 Lehrlinge: „Der Jugendvertrauensrat ist wichtig, weil er die einzige Möglichkeit für Lehrlinge ist, im Betrieb mitzubestimmen. Die JVRs werden von den Lehrlingen gewählt, die bei Problemen zu uns kommen. Oft können wir hier schon im Vorhinein helfen, damit es erst gar nicht zu einem ernsthaften Problem kommt.“
Zeitintensive Gespräche sind dafür mitunter notwendig. Victoria Schwarz erzählt: „Ein Lehrling kam immer wieder zu spät, bei der Arbeit wirkte er oft abwesend und blieb auch manchmal unentschuldigt fern. Im Gespräch vertraute er sich mir an. Er hatte Krach mit seiner Freundin und Streit mit den Eltern.“ Gemeinsam mit dem Chef wurde eine Lösung gefunden und er kann die Lehre fertig machen. Victoria ist sich sicher: „Jemandem älteren hätte er sich nie anvertraut und er wäre heute möglicherweise ein Lehrabbrecher.“
Warum die Regierung vorhat, den Jugendvertrauensrat abzuschaffen, verstehen selbst so manche UnternehmerInnen nicht. Eine von ihnen ist Petra Mathi-Kogelnik, Geschäftsführerin von DM: „Der JVR ist eine wichtige Institution, da dadurch die Sichtweisen, Ansichten, Bedürfnisse und Interessen der Jugendlichen auch seitens der Gewerkschaften vertreten werden. Uns als Unternehmen ist es ein Anliegen, dass wichtige Themen unserer Jugendlichen direkt von ihnen kommen. Als Unternehmen sind wir offen, diese Themen gemeinsam mit dem JVR zu diskutieren und zu bearbeiten. Für uns ist der JVR eine wichtige Institution, um unsere Organisation weiterzuentwickeln.“

Zum Nachteil der Lehrlinge
Die Gewerkschaftsjugend ist aufgrund der vielen Verschlechterungen, die die Regierung für Lehrlinge umsetzt, sauer. Susanne Hofer, Vorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) bringt es auf den Punkt: „Ständig von mehr Mitbestimmung der Bevölkerung zu sprechen, aber gleichzeitig den Jugendvertrauensrat, also den Lehrlingssprecher, abschaffen zu wollen, nimmt fast schizophrene Züge an. Die Regierung will Jugendliche offensichtlich mundtot machen.“ Aber nicht nur das: Für über 18-jährige Lehrlinge in der überbetrieblichen Lehrausbildung hat die Regierung die Ausbildungsbeihilfe um fast 400 Euro auf die Hälfte gekürzt. Und auch vor dem Zwölfstundentag sind volljährige Lehrlinge nicht geschützt, für sie gilt wie für alle anderen das neue Arbeitszeitgesetz.
Das neue Arbeitszeitgesetz macht es für Unternehmen möglich, Lehrlinge nach acht Stunden Berufsschule in die Arbeit zu holen. Einschränkungen sind nämlich nur für Minderjährige vorgesehen, für sie ist eine Beschäftigung im Betrieb nach einem Schultag von acht Stunden nicht mehr zulässig. Susanne Hofer ist besorgt: „Diese Arbeitszeitregelungen schaffen den Lehrlingen nur Probleme anstatt sie zu schützen. Uns liegen jetzt schon genügend Fälle vor, in denen Lehrlinge verbotenerweise nach der Berufsschule arbeiten müssen. Der Zwölfstundentag macht es möglich, Lehrlinge als billige Arbeitskräfte auszunutzen und sie nach der Berufsschule für die Abendschicht in den Betrieb zu holen. Das ist keine Ausbildung, sondern Ausbeutung!“
Auch hier sind es die Jugendvertrauensräte, die auf solche Missstände aufmerksam werden – wie bei folgendem Beispiel: Angelika S. (Name v. d. Red. geändert) begann eine Ausbildung in einem Gastronomiebetrieb und musste mehr als ein Jahr lang länger als zwölf Stunden arbeiten. An Berufsschultagen begann sie ihren Tag um 7.30 Uhr, war bis 16.15 Uhr in der Schule und musste danach ab 17.00 Uhr bis 21.30 Uhr und länger verbotenerweise arbeiten. Auch an Arbeitstagen, an denen sie keine Berufsschule hatte, musste sie mehrfach länger arbeiten. Ihr Chef hat sie nach ihrer offiziellen Arbeitszeit immer „gebeten“, länger zu bleiben, so dass sie an manchen Tagen von 9 bis 23 Uhr im Betrieb war. Die Gewerkschaft unterstützte sie und leitete rechtliche Schritte ein. Mittlerweile hat sie das Unternehmen verlassen und absolviert ihre Ausbildung in einem anderen Betrieb.

Nach vorne und nicht zurück
Bei der Österreichischen Gewerkschaftsjugend ist Partizipation kein Fremdwort. Die ÖGJ-Vorsitzende ist überzeugt: „Als Jugend haben wir Erfahrung mit Mitbestimmung, wir stehen im Dialog mit jungen ArbeitnehmerInnen und wissen, wo der Schuh drückt. Gerade haben wir unsere Kampagne ‚Jugend.Mitbestimmung.Jetzt‘ ins Leben gerufen, weil wir es uns eben nicht gefallen lassen, dass uns unsere Stimme genommen werden soll. Wir stehen auf der Straße, sprechen mit den Leuten, machen Aktionen und kämpfen um unser Recht auf Mitbestimmung, um den Jugendvertrauensrat. Wir stellen die Bedürfnisse der jungen ArbeitnehmerInnen in den Mittelpunkt.“

Besonders betroffen
Das neue Arbeitszeitgesetz, der Zwölfstundentag und die 60-Stunden-Woche, betrifft alle ArbeitnehmerInnen – die Jugend aber besonders, meint Hofer: „Wir stehen erst am Anfang unseres Arbeitslebens. Es ist logisch, dass diese Verschlechterungen, dieses Zwölfstundentagsgesetz die Jugend am härtesten und längsten trifft. Das nehmen wir nicht einfach so hin. Wir kämpfen um mehr Mitbestimmung und um mehr Demokratie, aber auch für eine Arbeitswelt, die uns nicht krank macht. Wir wollen ein Leben, das gesund ist und dazu braucht es Arbeitszeiten, die nicht krank machen und genügend Ausgleich.“
Die Regierung katapultiert Österreich mit ihren Maßnahmen zurück ins letzte Jahrhundert: Mehr Arbeit, weniger Freizeit und weniger Mitbestimmung. Die Gewerkschaftsjugend und die JugendvertrauensrätInnen in Österreich akzeptieren das nicht und geben den jungen ArbeitnehmerInnen und Lehrlingen ein Stimme. Susanne Hofer betont: „Es geht um unser Leben, unsere Arbeit und unsere Freizeit. Wir wollen, dass Menschen mitreden können. Revolutionen passieren dann, wenn Menschen merken, dass sie was verändern können – und wir verändern was für die ArbeitnehmerInnen.“

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin barbara.kasper@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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