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Soziologe Christoph Reinprecht Der Soziologe Christoph Reinprecht forscht zu den Themen Migration, Sozialstruktur und soziale Ungleichheit.
Soziologe Christoph Reinprecht

Interview: Gentrifizierung auf Wienerisch

Schwerpunkt Großstadt

Der Soziologe Christoph Reinprecht über die Frage, ob Großstadtleben nur noch etwas für Reiche ist, und Herausforderungen beim sozialen Wohnbau.

Arbeit&Wirtschaft: In europäischen Großstädten sind Mieten geradezu unleistbar geworden. Ist das Leben dort in Zukunft nur noch etwas für Reiche?

Christoph Reinprecht: Grosso modo kann man schon sagen, dass es die Tendenz zu einer Metropolitanisierung gibt: Die Stadtregionen dehnen sich aus und werden zu Metropolregionen. In Wien ist das etwas schaumgebremst, aber es bricht auf, etwa im Hinblick auf den urbanen Großraum Bratislava. Damit geht einher, dass die innerstädtischen Lagen eher teuer werden und damit eine Tendenz zur „Verbürgerlichung“ haben.
Wien hat zwei Besonderheiten. Die eine ist, dass es nach wie vor viele Flächen gibt, die nicht bebaut sind. Das sind potenzielle Entwicklungsgebiete, etwa Donaufeld. Das ist ganz interessant, denn das ist eigentlich ein landwirtschaftlich genutztes Gebiet, das derzeit einer Flächenwidmung unterworfen ist. Dort wird ab 2019 gebaut mit relativ dichter Verbauung, ich glaube zehnstöckig.
Das andere ist, dass Wien nach wie vor eine sehr aktive Wohnbauförderung hat und vor allem ein sehr ausdifferenziertes System zwischen Gemeindebau neu, also sozial gefördertem Wohnbau ohne Eigenmittelanteilen, bis hin zu gefördertem Wohnbau mit hohen Eigenmittelanteilen und Buy-out-Optionen nach zehn Jahren. Diese Mischung nimmt den Druck weg und man hat in Wien sehr viele Möglichkeiten, auszutarieren und das Bevölkerungswachstum ein Stück weit abzufangen.

Ist also Wien von Gentrifizierung gar nicht so sehr betroffen?

Die geltende, offizielle These ist: Verglichen mit dem, was in anderen Städten passiert, gibt es das nicht. Allerdings ändert sich da in Wien sehr viel. Das eine ist, dass es im gründerzeitlichen Baubestand in der Tat Prozesse gibt, die sehr viel mit Gentrifizierung zu tun haben. Wir haben innenstadtnahe Lagen, wo es traditionell günstigen Wohnraum gab, traditionell kleinere Wohnungen. Ein Paradebeispiel ist die Reindorfgasse im 15. Bezirk: Das ist ein Gebiet, das war ärmlich, und seit zehn Jahren siedeln sich dort Künstler und Creative Industries an. Damit einher gehen Aufwertungen von Wohnraum und natürlich Preissteigerungen.
Der andere Aspekt, der damit aber zusammenhängt, ist, dass wir in Wien einen langfristigen Effekt haben, der auf die sanfte Stadterneuerung zurückzuführen ist. Diese war an sich eine gute Sache, weil sie davon ausging: Wir geben Kredite zu günstigsten Konditionen, Hausbesitzer oder Mieter renovieren, legen auch Wohnungen zusammen – aber sie bleiben. Das hat auch weitgehend funktioniert, aber nur so lange, wie die Mieter geblieben sind.
Wir haben mittlerweile erstens andere Arten von Sanierung, zweitens kommen durch die sanfte Erneuerung zunehmend Wohnungen saniert auf den Markt. Diese sind Kategorie-A-Wohnungen und damit letztlich frei bepreist, nicht gänzlich, aber doch. Von diesen werden auch mehr frei, weil die Befristungen zunehmen, die Menschen mobiler sind, die Kinder ausziehen – es gibt ja Tausende Gründe dafür. Das ist ein bisschen ein Teufelskreis.
Ich würde sagen, dass es schon so etwas wie eine Gentrifizierung gibt – unter spezifisch Wiener Vorzeichen: Weil der Altbaubestand im Mietrecht ist und weil es auch in den Gründerzeitgebieten eine starke Durchmischung mit sozial gefördertem Wohnraum gibt, führen die Aufwertungsprozesse nicht zwingend dazu, dass alle, die da sind, verdrängt werden. Beim Brunnenviertel würden viele sagen: Gentrifizierung nein, weil die, die da leben, auch die migrantische Bevölkerung, aufgrund dieser besonderen mietrechtlichen Rahmenbedingungen – überwiegend lange Mietdauer – bleiben. Aber die Frage ist immer: Was heißt es mittelfristig, wenn sie weggehen? Daher gehen wir davon aus, dass in diesen Gebieten wahrscheinlich in 20 Jahren diese Effekte verstärkt eintreten werden, die jetzt langsam beginnen.

Momentan also gelingt die soziale Durchmischung?

Soziale Durchmischung ist ein nicht unproblematisches Konzept, weil es etwas unterstellt, das ich persönlich sehr problematisch finde, nämlich Bewohner in Kategorien einzuteilen: die Einkommensschwachen, die bedürftigen Alleinerzieherinnen oder die auf die Pension Zugehenden und so weiter.
In Wien wurde und wird die soziale Durchmischung traditionell durch die Mischbebauung geregelt. Im Unterschied zu vielen Städten gibt es keine eindeutigen Armenbezirke oder migrantischen Bezirke. Es gibt welche mit höherem Anteil, welche mit niedrigerem Anteil, aber letztlich kann man nicht sagen: Das ist Kreuzberg in Wien. Das gibt es nicht. Auch Ottakring oder Rudolfsheim sind nicht vergleichbar, sondern das sind ganz gemischte Gebiete. Das kommt daher, dass die unterschiedlichen Segmente des Wohnungsmarktes relativ über die Stadt gestreut sind.
Die jetzige Wohnbaupolitik verfolgt eine Bauträgertypmischung. Die Seestadt Aspern ist ein Prototyp oder auch das Nordbahngelände: Dort werden unterschiedliche Formen gefördert, vom Smart- Wohnen bis hin zu hochpreisigen, frei finanzierten Wohnungen, Wohnbaugruppen. Bei der Seestadt kann man schon sehen, dass es durchaus symbolische Grenzziehungen zwischen Baugruppen gibt. Da darf man keine Illusionen haben.
Umgekehrt gab es im Prinzip in den 1970er-Jahren gute Argumente zu sagen: Wir bauen jetzt die Per-Albin-Hansson-Siedlung, und da ziehen alle hin, die Kinder haben, weil sie Bedarf an Grünraum haben. Blöderweise sind jetzt alle alt und jetzt ändert sich das. Das ist also immer abhängig von bestimmten Vorstellungen von Stadt, von Wohnen.
In der Seestadt Aspern haben wir festgestellt, dass diese Vorstellungen auch bei den Bewohnern sehr stark variieren, auch die Erwartungen an den öffentlichen Raum und die Ausstattung. Da ist soziale Durchmischung nicht ganz simpel herzustellen. Im Prinzip müsste man sagen, die ideale Durchmischung wird ermöglicht durch die Gestaltung des öffentlichen Raums: dass es überhaupt einen gibt, dass der Individualverkehr nicht immer dominiert, dass es Zonen der Nutzung für alle möglichen Gruppen gibt.

Wie viel Gemeinsames muss eine Stadt eigentlich haben?

In der Stadt in ihrer Gesamtheit wird das überschätzt. Die Stadt braucht keine Gemeinsamkeit, die lebt durch Unterschiede. Das Interessante ist, dass gerade der öffentliche Raum extrem tolerant ist, sehr viel absorbieren kann an Unterschiedlichkeit, an Abweichung. Das macht ja Stadt lebbar. Wo eher Gemeinsamkeit gesucht wird, ist das, was man die Nachbarschaft nennt, das Grätzl. Und da ist das ein Paradox, weil die Identifikation mit den lokalen Gegebenheiten ungleich verteilt ist. Es gibt einen Teil der Bevölkerung, für die es relativ wenig relevant ist, wo sie wohnen. Jeder möchte eine gute Infrastruktur, eine gute Anbindung und dass es relativ ruhig ist. Aber im Prinzip ist es vielen egal, ob das jetzt die Grätzlidentität x oder y ist, Hauptsache, die Bedingungen stimmen. Ein Beispiel ist wie erwähnt die Seestadt: Natürlich wünschen sich viele ein Dorf oder eine dörfliche Struktur, das hat mit Bedürfnissen wie Vertrauen und Sicherheit zu tun. Aber das ist eben nur ein Teil einer Stadtvorstellung. Und meines Erachtens ist das nur für relativ wenige Personen relevant oder für weniger, als wir denken.

Spürt man Airbnb in Wien?

Sehr stark, gerade im innenstadtnahen Bereich, im zweiten Bezirk selbst in Gebieten, die nach wie vor eher als Gegenden mit Bevölkerung mit niedrigen Einkommen gelten, also alles nördlich der Rotensterngasse, Taborstraße, Heinestraße. Da gibt es sehr viele Airbnb-Wohnungen, sehr viele, die ausschließlich dafür genutzt werden – und dieser Anteil nimmt deutlich zu. Gerade der zweite Bezirk ist ein Paradebezirk für diesen Prozess. Das ist ein großes Problem und dem schaut die Stadtverwaltung noch eher zu – leider.

Inwieweit gelingt es Wien, auf sozial Schwächere Rücksicht zu nehmen?

Man kann sagen, dass es sehr wohl die Intention der Stadt ist, für einkommensschwächere Gruppen aktiv Wohnraum zu schaffen. Es gibt mehrere Probleme, eines ist, dass bestehende arme Gruppen damit teilweise nicht erreicht werden. Vielleicht das größere Problem mittelfristig ist, dass die neu hinzukommenden Bevölkerungsgruppen so rasch nicht hineinkommen. Neuerdings muss man zwei Jahre kontinuierlich an einem Wohnsitz in Wien hauptgemeldet sein. Das ist schon eine relativ strikte Regel.
Jetzt kann man sagen: Jene, die höhere Einkommen und qualifizierte Berufe haben, finden eh immer eine Wohnung. Aber es ist unter denen, die zuziehen, doch ein gewisser Anteil an Niedrigverdienenden, weil die natürlich die Wirtschaft auch braucht. Das betrifft auch Pendelarbeitskräfte und Menschen aus den Bundesländern. Da bahnt sich sicher eine Wohnkrise an.
Stadtplanung oder Wohnbau sind außerdem immer in einem Spannungsfeld von Statik und Dynamik. Man baut Wohnungen und wünscht sich Bewohner und Bewohnerinnen, die längerfristig da sind. Aber es nimmt der Anteil jener zu, die temporäre Formen des Wohnens suchen, ob erzwungenermaßen oder freiwillig. Das können Studierende sein, die nach Wien ziehen. Das können auch Leute sein, die nach Wien pendeln, oder die nach Wien ziehen und nicht wissen, wie lange sie dableiben werden. Es können aber auch Leute sein in Lebensphasen des Übergangs: Ausziehen von zu Hause, Scheidung, Weiterziehen.
Für diese Wohnformen hatte man früher Kategorien wie das Wohnheim, das Studentenheim, vielleicht die Notunterkunft, die Startwohnung und Ähnliches. Heute finden diese Menschen schwer Wohnraum. Man muss sich überlegen, wie man auf die veränderten Wohnbedürfnisse eingeht, die mit veränderten Lebensformen zu tun haben – und wie man diesen Menschen den Zugang zu sozial gefördertem Wohnraum ermöglicht.

Warum sind sozial Schwache davon derzeit ausgeschlossen?

Weil die damit verbundenen Kosten hoch sind. Wenn Sie in einen geförderten Wohnbau gehen, müssen Sie Baukostenzuschüsse zahlen. Im Gemeindebau kommen vielleicht Alleinerzieherinnen oder geschiedene Frauen mit Kindern unter. Aber der Ehemann hat’s da schon schwerer, um nur ein Beispiel zu nennen.

Der Anteil der Armutsgefährdeten im Gemeindebau ist deutlich höher als im privaten Sektor. Ist das ein Problem oder erfüllt er damit seinen Zweck?

Der Anteil der ärmeren Gruppen nimmt zu, in Wien rechnet man mit bis zu zehn Prozent der Bevölkerung, die in Armut lebt. Und die Frage ist: Wie kommt diese Gruppe in den geförderten Wohnbau? Da gibt es derzeit die Tendenz, dass diese Menschen am ehesten in den Gemeindebau kommen. Diese steht aber im Widerspruch zur klassischen Funktion des Gemeindebaus, und die war ja nicht die Armutsversorgung. In der Zwischenkriegszeit war es die Emanzipation der Arbeiterschicht, in der Nachkriegszeit war es soziale Mobilität hinauf. In den Gemeindebau ging man, um weiterzugehen – man selbst oder die Kinder. Das ist ja passiert, es gibt ja sehr viel an Mobilität.
Jetzt aber tritt ein Prinzip von Versorgung ein, das es vorher nicht gab. Gut, im Sinne des Klientelismus gab es das schon: Parteimitglieder oder Gemeindebedienstete wurden versorgt, das ist richtig, aber mehr im Sinne Versorgung mit gutem Wohnraum, wo letztlich die Aspiration war, weiterzugehen. Die Zuweisung, die es jetzt teilweise gibt, führt dazu, dass in wachsendem Maße sozial unter Belastung stehende Bevölkerungsgruppen in die Gemeindebauten ziehen.
Das können Menschen sein, die keine Chance mehr haben, am Arbeitsmarkt unterzukommen, extrem Armutsgefährdete oder Menschen mit multiplen
Belastungsfaktoren wie Alkoholismus, psychischen Problemen etc. Das kann zu einer Differenzierung führen: Bestimmte Segmente im Gemeindebau sind für diese sehr armen Gruppen da, andere für etwas besser Gestellte, für die migrantischen Gruppen, die sich aufwärts bewegen. Der sozial geförderte Wohnbau wiederum ist für die Mittelschichten da und so weiter. Das sind längerfristig nicht unproblematische Entwicklungen.

Studie zu Armut:
tinyurl.com/zxf3sbs 

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