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Symbolbild dafür, zu wenig Zeit für Kinder zu haben Nach einem 12-Stunden-Arbeitstag keine Zeit mehr mit den Kindern verbringen zu können, zählt zu den größten Sorgen von berufstätigen Eltern.

Verlorene Tage

Schwerpunkt Arbeitszeit

Warum der 12-Stunden-Tag negative Folgen für die Gleichstellung von Frauen und Männern in Österreich hätte.

16.000 Menschen haben sich im Frühjahr 2017 an einer AK-Online-Befragung zum 12-Stunden-Tag beteiligt. Allein die extrem hohe Bereitschaft zur Teilnahme an der Befragung verdeutlicht, wie sehr dieses Thema die Beschäftigten berührt. So geht mehr als die Hälfte davon aus, dass sie ein genereller 12-Stunden-Tag sicher oder wahrscheinlich betreffen würde.

Gutes Stimmungsbild

Viele haben bereits an einzelnen Tagen 12 Stunden gearbeitet. Lediglich ein Viertel hat geantwortet, noch nie so lange gearbeitet zu haben. Die Befragung ist zwar nicht repräsentativ, gibt aber aufgrund der hohen Rückmeldungen Aufschluss darüber, wie es um die Akzeptanz des 12-Stunden-Tages steht und welche Probleme im Zusammenhang damit gesehen werden. Vor allem die zahlreichen Kommentare geben ein gutes Stimmungsbild wieder.

Work – Eat – Sleep – Repeat

9 von 10 halten es für sehr oder eher schwierig, wenn der Arbeitgeber jederzeit 12 Stunden Arbeitszeit verlangen könnte, ohne dass es möglich ist, dies abzulehnen, oder wenn vorgeschrieben wird, wann Zeitguthaben zu verbrauchen sind. Besonders häufig gab es kritische Anmerkungen, wie ein Arbeitstag von 12 Stunden mit der Familie vereinbar sein soll. An diesen Tagen geht sich nicht mehr aus als Einkaufen, Essen, Schlafen. Eine Person hat das anschaulich als „Work – Eat – Sleep – Repeat“ bezeichnet. Auch von „verlorenen Tagen“ oder „Raub von Lebensplanung“ ist die Rede.

Zeit mit den Kindern?

Es ist nur allzu verständlich, dass Eltern mit ihren Kindern den Tag ausklingen lassen wollen. So wird die Sorge geäußert, an diesen langen Arbeitstagen die Kinder nicht mehr zu sehen. Auch höhere Ausgaben für die externe Betreuung von Kindern und keine Zeit mehr für Hausaufgaben mit den Kindern zu haben, werden als Schwierigkeiten angeführt. Dies würde auch zu Mehrbelastungen für Großeltern führen, die an diesen Tagen einspringen müssten. 59 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer hätten bei der Einführung des 12-Stunden-Tages ein echtes Problem mit der Organisation der Kinderbetreuung. Eine Alleinerzieherin antwortete, dass sie mangels familiärer Unterstützung diese beruflichen Anforderungen nicht erfüllen könne. Damit würden sie und andere in dieser Lebenslage von gut bezahlten Jobs ausgeschlossen.
Viele sind durch lange Anfahrtswege zur Arbeit belastet, bei denen in Summe bis zu zwei, drei Stunden Fahrtzeit pro Arbeitstag draufgehen. Allein in der Ostregion Wien, Niederösterreich und Burgenland pendelt täglich eine Viertelmillion Menschen. Die meisten, die pendeln, können sich nicht vorstellen, wie ein 12-Stunden-Tag machbar sein soll. Vereinzelt wurde es aber auch als Vorteil gesehen, durch weniger Arbeitstage Wegzeiten zu sparen.
Neben fehlender Zeit für die Familie wurde auch mehrfach genannt, dass die Freizeit und das Privatleben darunter leiden würden. Es bliebe keine Zeit mehr für Hobbys, da man nach dem 12-Stunden-Tag „nur mehr erschöpft ist, dann nicht mehr rausgehen will und nur noch auf der Couch liegen möchte“, wie ein Antwortender dies anschaulich schilderte. Auch Sorgen um die Gesundheit, Überforderung und fehlende Zeit für Erholung, erhöhte Unfallgefahr und dauerhafte Erschöpfung werden mit überlangen Arbeitszeiten assoziiert. Aus den Rückmeldungen geht also hervor, wie wichtig es ist, an Arbeitstagen zusätzlich noch Zeit für Familie und Freizeit zu haben und nicht an einzelnen Tagen nur aufs Arbeiten beschränkt zu sein. Einige fanden es allerdings auch attraktiv, in wenigen Tagen das wöchentliche Arbeitspensum erfüllen zu können.

Fördert traditionelle Arbeitsteilung

Vor allem mit Kindern ist es wichtig, dass für beide Elternteile familienfreundliche Arbeitszeiten vorhanden sind. Ist das nicht der Fall, so fördert das eine ungleiche Aufteilung von Erwerbsarbeit, insbesondere vor dem Hintergrund ungünstiger zeitlicher Rahmenbedingungen von Kindergärten und Schule. Ohne familienfreundliche Arbeitszeiten und entsprechende Einrichtungen werden traditionelle Rollenmuster (re-)aktiviert. Das verdeutlichen auch die Ergebnisse aus der Online-Befragung. So gehen 39 Prozent der Männer davon aus, dass die Partnerin im Fall eines 12-Stunden-Tages die Kinderbetreuung übernehmen würde. Frauen würden aber viel seltener auf den Partner zur Bewältigung der Betreuungssituation zurückgreifen (17 Prozent), dafür geben sie häufiger an, sie hätten ein echtes Problem.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Arbeitszeiten von Frauen und Männern kontinuierlich angenähert. Während sich früher Frauen mit Kindern über viele Jahre von der Berufstätigkeit zurückzogen und sich voll auf Hausarbeit und Kinderbetreuung konzentrierten, ist mittlerweile ein Wiedereinstieg – zumeist in Teilzeit – nach Ende der Karenzzeit üblich. Das sogenannte Ernährermodell (Mann Vollzeit, Frau nicht erwerbstätig) ist zunehmend dem Zuverdienermodell (Mann Vollzeit, Frau Teilzeit) gewichen. Eine Angleichung der Arbeitszeiten zwischen den Geschlechtern ist ein zentraler Hebel, um die Einkommensschere im Erwerbsleben und in der Folge in der Alterspension zu schließen.

Halbe-halbe-Modell

Ziel sollte ein Halbe-halbe-Modell mit einer weitgehenden Annäherung der Arbeitszeiten von Frauen und Männern und einer partnerschaftlichen Aufteilung von Betreuungspflichten sein. Denn nur so ist eine eigenständige Existenzsicherung für beide Geschlechter möglich. Dazu braucht es aber auch entsprechende Rahmenbedingungen. Günstige Voraussetzungen dafür sind eine generelle Arbeitszeitverkürzung und familienfreundliche Arbeitszeiten für Mütter und Väter. Auch Erleichterungen beim Aufstocken von Teilzeitarbeit einerseits und die Begrenzung von Überstunden andererseits sind ebenfalls hilfreich, um die bezahlte Arbeit zwischen Frauen und Männern gerechter aufzuteilen. Der 12-Stunden-Tag hätte gegenteilige Effekte. Denn wie die oben angeführten Rückmeldungen zur Online-Befragung zeigen, steigt mit einem 12-Stunden-Tag der Druck, Kinderbetreuung, Hausarbeit und berufliche Arbeit bewältigen zu können. Und immer dann, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwierig wird, wird auf das traditionelle Muster der Arbeitsteilung zurückgegriffen: Die Väter konzentrieren sich auf die Erwerbsarbeit und die Mütter übernehmen die Versorgungsaufgaben und den Zuverdienst. Angesichts der Rahmenbedingungen in der Kinderbetreuung – laut aktueller Kindertagesheimstatistik sind 57 Prozent der Kinderbildungseinrichtungen bereits vor 17 Uhr (!) geschlossen und die Mehrzahl der Schulen wird nur halbtags geführt – haben überlange Arbeitszeiten negative Folgen für die Gleichstellung von Frauen und Männern und würden Strategien der partnerschaftlichen Aufteilung von Beruf und Familie entgegenwirken.

Konsistente Strategie nötig

Es braucht gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die eine Annäherung der Arbeitszeiten und damit der Einkommen fördern und nicht konterkarieren. Eine konsistente Strategie bei der Gleichstellung muss auch Arbeitszeitpolitik und ihre Wirkung auf die Geschlechter mitbedenken. Dazu braucht es kürzere und planbare Arbeitszeiten, ganztägige Betreuungsangebote und Anreize für eine ausgewogene Verteilung von Erwerbsarbeit zwischen Paaren.
Teile der Wirtschaft rufen nach dem 12-Stunden-Tag, um rasch auf die betrieblichen Anforderungen reagieren zu können. Allerdings könnte das zu kurz gedacht sein, wenn damit viele Beschäftigte unter Druck gebracht werden. Aus einer umfassenden ökonomischen Perspektive betrachtet, erscheint es doch sinnvoller, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass das gesamte Erwerbspotenzial gute Voraussetzungen vorfindet, um am Arbeitsmarkt teilzuhaben. Es wäre ein Fehler aus der Perspektive der Gleichstellung, aber auch der Wirtschaft insgesamt, Frauen in eine Randposition des Arbeitsmarktes zu drängen.

Linktipps:
AK-Umfrage zum 12-Stunden-Tag:
tinyurl.com/ycogx4ym
Väter-Barometer Deutschland:
tinyurl.com/hcpwcen

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin ingrid.moritz@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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