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Grafik: Arbeit&Wirtschaft 7/2017 - Gender Pay Gap in den EU-Mitgliedstaaten 2015 Gender Pay Gap in den EU-Mitgliedstaaten 2015. Anteil der Beschäftigten, die am Wochenende/abends/nachts arbeiten.

Teilzeit: Armutsfalle für Frauen

Schwerpunkt Arbeitszeit

Immer noch sind Frauen und MigrantInnen in puncto Arbeitszeit massiv benachteiligt. Arbeitsrechtliche Verbesserungen sind nur der erste Schritt.

Papa sitzt zu lange im Büro, Mama ist nur teilzeitbeschäftigt: Immer noch ist das ein typisches Bild in den meisten österreichischen Familien. Die klassische Rollenverteilung in der Familie, nach der die Frau ihre Karriere und den beruflichen Aufstieg zugunsten der Kinderbetreuung an den Nagel hängt, ist noch längst nicht überwunden.
Die neuesten Daten zeigen: Im Durchschnitt verdienen österreichische Frauen immer noch um 21,7 Prozent weniger als Männer. Damit besetzt Österreich das EU-Spitzenfeld, wenn es um den sogenannten Gender-Gap geht: Unter den 28 EU-Staaten liegt unser Land auf dem hohen vierten Platz.
Die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie ist in der österreichischen Politik immer noch ein heißes Thema. „In der Vergangenheit wurde oft ausschließlich die Freiheit für Frauen propagiert, zu Hause beim Kind zu bleiben. Aber weder die Freiheit der Männer, beim Kind zu bleiben, noch die Freiheit beider Eltern, Beruf und Familie zu vereinbaren, wurde damit angesprochen“, kritisiert Sybille Pirklbauer, Expertin in der Abteilung Frauen und Familie der AK Wien.

Alles dreht sich um Kinderbetreuung

In den letzten zehn Jahren konnte man zwar die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern in Österreich etwas verringern: 2007 lagen sie noch bei 25,5 Prozent. Substanzielle Verbesserungen in diesem Bereich sind aber immer noch Zukunftsmusik.
Fehlende Kindergartenplätze und wenige Ganztagsangebote sind die häufigsten Gründe, warum sich immer noch viele junge Mütter entscheiden, nach der Babypause nur Teilzeit zu arbeiten – mit gravierenden Folgen, wie manche ExpertInnen warnen. „Ein Problem dabei ist oft die geringe Stundenzahl und damit der geringe Verdienst – mit allen Nachteilen für die soziale Absicherung“, stellt Sybille Pirklbauer fest. Die AK-Expertin räumt zwar ein, dass gerade in den letzten Jahren in diesem Bereich einiges passiert ist, vor allem durch die Mitfinanzierung des Bundes bei der Schaffung von neuen Kinderbetreuungsplätzen. Da die finanzielle Unterstützung des Bundes in diesem Jahr aber ausläuft, appelliert sie an deren Weiterführung bei einer gleichzeitigen Entlastung der Gemeinden. „Wir haben noch lange kein ausreichendes Platzangebot und auch die Öffnungszeiten sind noch verbesserungsbedürftig“, so die AK-Expertin.

Wirtschaft in der Pflicht

Auch für die Gewerkschaften ist die Kinderbetreuung ein zentrales Anliegen in der Frauenpolitik. „Umfragen zeigen, dass viele Frauen auf Vollzeit umsteigen würden, wenn sich das mit der Kinderbetreuung organisieren ließe. Leider scheitern viele an den Öffnungszeiten“, beklagt Renate Anderl, ÖGB-Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende. Sie fordert einen Ausbau von Kindergartenplätzen, die der Arbeitsrealität entsprechen. Dabei nimmt sie auch die Wirtschaft in die Pflicht: „Wir müssen in den Betrieben für einen massiven Ausbau der Betriebskindergärten werben. Der Ausbau der Kinderbetreuung ist nicht nur das beste Instrument, die Erwerbsfähigkeit der Mütter zu erhöhen, sondern führt auch zu höheren Einkommen und in weiterer Folge zu höheren Pensionen“, so die  ÖGB-Vizepräsidentin.
In der Frage der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie betont Anderl, dass es zu einem gesellschaftlichen Umdenken in Österreich kommen muss, insbesondere was die Rolle der Väter betrifft. „Väter wollen ihre Verantwortung wahrnehmen. Aber der fehlende Rechtsanspruch beim Papamonat oder auch der kurze Kündigungsschutz bei der Väterkarenz sind oft hinderlich“, sagt die ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende.
Sie stelle mitunter fest, dass es für manche Männer gar nicht leicht ist, die Väterkarenz in Anspruch zu nehmen. „Der Wille der Väter, mehr Verantwortung zu übernehmen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Partnerin zu erleichtern, ist gegeben, aber: Je höher die Position der Väter ist, desto öfter schieben die Unternehmen einen Riegel vor. Hier muss man ansetzen“, appelliert Anderl.

Überstunden reduzieren

Mit dem neuen Kinderbetreuungskonto wurden laut Expertinnen bereits positive Schritte gesetzt. Nun geht es darum, Maßnahmen zu entwickeln, mittels derer man nach der Karenz ausgeglichenere Arbeitszeiten bei Frauen und Männern erreicht. Sybille Pirklbauer würde bei den Überstunden ansetzen.
„Man muss die überwiegend von Männern erbrachten Überstunden reduzieren, etwa indem man diese für den Arbeitgeber teurer macht“, so die AK-Expertin. Sie verweist auf Modelle in Deutschland, in denen Eltern, die beide 30 Stunden arbeiten, einen Partnerschaftsbonus erhalten. „Das könnte auch für Österreich interessant sein, zumal es mit der Elternteilzeit einen arbeitsrechtlichen Rahmen dafür gäbe“, räumt Pirklbauer ein.

Folgen für den Wohlstand

Für ÖkonomInnen hingegen hat die Benachteiligung von Frauen auf dem heimischen Arbeitsmarkt direkte Folgen für den Wohlstand. „Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsmarkt wäre aus Effizienzperspektive im Sinne des Wirtschaftswachstums nützlich, denn Gleichberechtigung bedeutet auch, dass die besten ArbeitnehmerInnen – unabhängig von ihrem Geschlecht – für einen Job ausgewählt werden“, analysiert Alyssa Schneebaum, wissenschaftliche Mitarbeiterin der WU Wien und Expertin für Genderfragen in der Wirtschaft. Schneebaum warnt, dass bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Frauen gleichzeitig einen effizienten Schutz vor Armut bedeuten.
In ihrer Forschung konzentriert sich die junge Wissenschafterin auf MigrantInnen und ihre Stellung auf dem Arbeitsmarkt. „Frauen mit Migrationshintergrund erfahren oft eine doppelte Diskriminierung, als Frau und als Migrantin“, so Schneebaum. Sie hält dabei fest, dass sich migrantische Familienstrukturen in der Regel negativ auf den beruflichen Aufstieg der Frauen auswirken.
„Innerhalb von Familien mit Migrationshintergrund stellen wir fest, dass leider die Männer viel öfter als Frauen höhere Bildungsniveaus als ihre Eltern erreichen. Ein wahrscheinlicher Grund sind die schlechteren Chancen am Arbeitsmarkt für Frauen mit Migrationshintergrund. Dann kann es aus Perspektive der Familie Sinn machen, dass vor allem Männer sich bilden und arbeiten gehen“, sagt die Ökonomin.

Wenig Spielraum für Migrantinnen

Auch Petra Wetzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei L&R Sozialforschung und Autorin mehrerer Studien zur Stellung von MigrantInnen auf dem Arbeitsmarkt, weist auf eine schwierige Situation von Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt hin, insbesondere in puncto Arbeitszeit.
„Viele Migrantinnen arbeiten in Jobs mit spezifischen Arbeitszeitregelungen. Arbeitszeiten außerhalb der regulären Kinderbetreuungszeiten wie Abend-, Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdienste erschweren die Abstimmung von Arbeit und Kinderbetreuung“, sagt Wetzel. Darüber hinaus reduzieren vergleichsweise niedrige Einkommen bei Migrationen ihre Gestaltungsspielräume bei der Kinderbetreuung.
Die Antwort auf diese komplexe Problematik steckt in der Bildungsmobilität: Diese könnte sich nämlich in Zukunft positiv auf die Karrierechancen von Frauen, insbesondere Migrantinnen, auswirken. Dabei muss man früh ansetzen. „Der Besuch von Kindergärten und jeder Art von vorschulischen Bildungseinrichtungen ist in Österreich für einen späteren Bildungserfolg sehr wichtig, vor allem für Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund“, betont Alyssa Schneebaum.

Schule im Zentrum

Für mehr Bildungs- und Berufsmobilität sei auch eine spätere schulische Selektion entscheidend, so die Ökonomin. „Es ist gut erforscht, dass eine spätere Trennung in der Schule – also nicht wie derzeit in Österreich mit zehn – zu mehr Mobilität führt. Gleiches gilt auch für die Ganztagsschule, da in diesem Fall der Schulerfolg weniger davon abhängt, wie viel Zeit oder Geld die Eltern für Nachhilfe und generell für das Lernen und die Bildung außerhalb der Schule haben“, stellt Schneebaum fest.

Linktipps:
„Frauen und Arbeitzeit“:
tinyurl.com/y8hnfdw3
L&R-Studie „Beschäftigungssituation von Personen mit Migrationshintergrund in Wien“:
tinyurl.com/yaurfzoj

Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor nedad.memic@gmail.com oder die Redaktion aw@oegb.at  

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