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Die Chefverhandler der ArbeitnehmerInnen Rudolf Wagner (GPA-djp) und Rainer Wimmer (PRO-GE) verkünden das Ergebnis der KV-Verhandlungen. Die Chefverhandler der ArbeitnehmerInnen Rudolf Wagner (GPA-djp, links) und Rainer Wimmer (PRO-GE, in der Mitte) verkünden kurz vor sechs Uhr morgens die gemeinsame Einigung.
Das Team der ArbeitnehmerInnen kann in kürzester Zeit Vorschläge  einschätzen und zuordnen. Die unterschiedlichen Aspekte eines Vorschlags abwägen zu können ist wichtig. BetriebsrätInnen können durch ihr Fachwissen und durch ihre Erfahrungen aus den Unternehmen Offerte gut einschätzen.
Über 60 BetriebsrätInnen und ArbeitnehmervertreterInnen warten bei den Metaller-KV-Verhandlungen auf ihren Einsatz. Über 60 BetriebsrätInnen und ArbeitnehmervertreterInnen haben bei den Metaller-KV-Verhandlungen auf ihren Einsatz gewartet.

Reportage: Ein Weg mit vielen Windungen

Schwerpunkt Kollektivverträge

Ein Kollektivvertrag wird hart verhandelt. Gründliche Vorbereitung, zähes Sitzfleisch und die Aussicht auf so manch lange Nacht sind die Voraussetzungen für einen guten Abschluss.

Der Tradition verpflichtet: Wie jedes Jahre wurde auch heuer die Herbstlohnrunde mit den Kollektivvertragsverhandlungen der Metallindustrie begonnen. Diese sind für 180.000 Beschäftigte in ganz Österreich von großer Bedeutung. Hinter diesem abstrakten Prozess stehen verschiedenste Persönlichkeiten, die sich jeweils mit den Arbeitgebern an den Tisch setzen.
Zu ihnen gehören Reinhold Binder, seines Zeichens Leitender Sekretär der PRO-GE, sowie die drei Betriebsratsvorsitzenden Ewald Baumann (IFN), Patrizia Fally (Schoeller-Bleckmann Oilfield Technology) und Manfred Prokop (KBA). Sie zählen zum erweiterten Team der ArbeitnehmerInnen. Gemeinsam mit rund 60 weiteren BetriebsrätInnen und ArbeitnehmervertreterInnen (unter anderem LandessekretärInnen, JuristInnen, Jugend- und FrauensekretärInnen) warten sie in der Wirtschaftskammer auf Nachricht „von oben“. Drei Stockwerke über ihnen tagt gerade das Kernverhandlungsteam – während der Pausen wird über die Lage berichtet. Es ist schon die vierte Verhandlungsrunde, doch der Abschluss des diesjährigen Kollektivvertrags zieht sich hin – wie so oft in den letzten Jahren.

Spät am Nachmittag ist noch kein Ende der Verhandlungen in Sicht. Mit jeder weiteren Stunde gehen die Verhandlungen an die Substanz – selbst an die des Buffets, das noch eilig mit Wurst und Liptauer-Aufstrich befüllt wird, Salat und Obst haben in diesen späten Stunden an Attraktivität verloren. Geleerte Thermoskannen werden gegen neue ersetzt, frischer Kaffee und Tee sollen müde Geister wieder erwecken.
In der Nacht wird auch der 1970er-Charme des weitläufigen Saals immer erdrückender. Trotzdem: „Wir sind immer bereit, sowohl über Kampfmaßnahmen abzustimmen oder über einen Abschluss zu entscheiden“, erklärt Reinhold Binder von der PRO-GE. Denn das große Team der ArbeitnehmervertreterInnen hält sich auch für die Meinungsbildung bereit, einerlei, wie spät es ist. Gibt es einen Vorschlag der Gegenseite, soll er in kurzer Zeit inhaltlich eingeschätzt werden. Während die einen dann in ihre Notebooks tippen und nach adäquaten Zahlen suchen, sind andere mit der Diskussion beschäftigt – mitunter kann es durchaus laut werden. Im großen Verhandlungskomitee und im Kernteam sind gleichermaßen ArbeiterInnen und Angestellte vertreten – die PRO-GE verhandelt gemeinsam mit der Gewerkschaft GPA-djp, für die Metaller-Beschäftigten ist Rainer Wimmer Chefverhandler, Rudolf Wagner bei den Privatangestellten.

Wo auch der Alltag zählt
Freilich nehmen schon die Vorbereitungen auf die Herbstlohnrunde einige Zeit in Anspruch. „Die wichtigen Zahlen und Fakten haben wir auf dem Tisch“, sagt der Betriebsratsvorsitzende der IFN, Ewald Baumann. Die Forderungen der ArbeitnehmerInnen sind gründlich recherchiert und fußen auf mehreren Aspekten: zum einen auf Branchenanalysen, die von der Arbeiterkammer aufbereitet werden und für jeden transparent einzusehen sind (tinyurl.com/guxqcjx). „Andererseits schauen wir uns auch die Lohn- und Gehaltsentwicklungen an“, erklärt Reinhold Binder. „Es ist wichtig, zu wissen, wie sich die Lohnquote entwickelt und in welchen Beschäftigungsgruppen die Leute arbeiten. Wir prüfen auch, wie es mit Zulagen aussieht.“ Nicht zu unterschätzen sind natürlich auch die Eindrücke, die BetriebsrätInnen in den jeweiligen Unternehmen sammeln. Binder: „Besonders wichtig ist es, ein Bild der gelebten Realität in den Betrieben zu haben und zu wissen, was tagtäglich bei ihnen passiert.“ Begleitet werden diese Maßnahmen durch Arbeitskreise, die darüber beraten, welche Verbesserungen beim nächsten Abschluss durchgesetzt werden sollten und wie diese Ziele erreicht werden können. Im Spätsommer legte ein Präsidium die Strategie und die wesentlichen Punkte für die Verhandlungen fest. Doch die Vorbereitungen können noch so gut und präzise sein, nimmt der Verhandlungspartner sie nicht ernst, führt das zu Spannungen.

Arbeitgeber-Spielchen
Wie es schon zur Tradition gehört, wurde auch im heurigen September das Forderungspaket der ArbeitnehmerInnen in der Wirtschaftskammer übergeben. „Im Saal standen zehn Sitzreihen zur Verfügung – drei Reihen für die Arbeitgeber, sieben Reihen für die ArbeitnehmerInnen. Wir waren so voll besetzt, dass einige noch stehen mussten“, erzählt Manfred Prokop, Betriebsratsvorsitzender der KBA in Mödling. Anders verhielt es sich auf der Arbeitgeber-Seite – nicht einmal alle Sessel einer Reihe waren besetzt. In manchen Jahren vermitteln sie den Eindruck, dass sie ihre Partner zuerst auflaufen lassen wollen, eigentümliche Spielchen sind nichts Neues. Vor einigen Jahren lud die Wirtschaftskammer in einen Verhandlungssaal, wo die Arbeitgeber auf einem Podest thronten und auf die Tische der ArbeitnehmerInnen hinunterblickten. Die ArbeitnehmerInnen verließen unter Protest sofort den Saal.
Im Jahr 2015 dauerte es drei Verhandlungsrunden, bis sich die Arbeitgeber auf die Höhe der Inflationsrate einigen konnten. „Zuerst wollten sie die europäische und nicht die österreichische Inflationsrate zur Berechnung heranziehen. Dann schlugen sie eine von ihnen bestimmte Kerninflation vor, um später die August-Inflation und nicht, wie üblich, den Jahresschnitt zu verwenden“, berichtet Ewald Baumann.
Verzögerungen scheinen durchaus erwünscht zu sein: „Mein Eindruck ist, dass die Arbeitgeber jungfräulich in die Verhandlung einsteigen. Erst in den Runden wird deutlich, was sie überhaupt wollen. Dass dahinter ein Konzept steht, glaube ich nicht“, mutmaßt Betriebsratsvorsitzende Patrizia Fally. So kam es auch heuer zu einem kleinen Fauxpas: Während die Teams noch in der dritten Runde zusammensaßen, veröffentlichten die Arbeitgeber eine Presseaussendung, in der sie eine weitere Unterbrechung ankündigten.
In früheren Zeiten sahen die Verhandlungen allerdings noch ganz anders aus. „Es wurde hart und lange verhandelt. Man war sich der beiderseitigen Verantwortung und für wen verhandelt wird bewusst“, erinnert sich IFN-Betriebsratsvorsitzender Baumann. Denn immerhin profitieren beide Seiten von den Kollektivvertragsverhandlungen.

Generationenwechsel
Seit einigen Jahren aber hat der Generationenwechsel unter den Betriebseigentümern eingesetzt. „Früher konnte der Chef direkt angesprochen werden. Diese Generation ist in Pension oder bereits verstorben. Die Jungen, auch jene in den Familienbetrieben, haben das nicht mehr mitbekommen“, ist Baumann überzeugt. „Die haben studiert und glauben zu wissen, wie die Welt funktioniert.“ Arbeitgeber, die noch einen Bezug zum Arbeiter haben, gebe es nicht mehr.
Hierarchien gab es freilich immer, doch so zementiert wie heute waren sie nicht. „Jetzt gilt: Huldigt uns, tut, was wir euch sagen, geht heim, wenn wir euch das erlauben, und kommt, wenn wir euch rufen“, ärgert sich Betriebsratsvorsitzender Baumann. Die neue Chefgeneration hat keine Beziehung zur Sozialpartnerschaft.
Den Dialog mit der Belegschaft oder den ArbeitnehmervertreterInnen beherrsche sie nicht, geschweige denn die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft. Argumentiert wird, dass sich die Sozialpartnerschaft überholt und durch die Globalisierung an Gültigkeit verloren hat. Der Eindruck, dass die Leistungen des Kollektivvertrags nicht so wichtig sind, soll ganz bewusst entstehen. Reinhold Binder: „Es wird immer schwieriger, Punkte im KV festzuschreiben. Denn damit können die ArbeitnehmerInnen sagen, dass sie einen Anspruch darauf haben.“ Am liebsten wäre es aber den Arbeitgebern, einmal gewährte Rechte jederzeit einseitig widerrufen zu können.

Versuche der Schwächung
Immer stärker werden die Versuche, den Kollektivvertrag aufzubrechen und die Abschlüsse auf immer kleinere Einheiten zu fixieren. Der Fachverband der Maschinen- und Metallwarenindustrie (FMMI), der größte Fachverband dieser Verhandlungsgemeinschaft, wollte nach 2011 sogar ganz aussteigen und lieber eigene Regelungen finden. Der KV sollte geschwächt, die Verhandlungen in kleine Runden aufgespalten werden – fern eines großen medialen Events. Gelungen ist das nicht.
Zwar müssen seit damals die Gewerkschaften mit jedem Arbeitgeberverband der Metallindustrie einzeln verhandeln, doch der gemeinsame einheitliche KV blieb bestehen. Branchenkollektivverträge sind mittlerweile in Europa rar. Während in Österreich etwa 98 Prozent der Branchen einen Kollektivvertrag vereinbaren, sind es etwa in Deutschland rund 50 Prozent, die einen Tarifvertrag abgeschlossen haben. Manche VertreterInnen der Arbeitgeber wollen auch bei uns, dass immer mehr Rechte und Vereinbarungen auf Betriebsebene abgeschlossen werden.
KBA-Betriebsrat Manfred Prokop hat in dieser Richtung bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Als es in seiner Firma finanzielle Probleme gab, haben die ArbeitnehmerInnen auf einen Teil des Lohns verzichtet. „Jeder Mitarbeiter hat deshalb zwischen 200 und 300 Euro pro Monat weniger bekommen“, erzählt er. Ein Vorstand versprach, dass die Belegschaft einen Teil des Verzichtes zurückbekommt, sobald es der Firma besser geht – daraus wurde eine Einmalzahlung von 50 Euro.

Die Marathon-Verhandlung
Die vierte Verhandlungsrunde dieses Jahr wird zu einem zähen Marathon. Die Stunden vergehen, die Thermoskannen leeren und füllen sich – ein Ergebnis ist nicht in Sicht. Ein warmes Paprikahuhn füllt gegen 19 Uhr die Mägen und soll den Geist beflügeln – allein es wird munter weiterverhandelt.
Nach unglaublichen 16 Stunden, kurz vor sechs Uhr morgens, wird endlich eine Einigung erzielt: Durchschnittlich 1,68 Prozent mehr Lohn sind es geworden, die untersten Einkommen erhalten plus zwei Prozent und für die höheren Einkommen sind es 1,2 Prozent. Damit ist der heurige Abschluss trotz niedrigerer Inflations­rate deutlich höher ausgefallen als im Jahr davor. Zusätzlich werden Karenzzeiten nun voll auf Abfertigung, Jubiläumsgeld und Urlaubsanspruch angerechnet.
Der Chefverhandler der ArbeitnehmerInnen, Rainer Wimmer, nennt es ein faires Ergebnis: „Beide Parteien, Arbeitgeber und ArbeitnehmerInnen, können damit leben.“ Veit Schmid-Schmidsfelden, Chefverhandler auf Arbeitgeber-Seite, betont, dass es „ein Abschluss unter schwierigen Rahmenbedingungen war, den wir für die Branche gerade noch vertreten können“. Mit dem traditionellen Handschlag und „Glück auf“-Gruß wird die Verhandlung für dieses Jahr beendet, bis es nächstes Jahr wieder heißt: Die Herbstlohnrunde wurde mit den Verhandlungen der MetallerInnen eröffnet.

Linktipp:
„Geld oder Leben? Beides natürlich!“

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