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Komplementärwährungen setzen auch heute wichtige Akzente: Zinsgewinne gibt es nicht, das Geld - und damit die Arbeitsplätze - bleiben in der Region, durch das Tauschen hat man viele persönliche Kontakte. Komplementärwährungen setzen auch heute wichtige Akzente: Zinsgewinne gibt es nicht, das Geld - und damit die Arbeitsplätze - bleiben in der Region, durch das Tauschen hat man viele persönliche Kontakte.

Tausche Rat gegen Rad

Schwerpunkt

Sind Regionalwährungen und Tauschkreise probate Mittel gegen die negativen Auswirkungen von Globalisierung und Wirtschaftskrise?

Im deutschen Chiemgau haben immer mehr Menschen ungewöhnliche dicke Brieftaschen. Denn neben den Euro-Münzen und Scheinen haben sie auch Chiemgauer bei sich. Die Gutscheine (die Bezeichnung Geld ist wegen des staatlichen Monopols nicht erlaubt) im Wert von ein bis 50 Euro werden seit rund sieben Jahren gedruckt. Was 2003 als Projekt einer Waldorfschule begann, hat sich zur größten Regionalwährung im deutschsprachigen Raum entwickelt. So wurden 2009 Chiemgauer im Gesamtwert von vier Mio. Euro umgesetzt, 600 Betriebe akzeptieren das Regiogeld.

WAFFEL im WUK

Zurück nach Österreich: Im Wiener WUK (Werkstätten- und Kulturhaus) werden jeden Monat WAFFEL getauscht. So nennt sich die virtuelle Währung des Tauschkreises LETS (Local Exchange Trading System). LETS wurde 1983 in Kanada entwickelt und besteht seit 1995 in Wien (www.waffeltausch.at). Für eine Arbeitsstunde werden allgemein 100 WAFFEL (Wir arbeiten füreinander für einheitlichen Lohn) verrechnet.

Jede Tätigkeit ist gleich viel wert

Die Ideen hinter Tauschkreisen und Regionalwährungen sind weltweit ähnlich: Es geht immer um selbstbestimmtes Handeln, um Teilhabe, Austausch von Waren, Dienstleistungen und Informationen mit Gleichgesinnten und Nachbarn. Jemand bietet eine Dienstleistung an und bekommt dafür als Honorar eine gewisse Summe der jeweiligen Komplementärwährung.
Im Prinzip ist jede Tätigkeit gleich viel wert, egal ob es um Putzen, Fliesenlegen oder um Hilfe bei der Steuererklärung geht. In Ausnahmefällen, etwa wenn Miet- oder Materialkosten anfallen, kann auch ein höherer Stundensatz vereinbart werden. LETS beispielsweise ist als Verein organisiert, der Mitgliedsbeitrag ist eher gering (16 Euro pro Jahr). So können auch Erwerbsarbeitslose oder PensionistInnen Dinge eintauschen, die sie nicht mehr brauchen oder ihre Arbeitskraft anbieten - und können sich dadurch vielleicht etwas leisten, das sonst nicht im Budget wäre.
Die Künstlerin Lorina Niederstätter ist seit 2004 dabei: »Mittlerweile ist LETS ein wichtiger Teil meines Lebens. Egal ob ich Hilfe bei meinem Computer, Massage oder ein Kleidungsstück brauche, ich schaue zuerst nach, ob ich das nicht über LETS finden kann.«
Das System bringt Vorteile in vieler Hinsicht: Erfolgserlebnisse dadurch, dass unter Umständen auch Leistungen honoriert werden, die man sonst gratis erbringen würde bzw. plötzlich versteckte Begabungen und Talente zum Vorschein kommen. Man kann Sachen, die man längst nicht mehr braucht, gegen wirklich Benötigtes tauschen. Und bei den meisten Tauschkreisen und Komplementärwährungen kommt ein Teil des umgesetzten Geldes gemeinnützigen Einrichtungen zugute. So zahlen Unternehmen, die den Chiemgauer akzeptieren drei Prozent an den Verein oder eine selbstgewählte soziale Organisation.
Ob der Chiemgauer in Oberbayern oder der Waldviertler in der niederösterreichischen Krisenregion, bei Regionalwährungen geht es nicht nur um soziale Netzwerke, sondern auch darum, die regionale Wirtschaft, Klein- und Mittelunternehmen aus der Gegend zu fördern.

Talente-Tauschkreis-Vorarlberg

Der Talente-Tauschkreis-Vorarlberg (TTKV) beispielsweise kooperiert mit mehr als 200 Betrieben, die entweder vollwertige Mitglieder im Verein sind oder aber Talente-Gutscheine akzeptieren. Der TTKV wurde 1996 gegründet und verbuchte 2009 einen Umsatz von 2,8 Mio. Talenten (Tt). Derzeit sind 115 Tt zehn Euro wert, mit den Talenten kann man entweder einkaufen oder Dienstleistungen bezahlen. Werden sie in Euro umgetauscht, so gehen zehn Prozent an eine soziale Einrichtung.
Der TTKV ist in acht Vorarlberger Regionen aktiv, hat rund 1.500 (überwiegend weibliche) Mitglieder mit ca. 650 Konten. Talente-Tauschkreise und -börsen gibt es mittlerweile in ganz Öster-reich. Das Regionalgeld hat sich zur Komplementärwährung entwickelt, denn zum Teil kann auch schon überregional bzw. international getauscht werden.

Chiemgauer und Waldviertler

Was LETS, Talentebörsen und andere gemeinsam haben: Es handelt sich um Non-Profit-Systeme mit geringen Jahresbeiträgen für den bürokratischen Aufwand u. Ä., es gibt keinen Zwang etwas zu kaufen oder zu verkaufen, es gibt kein »Bankgeheimnis«, der Kontostand jedes Einzelnen ist allen Mitgliedern bekannt, meist gibt es einen Kontoüberziehungsrahmen, Guthaben werden nicht verzinst. Im Gegenteil: Der Chiemgauer und der Waldviertler beispielsweise verlieren alle drei Monate zwei Prozent an Wert. Dadurch soll erreicht werden, dass das Geld im Umlauf bleibt und nicht gehortet wird - ganz nach den historischen Vorbildern, die in den 1930er-Jahren mit Regionalwährungen eine Zeit lang der Wirtschaftskrise trotzen konnten.

Wunder von Wörgl

Am bekanntesten und erfolgreichsten war das Projekt in der Tiroler Gemeinde Wörgl. Ende Juli 1932 gab die Gemeindeverwaltung unter Bürgermeister Michael Unterguggenberger als Lohn der Gemeindeangestellten sogenannte Arbeitswertscheine aus, den Wörgler Schilling. Damit konnten sowohl die Gemeindesteuern als auch Einkäufe bei den lokalen Kaufleuten bezahlt werden. Monatlich musste eine Marke zu einem Prozent des Nennwertes der Note gekauft und in ein dafür vorgesehenes Feld auf der Vorderseite des Geldscheins geklebt werden, um diesen gültig zu erhalten. Anders gesagt: der Wörgler Schilling verlor monatlich ein Prozent an Wert (Schwundgeld).
Sparen war damit völlig unattraktiv. Das Experiment gelang, innerhalb von 14 Monaten sank die Arbeitslosigkeit in der Gegend von 21 auf 15 Prozent, während sie überall anders weiter gestiegen war. Fachleute aus aller Welt reisten an, um das Wunder von Wörgl zu besichtigen. Allerdings erreichte die Österreichische Nationalbank per Gerichtsbeschluss, dass das Freigeld-Experiment 1933 schließlich eingestellt werden musste.
Komplementärwährungen setzen auch heute wichtige Akzente: Zinsgewinne gibt es nicht, das Geld - und damit die Arbeitsplätze - bleiben in der Region, durch das Tauschen hat man viele persönliche Kontakte und last but not least: Für den netten Nachbarn um wenig Geld eine Leistung zu erbringen macht entschieden mehr Spaß, als das (ebenfalls ohne soziale Absicherung) für ein Großunternehmen zu tun.
Unter anderem auch auf den menschlichen Faktor setzen die InitiatorInnen des Tauschkreises KAESCH.
In der Region Kabelwerk, Alt-Erlaa und Schöpfwerk soll ab kommendem Herbst ein komplementäres Währungssystem eingeführt werden. »Bisher gab es zwischen diesen - zum Teil sozial sehr unterschiedlich strukturierten - Wohngegenden nur wenige Berührungspunkte«, erzählt Renate Schnee vom Stadtteilzentrum Bassena. »Jetzt treffen sich gleich mehrere BewohnerInnen dieser Bezirksteile regelmäßig alle zwei Wochen in der KAESCH-Steuerungsgruppe.« Unterstützt wird die Gruppe unter anderem von dem Unternehmensberater Gernot Jochum-Müller, einem der Initiatoren vom Talente-Tauschkreis Vorarlberg.

Weblink
Talente-Tauschkreis-Vorarlberg:
www.talentiert.at

Info&News
Das Zeitvorsorge-Modell
Gemeinsam mit dem Sozialsprengel Leiblachtal hat der Talente-Tauschkreis Vorarlberg ein Modell entwickelt, bei dem Mitglieder auf einem speziellen Konto langfristig Stunden ansparen können. Diese können falls nötig erst Jahre später für eigenen Betreuungsbedarf oder beispielsweise für Leistungen zugunsten der Eltern bei Mitgliedsorganisationen wie etwa der Caritas in Anspruch genommen werden. Dabei behalten die Gutscheine weiterhin ihren Wert, für eine Stunde Arbeit bekommt man auch eine Stunde zurück. Im Rahmen des EU-Interreg-Projektes "Gemeinschaft/Vorsorge/Nahversorgung" soll das Zeitvorsorge-Projekt gemeinsam mit der Vorarlberger Landesregierung auf das gesamte Bundesland ausgeweitet werden.

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